17.04.1995

KriegsendeVolle Wahrheit

Die neue Rechte hat eine Galionsfigur: Alfred Dregger. Er hält den 8. Mai 1945 für einen Tag erzwungener Unterwerfung.
Eigentlich sind das ja Banalitäten, die bei uns stehen", meint Rainer Zitelmann, 37, ganz unschuldsvoll. Er ist Mitverfasser des Appells "8. Mai 1945 - gegen das Vergessen", der vorletzte Woche per Anzeige in der Frankfurter Allgemeinen erschien und sofort Furore machte. Am Befund des umtriebigen Wortführers der neuen Rechten, im Zivilberuf Redakteur der Welt, ist sogar was dran.
Der Appell zitiert unverdächtige Kronzeugen, so den ersten Bundespräsidenten Theodor Heuss (FDP), der das Kriegsende eine "Paradoxie" der Deutschen nannte - "weil wir erlöst und vernichtet in einem gewesen sind".
Historisch unumstritten ist auch, daß der 8. Mai 1945 "den Beginn von Vertreibungsterror und neuer Unterdrückung im Osten und den Beginn der Teilung unseres Landes bedeutete".
Allerdings dürfen sich Zitelmann und die anderen 296 Aufrufer freuen - mit ihrer Provokation lösten sie die erhoffte Aufregung aus. Denn die meisten von ihnen haben eine durchaus eigene Auffassung von der Bedeutung des Kriegsendes für die Deutschen und ihr Land - sie halten sie für eine schmachvolle Katastrophe.
Kanzler Helmut Kohl wird den 8. Mai - gegen Widerstand in der Union - gemeinsam mit den Siegern von damals als Befreiung von der Nazi-Herrschaft begehen. In München aber wird der Ehrenvorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Alfred Dregger, 74, im Namen der Unterzeichner aufs Podium steigen, um am "Jahrestag der Niederlage" die "ganze Wahrheit" der von den Siegern erzwungenen "Unterwerfung" zu verkünden.
Dregger hatte sich vor drei Wochen mit einer Rede vor dem Verband Deutscher Soldaten in Heilbronn wärmstens empfohlen. Dort forderte er "alle Deutschen" auf, "gegen die Verdrängung der vollen Wahrheit Front zu machen", sich gegen die "Einseitigkeit unserer Nationalmasochisten" zu wehren - ein Weltbild, _(* Am 22. April 1941 in Pancevo. ) ganz im Geiste der Anzeigen-Initiatoren.
Fast wortgleich sind der Anfang der Dregger-Rede und der Text des Manifests. "Einseitig" charakterisierten Medien und Politiker den 8. Mai als "Befreiung", wird da geklagt. Ein solches "Geschichtsbild" aber könne "nicht Grundlage für das Selbstverständnis einer selbstbewußten Nation sein".
Die neuen Rechten um Zitelmann, der Werke über die Renaissance von Nationalstaat und Nationalbewußtsein nach dem Ableben des Kommunismus in Serie auf den Markt wirft, haben nun eine Galionsfigur aus der Kriegsgeneration gefunden. Und zum erstenmal fanden sich Konservative, Rechte und Rechtsradikale zu einer Aktion zusammen - prominente Unionschristen und Liberale sind im 8.-Mai-Appell mit Verfassungsfeinden vereint.
Angerührt von den nationalen Tönen unterschrieben Ottmar Wallner und Ingeborg Seifert, die stellvertretenden Vorsitzenden der Republikaner; vorsichtshalber ließen sie ihre Parteizugehörigkeit unerwähnt, gaben statt dessen ihre Berufe an - Hotelier und Apothekerin. Aus der CSU erklärten sich Entwicklungsminister Carl-Dieter Spranger, Veteran Friedrich Zimmermann und der Münchner Parteichef Peter Gauweiler solidarisch.
