30.03.2013

SPIEGEL-GESPRÄCH„Obelix im Zaubertrank“

Stefan Schumacher galt als Nachfolger Jan Ullrichs, gewann zwei Etappen bei der Tour de France. Dann wurde er des Dopings überführt. Er stritt alles ab. Nun spricht der Radprofi erstmals über die Spritzen und sein Leben mit der Lüge.
Schumacher, 31, geht es nicht gut an diesem Tag. Er hat Fieber. Dennoch steht er in der Lobby des Hotels The Ziba in Peschiera am Gardasee. Er will reinen Tisch machen, öffentlich reden. Schumacher trägt den schwarzen Trainingsanzug seines Radteams Christina Watches-Onfone, einer drittklassigen Mannschaft aus Dänemark. Schumacher gewann vor fünf Jahren zwei Etappen der Tour de France und galt als Vertreter einer neuen, sauberen Profi-Generation. Im Oktober 2008 kam dann heraus, dass zwei Dopingkontrollen Schumachers von der Tour de France positiv waren. "Ich habe nie gedopt", beteuerte er damals. Es war gelogen.
SPIEGEL: Herr Schumacher, haben Sie gedopt?
Schumacher: Ja. Ich habe Epo genommen, auch Wachstumshormon und Kortikosteroide.
SPIEGEL: Im Februar 2009 sind Sie im "Sportstudio" des ZDF aufgetreten. Sie sagten: "Ich habe noch nie in meinem Leben gedopt." Stattdessen haben Sie über Verfahrensfehler räsoniert. Warum haben Sie damals nicht die Wahrheit gesagt?
Schumacher: Für diesen Auftritt schäme ich mich. Ich war psychisch so angeschlagen, dass ich keine klaren Gedanken fassen konnte. Ich war wie in einem Tunnel, lange Zeit nicht in der Lage, zu bedauern, was ich getan habe. Stattdessen fühlte ich mich rausgekickt. Das Spiel wurde einfach weitergespielt. Nur ohne mich. Ich dachte, ich könnte mich dagegen wehren. Dass der Sport sauber werden könnte, habe ich damals für Humbug gehalten.
SPIEGEL: Sie hatten gedopt und fühlten sich dennoch als Opfer?
Schumacher: Damals schon, ich hatte ja niemals den Wunsch zu dopen. Ich wollte nur nicht gegenüber den anderen nachstehen. Ich habe mich als 20-Jähriger in ein System eingefügt. Das macht mich nicht stolz, aber es war eben so. Und nun stellten mich ausgerechnet diejenigen an den Pranger, die für dieses System mitverantwortlich waren. Das hat mir extrem zu schaffen gemacht.
SPIEGEL: In knapp zwei Wochen werden Sie vor Gericht stehen. Laut der Staatsanwaltschaft Stuttgart sollen Sie den damaligen Rennstallbesitzer des Teams Gerolsteiner betrogen haben. Haben Sie Ihren Arbeitgeber Hans-Michael Holczer über Ihr Doping belogen?
Schumacher: Ich habe viele Fans betrogen, auch meine Familie, meine Frau, meine Freunde. Das tut mir wahnsinnig leid. Aber in dem Prozess geht es um die Frage, ob ich Holczer betrogen, angelogen und getäuscht habe - jemanden, der zu dieser Zeit bei fast allen Rennen dabei war und auch mit den Ärzten gesprochen hat. Der hat schon mitbekommen, was um ihn herum passiert ist.
Im Jahr 2000 unterschrieb Schumacher seinen ersten Vertrag im Jan-Ullrich-Nachwuchsteam beim Team Telekom. Er verdiente zwischen 1500 und 2000 Mark im Monat. Gut ein Jahr später wurde das Nachwuchsteam wieder aufgelöst. Drei Fahrer, unter ihnen Schumacher, wurden ins Team Telekom übernommen.
