24.04.1995

ExtremistenWutbombe von Weinheim

Die mit den Jahren betulich gewordene NPD radikalisiert sich wieder, immer schärfer hetzen ihre Funktionäre gegen Juden und Ausländer. Neuerdings lockt die älteste rechtsextreme Partei in der Bundesrepublik auch junge Neonazis aus mittlerweile verbotenen Rechts-Organisationen wie der FAP.
Zu Anfang bemüht sich Günter Deckert bei öffentlichen Auftritten stets um ein harmloses Image als Patriot "mit sozialem Einschlag". Da nennt der Vorsitzende der rechtsextremen Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD) als Vorbilder unverfängliche Persönlichkeiten der deutschen Geschichte wie den SPD-Vorsitzenden Kurt Schumacher oder den Reichskanzler Otto von Bismarck.
Meist dauert es jedoch nur wenige Minuten, bis unter Deckerts dünner Fassade jener geifernde Haß hervorbricht, den seine Gefolgsleute an ihm so schätzen. Dann wütet er gegen "die rotgrüne Brut der Antideutschen" und den "Judenführer Bubis".
Mit Haßtiraden gegen "Nationalverräter" und "Parasiten" brüllt Deckert in Mikrofone, was die meisten NPD-Mitglieder bislang allenfalls leise ins Bier lallten.
Unter ihrem Chef Deckert, 55, hat sich die älteste deutsche Rechtspartei im Nachkriegsdeutschland von einem betulich gewordenen Stammtischverein zu einer militanten Politsekte gewandelt. Der Ton wird immer schärfer, die braune Truppe gefährlicher, denn Hetzer Deckert lockt inzwischen auch zunehmend Jungrechte, denen die NPD einst viel zu verschlafen war. Deckerts Devise: "Es darf nie langweilig werden."
Seit das Bundesinnenministerium die aggressivsten der meist kleinen Neonazi-Gruppierungen verboten hat, will Deckert die vagabundierenden Reste einsammeln. Neben den zerfallenden Republikanern ist die NPD die derzeit bedeutendste Partei der ultrarechten Szene, zu der nach Schätzungen des Verfassungsschutzes insgesamt rund 41 500 Rechtsextremisten zählen. Etwa 4500 Mitglieder hat die NPD derzeit. Zu ihren besten Zeiten, Ende der sechziger Jahre, waren es 28 000.
Je radikaler die Partei sich geriert, desto intensiver kümmern sich Staatsanwälte um die Führungsspitze. Seit Freitag vergangener Woche verhandelt das Landgericht Karlsruhe wegen Volksverhetzung und Aufstachelung zum Rassenhaß gegen Deckert.
Es ist der dritte Anlauf in einem langwierigen Verfahren. Zuletzt hatte das Landgericht Mannheim Deckert im Juni 1994 zur milden Strafe von einem Jahr auf Bewährung verurteilt. In der Begründung hatte der Richter Rainer Orlet den Rechten als "charakterstarke Persönlichkeit" gerühmt. Das hochumstrittene Urteil hob der Bundesgerichtshof auf, weshalb jetzt neu verhandelt wird.
Selbst wenn Deckert dabei noch einmal auf Bewährung verurteilt werden sollte, dürfte ihm die Haft kaum erspart bleiben. Allein beim Amtsgericht Weinheim sind fünf weitere Verfahren gegen den NPD-Boß anhängig, die meisten wegen Beleidigung; in Stuttgart und Frankfurt wollen ihn Ermittler wegen Volksverhetzung vor Gericht stellen.
Andere NPD-Kameraden machen ebenfalls zunehmend Bekanntschaft mit der Justiz. Vor dem Landgericht Schwerin ist der schleswig-holsteinische NPD-Landesvize Heinrich Förster, 68, wegen versuchten Mordes angeklagt worden. Die Staatsanwaltschaft forderte fünf Jahre Haft, sie wirft dem NPD-Funktionär vor, den Überfall auf ein Asylbewerberheim im mecklenburgischen Bahlen im Juli 1992 mitorganisiert zu haben.
Förster wird von dem früheren NPD-Kreischef von Hagenow, Rüdiger Klasen, 27, schwer belastet. Klasen, mittlerweile zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt, beschuldigt ihn, Jugendliche zu dem Überfall auf das Asylheim angestiftet zu haben.
