30.03.2013

LITERATUREin Crash, der nie endet

Kevin Powers kämpfte einst im Irak. In seinem Debütroman schildert er die Freundschaft zweier US-Soldaten in einem schmutzigen Krieg, für den kein Sinn erkennbar ist.
In den letzten Worten des Buchs, die schon nicht mehr zum Roman, sondern zur Danksagung gehören, verkündet der Autor seine verblüffendste Erkenntnis. Er halte sich, schreibt Kevin Powers, "für einen Glückspilz".
Das klingt, nach allem, was man zuvor erfahren hat, wie ein teuflischer Witz. Das Buch "Die Sonne war der ganze Himmel" beschreibt zahlreiche Horrorbilder(*). Zwei alte Leute, die trotz der weißen Fahnen an ihrem Auto von Kugeln durchsiebt werden, zum Beispiel. Die schöne junge Sanitäterin, die durch eine Granate zerfetzt wird und deren Überreste daliegen "im hohen, mit ihrem Blut bespritzten Gras". Und ein ganzes Feld voller Toter, die schutzlos im Staub liegen, "zerschmettert, zertrümmert, gekrümmt, die weißen Hemden dunkel von Blut".
Kevin Powers hat sich die meisten dieser Szenen nicht ausgedacht. Sein Buch ist zwar kein dokumentarischer Erfahrungsbericht, sondern ein Werk der Fiktion. Doch der Verlag wirbt damit, es sei "der erste Roman über den Irak-Krieg aus authentischer Erfahrung".
Tatsächlich haben bereits andere Autoren zuvor ihre Kriegserlebnisse im Irak zu Romanen verarbeitet, keiner aber mit ähnlich poetischer Wucht wie Powers, der von Februar 2004 bis März 2005 als Maschinengewehrschütze im Nordirak kämpfte. Über sein Buch sagt der 32-Jährige: "Nach meiner Rückkehr aus dem Krieg war ich fast nur von Zivilisten umgeben. Alle wollten, dass ich erzähle, wie es war im Krieg. Der Roman ist mein Versuch, diesen Menschen von Dingen zu berichten, die sie hoffentlich selbst nie sehen müssen."
Powers ist ein drahtiger, durchtrainierter Mann. In Florenz, wo er seit einer Weile wohnt, weil seine Frau dort Modedesign studiert, wirkt er wie einer der vielen amerikanischen Sprachstudenten und Bildungstouristen, die im März-Regen durch die Stadt spazieren. Die Schnürstiefel, die er an den Füßen trägt, sehen wie die eines Wanderers aus. "Unsere Rückkehr aus dem Krieg im Irak war anders als die amerikanischer Soldaten aus anderen Kriegen", sagt der Autor. "Die Rolle der strahlenden, siegreichen Helden war für uns keine Option."
Der Roman beginnt mit einer Schlacht um die Stadt Al Tafar im Herbst 2004. Als Ich-Erzähler tritt der Soldat John Bartle auf, der aus einem Kaff bei Richmond im US-Bundesstaat Virginia stammt wie Kevin Powers. Bartle ist 21 und schon Jahre bei der Armee. In dem 18-jährigen Daniel Murphy, genannt Murph, hat er einen Freund gefunden.
"Angst und Amphetamine hielten uns wach", heißt es, als den beiden Leucht-
spurmunition um die Ohren fliegt, während sie auf einem Flachdach ausharren und ihrerseits in die Obstgärten der Stadt feuern. Das Gefecht ist "eine langsame, blutige Parade" und für Sentimentalitäten kein guter Ort. Und doch berichtet Bartle: "Ich fand es tröstlich, Murph rechts neben mir atmen zu hören."
Der Soldat Bartle hat sich auf einen fatalen Pakt eingelassen. Er hat Murphs Mutter beim Abschied aus den USA versprochen, er werde ihren Sohn heil zurückbringen. Weil er seine Ruhe haben wollte, sagt er. Weil er ein Narr sei, sagt sein Vorgesetzter, der das Gespräch zwischen Bartle und Murphs Mutter belauscht hat. Schon früh in diesem Roman ist klar, dass John Bartle sein Versprechen nicht halten kann.
Erst nach und nach enthüllt der Erzähler, was wirklich geschehen ist in Al Tafar. Seine Erinnerungen sind fragmentarisch, sie sind zu Scherben zersplittert, während er im Krieg "innerlich zerbröselte", wie es einmal heißt. Bartle schildert seine Rückkehr in die USA und eine bizarre Nacht in einem deutschen Bordell - in Deutschland machen viele der aus dem Irak heimwärts beorderten US-Soldaten Zwischenstation. Immer wieder aber kehrt Bartles Bericht zurück an den Kriegsschauplatz, an dem im Herbst 2004 noch dem 1000. toten amerikanischen Soldaten entgegengezählt wird. Im März 2013 liegt die Zahl der offiziell im Irak getöteten US-Krieger bei 4486, seit Beginn des Kriegs kamen 1,5 Millionen US-Soldatinnen und -Soldaten zum Einsatz.
"Heute kommt es mir absurd vor, dass wir jeden Tod als Bestätigung dafür ansahen, dass wir überleben würden. Ebenso absurd war unser Glaube, dass jeder an einem für ihn bestimmen Zeitpunkt gefallen war und dass wir deshalb noch nicht an der Reihe waren. Wir ahnten nicht, dass die Liste unbegrenzt war. Wir dachten nicht über die Zahl Tausend hinaus. Wir kamen nie auf den Gedanken, dass auch wir zu den lebenden Toten gehörten."
