27.03.1995

Prozesse„Hätten Sie gern eine Frau?“

Der Arme aber besaß nichts außer einem einzigen kleinen Lamm, das er gekauft hatte. Er zog es auf, und es wurde bei ihm zusammen mit seinen Kindern groß. Es aß von seinem Stück Brot und es trank aus seinem Becher, in seinem Schoß lag es und war für ihn wie eine Tochter. So heißt es im zweiten Buch Samuel, Kapitel 12.
Günter Parche, ein Mann aus Thüringen, ist noch ärmer als der arme Mann der Bibel, denn er hat keine Frau und keine Kinder und nicht einmal ein kleines Lamm. Er träumte nur von einem Lamm. Und weil er sonst nichts zum Liebhaben hatte, fing er an, den Traum vom Lamm zu lieben, bis er immer mehr in den Bann dieses Traums geriet und darüber fast seinen einfachen Verstand verlor. Am Ende wähnte er, wirklich ein kleines Lamm zu besitzen.
Am 27. April 1993 machte sich Günter Parche, damals 38, auf, um seinen Traum zu verteidigen: die Tennisspielerin Steffi Graf. Denn sie hatte ihren Platz als weltbeste Spielerin an Monica Seles abgeben müssen, was Parche in tiefe Depressionen trieb. Zeitweise quälten ihn sogar Selbstmordgedanken.
Er fuhr, mit einem Schlafanzug, einer Wurst, einem Messer und 3000 Mark in der Plastiktüte, nach Hamburg, wo der _(* Nach dem Attentat im April 1993 in ) _(Hamburg. ) Citizen Cup ''93 stattfinden sollte. Für Parche, der in seinem Leben bis dahin nur zwei Tage von zu Hause weggewesen war, der sich vor allem Fremden, vor belebten Städten und ungewohntem Essen ängstigt, eine gefährliche Exkursion. Doch für Stefanie Graf wollte er selbst durch die Hölle gehen. Eine gefährliche Exkursion vor allem, weil Parche, wie er beteuert, entschlossen war, Monica Seles eine Verletzung beizubringen, die sie für einige Zeit spielunfähig machen sollte. Dann hätte seine Königin, so dachte er sich das, auf den Thron zurückkehren können.
Weil er am 30. April 1993 Monica Seles während einer Pause im Spiel gegen Magdalena Maleeva mit dem Messer in den Rücken stach (sie erlitt eine anderthalb bis zwei Zentimeter tiefe und knapp einen Zentimeter lange Wunde), wurde er vom Amtsgericht Hamburg am 13. Oktober 1993 wegen gefährlicher Körperverletzung zu zwei Jahren Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt. Die Untersuchungshaft von fast sechs Monaten wurde berücksichtigt, ebenso, daß der psychiatrische Sachverständige eine erheblich verminderte Steuerungsfähigkeit nicht ausgeschlossen hatte.
Das Urteil, obwohl es im Vergleich mit ähnlichen Körperverletzungsfällen eher hoch war und den Folgen für das Opfer Rechnung trug ("Weil Tennis ihr Leben ist, traf die Verletzung sie in ihrem Lebensnerv"), wurde weltweit als zu mild gescholten. Die Prominenz des Opfers steigerte das Strafbedürfnis ins Maßlose.
Die Staatsanwaltschaft legte Berufung ein, die Nebenklage schloß sich an. Am Dienstag vergangener Woche begann vor der Kleinen Strafkammer 27 des Hamburger Landgerichts der zweite Prozeß gegen Günter Parche.
Er ist ausschließlich ein Medienereignis. Während sich die Journalisten auf ihren Sitzplätzen drängen, ist der Zuschauerraum fast leer. Parche, verschreckt von gleißenden Blitzlichtern, mit der obligaten Plastiktüte in der Hand, verschwindet im Schatten seines Verteidigers Otmar Kury, 39, im Gerichtssaal. Er hätte viel Geld machen können mit seiner Tat. Bis zu 30 000 Mark wurden geboten für einen Auftritt bei Margarethe Schreinemakers. Doch er wollte das nicht.