Für Terror wie in Bahlen bereitet die NPD-Propaganda ideologisch den Boden. Die Parteizeitung Deutsche Stimme (Schlagzeile: "Das System hat keine Fehler! Das System ist der Fehler!") schürt den Fremdenhaß mit Parolen wie "multikulturell = multikriminell", hetzt im NS-Jargon gegen "rassefremde Führer" und bietet zur Schulung der Kameraden einschlägigen Lesestoff an: Hitlers "Mein Kampf".
Derart radikale Angebote und Auftritte qualifizieren die NPD als Sammelbecken für jene Jungrechten, deren Organisationen verboten wurden.
In Augsburg und im sächsischen Radebeul etwa traten schon Mitglieder der verbotenen Nationalen Offensive (NO) der NPD bei, der Ex-NO-Mann Wolfgang Teufel brachte es in Augsburg zum Kreisvize der Deckert-Partei.
Friedhelm Busse, 66, Ex-Vorsitzender der seit Ende Februar verbotenen Neonazi-Truppe "Freiheitliche Deutsche Arbeiterpartei" (FAP), empfiehlt Kameraden, Unterschlupf bei der NPD zu suchen. Er rät seinen rund 430 Kadern, dort "auch Funktionen zu übernehmen, etwa als Kreisvorsitzende".
Unter dem Pseudonym "Zeus" verbreitet NPD-Chef Deckert in Computer-Mailboxen der Neonazi-Szene einen Appell, mit dem er "einfache Mitglieder" verbotener rechtsextremer Organisationen aufruft, seiner Partei beizutreten. Doch gerät die NPD selbst in Gefahr, verboten zu werden. Wolfgang Pfaff, Verfassungsschutzchef in Brandenburg, hält ein Verbot der NPD für "unausweichlich", sollte sich die Partei als "Auffangbecken für die verbotene FAP" erweisen.
Noch residiert Parteichef Deckert ebenso offen wie ärmlich in einem Quartier in der Stuttgarter Rötestraße. Die Jalousien sind meist heruntergelassen, künstliches Licht fällt auf vergilbte Wände, braune Türen und Regale mit Hunderten von Aktenordnern. Landkarten vom Großdeutschen Reich und Fotos alter Kämpfer der Partei künden von verlorenen Schlachten.
Geld ist knapp bei den Rechten, solange die Wahlerfolge ausbleiben. Hauptamtliche Mitarbeiter kann die Partei (Mitgliedsbeiträge und Spenden 1992: rund 608 000 Mark) sich nicht leisten, derzeit drücken rund 1,2 Millionen Mark Schulden.
In blauem Jackett und blauem Hemd mit blauer Krawatte sitzt NPD-Chef Deckert am Schreibtisch, umstellt von einstürzenden Papierbergen aus Flugblättern und Rundschreiben. Ein grellrotes Plakat an der Wand verkündet: "Wir räumen auf."
Viel mehr als solche Parolen und Feldwebel-Manieren hat die "Gesinnungsgemeinschaft" (Deckert) den Kameraden inhaltlich nicht zu bieten. Da sie kaum Programmatisches kennen, suchen die Parteifunktionäre ihr Heil in starken Worten.
Dafür ist Deckert der richtige Mann, ein Draufgänger und Selbstdarsteller von penetranter Zähigkeit. Gern lobt er sich als "Aktivist von Format" und als "Idol für junge Leute".
Mit aggressiver Propaganda und der Leugnung des Völkermordes an den Juden ("Der Holo ist beendet") hat er die NPD wieder in die Öffentlichkeit katapultiert.
Wählerstimmen freilich bringt ihm das nicht: Bei der Europawahl im Juni 1994 bekam die Partei 0,2 Prozent. "Die Systembonzen", verkündet Deckert auf Versammlungen zwischen München und Greifswald gleichwohl, "sind am Ende."
Zu der gewagten Einschätzung verleiten ihn Wahlerfolge im heimischen Weinheim. In dem Städtchen an der Bergstraße sitzt Deckert, Mitglied in zahlreichen Vereinen, seit 1975 ununterbrochen im Stadtrat. Bei der Oberbürgermeisterwahl im Mai vorigen Jahres erhielt der Rechtsextremist 8,3 Prozent der Stimmen.
Im Gemeinderat präsentiert sich der einstige Oberstudienrat (Fächer: Englisch und Französisch) als Wutbombe von Weinheim. Umgeben von jungen NPD-Claqueuren auf den Zuhörerbänken, redet sich Deckert bei Stadtratssitzungen rasch in Rage, nennt den Zuzug von Ausländern nach Weinheim "ein Problem völkischer Art" und wettert mit rotem Kopf gegen "das System".