SPIEGEL: Sie waren jetzt mit Erik Zabel und Jan Ullrich in einer Mannschaft - waren Sie am Ziel Ihrer Jugendträume angekommen?
Schumacher: Anfangs war ich fasziniert. Ron Sommer, der damalige Telekom-Chef, und Kanzler Gerhard Schröder haben mir in Berlin die Hand geschüttelt. Ich bekam ein Auto gestellt, einen Audi A4 mit Vollausstattung, dazu vertraglich 30 000 Euro im Jahr. Für einen 20-Jährigen ist das gigantisch. Aber dann bekam ich den Druck zu spüren. Selbst wenn ich gesundheitlich angeschlagen war, wurde ich angetrieben, vorn im Feld zu fahren oder Tempo zu machen.
SPIEGEL: Haben Sie mit Kollegen über Doping geredet?
Schumacher: Ich habe gedacht, dass mal ein Arzt kommt und mir dann sagt, was Sache ist. Aber niemand kam. Und von den Fahrern hat zu Beginn auch keiner etwas erzählt. Trotzdem habe ich einige Dinge mitbekommen, auf die ich mir meinen Reim machen konnte.
SPIEGEL: Doping kam damals für Sie noch nicht in Frage?
Schumacher: Bis ich reif war zu dopen, dauerte es. Es hat Überwindung gekostet, obwohl die eigentliche Handlung ganz einfach ist: nur ein kleiner Piks in die Bauchdecke. Ich hatte mir zwar irgendwann Wachstumshormon besorgt, es aber zunächst wieder zurückgegeben. Dann habe ich im zweiten Jahr bei Telekom viel Gas gegeben. Aber es stellten sich keine Erfolge ein. Ich bin in ein Loch gefallen und musste wegen Pfeifferschen Drüsenfiebers monatelang pausieren. Ich war stolz gewesen, sauber zu sein. Aber jetzt habe ich mir gedacht, du nimmst das Zeug, und es geht wieder voll ab.
SPIEGEL: Wie war der Effekt?
Schumacher: Ich habe eine Woche lang Wachstumshormon genommen. Im Training habe ich gedacht: Ich fliege, das ist irre, jetzt bin ich Weltklasse. Aber im Rennen war ich dann so schlecht wie vorher auch. Im Grunde haben mich die Hormone noch weiter in den Keller gezogen.
SPIEGEL: Gibt es eine Erklärung dafür?
Schumacher: Im Herbst 2003 hat mich ein Arzt vom Team Telekom aufgeklärt. Die Szene war fast wie in einem Film. Ich habe den Arzt offen auf Doping angesprochen. Er hat erst ein bisschen rumgedruckst, doch dann hat er gesagt, er verstehe meine Situation, und hat erzählt von Testosteron, Wachstumshormon, Epo, Kortikosteroiden, Bluttransfusionen. Ich habe an diesem Tag meine Jungfräulichkeit verloren. Er hat mir dann auch erklärt, dass es völliger Quatsch war, was ich gemacht habe. Es bringe gar nichts, das Zeug zu nehmen, wenn man körperlich am Ende sei.
SPIEGEL: Ihre Zeit bei Telekom war nicht lang. Sie mussten nach zwei Jahren zu einem drittklassigen Team wechseln. War das eine Demütigung?
Schumacher: Die Schmach und die Erniedrigung, bei Telekom nicht ernst genommen worden zu sein, waren groß. Ich galt als eines der größten deutschen Talente, als die Zukunft des Radsports, und gurkte in einem drittklassigen Team rum. Und jetzt kam auch das Wissen dazu, was viele andere Fahrer machen. Irgendwann ist daraus die Motivation entstanden, es allen zeigen zu wollen. Ich habe trainiert wie ein Verrückter und habe dann auch intensiver mit den Dopingsachen angefangen.
SPIEGEL: Was genau?
Schumacher: Vor allem Wachstumshormon.
SPIEGEL: Schon wieder?
