17.04.1995

MilitärNarren und Nulpen

Sind Generäle potentielle Idioten? Ein neues Buch porträtiert die feigsten, wirresten und vor allem die dümmsten aller Feldherren.
Eigentlich hatten ihn seine Eltern für den Schlachterberuf bestimmt. Doch statt Ochsenviertel zu schleppen, trug Redvers Buller lieber Uniform und wurde schließlich sogar General.
Er hatte niemals Angst, einen Drang zum Draufgängertum, unglaublich viele Orden und keinen Funken Verstand. Seine Männer fürchteten ihn mehr als den Feind. Denn Buller pflegte zielsicher die blödsinnigste Strategie zu entwickeln, die sich für einen Feldzug denken ließ. Kam es zur Schlacht, fraß er bis zur Übelkeit, weshalb er seine Bataillen meist vom Feldklo aus verlor.
Der Unfug, den Buller 1899 als britischer Oberkommandierender im Krieg gegen die Buren anstellte, macht ihn endgültig zu einem der führenden Hohlköpfe der Militärgeschichte - gegen erhebliche Konkurrenz an allen Fronten und in den Etappen.
Da gab es, quer durch die Geschichte des Abendlandes und die Diagnosevielfalt der Psychopathologie, *___Verrückte wie den griechischen General Hajianestis, der ____1921 den Krieg gegen die Türkei vom Bett aus führte, ____weil er glaubte, seine Knochen seien aus Glas; *___Verwirrte wie den englischen Lord Raglan, der sich ____angesichts der im letzten Jahrhundert häufig ____wechselnden Bündnisse nicht merken konnte, wer gerade ____Freund und wer Feind war - weshalb er seine Alliierten ____ab und zu ordentlich kartätschen ließ; *___Verbohrte wie den französischen König Philipp VI., der ____partout nicht wahrhaben wollte, daß englische ____Langbogenpfeile mühelos imstande waren, eine Rüstung ____samt einsitzendem Franzmann zu durchschlagen - prompt ____verlor er 1346 in der Schlacht von Crecy fast seine ____gesamte Ritterschaft; *___Verworfene, die ihre Soldaten ohne Wimpernzucken aus ____einer bloßen Laune heraus in den Tod schickten - wie ____der britische General Hunter-Weston, der 1915 bei ____Gallipoli zwei uneinnehmbare Felswände so lange stürmen ____ließ, bis er seine drei Divisionen an die türkischen ____Kanonen verfüttert hatte. "Tote?" raunzte er hinterher. ____"Was interessieren mich Tote!"
Er selbst starb im Bett. Wie die meisten der Narren, Nulpen und Niedermacher im Generalsrang, die der britische Historiker Geoffrey Regan im "Guiness Book of Military Blunders" vor dem Urteil der Nachwelt antreten läßt*.
In Großbritannien und den USA wurde das zweibändige Rekord-Kompendium des militärisch Blödsinnigen zum Bestseller - aber auch zur Genußlektüre soldatisch ungefestigter Naturen, die _(* Geoffrey Regan: "The Guiness Book of ) _(Military Blunders". Guiness Publishing, ) _(Enfield; 188 Seiten; 11,99 Mark. "The ) _(Guiness Book of More Military Blunders". ) _(Guiness Publishing, Enfield; 188 Seiten; ) _(12,99 Mark. ) sich unter Berufung auf das beispielspralle Werk zu der Frage versteigen: Sind Generäle potentielle Idioten?
Diese Typen hätten mal dem alten Blücher unterkommen sollen. Urteil und Exekution waren bei ihm, wie Knall und Fall, immer eins. Deshalb verdroß es den betagten Preußen-Marschall, daß er nicht auch dem Duke of Wellington das Schandmaul mit Blei stopfen konnte. Denn der Engländer plauderte nur zu gern über die Intima, die ihm Blücher in den düsteren Tagen nach Austerlitz anvertraut hatte.
Leberecht von Blücher fürchtete nämlich, schwanger zu sein - von einem Elefanten, der ihm, wie er glaubte, nächtens durch einen französischen Soldaten zugeführt worden sei. Des weiteren wähnte er, die Franzosen hätten den Fußboden seines Zimmers glührot erhitzt, weshalb er darin nur auf Zehenspitzen umherlief. Immerhin tat Blücher - Ferndiagnose: partielle Altersdemenz - das Seine, um Napoleon dann bei Waterloo den Garaus zu machen.
Vergreisung, Egomanie, Inkompetenz, Wahnsinn - wohl nirgendwo waren diese Defizienzen inniger versammelt als an der Spitze der unzähligen Heere, die ihre Blutspur von der Antike bis Stalingrad und darüber hinaus zogen. Stets waren die Generäle dabei dem Ritterkreuz näher als dem überm Grab, in das sie ihre Männer zu Millionen schickten.
"Wir Nachgeborenen amüsieren uns gern über die Dummheit dahingegangener Generäle. Aber ihre Dummheiten", erinnert Autor Regan, "wurden immer mit Leid und Tod bezahlt." Wohl wahr, aber auch die Männer, die es auf sich nahmen, das gegenseitige Umbringen unterschiedlich uniformierter Artgenossen zu organisieren, haben oft schwer gelitten - zum Beispiel unter *___Hämorrhoiden - das Leiden immobilisierte viele ____Feldherren, zeitweise auch Napoleon. Der Engländer Hugh ____de Cressingham mußte sich sogar bäuchlings auf einem ____Brett in die Schlacht von Stirling (1297) tragen ____lassen. Hinterher war er schmerzfrei, allerdings auch ____tot, wie der Rest seines Heeres. *___Gebrechlichkeit - sie kam durch Gicht und Rheuma, ____verursacht durch alkohol- und fettreiche Ernährung ____sowie die vielen feuchten Feldlager. Reit- und ____gehunfähig, mußten sich viele Generäle im Alter per ____Sänfte aufs Schlachtfeld schleppen lassen. So kam es, ____daß sie, wenn die Träger Reißaus nahmen, öfter allein ____inmitten der Feinde sitzenblieben. *___Selbstüberschätzung - der häufigste Fehler, den Autor ____Regan bei Generälen diagnostiziert hat. Um sich bis zum ____Befehlshaber hochzubüffeln, so seine Erklärung, ____benötige ein Soldat ein geradezu infernalisches Ego - ____auf der Strecke bleibe dann oft der gesunde ____Menschenverstand.
