03.04.1995

USARadio Gaga, Radio Haß

" . . . die Gesellschaft will aufgeregt, will herausgefordert, in pro und contra auseinandergesprengt sein, für nichts ist sie so dankbar wie für den amüsanten Tumult."
Es hat eine Weile gedauert, bis Ed Koch seinen New Yorkern verzeihen konnte, daß sie ihn nach drei Amtsperioden nicht ein viertes Mal zum Bürgermeister wählten. Doch mittlerweile hat er vergeben. Schließlich, sagt er, bereuen die meisten inzwischen ihren Fehler. Und denen, die es nicht tun, wie etwa diesem Spinner kürzlich im Village, entgegnet er: "Fuck you."
Wie jeder New Yorker liebt Ed Koch das klare Wort. Jetzt, wo er ohne Amt ist und keine Rücksichten mehr nehmen muß, kann er es sich leisten. Er gönnt es sich und der ganzen Stadt, jeden Vormittag von elf bis zwölf auf WABC, dem größten Talk-Radio-Sender der Nation. Dann spricht Ed Koch über die Affären der Stadt und der Welt, was im Falle New Yorks das gleiche ist, und manchmal auch über seine Glatze.
Macht hat er nicht mehr, aber Einfluß. Er "erzieht" seine Hörer, sagt er. Er bildet sie weiter. Hemdsärmelig sitzt er in einer renommierten Anwaltskanzlei 30 Stockwerke hoch über der Sixth Avenue an seinem Schreibtisch. Von hier aus, New York zu Füßen, bestreitet er seine Sendung.
Vor ihm als Haufen von Zeitungsausschnitten das Nachrichtengulasch des Tages. Die Hauptbestandteile: O. J. Simpson, Clintons letzte Panne, die andauernde Kontroverse um den Bombenabwurf über Hiroschima, Immigranten. Mehr als ein paar Reizworte braucht er ohnehin nicht.
Auf dem kahlen Schädel die Kopfhörer. Auf dem Fensterbrett der Monitor mit den Namen der Anrufer, die ihm eingespielt werden. "Sarah aus New Jersey", blafft er, "was gibt's?" Sarah stottert und setzt an, dem Ex-Mayor zögerlich zu widersprechen. Das konnte er schon als Bürgermeister nicht leiden, weshalb Sarah erstens niedergebrüllt und zweitens abgehängt wird.
"Die hatte keinen Schimmer", schimpft Koch, und dann kommt seine Lieblingswendung: "Laßt mich erklären, wie es wirklich ist." Zum Beispiel so: Das Auslöschen Hiroschimas war gerecht, weshalb es eine Schweinerei ist, daß die Linken versuchten, im Smithsonian-Museum eine kritische Ausstellung zustande zu bringen. Was soll das Geschrei über die Atombombe? "In Dresden kamen viel mehr Menschen um, und keiner regt sich auf."
Nun könnte man neben vielem anderen einwenden, daß der Bürgermeister die Zahlen durcheinandergebracht hat - in Dresdens Brandbombennacht starben 25 000 Menschen, in Hiroschima fast sechsmal so viele. Aber es geht hier nicht um Genauigkeit, sondern um Gefühle. Talk-Radio lebt davon.
Der Mayor erklärt seinen New Yorkern die Welt, wie er sie sieht. Etwa so, zum Immigrantenproblem: "Wir können nicht alle reinlassen", wettert Koch, der Sohn jüdisch-polnischer Einwanderer, "wir müssen die Löcher stopfen", und er läßt sich dabei unterstützen von dem Anrufer Stephan aus Brooklyn, der allerdings nur gebrochen englisch spricht, weil er Rumäne ist.
Kochs Rezept für kriminelle Teenager? Prügelstrafe. Sein Rezept für den Nahen Osten? Eine neue israelische Siedlung für jeden palästinensischen Bombenanschlag. Ach ja, seine Sendung heißt: "Ed Koch - die Stimme der Vernunft".
