27.03.1995

Radioaktivität„Die Leute müssen sterben“

Viele Einwohner werden bei uns uralt", behauptet Frieder Stimpel, Bürgermeister des sächsischen Städtchens Schneeberg im Erzgebirge.
Zum Beweis kramt der Gemeindechef einen Zettel mit Daten aus dem Schreibtisch. In diesem Jahr, rechnet er vor, habe er "jede zweite Woche" einem Mitbürger zum 90. oder 95. Geburtstag gratulieren können.
Hinfällig oder gar bettlägerig sei keiner der Jubilare gewesen. Vielleicht, mutmaßt Stimpel, habe ja das "harte, entbehrungsreiche Dasein hier" die Menschen so lange rüstig und am Leben gehalten.
Nicht alle. Zahlreiche Einwohner der ostdeutschen Kleinstadt sterben viel zu früh. Manche werden gerade mal Mitte 60, einige gehen schon mit Anfang 50 elend zugrunde.
Die Menschen sterben an einer besonderen Form von Lungenkrebs, die im Volksmund einen eigenen Namen hat: Schneeberger Krankheit.
Die Ursache für das Leiden liegt im Untergrund verborgen. Schneeberg ist eine alte Bergbausiedlung. Unter der Altstadt, die malerisch auf einen Hügel gebaut wurde, liegt ein weitverzweigtes System von Schächten und Stollen. "Unser Berg gleicht einem Maulwurfsbau", sagt ein Altstadtbewohner.
Manchmal tut sich die Erde auf. Dann sackt irgendwo die Straße weg, bekommt ein Haus plötzlich Risse. Die Männer von der Bergsicherung müssen mit schwerem Gerät anrücken und das Loch zuschütten.
Tief im Berg staut sich ein unheimliches Gas namens Radon: nicht zu sehen, nicht zu riechen, nicht zu fühlen, nicht zu schmecken.
"Raadon" sagen manche Schneeberger, als könnten sie dem Begriff mittels Dehnung die Bedrohlichkeit nehmen. Andere sprechen den Namen aus wie ein militärisches Kommando: "Radonn".
Das radioaktive Edelgas, das sich in uranhaltigem Erzgestein bildet, hat verheerende Wirkung: Über Jahrzehnte eingeatmet, löst es Lungenkrebs aus.
Opfer waren bisher meist Bergleute. Generationen von Kumpeln, die das Zeug unter Tage inhalierten, sind qualvoll gestorben.
Als in Schneeberg, im 16. Jahrhundert, noch Silber für Herzöge und Kurfürsten geschürft wurde, war der frühe Bergmannstod ein scheinbar unabwendbares Schicksal. Wer schon als Kind in die Grube mußte, wurde selten älter als 35 Jahre.
Nach 1949 verharmlosten die Funktionäre der gerade gegründeten DDR das Risiko aus politischen Motiven. Zehntausende Kumpel wurden bis zur Wende 1989 in die Schächte von Schneeberg und Umgebung geschickt. Die Männer mußten für den Bergbaubetrieb Wismut Uranerz aus der Erde schürfen, den Grundstoff für die sowjetischen Atombomben.
"Noch einmal würde ich nicht da runter", sagt der ehemalige Wismut-Arbeiter Herbert Wiegert. Doch als er 1949 aus Mecklenburg nach Schneeberg kam und "nichts mehr am Arsch" hatte, war er froh, als Nummer 7326 einfahren zu dürfen. Die Maloche wurde mit hohen Löhnen und allerlei Vergünstigungen entgolten. "Sechs Liter Schnaps pro Monat, die Flasche für 1,32 Mark", erinnert sich Wiegert, "da hat sich mancher dran totgesoffen."
Am Küchentisch zählt der alte Kumpel die Nummern der Schächte auf, in deren Gängen er mit dem Schlagbohrer das Uranerz herausbrach: Schneeberg 130, Alberoda 186 und 366.
Jetzt ist er 63 Jahre alt und hat Lungenkrebs. Die Ärzte haben ihm dringend zu einer Operation geraten, doch er lehnt ab. "Wenn an den Krebs erst mal Luft kommt", glaubt Wiegert, "bin ich in zwei Monaten weg."
Noch schleppt sich der Rentner täglich zum Schuppen auf der anderen Straßenseite, um seine Karnickel mit Kartoffelschalen zu füttern und die Ställe der selbst gezüchteten "Deutschen Riesen" auszumisten.