Schumacher: Wenn ich das Zeug genommen hatte, entstand das Gefühl, dass ich nicht kaputtgehe. Wenn man trainierte oder ein Rennen zu viel fuhr, war die Leistung trotzdem schnell wieder da. Auf Dauer hat das einen großen Effekt, gerade bei extremen Belastungen wie bei einer dreiwöchigen Rundfahrt. Die Hormone verzeihen dir viel. Meist habe ich Wachstumshormon und Kortikosteroide kombiniert.
SPIEGEL: Haben Sie auch Epo genommen?
Schumacher: Später schon, Epo ist im Ausdauersport das effektivste Mittel. Ich habe jedoch von Natur aus einen hohen Hämatokritwert, ich konnte nur mit Mikrodosen arbeiten, um bei Kontrollen nicht aufzufallen. Vor allem darf man den Placebo-Effekt nicht unterschätzen. Du hast das Gefühl, dass es jetzt richtig abgeht - ohne großartig in die Pedale zu treten. Du fühlst dich wie ein Kind, das wie Obelix in den Zaubertrank gefallen ist. Ich habe dann auch prompt meine erste Etappe eines Profi-Rennens gewonnen.
SPIEGEL: Wollen Sie behaupten, dass die psychische Wirkung größer ist als die physische?
Schumacher: Die Rennen werden am Ende im Kopf entschieden. Die Schmerzen sind dann wahnsinnig. Und wenn man im Finale geschlagen wird, ist das wie eine körperliche Erniedrigung. Wenn ich das erlebe, bin ich eher bereit, alles zu nehmen, um das nächste Mal ein bisschen weniger Schmerzen zu haben. Wenn ich Epo spritze, fangen die Beine etwas später an zu brennen. Epo gab mir das Gefühl von Chancengleichheit. Dadurch entstand vor allem eine psychische Abhängigkeit.
SPIEGEL: Haben die Siege Sie verändert?
Schumacher: Wenn man einmal das Gefühl erlebt hat, will man es immer wieder haben. Deshalb habe ich die Spielregeln akzeptiert. Siege wurden mein Maßstab. Anfangs habe ich wegen der Dopingmittel einen inneren Kampf geführt, aber dieses Zerrüttetsein ist irgendwann weg. Doping wird zum Alltag, wie der Teller Nudeln nach dem Training.
SPIEGEL: 2005 unterschrieben Sie einen Vertrag bei Gerolsteiner. Haben Sie zu dem Zeitpunkt so gut verdient wie andere Weltklasse-Athleten?
Schumacher: Ich hatte bei Gerolsteiner einen Dreijahresvertrag über 90 000 Euro Jahresgehalt mit der Klausel, dass über die Höhe neu verhandelt wird, wenn ich ein Pro-Tour-Rennen gewinne - also ein Rennen der höchsten Kategorie. Meine beiden Etappensiege beim Giro d'Italia zählten aber nicht dazu. Dennoch habe ich im Sommer das Gespräch mit Holczer gesucht. Ich habe vorgeschlagen, dass er mein Gehalt auf knapp 300 000 erhöht, die Klausel wäre dann hinfällig geworden. Wir haben ewig gefeilscht, ohne Ergebnis. Und dann gewinne ich die Benelux-Rundfahrt, mit einer Sekunde Vorsprung. Der Zufall wollte es auch noch, dass mein ärgster Konkurrent kurz vor dem Ende stürzte. Also wurde neu verhandelt. Ich habe dann 675 000 Euro bekommen.
SPIEGEL: Ein gewaltiger Sprung.
Schumacher: Das ist schon krank. Es gibt eine riesige Spanne zwischen den Gehältern, und oft macht es nur Kleinigkeiten aus, wer am Existenzminimum fährt und wer Millionen kassiert. Ohne eine gute Mannschaft gewinnst du keinen Blumentopf. Die Aufmerksamkeit, den Ruhm, die dicken Verträge bekommen aber nur diejenigen, die ganz oben stehen. Das macht extrem anfällig für Doping.