Die Malocher aus Queens lieben ihn, und selbst das liberale Establishment auf der Upper West Side lauscht mit Vergnügen seinen Rempeleien gegen Quotenförderung und Wohlfahrtsbürokraten, seinen erfrischenden Ausfällen gegen politische Korrektheit.
Etwa: "Diese Showbiz-Typen aus Hollywood hätten selbst Adolf Hitler zugejubelt, wenn er das rote Band (der Aids-Aktivisten) im Knopfloch getragen hätte." Das sagt einer, der Demokrat ist und Jude, und vor allem einer, der sich früher gegen homophobe Wahlkampf-Parolen wie "Stimmt für Cuomo, nicht den Homo" zur Wehr zu setzen hatte.
Kochs Stunde, diese Mischung aus Mutterwitz und politischem Tumult, hat Erfolg auf einem Markt, der seit 1987 brummt wie kaum ein anderer. In jenem Jahr schaffte die Reagan-Regierung die Fairness-Klausel für Rundfunksender ab. Radio mußte nicht länger ausgewogen sein. Seither hat sich die Zahl der Quasselsender verfünffacht - nun plappert und zetert es lautstark auf tausend verschiedenen Stationen.
Nun beweist Radio wieder, daß es das intensivste aller Medien ist. Es läßt sich so einfach konsumieren. Es hat Macht über die Gefühle. Es kann mit geschlossenen Augen genossen werden. Es kann sich alles erlauben, die geflüsterte Beichte ebenso wie die gebrüllte Beleidigung, alles im Schutz anonymer Körperlosigkeit. Es ist hypnotisches Worttheater, Kopftheater, nichts als Stimme - pure Magie.
In den dreißiger Jahren hat diese Magie die Nation in ihren Bann geschlagen. Mit seinen aufmunternden Kaminfeuer-Monologen etwa inspirierte Franklin D. Roosevelt seine Landsleute in der Großen Depression für den New Deal. Father Coughlin, der radikale Katholik, nutzte das Radio, um die Nerven zu peitschen und gegen Juden und Kommunisten zu hetzen. Von seinem Tisch im Stork Club aus versorgte Walter Winchell "Mr. und Mrs. America und alle Schiffe auf hoher See" mit amüsantem Klatsch. Die ganze Nation war ein Dorf, das Orson Welles mit einem Science-fiction-Hörspiel über die Landung Außerirdischer in Panik versetzen konnte.
In den folgenden Dekaden verlegte sich Radio mehr und mehr auf Hitparadendudelei. Mit Talk-Radio hat es sich nun seinen Spektakelcharakter zurückgeholt - und seinen immensen Einfluß auf die Gesellschaft. "Radio ist ein Megaphon für Wut", sagt Jim Hightower, einer der wenigen Linken im Talk-Geschäft. "Nichts eignet sich besser, um innerhalb kürzester Zeit eine Menge Hitze zu erzeugen."
Der Moderator ist kein Vortragender mehr. Er ist Manipulator, Tröster, Einpeitscher. Er unterhält sich direkt mit Volkes Stimme. Talk-Radio ist Populismus in der reinsten Form, weil es mit der direkten Rückkoppelung, den Anrufen der Hörer, politisch Stimmung macht. Die Hörer wollen alles andere als ausgewogene Programme. Sie wollen Krach, und der erfolgreichste Krach kommt derzeit von rechts: Talk-Radio ist die Stimme der kulturellen Konterrevolution.
Die beiden meistgehaßten Personen im Talk-Radio-Geschäft sind, einer mehrjährigen Untersuchung zufolge, Bill Clinton und seine Frau Hillary. Abgeschlagen auf dem dritten Platz: Saddam Hussein. Vor allem seit Clintons Präsidentschaft hat Talk-Radio klargemacht, wie sehr die Politik zur Geisel von Meinungsumfragen, Popularitätswerten und Plapper-Shows geworden ist. Ob Kandidatenvorschläge für Regierungsjobs oder Gesetzesvorhaben wie die Gesundheitsreform - Talk-Radio und die Wählermassen, die es vertritt, brachte sie, mit rechts, zu Fall.
