30.03.2013

SCHULDENKRISEUnter Wasser

Hohe Schulden und eine geplatzte Immobilienblase: Die Niederlande, Berlins wichtigster Verbündeter im Kampf um mehr Haushaltsdisziplin in Europa, sind selbst in die Krise gerutscht.
Mit Risiken kennt Michel Scheepens sich aus. Der 41-Jährige ist bei der niederländischen ING-Bank für den Energiemarkt zuständig und muss bewerten, ob es sich für seinen Arbeitgeber lohnt, beispielsweise einen Windpark auf Zypern oder ein Gaskraftwerk in der Türkei zu finanzieren. Bislang ging es dabei immer um das Geld der anderen.
Seit einiger Zeit aber erlebt der dreifache Familienvater, wie sich eine Fehlinvestition auf dem eigenen Konto anfühlt. Vor sechs Jahren kaufte Scheepens für seine Familie eine Doppelhaushälfte in der Trabantenstadt Nieuw-Vennep nahe der Nordseeküste. Der rote Klinkerbau kostete 430 000 Euro, aber die Bank bot großzügig einen Kredit über 500 000 Euro, so dass noch Geld für eine Renovierung sowie die Notar- und Gemeindegebühren übrig blieb. Eigentlich wollte Scheepens das Haus, wie in Holland üblich, nach ein paar Jahren wieder verkaufen. Doch dann purzelten in Folge der Lehman-Pleite die Preise. Wenn die Familie heute verkaufen würde, müsste sie bereits 60 000 Euro draufzahlen. Michel Scheepens sagt, ihr Haus sei "onder water".
"Unter Wasser" ist eine gute Beschreibung für die Krise eines Landes, das zum großen Teil unter dem Meeresspiegel liegt. Ausgerechnet der einstige ökonomische Vorzeigestaat hat derzeit mit einer Immobilienkrise zu kämpfen, wie man sie bislang nur aus den USA und Spanien kennt.
Denn auch in den Niederlanden pumpten die Banken seit den neunziger Jahren Abermilliarden an Krediten in den Privat- und Gewerbeimmobilienmarkt, ohne auf ausreichende Sicherheiten zu achten.
Private Hauskäufer etwa bekamen von Geldinstituten ohne Probleme mehr als 100 Prozent des Immobilienpreises ausgeliehen. "Man konnte problemlos das Fünffache seines Jahresgehalts als Kredit bekommen", erzählt Banker Scheepens, "und das ohne einen Cent Eigenkapital." Derlei war nur möglich, weil die Immobilienbesitzer ihre Hypothekenzinsen vollständig von der Steuer absetzen konnten.
Statt den Kredit abzuzahlen, steckten sie einen Teil des Geldes Monat für Monat üblicherweise in einen Investmentfonds - in der Hoffnung auf eine satte Rendite. Mit dem Geld sollte am Ende der Kredit getilgt werden, zumindest teilweise. Schnell aber wurde es üblich, von vornherein eine hohe Wertsteigerung der Immobilie einzukalkulieren. Der Wiederverkauf des Eigenheims würde schon die nötigen Summen bringen - und obendrein einen ordentlichen Gewinn, so das Kalkül vieler Sparer.
Schon vor mehr als einem Jahrzehnt erkannte die niederländische Notenbank die Gefahren dieses Rauschs, doch ihre Warnungen blieben folgenlos. Erst im vergangenen Jahr änderte die neue Regierung unter dem Rechtsliberalen Mark Rutte die großzügige Steuerbehandlung, die nun seit Januar schrittweise ausläuft. Aber es ist schon fast zu spät.
Kein Volk im Euro-Raum ist derart verschuldet wie die Niederländer. Insgesamt haben die Banken Hypothekenkredite von rund 650 Milliarden Euro in den Büchern.
Die Verschuldung der privaten Haushalte beläuft sich auf rund 250 Prozent des verfügbaren Einkommens. Selbst die Spanier brachten es 2011 nur auf 125 Prozent.
Zwar gehören die Niederlande noch immer zu den wettbewerbsfähigsten Staaten der EU, doch die geplatzte Immobilienblase droht nun die gesamte Wirtschaft mitzureißen. Die Arbeitslosigkeit nimmt zu, der Konsum sinkt, das Wachstum ist zum Erliegen gekommen. Trotz massiver Sparmaßnahmen wird die Regierung in Den Haag das EU-Defizitkriterium in diesem Jahr brechen, das mehr als drei Prozent Neuverschuldung verbietet.
Eine schwere Hypothek, vor allem für den niederländischen Finanzminister Jeroen Dijsselbloem (siehe Seite 16). Der neue Chef der Euro-Gruppe findet sich in der ungewohnten Rolle wieder, Aufpasser der Währungsgemeinschaft und Krisenkandidat zugleich zu sein.
Selbst Sparmaßnahmen in Höhe von 46 Milliarden Euro reichen offenbar nicht aus, um die EU-Schuldengrenze einzuhalten. Zwar hat Dijsselbloem weitere Kürzungen in Höhe von 4,3 Milliarden Euro im Öffentlichen Dienst und im Gesundheitswesen angekündigt, sie sollen jedoch erst 2014 zum Tragen kommen.