SPIEGEL: Haben Sie bei Gerolsteiner Ihr Dopingkonzept geändert?
Schumacher: Nein, ich habe zwar mal Epo anderer Hersteller ausprobiert, aber die Dosierung blieb ziemlich konstant.
SPIEGEL: Woher haben Sie die Präparate bekommen?
Schumacher: Zum Großteil von unseren Teamärzten.
2007 gewann Schumacher seinen ersten Klassiker, das Amstel Gold Race in Holland, zudem die Bayern-Rundfahrt. Erstmals nahm er an der Tour de France teil.
SPIEGEL: Wie fährt es sich bei der Tour de France, wenn alle Radfahrer unter Generalverdacht stehen?
Schumacher: Es tat mir weh, dass wir uns wie Verrückte quälten, und die Leute dachten, die hauen sich Spritzen rein, und alles läuft von allein. Epo kann den Unterschied zwischen Sieg und Niederlage ausmachen. Aber du kannst dir noch so viel reinjagen - wenn du nicht brutal gut trainiert bist, überstehst du die Strapazen der Tour nicht.
SPIEGEL: Nach der Tour starteten Sie bei der WM in Stuttgart, Sie gewannen Bronze. Es gab Dopingverdächtigungen gegen Sie. Wie haben Sie reagiert?
Schumacher: Heute ist klar, dass die Anschuldigungen falsch waren. Die Werte haben einfach nicht gestimmt, das war Schluderei. Objektiv muss man aber sagen, dass die Fahnder nicht den Falschen getroffen haben. Subjektiv habe ich das damals dennoch als Rufmord betrachtet. Ich hatte bei der WM alles gegeben, was in mir steckte, wegen meiner Bronzemedaille wurde ich als Held gefeiert. Und dann war alles weg. Der Schmerz und die Verwirrung waren unendlich groß.
SPIEGEL: Offenbar so groß, dass Sie nach einer durchzechten Nacht mit Ihrem Auto in einen Gartenzaun gefahren sind. In Ihrer Blutprobe fand die Polizei Spuren von Ecstasy, einer beliebten Partydroge.
Schumacher: Für mich war Alkohol eine Zeitlang ein Allheilmittel, um meine miese Stimmung zu vergessen. Auf jeden Fall konnte ich nun ehemalige Fahrer verstehen, die nach Abstürzen zu Drogen gegriffen hatten. Ich fühlte mich von dem System ausgespuckt. Rückblickend hätte ich spätestens zu diesem Zeitpunkt professionelle Hilfe benötigt. Stattdessen bekam ich von Teamärzten Antidepressiva - und weiter ging's.
SPIEGEL: Wie reagierte Holczer?
Schumacher: Er drohte, mich aus dem Team zu werfen. Er bestand darauf, dass ich ihm eine Strafe bezahlen sollte. Ich wollte das Geld einer karitativen Einrichtung spenden. Das hat er abgelehnt. Erst als ich ihm 40 000 Euro gezahlt habe, war wieder alles in Ordnung. Ich wurde sogar Kapitän. Mich erinnert das an den Ablasshandel im Mittelalter.
SPIEGEL: Holczer hat die "Bewegung für einen glaubwürdigen Radsport" mitgegründet. Womöglich lag ihm viel daran, die Moral im Radsport zu verbessern.
Schumacher: Als Anti-Doping-Kämpfer stand er im Rampenlicht, das gefiel ihm. Dass er nichts vom Doping in seinem Team wusste, wie er behauptet, stimmt nicht. Davide Rebellin, Levi Leipheimer, Schumacher, Bernhard Kohl - fast alle seine Spitzenfahrer waren irgendwann in Dopingfälle verstrickt. Und Holczer hat nie etwas davon mitbekommen?
SPIEGEL: Was veranlasste ihn, davon auszugehen, dass Sie sauber sind?
