03.04.1995

FußballBraver Bursche

Libero Thomas Helmer attackierte Übervater Beckenbauer und warf Manager Hoeneß das Trikot vor die Füße. Jetzt gilt er als Vorzeigeprofi.
Wieder mal hat der Bundestrainer Leidenschaft verlangt. Statt zu jammern, daß deutsche Fußballfans die Nationalmannschaft nicht mehr lieben, hat Berti Vogts in der Besprechung vor dem Training gesagt, sollten die Profis "einfach Fußball spielen". Wie so oft will das auch bei den müden Übungen am Tag vor dem Länderspiel gegen Georgien nicht recht klappen. Es muß ein Zeichen gesetzt werden.
Thomas Helmer läuft, die Brust vorgeschoben und die Backen aufgeblasen, quer über den Trainingsplatz in Tiflis, wartet auf die Flanke, springt ab - und rammt den Ball mit dem Kopf ins Netz. Während er zurücktrabt, klatschen die Kollegen Beifall, was den Gelobten irritiert: "Verpflichtung" sind ihm solche Demonstrationen, "das ist unser Job".
"Wichtige Mitarbeiter" nennt Vogts das Trio Jürgen Klinsmann, Matthias Sammer und Thomas Helmer. Der Libero des FC Bayern München ist neu in diesem Kreis; doch es scheint, als vereine gerade Helmer all die Tugenden, die Vogts vom gleichsam perfekten Nationalspieler verlangt: "Vorbild für die Jungen sein, auf dem Feld die Linie angeben und eine Meinung haben."
Dieser Typus ist rar in der Bundesliga. Und Helmer, 29, war bis zu jenem denkwürdigen Abend vor drei Wochen nicht als Ausnahme aufgefallen.
Weil der Münchner Klubpräsident Franz Beckenbauer ständig über die Mannschaft herzog, griff Helmer beim Bankett nach dem erfolgreichen Europacup-Spiel der Bayern in Göteborg zum Mikrofon. Wie ein Vorstandssprecher vor der Belegschaft forderte er, die linke Hand lässig in der Hosentasche, die Solidarität der Funktionäre mit dem Team ein. "Sensationell" fand die lokale Prominenz, die danach an seinem Tisch vorbeidefilierte, diese Ansprache.
Es ist eine Grundformel des Showgeschäfts Profifußball, daß Außenwirkung Innenwirkung erzeugt. So wie Lothar Matthäus von der Nationalmannschaft seit dem Tag als Weltmann begriffen wurde, an dem er bei der Weltmeisterschaft 1990 via Live-Schaltung mit Kanzler Kohl plauderte, betrachten die Kollegen nun die dreiminütige Rede von Göteborg als Geburt des Stars Thomas Helmer.
Ohne Klischees bringt es niemand zum Star. So könnte jene Momentaufnahme aus dem Bankettsaal einmal zum Markenzeichen Helmers werden, das Bild vom Profi im dunkelblauen Klubsakko in einer Reihe stehen mit vergleichbaren Aufnahmen deutscher Fußballgrößen.
Der Fußballer Franz Beckenbauer etablierte sich als deutsches Idol, indem er den Platz verließ und zu den Wagner-Festspielen nach Bayreuth oder zum Opernball nach Wien fuhr. Günter Netzer inszenierte sich ganz in Schwarz mit Ferrari und Freundin Hannelore Girrulat als Rebell am Ball. Matthäus, Gel im Haar, gab den italienischen Macho. Klinsmann präsentiert sich - vorzugsweise am Steuer eines Käfer Cabrio - als Weltenbummler und Öko-Fußballer, während Sammer, Arbeiter und Mannschaftsspieler, wie das Abziehbild Uwe Seelers wirkt, der seit seinem Abgang aus dem Wembley-Stadion nach dem verlorenen WM-Finale 1966 als Synonym für Leistungswillen gilt.
Es ist, als sei dem deutschen Fußball nun ein neuer Held erwachsen, der nichts gemein hat mit jener rotzigen Selbstherrlichkeit von Profis wie Mario Basler. Der Bremer sackt, während Vogts in Georgien zu Journalisten spricht, demonstrativ unter den Tisch und kratzt sich die Fingernägel sauber.