"Das Messer noch tiefer anzusetzen" wäre "sehr, sehr unvernünftig", zitiert die "Frankfurter Allgemeine" den Sozialdemokraten, der so den Aufschub rechtfertigt. Das sind Töne, die man sonst vor allem aus den kriselnden Südstaaten hört. Seit dem Ausbruch der Finanzkrise rächt sich das Leben auf Pump. Viele der knapp kalkulierten Finanzierungsmodelle gehen nicht mehr auf, so dass die Bürger ihre Schulden kaum noch bezahlen können. Die zeitweise absurd hohen Preise von Gewerbe- wie Privatimmobilien sinken dramatisch. Die einst boomende Volkswirtschaft gerät ins Stocken.
"In solchen Situationen entsteht ein Teufelskreis", sagt Jörg Rocholl, Präsident der European School of Management and Technology in Berlin und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundesfinanzministerium. "Kunden sind überschuldet und können ihre Kredite nicht bedienen, Banken geraten dadurch in Probleme und versorgen die Wirtschaft nicht mehr ausreichend mit Geld. Das führt zu einer ökonomischen Flaute und höherer Arbeitslosigkeit, die die Kredittilgung noch weiter erschwert."
Die offizielle Arbeitslosenquote kletterte bereits auf 7,7 Prozent. In Wahrheit dürfte sie viel höher liegen, doch das kaschiert bislang eine Bevölkerungsgruppe, die ZZP genannt wird. Die "Zelfstandigen zonder personeel" ("Selbständige ohne Angestellte") sind entfernt mit dem deutschen Modell der Ich-AG verwandt. Rund 800 000 ZZPler sind derzeit in den Niederlanden erwerbstätig.
Einer von ihnen ist Rob Huisman. Der 47-Jährige wohnt mit Frau und Sohn in Santpoort bei Haarlem. 2006 gab der IT-Fachmann seine feste Stelle bei einer großen Beratungsfirma auf und machte sich selbständig. Anfangs lief es gut, pro Stunde verdiente Huisman 100 Euro. Doch mit der Zeit kürzten viele Auftraggeber, ob staatlich oder privat, die Honorare. Manchmal wurden die Jobs auch ganz storniert. "Für die Firmen lohnt es sich, ihre Festangestellten zu entlassen und Zeitverträge abzuschließen", sagt der IT-Experte. "Sie sparen dadurch die Sozialversicherungskosten."
Unter den Selbständigen dagegen herrscht ein harter Konkurrenzkampf, sie unterbieten sich gegenseitig, um die Gelegenheitsjobs zu ergattern. "Wenn du den Auftrag nicht annimmst, schnappt ihn sich ein anderer", sagt Huisman. Zudem könne er derzeit keine Rentenbeiträge zahlen. "Wir leben größtenteils vom Ersparten", sagt der Familienvater.
Die Niederländer gehörten lange zu den fleißigsten Sparern Europas, jetzt in der Krise halten viele erst recht ihr Geld beisammen, auch das ist Gift für die Konjunktur. "Eines der Hauptprobleme ist der sinkende Konsum", sagt Johannes Hers vom Centraal Planbureau in Den Haag, dem Sachverständigenrat des Wirtschaftsministeriums.
Für 2013 erwartet seine Behörde einen Wachstumseinbruch von 0,5 Prozent. Im Februar gingen 755 Firmen pleite, so viele wie noch nie seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1981. Auch der Bankensektor setzt gerade Tausende Angestellte vor die Tür.
Die Finanzindustrie ist wegen der zahlreichen Immobilienkredite in den Büchern mächtig aufgebläht: Insgesamt beträgt die Bilanzsumme aller Geldinstitute das Viereinhalbfache der Wirtschaftsleistung.
Im Februar musste die Regierung die SNS-Bank, immerhin das viertgrößte Geldinstitut des Landes, wegen eines großen Portfolios an faulen Krediten für Gewerbeimmobilien verstaatlichen. Die übrigen Banken wollen ihre riesigen Kreditportfolios nun teilweise verbriefen und über eine spezielle Hypothekenbank weiterverkaufen - vor allem an die Pensionsfonds des Landes, bei denen die Niederländer große Summen für ihre Altersvorsorge zurückgelegt haben.
Junge Familien wie die Scheepensens, die sich in den vergangenen Jahren ein Haus gekauft haben, hoffen nun darauf, dass ihre Arbeitsplätze nicht auch noch abgebaut werden. Zwar hat ihr Haus an Wert verloren, aber immerhin können sie noch die monatlichen Raten aufbringen.
Doch die Einschläge rücken näher. Neulich verlor ein Nachbar seinen Job, gutausgebildete Freunde finden keine Stellen mehr. "Das Ende der Krise", sagt Michel Scheepens, "ist noch lange nicht in Sicht."
Von Christoph Schult und Anne Seith

DER SPIEGEL 14/2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 14/2013
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SCHULDENKRISE:
Unter Wasser

  • FPÖ-Chef Strache heimlich gefilmt: Die Videofalle
  • Digitale Forensik: Wie der SPIEGEL das Strache-Video überprüft hat
  • Webvideos der Woche: Einfach umgedreht
  • ESC-Sieg für die Niederlande: Der Piano-Man bezwingt die Windmacher