Schumacher: Ich glaube nicht, dass er das wirklich gedacht hat. Nachdem ich 2007 das Amstel Gold Race gewonnen hatte, fragte er: Schumi, du hast nichts mit Fuentes zu tun, oder? Er meinte den spanischen Dopingarzt. Ich habe ihm geantwortet, dass ich mit dem nichts zu tun habe, was ja auch der Wahrheit entsprach. Er hat noch gesagt, er glaube ja, dass ich für einen Weltklassefahrer relativ sauber sei. Aber unsere Teamärzte wussten doch Bescheid. Sie haben zum Teil aktiv beim Dopen mitgemischt. Und Holczer hat ständig mit den Ärzten geredet, die er ja auch eingestellt hat. Er hat nach außen den großen Mahner gegeben, intern änderte sich nie etwas. Das war russisches Roulette.
SPIEGEL: Was hätte er denn konkret tun können?
Schumacher: Eine ganze Menge: professionelle Strukturen aufbauen mit Psychologen, Ernährungsberatern, Trainingswissenschaftlern, wie das zum Teil bei anderen Teams der Fall war. Stattdessen waren immer Teamärzte dabei - und jede Menge Medikamente im Mannschaftsbus. Angefangen von Koffein- und Schlaftabletten bis zu den dicksten Hämmern von Schmerzmitteln wie Tramadol. Auch das Potenzmittel Viagra war im Koffer, das sollte die Atmung verbessern. Die meisten Sachen konnte sich jeder aus der Medikamentenbox nehmen. Das war völlig verrückt. Zudem spritzten die Ärzte vor und nach Rennen Aminosäuren, Mineralien, Säureblocker und gefäßerweiternde Mittel wie Actovegin. Heute sind Infusionen ohne medizinische Indikation grundsätzlich verboten. Es wurden falsche Rezepte für Kortisonpräparate ausgestellt. Und es wurde das Multiple-Sklerose-Präparat Synacthen, das auf der Dopingliste steht, herausgegeben. Einen so laxen Umgang mit Medikamenten habe ich nur bei Gerolsteiner erlebt, und Holczer war darüber bestens im Bilde.
SPIEGEL: Schon vor der Tour de France 2008 war klar, dass Gerolsteiner aus dem Radsport aussteigt. Sie standen unter Druck, einen neuen Rennstall zu finden. Haben Sie deshalb zu Cera, einem neuen Epo-Mittel, gegriffen?
Schumacher: Nach den negativen Erfahrungen bei der Tour 2007 wollte ich eigentlich 2008 gar nichts nehmen. Dann habe ich mich anders entschieden. Cera war plötzlich sehr verbreitet. Sogar in Fachzeitungen konnte man darüber lesen. Es hieß immer, auch von den Ärzten, kein Dopingtest könne Cera finden. Mein Vertrag lief aus, das Frühjahr lief verkorkst für mich. Da kam wieder das Gefühl hoch: Du musst es allen zeigen - zur Not mit Cera.
Schumacher gewann 2008 bei der Tour beide Einzel-Zeitfahren. Zwei Tage lang trug er das Gelbe Trikot des Spitzenreiters. Für die "Bild"-Zeitung war er der "Rad-Schumi", Deutschland hatte wieder einen Tour-Helden.
SPIEGEL: Als Etappensieger mussten Sie jedes Mal zur Dopingkontrolle, hatten Sie nicht Angst, aufzufallen?
Schumacher: Ich habe mich zu Beginn völlig sicher gefühlt. Außerdem wurde die Angst von der Euphorie überdeckt. Ich war auf einmal wieder der Allertollste. Holczer fiel mir vor den Fernsehkameras in die Arme. Erst als dann der Italiener Riccardo Riccò während der Tour mit Cera erwischt wurde, hatten alle Schiss. Wenn ich über die Ziellinie gefahren bin, habe ich geguckt, ob irgendwo Polizisten stehen, die mich abholen.
