27.03.1995

NeonazisLaxe Haltung

In Dänemark wurde einer der fanatischsten Rechtsextremisten der Welt verhaftet. Seine Auslieferung nach Deutschland ist ungewiß.
Adolf Hitler war für ihn der größte Staatsmann aller Zeiten, Ausländer und Juden diffamiert der Amerikaner Gary Rex Lauck aus Lincoln im US-Bundesstaat Nebraska gern als "Ratten, die vergiftet werden müssen".
Doch nun hoffen Ermittler, daß sie den Führer der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei/Auslands- und Aufbauorganisation (NSDAP/AO) endlich zum Schweigen gebracht haben: Anfang vergangener Woche verhafteten dänische Polizisten den deutschstämmigen Lauck, 41, vor dem Haus eines Kumpanen in Greve bei Kopenhagen - ein schwerer Schlag gegen die Internationale der Rechtsextremisten, denn Lauck gilt als einer der wichtigsten und fanatischsten Strippenzieher im braunen Netz.
Gefördert haben den Coup das Wiesbadener Bundeskriminalamt und die Hamburger Staatsanwaltschaft. Die Fahnder hatten ihre dänischen Kollegen mit belastendem Material gegen Lauck versorgt.
Drei Tage später schlugen sie auch in Deutschland zu: Am vergangenen Donnerstag durchsuchten sie 84 Wohnungen von Neonazis im ganzen Bundesgebiet. Zentnerweise beschlagnahmten Polizisten _(* Am Freitag vergangener Woche in ) _(Hamburg. ) Computer, Aufkleber, Hakenkreuzfahnen und Propagandazeitungen wie das Lauck-Blatt NS-Kampfruf.
Die Polizeiaktion mit dem Decknamen "Atlantik II" galt einer der bekanntesten Neonazi-Organisationen der Welt. Die Gruppierung ist in Deutschland zwar verboten, aber jahrelang mußten Fahnder zusehen, wie die NSDAP/AO, von amerikanischen Gesetzen unbehelligt, deutsche Kameraden mit Propagandamaterial versorgte.
Selbst Mordbrenner bezogen Material von dem dicklichen Lauck, der nach Ansicht der Staatsanwaltschaft ein "terroristisches Konzept" verfolgt, weil er Gewalt propagiert: Zu den Lesern von Laucks Hetzschriften gehörten österreichische Wehrsportler ebenso wie der Neonazi Michael Peters, 27, der im November 1992 das Haus einer türkischen Familie im schleswig-holsteinischen Mölln angezündet und damit drei Menschen getötet hat.
Doch ob Lauck auch hinter Gittern bleibt, ist derzeit ungewiß. Zwar wollen die deutschen Behörden das dänische Justizministerium schon in dieser Woche um Auslieferung des Neonazi-Führers ersuchen. Die Beamten in Kopenhagen dürfen Lauck jedoch nur überstellen, wenn seine Tat auch nach dänischem Recht strafbar wäre. Anders als in der Bundesrepublik stehen in Dänemark Hakenkreuze, Hitlergruß und Auschwitz-Lüge bisher nicht unter Strafe.
Verboten ist lediglich die "Bedrohung, Verhöhnung und Herabwürdigung" von Menschen aufgrund ihrer Rasse, Hautfarbe, Nationalität oder ethnischen Zugehörigkeit. Doch die Vorschrift, die ohne weiteres gegen Lauck anwendbar wäre, wurde bisher von Gerichten kaum genutzt. Statt dessen hätten die Juristen zumeist "für die Meinungsfreiheit" votiert, sagt Björn Elmquist, Vorsitzender des Rechtsausschusses im dänischen Parlament.
Die laxe Haltung im Nachbarland wußten deutsche Neonazis stets zu nutzen: Jahrelang betrieb etwa der frühere SS-Mann Thies Christophersen, 77, von Dänemark aus einen NS-Versandhandel - unterstützt von Lauck. Dennoch wurde er von den dänischen Behörden kaum behelligt.
Sollte die dänische Justiz diesmal härter zupacken und Lauck ausliefern, könnte dies ein Signal für weitere Länder sein. Seit langem bemüht sich die Bundesrepublik, andere Staaten zu einem schärferen Vorgehen gegen Neonazis zu bewegen.
Kaum gehindert beliefern Extremisten etwa von Spanien, Holland oder Großbritannien aus deutsche Kameraden. In 16 amerikanischen Städten darf die NSDAP/AO ihre Propaganda sogar über den Fernsehschirm verbreiten.
Unwahrscheinlich ist so, daß die amerikanischen Behörden, wie von deutschen Staatsanwälten erbeten, das Heim von Lauck durchsuchen. Dort vermuten die Fahnder weitere Datenbestände, mit deren Hilfe sie das Netz der NSDAP/AO aufrollen könnten.
Evin Kehlenback, Bürgermeister von Laucks Heimatstadt in Nebraska, sah bislang keinen Anlaß, gegen den Neonazi vorzugehen. Er hält Lauck für einen "vorbildlichen Bürger". Y
* Am Freitag vergangener Woche in Hamburg.

DER SPIEGEL 13/1995
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