Der fehlte zum Beispiel dem Briten-General Colley, dem es 1881 im ersten Burenkrieg immerhin gelang, sich am Feind vorbei auf den strategisch wichtigen Majuba Hill zu schleichen: Doch statt nun die auf einem tiefer gelegenen Plateau schlafenden Buren anzugreifen, ließ er seine Soldaten Spottlieder grölen; dann entschlummerte er.
Doch das war nur ein harmloses Vorspiel zu dem, was 18 Jahre später der alte Buller im zweiten Burenkrieg treiben sollte. Auf burische Stellungen ließ er seine Soldaten in geschlossener Formation vorrücken, bei Rückzügen vergaß er ganze Bataillone, den Feind ortete er meist erst dann, wenn seine Soldaten unter Feuer genommen wurden. Erwidern konnten sie es häufig nicht, denn Buller ließ ihnen die Munition wegnehmen: Die burischen Scharfschützen, beharrte er, mußten per Bajonett bekämpft werden.
Dann wieder verlief er sich im Gelände und tölpelte seine Truppe in eine mit burischen Scharfschützen besetzte Felsenschlucht - als habe er mit dem österreichischen General Weyrother konkurrieren wollen, dem größten Irreführer der Militärgeschichte: Der hatte als angeblich Ortskundiger 1799 die russische Armee in ein Alpental geführt, das keinen Ausgang hatte, dafür aber eine mit dem Blei der französischen Verfolger gespickte Luft. Sechs Jahre später geriet die alliierte Austerlitz-Strategie durcheinander, weil Weyrother den russischen und den österreichischen Kalender miteinander verwechselt hatte.
Kam es beim Kampf zum Äußersten, hörte Weyrother einfach auf, Befehle zu geben - die typische Reaktion überforderter Kommandeure, wie Historiker Regan festgestellt hat: "Sie ziehen sich in sich selbst zurück und tun, was sie einst als junge Offiziere am besten konnten."
Absurd verhielt sich zum Beispiel der nordamerikanische Bürgerkriegsgeneral Burnside, nachdem er das Lager der Südstaatler - durch vier Tonnen Sprengstoff, unterirdisch per Grabetunnel plaziert - hatte hochgehen lassen.
Statt sich nach dem großen Bums auf die aufgescheuchten Südstaatler zu stürzen, sprangen seine Soldaten in den gewaltigen, zehn Meter tiefen Explosionskrater, wie die Lemminge, eine Kompanie nach der anderen. Burnside fiel nichts Besseres ein, als sich in seinem Unterstand zu verbarrikadieren und immer mehr Soldaten in das Loch zu schicken, bis alle 10 000 Mann seiner Armee drin waren.
Selten waren auf einem Feldzug mehr Verrückte versammelt als in jenem Krieg, der die Krim in ein Schlachthaus verwandelte: Auf der anglo-französischen Seite bedrohten die kommandierenden Lords Lucan und Cardigan einander fast täglich mit Prügeln, einmal wollten sie sich sogar im Niemandsland duellieren. Zwischen ihnen stand, altersgebeugt und wacklig, der konfuse Raglan, der immer wieder Freund und Feind verwechselte und heftig trank.
Nicht mehr alle Flaschen im Schrank hatten auch die russischen Generäle Menschikow und Dannenburg, zwei von Neid und Scheelsucht getriebene Egomanen der Sonderklasse, die fortwährend die Befehle des anderen konterkarierten: Blies der eine zur Attacke, gab der andere Order zum Rückzug. Während der großen Schlacht von Inkermann (1854) geriet der düpierte Menschikow derart in Rage, daß er seinen Heeresteil aus dem Felde führte und den Sieg den zahlenmäßig weit unterlegenen Engländern überließ.
Manchmal freilich, wenn auch selten nur, ist der Unsinn, den Generäle anstellen, auch von erheblicher Komik. Wie damals, anno 1805, als der Franzosen-Marschall Murat, die Perücke zausig im Winde, geradewegs über die von den Österreichern gehaltene Donaubrücke bei Spitz spazierte.
Drüben machte er dem tatterigen General Auersperg wortreich weis, Napoleon und Wellington hätten Waffenstillstand geschlossen, weshalb das französische Heer den Fluß überqueren dürfe. Auersperg gestattete es brav, ein militärisches Eigentor, das General Wellington zu dem Stoßseufzer veranlaßte: "This man is perfectly mad." Y
* Geoffrey Regan: "The Guiness Book of Military Blunders". Guiness Publishing, Enfield; 188 Seiten; 11,99 Mark. "The Guiness Book of More Military Blunders". Guiness Publishing, Enfield; 188 Seiten; 12,99 Mark.

DER SPIEGEL 16/1995
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