Gut zwei Monate nach der Tour gab der Bund Deutscher Radfahrer bekannt, dass Schumacher aufgrund eines neuen Testverfahrens bei nachträglichen Blutprobenanalysen positiv auf Cera getestet worden war.
SPIEGEL: Wann haben Sie erfahren, dass Dopingtests von Ihnen positiv waren?
Schumacher: Ich saß zu Hause beim Abendbrot. Da rief ein Journalist vom Sport-Informations-Dienst an und fragte, was ich zu meinen positiven Tests sagen würde, darüber habe die französische Sportzeitung "L'Équipe" berichtet. Ich bin erst mal rausgerannt und habe telefoniert. Ich bin dann wieder ins Haus zurück, und dann kam der bisher schlimmste Moment meines Lebens. Ich musste alles meiner Freundin Ina beichten, die ich über dieses Thema bis dahin auch belogen hatte. Ich sah in ihren Augen, wie sich ihr Leben komplett veränderte. Ich habe die Enttäuschung gespürt, von mir hintergangen worden zu sein.
SPIEGEL: Wie haben Ihre Eltern reagiert?
Schumacher: Ich hatte früher mal beiläufig erwähnt, dass manche Profis schon einige
Dinge machen würden. 2006 hat mir meine Mutter intensiv ins Gewissen geredet. Ich wollte sie da nicht reinreißen und habe gesagt, dass ich nichts mache. Es ist so anstrengend, überzeugend zu lügen, das ist furchtbar. Aber ich habe diesen Weg selbst gewählt, deshalb darf ich mich auch nicht beschweren.
SPIEGEL: Haben Sie das Verhältnis zu Ihrer Freundin in Ordnung bringen können?
Schumacher: Das ist jetzt fast fünf Jahre her, aber mich lässt es nicht los. Ina und ich haben geheiratet. Aber ich habe immer noch Flashbacks, muss an die Umstände meiner Beichte denken. Meine Frau ist kein zartes Püppchen, sondern eine starke Persönlichkeit, aber bei diesem Thema reagiert sie weiterhin sehr emotional. Unsere Hochzeit 2010 war für uns auch wie ein symbolischer Neuanfang. Dass Ina zu mir gehalten hat, ist das große Glück meines Lebens. Doping hat mich irgendwann auch psychisch zermürbt, weil du ständig Angst hast: Angst vor den Lügen gegenüber deinen Freunden und deiner Familie, Angst vor der Enttarnung, Angst vor der Öffentlichkeit, die dich ausgrenzt, sobald du erwischt wirst.
SPIEGEL: Wollen Sie behaupten, dass Sie nicht auch selbst an dieser Situation Schuld hatten?
Schumacher: Natürlich nicht, das wäre absurd. Aber, auch wenn es krank klingt: Moralisch fühlte ich mich damals im Recht, so hatte ich meinen Job als Profi-Radsportler gelernt. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Als ich das Amstel Gold Race gewann, landeten hinter mir in dieser Reihenfolge: Davide Rebellin, Danilo Di Luca, Matthias Kessler, Michael Boogerd, Alejandro Valverde. Alle sind inzwischen des Dopings überführt oder haben Doping zugegeben. Habe ich einen von denen betrogen? Und glauben Sie, dass auf den Plätzen dahinter alle sauber waren?
SPIEGEL: Ihr Teamkollege Sebastian Lang hat erzählt, er habe bei Ihnen schon immer ein schlechtes Gefühl gehabt, weil Sie als Einziger nicht gejubelt hätten, als während der Tour im Bus bekanntgegeben wurde, dass Cera nachweisbar sei.
Schumacher: Ich kann mich nicht erinnern, dass bei der Bekanntgabe Partystimmung im Bus ausgebrochen wäre. Ich war ja nicht der Einzige, dem das Herz in die Hose gerutscht ist. Es war schon traurig zu lesen, wie sich einige über mich ausgekotzt haben, mit denen ich zuvor noch auf dem Zimmer lag. Es gab viele Heuchler und Lügner, die vermutlich aus Angst gehandelt haben. Denn ich wusste ja ziemlich genau, was viele andere gemacht haben.