Die meisten von Wiegerts Kameraden sind längst tot. "Meine alte Brigade zählte 28 Mann", erzählt er, "davon leben jetzt noch 4."
Tote Kumpel werden in Schneeberg feierlich beerdigt. Leichenträger in farbiger Bergmannstracht, dem sogenannten Habit, tragen den Sarg zum Grab, vier Bläser spielen das Steigerlied. Auf dem Friedhof hat die evangelische Gemeinde den vielen Opfern des Erzabbaus ein Denkmal mit eingemeißeltem Reim gesetzt: "Glück auf. Und nimmst, vollbring' ich meinen Lauf, mich gütig in den Himmel auf."
An das Sterben der Bergleute haben sich die Schneeberger gewöhnt. "In vielen Häusern wohnen nur noch Witwen", berichtet der evangelische Pfarrer Frank Meinel. "Das ist hier fast normal."
Vom Radon drohen jedoch auch über Tage tödliche Gefahren. Seit nach der Wende die unterirdischen Stollen geschlossen wurden, kommt das Gas nach oben. Aus der Tiefe kriecht es in die Keller, dringt durch Ritzen und Risse in die Wohnstuben, verpestet Küchen und Kinderzimmer. Besonders gefährdet leben Bewohner der historischen Altstadt um die Kirche St. Wolfgang: Dort münden Stollen direkt in viele Keller.
Die meisten Einheimischen verdrängen die Gefahr. "Ich will von Radon nichts hören", wehrt eine Schneeberger Hausfrau Fragen ab, "ich will hier weiter leben. Wir können ja nicht alle wegziehen, das ist unsere Heimat."
"Öffentliche Diskussionen schaden", findet auch Bürgermeister Stimpel. Fremden gegenüber möchten die meisten der 19 000 Einwohner ihr Städtchen als Idylle im Erzgebirge dargestellt wissen, wo putzige Holzfiguren geschnitzt und alte Traditionen gepflegt werden.
Die Erzgebirgler sind mehr denn je auf Einnahmen aus dem Tourismus angewiesen. Wenn die westdeutschen Gäste aus Angst vor Radon nicht mehr zum vorweihnachtlichen "Lichtelfest" anreisen oder zum Trachtenaufmarsch im Juli, dem historischen "Bergstreittag", wird es der Stadt noch dreckiger gehen als bisher.
Dabei besteht für Urlauber keinerlei Risiko: Radon wirkt nur schädlich, wenn es über Jahre in hohen Konzentrationen eingeatmet wird.
Seit nach dem Zusammenbruch der DDR der Uranabbau eingestellt worden ist, weil der Bombenstoff nicht mehr benötigt wird, hat in dem entlegenen Erzgebirgswinkel jeder dritte keine feste Arbeit mehr. Zahlreiche Betriebe stehen leer, die Geburten sind um mehr als zwei Drittel zurückgegangen.
Im Kopfsteinpflaster der kleinen Stadt müssen dringend die Löcher geflickt werden, viele Fassaden bröckeln. Derweil ist, zunächst unbemerkt, unter den Häusern der Gasdruck im Berg gestiegen.
Seit die Bergleute ausgezogen sind, werden die alten Stollen nicht mehr belüftet. Zahlreiche alte Schachtöffnungen ins Freie, durch die das Radon einstmals entweichen konnte, sind zugeschüttet worden. Das unheimliche Gas sucht sich neue Wege.
"Komisch, mein Gerät funktioniert nicht", wunderte sich ein Prüfer, der im Haus von Frieder Schumann gleich über einem alten Schacht den Radonwert ermitteln wollte. "Das Ding brummt ja nur."
Erst nachdem auch zwei Ersatzgeräte überdrehten, erkannte der Mann die Ursache: Die Strahlung war höher, als die Geräte anzeigen konnten.
In einzelnen Häusern der Altstadt übersteigen die Konzentrationen das Hundertfache des Richtwerts von 250 Becquerel pro Kubikmeter Luft. Nirgendwo in Deutschland sind Gebäude derart verstrahlt wie in Schneeberg.
"Das ist so schädlich, als würden Autoabgase direkt in die Wohnungen geleitet", erklärt der Berliner Biologe Jürgen Conrady. Derlei Schadgase sind freilich nicht so heimtückisch wie Radon: "Man kann sie riechen", sagt Conrady.