Die rechten Lautsprecher filtern den intellektuellen Neokonservativismus herunter auf einen plumpen Populismus, der bisweilen bizarre Blüten treibt. Da ist die Forderung der Radio-Stammtische, daß die Regierung sich aus ihren Angelegenheiten heraushalten solle. Prompt stellten sich im letzten Herbst republikanische Kandidaten mit dem absurden Versprechen zur Wahl, nichts zu tun. Sie gewannen.
Fernsehmann Peter Jennings verglich das Wahlverhalten vom Herbst mit dem "Wutausbruch von Zweijährigen". Daß er sich dafür später bei seinem Publikum entschuldigte, beweist, daß Journalisten und Politiker sich manchmal durchaus ähnlich sind: Die Sorge um die Wahrheit wird nur noch übertroffen von der um die Popularität. Das populistische Geschnatter der Talk-Shows jedenfalls, so warnte Time jüngst in einer Titelgeschichte, ersticke jede ernsthafte Debatte und verführe dazu, aus "Slogans Gesetze zu machen".
Längst beeinflussen die Moderatoren die politischen Geschicke des Landes. Ed Koch ist stolz darauf, New Yorks Bürgermeister Rudolph Giuliani zum Sieg verholfen zu haben. In New Jersey mußte die blitzkonservative Gouverneurin Christine Todd Whitman kürzlich den ordinären Mikrofon-Rülpser Howard Stern öffentlich auszeichnen - als Dank für dessen Radio-Unterstützung im Wahlkampf.
Whitman ist gegen Schund und Schmutz, Howard Stern verdient sein Geld damit. Trotzdem treibt er ihr Stimmen zu, weil er ihren Gegenkandidaten nicht leiden kann.
Von dem Mann aber, der auf WABC den Sendeplatz nach Koch mit einer Drei-Stunden-Show bestreitet, wird mit Recht behauptet, die Nation in den letzten zwei Jahren im Alleingang für die Konservativen gewonnen zu haben: Rush Limbaugh, der über 660 Radio-Stationen und eigene Fernsehsendungen auch die entlegenen Winkel des nordamerikanischen Kontinents erreicht.
Von dem republikanischen House Speaker und Kopf der neokonservativen Revolution, Newt Gingrich, hatten bis vor kurzem nur Eingeweihte gehört, aber Rush Limbaugh saß in jedem zweiten Wohnzimmer und gab seine Empfehlungen. 20 Millionen Amerikaner hören ihm täglich zu.
Limbaugh ist Anti-Glamour. Er hat Übergewicht. Seine Stimme ist zu hoch. Sein Pfannkuchengesicht wird auf Bierkrügen vertrieben. Er ist der Alptraum eines jeden kultivierten Linksliberalen, und er sieht haargenau so aus wie der Typ, der in den sechziger Jahren nie mitspielen durfte: zu dick, zu schlicht, falsche Klamotten, falsche Ansichten. Der Generationendepp.
Dreißig Jahre später schleppt ihm Präsident George Bush den Koffer persönlich ins Weiße Haus. Limbaughs Bücher tragen Titel wie: "Ich hab's doch gleich gesagt". Natürlich führen sie die Bestsellerlisten an.
Wenn Limbaugh loslegt und etwa Feministinnen als "Feminazis" bezeichnet, die sich von Nashörnern nur dadurch unterschieden, daß sie "Holzfällerjacken" trügen, dann nicken die Fernfahrer der Nation und geben Gas: "Ditto!" Doch auch Teenager rufen ihn an, Beavis-und-Butt-head-Typen, die Limbaughs misogyne Witze "cool" finden.