Der Ehrgeiz des Autors Powers ist es, "die psychologische, die emotionale und die moralische Dimension des Kriegs zu begreifen", so sagt er. Wie jedes gute Kriegsbuch ist "The Yellow Birds", wie sein Werk im Original heißt, die Geschichte einer seelischen Verwilderung. "Wir trauerten nur um Menschen, die wir kannten", heißt es einmal. Alle anderen Toten, die sie zu Gesicht bekommen, empfänden er und seine Kameraden als "Teil der Landschaft", notiert der Erzähler, ein Anblick "wie Blumen nach dem Frost, kümmerlich und welk im Licht einer kalten Sonne".
Kevin Powers begann als Teenager, Gedichte zu schreiben. In der Familie, in der er aufwuchs, in der Gegend, in der er zur Schule ging, war es ausgeschlossen, dass einer wie er den Beruf des Schriftstellers anstrebte. "Vielleicht lag es auch nur an meiner Persönlichkeit, aber mehr als nebenher zu schreiben kam für mich nicht in Frage", sagt er. Mit 17 meldete er sich zum Militärdienst, so wie es sein Vater und sein Großvater und sein Onkel getan hatten. "Die Army bot mir die Möglichkeit abzutauchen. Ich muckte nicht auf und tat, was man mir auftrug", verkündet sein Held Bartle. "Niemand erwartete viel von mir, und ich verlangte wenig."
Während seiner Zeit im Irak hat Powers nicht viel geschrieben, aber er hat dort, während der Kampfpausen und in Wochen relativer Ruhe im Armeelager, viel gelesen. Graham Greenes "Der stille Amerikaner" zum Beispiel und Gabriel García Márquez' "Hundert Jahre Einsamkeit". Manchmal habe er nur einige Seiten am Tag geschafft, "trotzdem war das Lesen wichtig für mich. Literatur war immer eine Zuflucht in meinem Leben", sagt er. Nach seiner Heimkehr aus dem Irak hat Powers sich als Bürokraft in einer Kreditkartenfirma versucht, er war kurz Lehrer an einer Highschool, er schuftete auf dem Bau. "Die ganze Zeit über war Schreiben das Einzige, was mich wirklich voranbrachte. Also beschloss ich, mir eine Chance als Schriftsteller zu geben."
Was braucht es, um im Krieg zu überleben? Das ist die Frage, über die die Helden am Anfang fiebrig nachdenken. Dann merken sie, dass es keine Regeln gibt, dass es das Wesen dieses Kriegs ausmache, "weiterzutoben, nie zu enden".
Der Zweite Weltkrieg, in dem sein Großvater einst gekämpft hat, sei einer mit "Sinn und Zweck" und einer klaren Moral gewesen, behauptet John Bartle. Anders der Krieg, in den er geschickt wurde. Hier fühle sich der Kampf an "wie ein Autounfall", sagt Murph. "Wie der kurze Moment zwischen der Erkenntnis, dass es gleich kracht, und dem Zusammenstoß." Nur sei die Sekunde des Autocrashs im Krieg ins schier Endlose gedehnt.
Die Intensität und die Gnadenlosigkeit, mit der Kathryn Bigelows Film "Tödliches Kommando - The Hurt Locker" den Kriegsalltag von US-Soldaten im Irak beschreibe, habe ihm imponiert, sagt Kevin Powers. In seinem Buch herrscht eine ähnlich kühle Genauigkeit, die noch verstärkt wird durch eine fast manische Wahrnehmung der Gerüche, der Laute, der Tiere und Pflanzen in einer scheinbar gleichgültigen Natur. Als sein Held einmal die Totengesänge irakischer Frauen hört, heißt es: "Das Klagen war wundersam und banal, wie der auf der Obstwiese aufkommende Wind, der es bis zu uns trug."
Nach seiner Rückkehr streunt Bartle mit einem Gewehr aus dem Supermarkt durch Industriebrachland und versteckt sich vor der Welt, in sich das Gefühl, dass "jeder instinktiv die Schande spürte, die ich auf mich geladen hatte".
Wie lange kein junger Schriftsteller mehr wurde Kevin Powers von der amerikanischen Kritik mit Lob überhäuft. Die "New York Times" hat sein Debüt Ende 2012 in die Hitliste der zehn besten Bücher des Jahres eingereiht, Schriftstellerkollegen wie David Mitchell und Hilary Mantel preisen seine Erzählkunst.
Zehn Jahre ist der Beginn des Irak-Kriegs nun her. "Mein Buch hat keine politische Botschaft", sagt der Schriftsteller Powers. "Man kann trotzdem Schlüsse ziehen. Kein junger Mensch soll sich Illusionen machen, auf was er sich einlässt, wenn er sich in den Krieg schicken lässt."
In vielen Momenten seines Lebens habe er den Tag bereut, als er sich mit 17 einschrieb für den Dienst in der Armee. "Und doch", Powers zeigt ein Lächeln, das schmale Lächeln eines Glückspilzes, der den Krieg nicht nur überlebt hat, sondern dort auch ein neues Leben fand. "Es war der Krieg, der mich zum Schriftsteller gemacht hat."
(*) Kevin Powers: "Die Sonne war der ganze Himmel". Aus dem amerikanischen Englisch von Henning Ahrens. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main; 240 Seiten; 19,99 Euro.
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 14/2013
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