In seinem Heimatdorf am südlichen Rand des Unterharzes, in Görsbach, am Arbeitsplatz, zu Hause bei seiner Tante, überall ist mit Scheinen gewedelt worden für ein Interview, für ein Foto, für einen Film. Der irre Steffi-Fan, der gefährliche Gewalttäter, den die Justiz frei ließ - ein Super-Thema.
Heute ist der Angeklagte ein wenig besser gekleidet als im ersten Prozeß. Auf dem Centre Court am Rothenbaum in Hamburg, auf den er sich in seiner wahnwitzigen Verehrung Steffi Grafs gewagt hatte, hielten ihn Sicherheitsleute noch für einen Penner, so stach er in seinem billigen, alten DDR-Habit vom hanseatischen Tennis-Publikum ab.
Kein Schulkind von heute sitzt so folgsam auf seinem Platz wie Parche vor Gericht, die Hände im Schoß verschränkt, die Lider gesenkt. Er trägt eine schwarze Lederjacke und darunter ein Hemd, das ihm die Tante zu Weihnachten geschenkt hat, mit der Aufschrift "Marine bleu". Seine Jeans sitzen schlecht, sind aber sauber, und er hat ordentliche Schuhe.
Die Vorsitzende Richterin Gertraut Göring, 56, versteht es, Stimme und Blick zu modulieren. Sie kann weich sein, hilfreich wie eine Mutter, oder unwissend naiv wie ein Mädchen, zupackend wie eine Hausfrau, oder auch ätzend ironisch, wenn sich die Anwälte zu ihren Füßen prügeln oder Zeugen ihr etwas aufzubinden versuchen.
Für einen Menschen wie diesen Angeklagten findet sie manchmal einen guten Ton, nicht aber immer. Das mag auch daran liegen, daß Parche inzwischen nicht mehr so unbefangen ist wie noch im ersten Prozeß. Er fürchtet Fangfragen. "Hätten Sie Frau Seles auch verletzt, wenn sie eine Deutsche gewesen wäre?" fragt die Richterin. Was soll er sagen? Er spürt, daß jede Antwort gegen ihn ausgelegt werden kann.
Er ist sehr viel mißtrauischer geworden. Oft zögert er mit der Antwort oder schweigt. "Sie müssen nichts sagen, Herr Parche", die Richterin beugt sich vor und runzelt die Stirn, "aber wir machen uns dann schon unsere Gedanken, warum Sie nichts sagen."
Er hat sich Antworten zurechtgelegt, die Fragen hört er ja nicht zum erstenmal. Jede Befragung ist für ihn, wie für ein Kind, auch ein Lernprozeß.
"Das klingt jetzt wie auswendig gelernt", moniert die Richterin. Es ist wohl eher so, daß er sich an Formulierungen hält, die er kennt. In seiner Unbeholfenheit nimmt er auch auf, was ihm die Richterin vorgibt: "Ja, das kann man so sehen, wie Sie das ausgedrückt haben."
Parche wurde 1954 in Heringen geboren, sein Vater war Traktorfahrer in einer LPG. Starke Bindungen zu den Eltern bestanden offenbar nie, denn als die Mutter einmal schwer erkrankte, kam der Junge zu einer unverheirateten Tante in den Nachbarort, wo er von da an blieb ("das ergab sich so").
In der Schule war er ein mittelmäßiger Schüler, immer ängstlich und zurückhaltend. Von Raufereien hat er sich ferngehalten, um Mädchen einen großen Bogen gemacht. Auch politisch hat er sich nicht hervorgetan. Er war zwar bei den Jungen Pionieren und dann bei der FDJ wie alle, aber an einem Ferienlager hat er nie teilgenommen.
In den Ifa-Motorenwerken in Nordhausen wurde er zum Dreher ausgebildet. Ihm habe schon einmal eine Kollegin gefallen, sagt er, doch er habe sich nicht getraut. "Die hat gar nichts gewußt."
Er hat seine Arbeit immer gewissenhaft getan, auch wenn er ein bißchen schwer von Begriff war. Kollegen schätzten seine Gutmütigkeit, machte er doch auch mal die Arbeit der anderen mit.
Von dem, was er verdiente, verbrauchte er so gut wie nichts. Er trank nicht, rauchte nicht, hatte weder Auto noch Motorrad, er fuhr nicht weg, er hatte nie eine Freundin, nichts. Beim Militär wurde er ausgemustert wegen einer Herzsache.