Der Wissenschaftler hat in der Altstadt an fast jeder Haustür geklingelt. Er befragte die Bewohner nach Lebensgewohnheiten und Krankheiten, erkundigte sich nach verstorbenen Verwandten, inspizierte Keller und Dachböden mit dem Strahlenmeßgerät.
Conrady wälzte auch das städtische Krebsregister, wühlte sich durch alte Krankengeschichten, studierte Statistiken, wertete Totenscheine aus.
Gemeinsam mit zwei weiteren Berliner Wissenschaftlern kam er zu einer schlimmen Schlußfolgerung: In der Schneeberger Altstadt, so belegt seine Studie, sterben viermal mehr Frauen an Lungenkrebs als im Durchschnitt der Republik.
Die Ärzte vor Ort geben sich ahnungslos. Mehrere Mediziner behaupten, sie hätten von solchen Todesfällen nie etwas gehört. "Außer bei Bergleuten habe ich hier noch kein Lungenkarzinom gesehen", sagt auch Rainer Schneider, Chef des Schneeberger Krankenhauses.
Hildegard Griesbach aus der Rödergasse hustete zwei Jahre lang. "Sie klagte nie, wurde nur schwächer", erinnert sich ihr Sohn. Ihr Leiden habe die Mutter als "auferlegt von Gott" ertragen, die Arbeit im Haushalt erledigt, "bis es nicht mehr ging". Frau Griesbach starb mit 67 Jahren - an Lungenkrebs.
Isolde Schubert aus der Auer Straße war nur wenige Wochen lang krank. Zum Arzt ging sie, weil ihre Erkältung immer schlimmer wurde, ihr das Luftholen immer schwerer fiel. Sie entschlief im August 1993 mit 73 Jahren, ohne die Ursache ihrer Atemnot zu erfahren. Es war Lungenkrebs.
Ehemann Gerd Schubert, der nie geraucht hat, auch nie im Berg schaffte, klagte ein halbes Jahr danach über ständige Rückenschmerzen. Als die Medikamente gegen Rheuma nicht halfen, die Schmerzen zunahmen, kam er im Sommer 1994 ins Krankenhaus nach Aue. Auch er starb, vier Wochen später, an Lungenkrebs.
Die Opfer des tückischen Krebsleidens wohnten auf dem Kirchplatz wie Traudel S., auf dem Marienplatz wie Maria Z., in der Feldstraße wie Hanna B. oder in der Marktgasse wie Johanna L. - die tödliche Spur zieht sich von der Schneeberger Altstadt bis zum nahe gelegenen Stadtteil Neustädtel, der ebenfalls über alten Schächten steht.
Mehr als 60 Schicksale hat Conrady recherchiert. Manche Fälle liegen lange zurück. Dora Bochmann beispielsweise starb 1972, nachdem sie ihr ganzes Leben im Haus Drachenkopf 4 verbracht hatte, einem alten Gebäude, gleich um die Ecke vom Rathaus.
Die Kinder können sich bis heute nicht erklären, warum ausgerechnet ihre Mutter, die nie eine Zigarette angefaßt hat, mit 63 von der gefürchteten Bergmannskrankheit befallen wurde. Zum Arztbesuch, berichtet ihr Sohn Gerd Bochmann, habe sich die Mutter erst entschlossen, als sie Blut spuckte.
Auch für Anni Adam aus der St. Georgengasse 2, einem Haus in Sichtweite der Kirche, kam jede Hilfe zu spät. Sie starb am 9. Mai vorigen Jahres im Alter von 60 Jahren. "Daß ich mich damit nicht abgefunden habe, werden Sie verstehen", sagt Ehemann Werner Adam. Sorgsam hütet der Witwer jeden Gegenstand der Toten. "Hier ist die Tasche von der Mutti, hier das Portemonnaie, da ist sogar noch Geld drin. Dort drüben liegt der Trauring."
Alte Fotos zeigen Anni Adam lachend: auf der Konfirmation des Sohnes, bei der Silberhochzeit, sogar noch kurz vor ihrem Tod im Krankenhaus. "Sie war eine lebenslustige Frau."
Nach überstandener Gürtelrose hatte sie über Schmerzen in der Brust geklagt. Beim Röntgen der Lunge entdeckten die Ärzte einen faustgroßen weißen Fleck, eine bösartige Geschwulst, nicht zu operieren. Der Fleck wurde immer größer, trotz Bestrahlung in Chemnitz. Zum Schluß wucherten auch Krebszellen im Kopf. Die Todesursache bekam Werner Adam vom Krankenhaus schriftlich: "Metastasierendes pulmonales Adenocarzinom des rechten Mittellappens."