Eine Zeitlang etwa pflegte er Anruferinnen, die sich für das Recht auf Abtreibung einsetzten, mit Staubsaugergeräuschen zu übertönen. Erst von seiner Frau, die er liebevoll seinen "Jaguar" nennt, ließ er sich das ausreden.
Limbaugh bestreitet, eine politische Mission zu haben. Er sei nicht Politiker, sondern Entertainer. Das stimmt. In seiner Sendung liest er Werbespots für Atemfrisch-Bonbons mit der gleichen eindringlichen Hektik vor, mit der er sich über "Hillarys Ehemann" ausläßt. Limbaugh, die reaktionäre Stimmungskanone: In einer Zeit, die den Glauben an eine Verbesserung der Verhältnisse nicht mehr aufbringen kann, sind politische Überzeugungen in erster Linie Show-Nummern - Talk-Radio hat ein zutiefst ironisches Verhältnis zur Welt.
An diesem Vormittag, nachdem Ed Koch sein vorläufig letztes Wort zur Immigrantenfrage gesprochen hat, nimmt Limbaugh im WABC-Studio gegenüber dem Madison Square Garden Platz und krempelt die Ärmel hoch. Während Kochs Sendung mit einer jazzigen "New York, New York"-Version eingeleitet wird, kommt Limbaughs Sendung mit einem plattfüßigen, schweren Steelguitar-Blues herangetrampelt.
Überall im Land haben Restaurants "Rush Rooms" eröffnet, in denen die Kunden beim Mittagessen Limbaugh lauschen können. An diesem Mittag, wie an so vielen anderen zuvor, geht es um Finanzspritzen für Mexiko, Geld für Entwicklungshilfe - ein Lieblings-Wut-Thema für die gemütlichen Xenophoben aus der Provinz, die sich so gern das Heartland nennt.
Gleichzeitig ist es eines, das den grassierenden politischen Analphabetismus im Lande illustriert: Rund 75 Prozent aller Amerikaner lehnen einer Studie der Universität von Maryland zufolge Hilfe für andere Staaten ab. Wie hoch, so wurde in der Studie weiter gefragt, wohl der Anteil der Entwicklungshilfe am Gesamtbudget sei? Die Durchschnittsantwort: 18 Prozent.
Tatsächlich aber macht Entwicklungshilfe weniger als ein Prozent im Staatshaushalt aus. Die meisten Wähler, so stellt sich heraus, sind nicht einfach falsch informiert, sondern gar nicht mehr. Das Ergebnis: eine von Limbaugh und Co. geförderte ignorante Stimmungsdiktatur, vor deren Launenhaftigkeit die Politik zu kriechen sich angewöhnt hat.
Auch an diesem Radio-Mittag gilt: Wer keine Ahnung hat, bildet sich statt dessen eine Meinung. Und die wird glühend vertreten, von Dennis aus Florida und Jim aus New Jersey, und alle finden das gleiche: daß das Geld für die Latinos oder die Russkis bei ihnen besser aufgehoben wäre. Ditto!
Das Programm von WABC ist eine Reise durch alle Schattierungen des Neuen Konservativismus: von light bis filterlos. Der Arbeitstag beginnt mit Ed Kochs Stimme der Vernunft. Die Lunchpause gehört Limbaughs gemütvollen Gemeinheiten. Doch später, wenn der Tag in den Abend kippt und der Straßenverkehr zähflüssiger wird, herrschen Bob Grant und die hypnotische, böse, rassistische Beleidigung.