Am besten gefiel es ihm daheim bei der Tante in bescheidensten Lebensverhältnissen, bei der es auch am besten schmeckte. Vor allem von ihrem Kuchen ("Kalter Hund") ist er angetan: "Kuchen ist meine Welt." Die Tante und er: "Wir essen nur, was wir kennen" - "wir machen keine Schulden" - "wir sind ein häuslicher Typ."
Ein einziges Mal gab er Geld aus. Für 10 000 Mark ließ er sich von einem Arbeitskollegen einen Videorecorder besorgen. Nun konnte er Sendungen mit und über Steffi Graf, deren Karriere er seit 1985 mit immer glühenderem und schließlich brennendem Herzen begleitete, jederzeit in sich aufsaugen.
Wenn er sich ganz weit aus sich herauswagt, spricht er von der "Traumfigur" Steffis, von ihren "tollen Beinen". Lieber aber ist es ihm, wenn er von ihrer "Sauberkeit, Ehrlichkeit, Reinheit" schwärmen kann. Seine Gefühle hielt er sogar vor der Tante verborgen.
"Hätten Sie gern eine Frau?" fragt die Richterin. Sie will ihm helfen, weil sie spürt, daß sie hier auf etwas für ihn Unaussprechliches gekommen ist: "Es gibt ja Leute, die sagen, die Ehe ist schrecklich; andere sagen, sie hätten gern geheiratet, wenn sie nur die Richtige gefunden hätten." Parche schweigt. Dann antwortet er leise, er habe mal auf eine Anzeige geschrieben. Da habe sich ein Heiratsinstitut gemeldet, das Tausende Mark wollte. Nein, das war nichts.
Parche ist voller Hemmungen, wenn er über das Anwachsen seiner Obsession sprechen soll. Er schrieb höfliche anonyme Briefe an Steffi Graf, schickte Geld und Blumen; er schrieb aber auch an andere Sportler, wenn die sich etwa nicht respektvoll genug über die Angebetete äußerten. Manches davon klingt fast drohend. Er kündigte seine Arbeitsstelle, weil er die Hänseleien der Kollegen nicht mehr ertrug, wenn Steffi mal verlor. Es gab nur eine Liebe, nur einen Traum: Stefanie Graf.
Er verehre sie noch immer, bekennt er vor Gericht, "aber so ein fanatischer Anhänger bin ich nicht mehr". Er hat Arbeit, man ist mit ihm zufrieden. Er hat sein einsames Leben wieder aufgenommen. Anzeichen für neuerliche Gewalttaten dieses so harmlos wirkenden, auf seine enge, karge Welt reduzierten Menschen gibt es nicht. Vielleicht ist das Schicksal einmal gnädig und schenkt einem armen Mann in irgendeiner Weise ein kleines Lamm.
Monica Seles hat seit dem Attentat nicht mehr an Turnieren teilgenommen. Es wird gedroht, sie werde erst wieder ins Millionengeschäft einsteigen, wenn Parche hinter Gittern sei. Ihre Anwälte verlangen eine Verurteilung wegen versuchter Tötung, und sie tun das, koste es was es wolle.
Die Zeugen vom Tennisplatz sagen aus, was sie meinen, in Erinnerung zu haben. Wer unzufrieden mit dem ersten Urteil ist, hat nun einen Parche vor dem inneren Auge, der auf sein Opfer beidhändig und wild schreiend "draufgedroschen" hat - andere bleiben dabei, daß er wie in Trance dahergekommen sei und nur mit einer Hand gestochen hat. Das Gericht hört aufmerksam zu. Y
* Nach dem Attentat im April 1993 in Hamburg.
Von Gisela Friedrichsen

DER SPIEGEL 13/1995
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 13/1995
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Prozesse:
„Hätten Sie gern eine Frau?“

  • Webvideos der Woche: Truck landet auf Hausdach
  • Automesse IAA: Klimaaktivisten blockieren Eingänge
  • Erosion an der Elfenbeinküste: "Unsere Toten verlassen uns schon"
  • Braunkohletagebau in der Lausitz: 8000 Arbeitsplätze, 4 Tagebaue, 130 Dörfer weg