Strahlenforscher Conrady ist überzeugt, daß die Nachricht ergänzt werden müßte: "Höchstwahrscheinlich verursacht durch Radon."
Das Haus, in dem die Adams 25 Jahre lang wohnten, grenzt an einen ehemaligen Stollen. Ein Verbindungsloch im Keller, durch welches das Gas nach oben strömen kann, ist nur notdürftig zugemauert. Wie stark seine Wohnung verstrahlt ist, wollte der Hausherr nie wissen: "Ich hatte sowieso kein Geld, um das Haus abdichten zu lassen."
Um Radon fernzuhalten, genügen bei geringer Belastung Belüftungsrohre im Keller. Außen angebrachte Ventilatoren saugen die mit Strahlenpartikeln verseuchte Luft ab. Bei höheren Konzentrationen müssen die Fußböden von Erdgeschoßwohnungen mit einer Schutzschicht abgedichtet werden.
Bei starker Verstrahlung hilft jedoch nur die gründliche Isolierung der gesamten Fundamente - bei vielen der alten Gemäuer eine komplizierte Maßnahme, die Hunderttausende kostet.
Solche Summen können die meisten Schneeberger Hausbesitzer nicht bezahlen. Nicht die Ziegenrückers vom Marienplatz, wo der Boden im Keller schon so brüchig ist, daß vor Jahren bereits eine Frau vom Keller in den darunterliegenden Schacht stürzte. Nicht die Burkhardts vom Kirchplatz, in deren Haus Strahlenwerte bis zu 300 000 Becquerel gemessen wurden.
"Die Leute müssen sterben, weil sie arm sind", empört sich Wissenschaftler Conrady. "Was im Erzgebirge passiert, hat die Politiker bislang viel zuwenig interessiert."
Kurz vor der ersten gesamtdeutschen Wahl im Jahr 1990 reiste der damalige Bundesumweltminister Klaus Töpfer nach Schneeberg. Der Christdemokrat besichtigte verstrahlte Keller, beruhigte besorgte Bürger und spendierte der Stadt sechs Millionen Mark zur Erprobung verschiedener Sanierungsmethoden.
Doch nur die Hälfte des Geldes wurde genutzt, weil Kommunalpolitiker die Fristen versäumten. Das reichte gerade, um ein Dutzend der rund 200 gefährdeten Häuser vor Radon zu sichern. Jetzt gibt es keine Mittel mehr: Der Topf im Bundeshaushalt ist leer, der Staat Sachsen ist arm, die Stadt hat Schulden. Wer den Umbau nicht selbst finanzieren kann, muß weiter verstrahlte Luft einatmen.
Kostenlos gibt es nur Broschüren mit gutgemeinten Ratschlägen. Darin werden die Bewohner aufgefordert, zwecks Abzugs des giftigen Gases oft und weit die Fenster zu öffnen. Y
*VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:
Die Schneeberger Krankheit *
wird durch das Edelgas Radon ausgelöst. Die Substanz, ein Zerfallsprodukt von Radium 226, entsteht vor allem beim Abbau von Uranerz. Die radioaktive Strahlung ist äußerst schädlich: Beim Einatmen von Radon setzen sich verstrahlte Staubpartikel im Lungengewebe fest und lösen dort Krebs aus. Während früher in der Bergbaustadt Schneeberg hauptsächlich Kumpel starben, sind zunehmend auch andere Einwohner gefährdet: Aus alten Bergwerksschächten dringt Radon in die Häuser ein. In der Altstadt wird der von der Strahlenschutzkommission vorgegebene Richtwert (250 Becquerel pro Kubikmeter Luft) in zahlreichen Wohnungen überschritten, teilweise um das Hundertfache. Wissenschaftler vom Zentrum für Epidemiologie und Gesundheitsforschung in Zepernick bei Berlin haben festgestellt, daß in Schneeberg auch Frauen ein untypisch hohes Risiko tragen, an Lungenkrebs zu erkranken.
[Grafiktext]
Schneeberg: Zentren d. Radon-Strahlung
[GrafiktextEnde]
Von Bruno Schrep

DER SPIEGEL 13/1995
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