Die rechte Garde der Berliner FDP, angeführt von Ex-Generalbundesanwalt Alexander von Stahl, ist bei den Unterzeichnern des Aufrufs stark vertreten, dazu jede Menge Altrechte aus Publizistik, Wissenschaft und Militär. Mit von der Partie sind Autoren der Jungen Freiheit, des Leitorgans der Neuen Rechten, das der Verfassungsschutz beargwöhnt.
Die beiden Manifestanten von den Republikanern, behauptet Zitelmann, seien ihm "völlig unbekannt". "Rechts von der CDU" zieht er die "Grenze". Gleichwohl ist er hocherfreut, daß sich ein breites Bündnis, querbeet durch Parteien und Generationen, gebildet habe: "Die Methoden der Linken", sagt der ehemalige Maoist, "haben sich als die richtigen erwiesen."
Zitelmanns Traum ist es, die "kulturelle Hegemonie" der Linken zu brechen. Als Mitglied der Berliner FDP wirkt er darauf hin, die Liberalen auf nationalen Kurs a la Jörg Haider zu trimmen.
Hans Apel, der ehemalige Verteidigungs- und Finanzminister (SPD), zeigte mittlerweile Reue. Seine Unterschrift zog er zurück - "weil ich diese Gesellschaft nicht mag". Dregger aber, vom sozialdemokratischen Altvorderen Horst Ehmke in einem ZDF-Interview dazu gedrängt ("Es tut mir wirklich weh, Sie in dieser Gesellschaft zu sehen"), sah keinen Grund zur Distanzierung. Warum auch?
In seiner Rede vor dem Soldaten-Verband lieferte der einstige Hauptmann ein Paradestück einseitiger Geschichtsbetrachtung, das freilich ganz dem Geschmack der Manifest-Verfasser entspricht.
Während für Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth "die Befreiung von der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft das einigende Band, das zentrale Ereignis dieses Jahrestages" bleibt, macht Dregger die Gegenrechnung auf: "Wenig Anlaß zu feiern, viel aber zu trauern" - über die Bombennächte und die Vertreibung von mehr als zehn Millionen Deutschen. Feiern will er nur, "was wir nach 1945 geschaffen haben". Eine Befreiung sieht er darin, "daß die Kriegsgegner von einst heute unsere Freunde sind". Nicht das Kriegsende habe Deutschland befreit, "sondern eine gute Nachkriegspolitik".
Wer die Teilung Deutschlands als Folge des verlorenen Krieges betrachtet, zeigt aus Dreggers Sicht "Unterwerfungsbereitschaft gegenüber der roten Diktatur" - ein Verhalten, das "unsere nationale Würde verletzt". Seinen besonderen Zorn wendet er gegen solche, die zum Jahrestag "unser Volk und nicht zuletzt unsere Soldaten erneut an den Pranger stellen".
Denn Fairneß, Disziplin, Tapferkeit zeichneten den deutschen Soldaten aus, glaubt der Hauptmann a.D. nach wie vor. Da herrschte "Manneszucht", behauptet er unbeirrbar.
In der Wissenschaft aber ist längst unbestritten, daß die Wehrmacht im Osten, auf dem Balkan und auch in Italien an den Massenverbrechen des NS-Regimes beteiligt war - an der systematischen Ermordung von Juden und Kriegsgefangenen, von Frauen und Kindern, Polit-Kommissaren und angeblichen Partisanen.
Aber spricht Dregger wirklich, wie er selber glaubt, "für eine schweigende Mehrheit", quer durch die Fraktionen im Bundestag, dem er noch immer angehört? Genau das fürchtet der Grüne Joschka Fischer, Prototyp einer Nachkriegsgeneration.
Wenn er solche Sätze im Bundestag hätte hören müssen, ereifert er sich über "diese Säcke, die unsere Väter sind", wäre er "echt ausgerastet". Y
* Am 22. April 1941 in Pancevo.

DER SPIEGEL 16/1995
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