27.03.1995

GESTORBENGünter Kertzscher

81. Er war der einzige ehemalige Nationalsozialist unter den führenden Propagandisten des SED-Regimes. Der Sohn eines Bankangestellten promovierte an der Universität Leipzig mit einer Arbeit über den "Cursus in der altdeutschen Prosa". Er trat der SA und 1937 der NSDAP bei. Während des Krieges geriet er als Soldat der Wehrmacht in sowjetische Gefangenschaft, wo er sich 1943 dem Nationalkomitee Freies Deutschland anschloß. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland wurde Kertzscher Mitglied der KPD und der SED, die ihn im Gründungsjahr der DDR als Chefredakteur der Berliner Zeitung einsetzte. Bis zum stellvertretenden Chefredakteur brachte er es später beim SED-Zentralorgan Neues Deutschland. In scharfen Polemiken verteidigte Kertzscher den Mauerbau, hetzte mit Anklängen an den NS-Sprachgebrauch gegen "Parasiten" und das "Bonner System" und rühmte die "Sozialistische deutsche Nation" in der DDR. Zur Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann schrieb Kertzscher als "Dr. K." im November 1976: "Zur Staatsbürgerschaft gehört eine Treuepflicht gegenüber dem Staat. Das ist nicht nur in der DDR so." Günter Kertzscher, der sich nach der Wende der PDS anschloß, ist am 16. März an den Folgen eines Unfalls gestorben.

DER SPIEGEL 13/1995
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GESTORBEN:
Günter Kertzscher

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