Den NPD-Vorsitz hatte Deckert 1991 übernommen, als die Partei kurz vor dem Aus stand. Noch rund 20 Jahre zuvor hatte die 1964 gegründete NPD mit ihren Erfolgen Politiker und Bürger erschreckt: Zwischen 1966 und 1968 zogen die Rechten in sieben Landtage ein, in Baden-Württemberg erreichten sie 1968 ihr bestes Landtagswahlergebnis: 9,8 Prozent.
An der seinerzeit von Adolf von Thadden geführten Partei (Slogan: "Sicherheit durch Recht und Ordnung") entzündeten sich tiefgreifende gesellschaftliche Auseinandersetzungen: Bei zahlreichen Krawallen im Bundestagswahlkampf 1969 setzten die rechten Schlägertrupps Stahlruten gegen politische Gegner ein - brutale Auftritte, die sich schlecht mit dem gesetzestreuen Image vertrugen. Nur knapp verpaßte die Partei mit 4,3 Prozent den Einzug ins Bonner Parlament.
Ende der siebziger Jahre machten junge Neonazis den Alt-Nationalisten zunehmend Konkurrenz, und mit den Erfolgen der rechtsradikalen Republikaner, 1983 gegründet, gingen den Nationaldemokraten weitere Wähler und Mitkämpfer verloren.
1991 platzte eine Liaison der finanziell ausgezehrten NPD mit dem Münchner Verleger und Chef der Deutschen Volksunion, Gerhard Frey. Der parteiinterne Streit um die Kooperation brachte die Nationalen an den Rand der Selbstauflösung.
Da sah Günter Deckert, bis dahin Kopf einer Hardliner-Minderheit in der Partei, seine Chance gekommen. Auf einem Parteitag im Juni 1991 in Herzogenaurach wählten 77 Prozent der Delegierten Deckert, der sich als "Erneuerer" empfahl, zum Parteivorsitzenden.
Auch sein Weg in den Knast, so er denn kommt, wird den harten Kurs der Partei nicht bremsen. Deckert hat bereits einen Nachfolger erkoren: den bayerischen NPD-Landeschef Udo Voigt, 42, einen ehemaligen Bundeswehrhauptmann. Voigt will sich mit ungebremstem Fremdenhaß ("Inländerfreundlichkeit ohne Kompromisse") und der Forderung nach "Ausländerrückführung" profilieren.
Innerhalb der Partei hat der Fanatiker Voigt bereits eine "schlagkräftige Ordnertruppe" aufgebaut. "Ein harter Kern von bundesweit 50 Mann", trainiert in Kampfsportvereinen, stehe auch für Saalschlachten bereit, berichtet Deckert.
Für die Fortbildung der NPD-Kämpfer hat die Partei trotz Geldmangels im sachsen-anhaltinischen Dorf Siedentramm bei Hohenhenningen das Gebäude einer früheren Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft gekauft. Das Haus soll im Herbst als zentrale Schulungsstätte eingeweiht werden.
Als Erholungsheim für alte Kämpfer richtet die NPD zudem eine Gründerzeitvilla im schwäbischen Eningen her, die zwei völkische Damen per Testament den Nationalen vermacht haben.
Für besonders gefährlich halten Verfassungsschützer die NPD-Jugendorganisation "Junge Nationaldemokraten" (JN). Sie zählt zwar nur 200 Mitglieder, ist aber eng mit der Neonazi-Szene verflochten. Die Gruppe (Aufkleberslogan: "BRD heißt das System, morgen wird es untergehen!") betrachtet sich als "harten Kern der jungen deutschen Generation".
JN-Chef Holger Apfel, 24, trommelt unermüdlich für eine "größtmögliche Vernetzung" der Rechtsextremisten. In Erlangen betreiben Anhänger eine Computer-Mailbox namens "Widerstand BBS", mit der sie Parolen und Aufsätze elektronisch verbreiten.
Für solche Zwecke stehen in der Partei nicht nur grobschlächtige Rassisten bereit. Jan Zobel, 18, JN-Stützpunktleiter in Hamburg und rhetorisch versierter Gymnasiast, kam vor zwei Jahren zur NPD-Jugend, nachdem er "alle Parteien angeschrieben" hatte. Sein Grund: Die Deckert-Truppe agiere "radikaler als die biederen Republikaner" - die allerdings gelten dem Verfassungsschutz neuerdings, ebenso wie die NPD, als rechtsextrem und damit als verfassungsfeindlich.