Schon daß Helmer das Abitur mit einem Notenschnitt von 1,8 schaffte und drei Fremdsprachen gelernt hat, erhebt den gebürtigen Herforder nach dem Selbstverständnis der Liga über die in Sachen Intellekt als eher beschränkt geltende Kollegenschar. Während Bild dem "Mega-Hammer" Sammer die Bewunderung der Stammtische weiterreicht, verschiebt Helmer die gesellschaftliche Ebene des Fußballs: Er habe, so hat er erfahren, das "Image des intelligenten Profis".
Ähnlich wie der Dortmunder Sammer, der sich bei einem Bundesliga-Spiel eine offene Wunde mit Heftklammern schließen ließ und weiterkickte, gilt Helmer zudem als wahrer Heros, der jedes Trainerlob mit Schweiß und Schmerzen beglaubigt. So hielt er schon mal mit Knieprellung und Nierenschmerzen durch und erzählte anschließend lakonisch von Stollenabdrücken auf der Haut und "Blut im Urin, der aussah wie dunkles Weißbier". Daß er, anders als Sammer, vergebens um seine Auswechslung gebeten hatte, übersah die nach neuen Leitfiguren gierende Branche gern.
Von Helmer erwartet Vogts, daß der in brenzligen Situationen die Kollegen künftig "mit einem Schrei und durch Leistung" an Strategie und Spielaufbau erinnert. Daß die deutsche Abwehr um ihren neuen Chef gegen Georgien eine 2:0-Führung kühl über die Zeit brachte, hält der Trainer für richtungweisend.
Soll Helmer den plötzlichen Kult um seine Person aber deshalb ernster nehmen? Er sitzt in einem Münchner Restaurant, überlegt lange, was er denn nun ins Gästebuch schreiben soll. Und während er " . . . Herz (und Bauch), was willst du mehr" dichtet, entscheidet er sich, den ungewohnten Wirbel als "witzig" und zugleich als "gefährlich" einzustufen.
Schließlich ist es gerade drei Jahre her, daß kein deutscher Spieler so verrufen war wie er: Helmer, "der ewige Zweite" (Süddeutsche Zeitung), galt als Prototyp des kickenden Abzockers.
Als sich während der Vorbereitung zur Europameisterschaft 1992 Borussia Dortmund und Bayern München um den Libero stritten, fürchtete Vogts wegen Helmers andauernder Verhandlungen um die Moral seiner Truppe und sprach einen Satz - "Habgier ist auch eine Gier" -, den ein Profi normalerweise, so Helmer, "nie mehr los wird".
Obwohl die Bayern 8,1 Millionen Mark für ihn zahlten, mußte Helmer daraufhin die tumbe Rolle des Manndeckers spielen. Der Fußballer, der es haßt, "zu zerstören", und lieber "gestalten" will, schmollte. Er habe sich, sagt Helmer, gedacht: "Ihr seht das falsch, aber ich sag's euch nicht."
Auch als er im letzten Jahr im Spiel gegen den 1. FC Nürnberg den Skandal um das "Phantomtor" auslöste, weil er nicht zugeben mochte, daß der Ball vorbeigegangen war, zog Helmer den Kopf ein und wartete, bis alles vorbei war.
In Wahrheit nämlich ist Helmer alles andere als der charismatische Querkopf, als der er in diesen Wochen gehandelt wird - der blauäugige Blonde, der seit Jahren seine Frisur nicht geändert hat, mag keine Risiken. Dem Sohn eines Malermeisters und einer Hausfrau erscheinen Konflikte stets als bedrohlich, deshalb ist ihm "Kontrolle" so wichtig: "Überreaktionen gibt es bei mir nicht."
Einen Selbstdarsteller wie den Kollegen Lothar Matthäus beispielsweise beneidet er wegen seiner Auslandskarriere und "was seine Willenskraft betrifft". Er selbst, fügt er an, sei halt "nicht so ein Powertyp". Er sagt das leise, als trauere er verpaßten Chancen nach, als habe er zwar einiges, aber nicht alles erreicht und dadurch eben nicht so intensiv gelebt, wie es möglich gewesen wäre.
Das Leben als Abenteuer? Helmer "braucht es", mit seinen alten Kumpels in Bad Salzuflen "mal durchaus was zu trinken - aber das heißt eigentlich nicht, daß wir da morgens im Essig liegen". Viele seiner Sätze enthalten ein "eigentlich", andere ein "vielleicht".