Bob Grants idealer Hörer ist weiß, konservativ und steckt im Stau vor dem Lincoln-Tunnel. Er hat seit 20 Jahren keine Lohnerhöhung bekommen. Sein Sohn ist von der Schule geflogen. Und gerade hat sich irgendein feiner Pinkel mit seinem Angeberschlitten vor ihm in die Lücke geschoben. Hinter ihm hupt ein pakistanischer Taxifahrer. Er spürt, wie die Wut in ihm aufsteigt, so sehr, daß er sie schmecken kann, und er weiß, daß er verloren ist. Und aus dem Radio kommt Bob Grants schleppende, bittere Stimme, die von den schwarzen Killern und ihren weißen Opfern erzählt, von O. J. Simpson und dem Eisenbahnmörder Colin Ferguson und dem Crack-Kid mit der Uzi. "Sie sind frech und ohne Reue, weil sie denken, sie seien im Krieg, und sie sind dort draußen, um dich zu kriegen, und dich, und dich, und dich . . ."
Wer Bob Grant hört, versteht, warum die Radiostation WABC sich Gedanken über die Sicherheit ihrer Angestellten macht. Vor der Tür hält ein Uniformierter Wache. Die Rezeptionistin sitzt hinter Panzerglas. Festgeschraubte Bänke im Vorraum. Der einzige Schmuck ist eine Plakette an der Wand, die dem Sender für die "Förderung des interkonfessionellen Dialogs" von der katholischen Kirche zugeeignet wurde.
Bob Grant ist ein überraschend zarter, alter Herr, der in seinem braunen Leinenanzug fast ertrinkt. Cremefarbenes Hemd, harter gestärkter Kragen mit scharfen Kanten, die sich in den faltigen Hals bohren. Im rechten Ohr steckt ein Hörgerät. Er lächelt freundlich, während er an den Schreibtischen eines Großraumbüros vorbei dem Studio zustrebt.
Einer schwarzen Mitarbeiterin ruft er Grüße zu. Sie antwortet mit einer Kußhand, ausgerechnet ihm, der schwarze Wohlfahrtsmütter gelegentlich als "Maden" bezeichnet und den ehemaligen schwarzen Bürgermeister David Dinkins als "Klowärter" schmähte und der Anrufern, die nicht mit ihm übereinstimmen, rät, "mit Rasierklingen zu gurgeln".
Grant, eigentlich: Robert Gigante, betreibt das Geschäft seit 1949. Er hat sich an der Westküste als Plattenaufleger durchgebracht, hat vier Kinder in die Welt gesetzt, hat sich scheiden lassen und ist an die Ostküste gewechselt. 1984 stieß er zu WABC. Er hat die müde Lässigkeit eines Unterhaltungsprofis, der jeden Tingel-Schuppen des Landes von innen kennt.
In Wahrheit, sagt er, sei er natürlich kein Rassist. Eher ein moderner Galileo Galilei, der den Mut zur unbequemen Wahrheit habe. Zum Beispiel der, daß Schwarze intelligenzmäßig schlechter abschnitten als Weiße. "Dabei bin ich mit einigen Schwarzen durchaus befreundet", sagt der Intelligenzler Grant. Sein Mund sieht aus, als habe er sich gerade über einem Insekt geschlossen, das er sich mit der Zunge aus der Luft geangelt hat. An seiner linken Hand funkelt ein Ring mit dem Dollarzeichen aus Diamanten, die aussehen wie Straß. "Den trage ich manchmal, um mich selber zu beeindrucken."
Es ist alles nicht so gemeint, sagt sein Lächeln. Sind wir nicht alle im Showbiz? Und ist die schärfste Nummer heutzutage nicht der Haß? Dann analysiert er ohne alles Getue die Anrufer in Sendungen wie der seinen als Soziopathen, als oft kontaktgestörte Menschen, welche die Anonymität im Äther zum perversen Flirt mit den Massen nutzten. "Ohne sie geht es aber nun mal nicht."
Die Regel sind Zustimmungsanrufe - Hysteriker wie Jay aus Manhattan, der gegen "sexuell Perverse" eifert, oder tödlich-ruhige Typen wie Paul aus Holtsville, der sich kürzlich an "alle Weißen, die jetzt zuhören", wandte: "Es ist Zeit, daß ihr eure Knarren ölt. Weil, es geht los. Das ist alles. Mehr sag' ich dazu nicht."