Schumacher wurde für zwei Jahre gesperrt. Der belgische Rennstall Quick Step hob einen Vertrag auf, der ihm inklusive Prämien und Sponsorengeldern rund eine Million Euro Gehalt im folgenden Jahr gebracht hätte. Schumacher legte Einspruch gegen seine Sperre vor dem Internationalen Sportgerichtshof CAS ein. Sein Anwalt Michael Lehner sagt, bei vielen Profis der Tour 2008 seien auffällige Befunde festgestellt worden: "In den mir zugängigen Unterlagen bin ich auf eine Liste von 45 Fahrern gestoßen." Ankündigungen des damaligen Chefs der französischen Anti-Doping-Agentur, Pierre Bordry, es werde viele weitere Dopingfälle geben, erfüllten sich nicht.
SPIEGEL: Fühlen Sie sich als Opfer, weil Sie einer der wenigen waren, die öffentlich enttarnt wurden?
Schumacher: Ich weiß ja, wie viele Fahrer Cera genommen haben. Aber ich will niemanden öffentlich denunzieren. Und ich bin bereit, mein Wissen mit den relevanten Organisationen wie Wada, Nada, UCI zu teilen - wenn es gewünscht ist. In meinem Fall bleibt klar: Ich habe das Zeug genommen. Dafür bin ich verantwortlich.
SPIEGEL: Wie haben Sie die zwei Jahre Sperre überstanden?
Schumacher: Ich bin in ein tiefes Loch gefallen. Ich bin jeden Abend mit Kumpels unterwegs gewesen. Und wenn ich nicht ein intaktes Umfeld hätte, wäre ich wohl zum Alkoholiker geworden. Ich konnte kaum schlafen. Mit jeder Form der Ruhe konnte ich nicht umgehen. Es dauerte eine Zeit, bis ich mich wieder aufs Rad setzen konnte. Das Wichtigste war die Arbeit mit meinem Mentaltrainer Holger Fischer.
SPIEGEL: Wie hat er Ihnen geholfen?
Schumacher: Wir haben viele Gespräche geführt. Ich musste den Schmerz verarbeiten. Ich musste lernen, mich wieder selbst zu mögen, auch wenn ich nicht siege. Bis dahin hatte ich ja mein Selbstbewusstsein fast allein aus den Erfolgen im Radsport gezogen. Ich musste lernen, dass ich aus der Rolle des Opfers herausmuss. Mir war ja lange Zeit gar nicht klar, dass ich nach der Sperre sauber bleiben will. Irgendwann hat es klick gemacht. Ich habe verstanden, dass es nicht richtig ist, das falsche Spiel wieder mitzuspielen - nur weil Doping Teil des Systems ist.
SPIEGEL: Sie haben erkennen müssen, dass nicht nur der Radsport ein Problem war, sondern auch Sie selbst?
Schumacher: Ich war zunächst aufbrausend, unsicher, arrogant und habe mich sehr schwergetan, mir einzugestehen, dass ich Fehler gemacht habe. Ich habe trotzig gefragt, warum ausgerechnet ich jetzt sauber sein soll.
SPIEGEL: Womit hat Ihr Mentaltrainer Sie überzeugt?
Schumacher: Er hat mir gesagt, der Radsport werde sauberer, und ich müsse auch wegen meiner Vergangenheit Teil davon sein. Vielleicht ist es naiv, aber ich glaube, dass sich gerade wirklich etwas verändert. In kaum einer anderen Sportart wird so viel gegen Doping getan.