Doch Zobel traut nur der NPD. In einer Mischung aus Romantik und Rechtsextremismus träumt er von einer deutschen Revolution, "in der wir gemeinsam mit den Linken eine Systemalternative durchsetzen".
Groll auf die Profit-Gesellschaft hat auch Jörg, 19, aus Frankfurt/Oder zur JN gebracht. Zu DDR-Zeiten war er Mitglied der Freien Deutschen Jugend, der "Kampfreserve" der SED. Heute will er "Kader für die NPD heranbilden", um nun auf diese Art die "Dekadenzwelle des Westens" zu brechen.
Solche Parolen gegen die "Glitzerwelt des Konsums" hören JN-Mitglieder besonders gern. Der Hamburger Zobel etwa ist fasziniert "vom Sozialistischen" der frühen NS-Bewegung. Gegen Adolf Hitler als Vorbild hat er immerhin einzuwenden, daß der "die persönliche Freiheit sehr eingeengt" habe. Y

DER SPIEGEL 17/1995
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 17/1995
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Extremisten:
Wutbombe von Weinheim

Video 06:10

FPÖ-Chef Strache heimlich gefilmt Die Videofalle

  • Video "Digitale Forensik: Wie der SPIEGEL das Strache-Video überprüft hat" Video 02:03
    Digitale Forensik: Wie der SPIEGEL das Strache-Video überprüft hat
  • Video "Video-Affäre in Österreich: Strache tritt als Vizekanzler und FPÖ-Chef zurück" Video 02:20
    Video-Affäre in Österreich: Strache tritt als Vizekanzler und FPÖ-Chef zurück
  • Video "Luftiger Stunt: Fallschirmsprung aus der Seilbahn-Gondel" Video 00:43
    Luftiger Stunt: Fallschirmsprung aus der Seilbahn-Gondel
  • Video "Video: Proteste in Österreich" Video 00:52
    Video: Proteste in Österreich
  • Video "US-Sturmjäger-Video: Wenn der Tornado auf dir landet" Video 02:09
    US-Sturmjäger-Video: Wenn der Tornado auf dir landet
  • Video "Versuchter Betrug: Müllmann täuscht Unfall vor" Video 02:04
    Versuchter Betrug: Müllmann täuscht Unfall vor
  • Video "Eurovision Song Contest 2019: Das sind die Favoriten" Video 03:36
    Eurovision Song Contest 2019: Das sind die Favoriten
  • Video "Staudamm bricht: Wenn der Druck zu groß wird" Video 00:29
    Staudamm bricht: Wenn der Druck zu groß wird
  • Video "Video zeigt Detonation: Sprengstoff vs. Kühlturm" Video 00:46
    Video zeigt Detonation: Sprengstoff vs. Kühlturm
  • Video "Miet-Scooter in Zahlen: 12 km/h, 29 Tage, 150 Milliarden" Video 02:38
    Miet-Scooter in Zahlen: 12 km/h, 29 Tage, 150 Milliarden
  • Video "Kettenfahrzeug de luxe: Halb Panzer, halb Bentley" Video 01:12
    Kettenfahrzeug de luxe: Halb Panzer, halb Bentley
  • Video "Nach Unfall auf der A1: Stau? Dann kehren wir doch einfach um..." Video 01:27
    Nach Unfall auf der A1: Stau? Dann kehren wir doch einfach um...
  • Video "Nach Kritik an Steinmeier: Schäuble weist AfD-Politiker zurecht" Video 01:18
    Nach Kritik an Steinmeier: Schäuble weist AfD-Politiker zurecht
  • Video "Fünfsitzer Lilium Jet: Deutsches Flugtaxi hebt erstmals ab" Video 01:08
    Fünfsitzer Lilium Jet: Deutsches Flugtaxi hebt erstmals ab
  • Video "Drohnenvideo aus Australien: Was treibt denn da im Meer?" Video 00:58
    Drohnenvideo aus Australien: Was treibt denn da im Meer?
  • Video "FPÖ-Chef Strache heimlich gefilmt: Die Videofalle" Video 06:10
    FPÖ-Chef Strache heimlich gefilmt: Die Videofalle