Nein, ein Rassist ist Bob Grant nicht. Aber er ist dafür, Amerika, dieses wunderbare Land, an seine Ureinwohner zurückzugeben, also an Leute wie ihn, denn er ist in Chicago geboren und nicht aus irgendeinem dunklen Elendsland erst gestern über die Grenze gerobbt, mit dem Anspruch, auf Kosten gottesfürchtiger Amerikaner durchgefüttert zu werden.
Höflich und formvollendet verabschiedet er sich, um sich auf die Sendung vorzubereiten. Was er von seinem Talk-Radio-Kollegen Ed Koch hält? "Er ist niedlich." Aber Koch hält ihn für vulgär. "Hat er das wirklich gesagt?" Grant schüttelt den Kopf. Dann macht er eine wegwerfende Handbewegung. "Wer ist schon Koch? Ein ehemaliger Bürgermeister. Ein sehr ehemaliger."
Programmdirektor von WABC ist John Mainelli, ein jugendlicher Mittvierziger mit Baseball-Mütze und Jeans-Hemd, der in seinem Kippsessel wippt und sichtbar stolz ist auf das, was er erreicht hat. Als er WABCs Programmchef wurde, lag der Sender auf Platz 30. Heute ist er der größte der Nation. "Wir sind polemischer, zugespitzter als der Rest, das ist der Unterschied."
Ob das Programm auch seinen Überzeugungen entspricht? "Überzeugungen?" Er lächelt ungläubig. "Dafür werde ich nicht bezahlt." Meinungen sind Job der anderen. Er sorge lediglich dafür, daß sie sie haben können. Der rhetorische Krawall ist nämlich, aus Sicht der Geschäftsleute, eine zweischneidige Sache: Er schafft Quoten, aber er kann auch Kunden verprellen.
Als gegen Bob Grants Radio-Show demonstriert wurde, als selbst die Gouverneurin sich weigerte, weiterhin bei ihm aufzutreten, zogen große Kunden ihre Anzeigen zurück. "Aber wir haben Kurs gehalten", sagt Mainelli befriedigt. "Und sie kommen alle wieder." Er beugt sich keinem Druck. Das hat er schon damals in San Francisco so gehalten, Ende der sechziger Jahre, als er Radio für die linke Subkultur machte.
Warum das kontroversere, erfolgreichere Radio heutzutage konservativ sei? "Weil die Linken keinen Humor haben." Trotzdem hofft er - es gibt immer Ausnahmen -, Mario Cuomo, den linksliberalen Ex-Gouverneur von New York, für seinen Sender zu gewinnen. Cuomo, der seinen Job nicht zuletzt wegen der Programme von Limbaugh und Grant verlor, könnte ihr Kollege werden. "Cuomo", lächelt Mainelli, "das hätte Witz."
Zum Abschied entschlüpft dem Chef des größten und reaktionärsten Radiosenders der Nation ein verblüffendes Geständnis: Von allen Politikern bewundert er den Erzliberalen Jimmy Carter am meisten. Dann führt er aus, was er an ihm so schätzt: "Er ist echt. Er ist intelligent. Und er glaubt an das, was er macht." Liegt so etwas wie Sehnsucht in seiner Stimme? Y
*VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:
Laut und schrill *
geht es zu, wenn Amerikas Radiomoderatoren ihren Hörern die Welt erklären. Die Talk-Shows, bei denen Anrufer ihren Frust live über den Sender loswerden können, sind populistische Durchlauferhitzer für rechte Republikaner, die derzeit am meisten vom Volkszorn profitieren. Schon müssen sich konservative Politiker bei den Hörfunkhelfern bedanken. Talk-Radio, fürchten dagegen liberale Amerikaner, ersticke jede ernsthafte politische Debatte und führe die Politiker in Versuchung, aus platten Slogans Gesetze zu machen.
Von Matthias Matussek

DER SPIEGEL 14/1995
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