Nach dem Ablauf seiner Dopingsperre stieg Schumacher im September 2010 beim italienischen Team Miche-Guerciotti ein. Für das drittklassige Team gewann er 2011 bei der Asturien- und der Aserbaidschan-Rundfahrt. 2012 wechselte er zum dänischen Team Christina Watches-Onfone. Siege bei Rundfahrten in Serbien und China folgten. Kurz nach Bekanntwerden seiner Cera-Befunde hatte ihn die Nationale Anti-Doping-Agentur angezeigt. Nun ist er angeklagt wegen Betrugs gegen den Rennstallbesitzer Holczer, ab 10. April wird vor dem Landgericht Stuttgart verhandelt. Es ist ein Pilotverfahren - niemals zuvor stand in Deutschland ein Sportler als Dopingbetrüger vor Gericht. Schumachers Anwalt Dieter Rössner, emeritierter Professor für Strafrecht und Kriminologie der Universität Marburg, hatte versucht, eine Einstellung zu erwirken. Schumacher habe seine Sperre abgesessen, das vermeintliche Delikt sei nunmehr fast fünf Jahre her. "Er ist genug gestraft", sagt Rössner. Es ist ein eigenartiges Verfahren. Auf einer Podiumsdiskussion Ende März in Stuttgart schilderte Holczer, wie er 2005 zu seinem damaligen Fahrer Levi Leipheimer gesagt habe: "Du bist nicht sauber, das ist nicht okay, sag mir, was du gemacht hast." Dennoch stellte Holczer ihn 2006 wieder als Kapitän auf. Und als sein damaliger Fahrer Bernhard Kohl 2008 kurz vor dem Tour-Sieg stand und zur Dopingprobe musste, sei er "der Einzige gewesen, der nervös war", sagte Holczer auf dem Podium. Kann ein Rennstallbesitzer betrogen werden, der selbst mit der Dopingeinnahme seiner Fahrer rechnet? Der Staatsanwalt hat Schumacher einen Deal vorgeschlagen. Er solle zugeben, dass er betrogen habe, und er solle eine Geldstrafe bezahlen. Aber zugeben, dass er den Rennstallbesitzer betrogen habe, könne er nicht, sagt Schumacher, "da müsste ich ja schon wieder lügen".
SPIEGEL: Glauben Sie ernsthaft an die Rückkehr ins große Radgeschäft?
Schumacher: Das liegt leider nicht nur an mir, sondern auch daran, ob mir jemand eine neue Chance gibt. Ich fahre jetzt seit zweieinhalb Jahren in einer kleinen, ambitionierten Mannschaft. Ich verdiene nicht viel Geld, aber ich fahre jedes Rennen, als wäre es mein letztes. Das ist wie in einer Beziehung zwischen Mann und Frau, die viele Male am Ende ist; aber die Liebe bleibt. Mein klares Ziel ist es, mich noch einmal auch bei großen Rennen mit den Besten der Welt zu messen. Ich gebe nicht so schnell auf. Ich weiß, dass ich das noch draufhabe.
SPIEGEL: Ist es nicht naiv, zu glauben, der Radsport könne dopingfrei sein?
Schumacher: Auch wenn man noch immer große Zweifel über die Leistungen einzelner Fahrer haben muss, ist die Branche doch wesentlich sauberer geworden - es ist heute deutlich schwieriger, zu betrügen. Vielleicht sind wir gerade an einem Wendepunkt. Ich weiß ja mittlerweile, dass es ohne Doping geht. Ich will unbedingt Rennen fahren. Ich hatte in den vergangenen beiden Jahren viel Pech mit Stürzen und Defekten - und habe trotzdem einige Rennen gewonnen. Auf jeden Fall fahre ich jetzt sauber. Denn ich kann und will einfach nicht mehr lügen. Ich traue mir zu, auch große Rennen völlig sauber zu gewinnen, wenn alles passt. Wenn es nicht so wäre, hätte es für mich keinen Sinn.
SPIEGEL: Herr Schumacher, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
(*1) Nach der Dopingkontrolle bei der Tour de France am 8. Juli 2008 in Cholet.
(*2) Mit dem Redakteur Udo Ludwig in Nürtingen.
Von Udo Ludwig

DER SPIEGEL 14/2013
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