Anders als die Mehrheit seiner Kollegen wollte er ja nicht einmal Profi werden. Er wußte nur nicht, "wo studiere ich und was überhaupt". Da kamen die Fußball-Angebote ins Haus, und so rutschte er eher zufällig in den Beruf hinein. Und erst nach einem knappen Dutzend Arbeitsjahren hat er gelernt, daß sich vorwagen nicht automatisch sich blamieren heißt.
Im September letzten Jahres, nach dem kläglichen 1:0 der Bayern in der Champions League über Dynamo Kiew, war Münchens Manager mal wieder laut geworden. Uli Hoeneß - von Helmer ob seiner Tiraden insgeheim angehimmelt, weil er so "unwahrscheinlich dabei" ist - fauchte den damaligen Kapitän Matthäus an: "So vergraulen wir unsere Zuschauer - guck dir an, wie der Thomas über den Platz schleicht."
Jetzt reiche es ihm, schrie Helmer zurück, für alles als Sündenbock herhalten zu müssen, er wolle seine Papiere, nie mehr spiele er "für diesen Verein" - zum Beweis drosch er einen Ball in die Ecke, warf einen Becher an die Wand und klatschte Hoeneß sein Trikot vor die Füße. Die drohende Schlägerei verhinderten Matthäus und Trainer Giovanni Trapattoni.
Noch heute freut sich Helmer über diesen Coup; er schiebt das Kinn vor und lacht breit. Zwar hält er es "eigentlich" für absurd, daß Anerkennung derart erfochten sein will, doch "vielleicht", ahnt er, "hätte ich das viel früher machen sollen".
Können allein solche Auftritte aus einem bläßlichen Fehleinkauf in wenigen Monaten einen "Burschen mit Führungsqualitäten" (Hoeneß) gemacht haben? Reicht bei einem Kicker schon ein bißchen Rückgrat, um ihn plötzlich auch für so stark zu halten, daß er den FC Bayern an diesem Mittwoch im Europacup-Halbfinale gegen Ajax Amsterdam auch zum Sieg führen kann?
Die Wahrheit ist wohl, daß Helmer auch diesmal eher zufällig in die neue Umlaufbahn geriet. Beim FC Bayern hatte sich Matthäus verletzt, da konnte sich Helmer als Libero profilieren; in der Nationalmannschaft fehlt Sammer immer mal wieder. Und in Göteborg hatte ihm der Kollege Mehmet Scholl zureden müssen, ehe Helmer sich dann endlich so verhielt, "wie ich mich gerne hätte".
Jetzt will er so weitermachen, das hat er beschlossen. Also setzt er sich in Tiflis bei öffentlichen Auftritten nicht mehr in die Ecke, sondern zwischen Kapitän Klinsmann und Trainer Vogts. Und in München wirkt er unverdrossen als Vertreter der Basis.
Nie würde einer wie Helmer sein Hemd in die Fankurve werfen und halbnackt hinterherspringen: "Ich verkörpere nicht den Fußballstar zum Anfassen." Aber wenn er vor der Attacke auf den Übervater Beckenbauer ausdrücklich dem Busfahrer dafür dankt, daß der "bis nach Göteborg fährt, nur damit wir in unserem eigenen Bus zum Stadion gebracht werden", weiß er natürlich, daß dies den gleichen Effekt hat: Auch Bescheidenheit macht Volkshelden.
Helmer, mutmaßt Vogts, werde mit seiner Cleverness und Eloquenz zum neuen Vorzeigeprofi aufsteigen. Allerdings müsse er zunächst mit den Bayern den Europacup oder mit dem Nationalteam 1996 den Europameistertitel gewinnen.
Aber will Helmer so hoch hinaus? Schon hat Matthäus den neuen Rivalen wissen lassen, er solle "nicht so verbissen" auf dem Libero-Posten beharren. Die Art, wie der alte Leitwolf seine Ansprüche geltend gemacht hat, läßt Helmer ahnen, daß es eisig zugeht auf dem Gipfel.
"Eigentlich" ist der Spätberufene bereit, gegen Matthäus anzutreten, will notfalls sogar mit Kündigung drohen, "im Prinzip wäre das vorstellbar". Doch am liebsten sähe es Thomas Helmer, der künftige Bayern-Trainer Otto Rehhagel würde ganz einfach alles so lassen, "wie es jetzt ist". Y

DER SPIEGEL 14/1995
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