24.04.1995

Serbien„Es fließt noch viel Blut“

SPIEGEL: Herr Djilas, der Kommunismus als System ging bankrott, lebt die Ideologie weiter?
Djilas: Der Kommunismus ist ein System, das nicht restauriert werden kann. Die größte Gefahr heute ist die Vereinigung ehemaliger Kommunisten und extremer Nationalisten. Wenn die in Rußland versuchen, das ehemalige sowjetische Imperium wiederzuerrichten, müßte dies unvermeidlich zum Krieg führen. Alle nichtrussischen Völker würden revoltieren, und der Westen könnte nicht tatenlos zusehen. Denn ein faschistisches Rußland wäre gefährlicher als ein kommunistisches.
SPIEGEL: Sie selbst saßen als Kommunist schon im Königreich Jugoslawien im Kerker. Selbst während Ihrer Dissidentenzeit unter Tito haben Sie sich nie ganz vom Marxismus distanziert.
Djilas: Die Theorie des Marxismus hatte viele humane Aspekte. Aber sie ließ sich nicht in die Realität umsetzen, in keinem einzigen Land. Denn dafür hätten die Menschen ideal sein müssen. Eine sozialistische Gesellschaft wäre mit einer Gesellschaft von Insekten zu vergleichen gewesen, alle wären gleich, keiner kreativ - es hätte nur noch biologische Existenzen gegeben. Der sogenannte real existierende Sozialismus drückte sich dagegen in der Nationalisierung der Produktionsmittel aus, im Einparteiensystem und im Monopol über die Informationsmedien.
SPIEGEL: Warum ist Ihnen diese Einsicht erst 1952 gekommen?
Djilas: Das Genie von Karl Marx als Denker und Schriftsteller lag darin, daß er eine utopische Idee mit wissenschaftlichen Methoden verband. Dies gab dem Sozialismus Überzeugungskraft.
SPIEGEL: Viele Bürger in Osteuropa klagen heute darüber, daß es ihnen schlechter geht als unter den Kommunisten.
Djilas: Der Westen hat das Problem der persönlichen Freiheit überschätzt; er hielt es für das Grundproblem. Es genügt nicht, einen Reisepaß zu besitzen oder seine Meinung frei äußern zu dürfen. Das haben wir auch in Serbien - und dennoch herrscht hier keine Freiheit. Die persönliche Freiheit muß mit wirtschaftlicher Freiheit verbunden sein.
SPIEGEL: Jugoslawien hätte bei seiner politischen Balance zwischen Ost und West weit früher mit der Demokratisierung beginnen können. Wovor hatte Tito Angst?
Djilas: Das hätte seine Macht in Frage gestellt. Tito besaß genügend Möglichkeiten, auf ein demokratisches System umzuschalten. Aber er wollte nicht.
SPIEGEL: Die Folge seiner Diktatur ist heute der Bürgerkrieg in Bosnien, der Zehntausende von Toten forderte, ohne daß ein Ende abzusehen ist.
Djilas: Die Geschichte wird Tito rehabilitieren. Tito bevorzugte kein Volk innerhalb Jugoslawiens, wie das heute in Serbien behauptet wird. Er war für Jugoslawien und glaubte, daß aus Jugoslawien eines Tages eine Nation werden könnte. Allerdings begannen die einzelnen Republiken schon zu seinen Lebzeiten, sich wirtschaftlich und politisch abzusondern.
SPIEGEL: Warum brachen Sie dann mit dem System? Hätten Sie nicht innerhalb der Partei mehr für die Demokratisierung Jugoslawiens erreichen können?
Djilas: Mein Bruch mit dem Kommunismus war das einzig Kluge, was ich im Leben gemacht habe. Ich selbst war damals noch nicht reif für die Demokratie, aber ich kämpfte gegen den bolschewistischen Parteityp. Trotzdem hätte ich mit meinen Reformideen innerhalb des engeren Parteizirkels nichts ausrichten können.
SPIEGEL: Der Vielvölkerstaat Jugoslawien ist auseinandergebrochen, seit drei Jahren herrscht Krieg in Bosnien. Hoffen die Serben darauf, daß der große slawische Bruder in Moskau endlich offen für sie Partei ergreift?
Djilas: Die serbische Regierung wartet sehnsüchtig auf Jelzins Sturz. Sie pflegt seit langem Kontakte zu den russischen Nationalisten. Immer wieder kommen russische Generale nach Belgrad und preisen die orthodoxe Bruderschaft. Bekämen diese Strömungen in Rußland die Oberhand, würden sie sich sofort mit Serbien verbinden. Das könnte die gesamte Situation auf dem Balkan schlagartig verändern.
SPIEGEL: Wird der Flächenbrand auf dem Balkan noch weiter um sich greifen?
Djilas: Jeder Staat auf dem Balkan sieht seine eigene glorreiche Vergangenheit und starrt auf die Territorien, die er damals besaß. Die Nachbarn halten einander nur ihre Verbrechen vor. Es hat sich eine Art Balkan-Faschismus entwickelt.
SPIEGEL: Ist bei soviel Zündstoff langfristig überhaupt Frieden auf dem Balkan möglich?
Djilas: Den Frieden kann nur das Eingreifen der Großmächte oder der Vereinten Nationen garantieren. Bleibt die Entwicklung dagegen den Völkern des Balkans überlassen, dann fließt noch viel Blut. Serbiens ethnische Säuberungen wurden von den jetzigen Machthabern präzise geplant. Dies ist kein Krieg um wirtschaftliche oder politische Dominanz, sondern ein Krieg zur Bildung neuer Nationalstaaten - für nationale Minderheiten bleibt darin kein Platz.
SPIEGEL: Sie selbst haben vor Kriegsausbruch 1991 einen losen Staatenbund vorgeschlagen. Hätte sich Jugoslawien retten lassen?
Djilas: Als Kroatien und Slowenien damals die Konföderation vorschlugen, taten sie dies sicher mit dem Hintergedanken, daß der nächste Schritt die endgültige Abtrennung sein würde. Dennoch: Serbiens Präsident Slobodan Milosevic ist für mich einer der Hauptschuldigen an der Zerstörung Jugoslawiens. Er hat mit der Ausrede, er kämpfe für Jugoslawien, die Macht über die damals noch allmächtige KP und Armee ergreifen wollen. Wäre dieses Vorhaben gelungen, hätte er damit ganz Jugoslawien beherrscht.
SPIEGEL: War der Westen nicht dadurch gezwungen, Slowenien und Kroatien schnell anzuerkennen, um Milosevics Vormarsch bis zu den Alpen zu stoppen?
Djilas: Ohne diese Anerkennung wäre der Krieg genauso verlaufen. Die Armee wäre zu schwach gewesen, die beiden Nordrepubliken endgültig zu besiegen. Als der Versuch Milosevics, ganz Jugoslawien zu erobern, fehlgeschlagen war, zog er die Theorie "Großserbien" aus dem Hut - wobei er offiziell immer von der Erhaltung Jugoslawiens sprach.
SPIEGEL: Halten Sie als ehemaliger Partisan das bosnische Terrain für unkontrollierbar? Könnten die Blauhelme der Uno Frieden schaffen, wenn sie nur energisch eingreifen dürften?
Djilas: Eine militärische Intervention wäre sinnlos. Sie würde nur die Guerillabewegung der Serben stärken. Der Westen begreift einfach nicht, daß es hier - insbesondere in Bosnien - um die Bildung von Nationalstaaten geht, um Großserbien etwa oder Großkroatien. Und auch die Moslems wollen Bosnien in ein islamisches Land umwandeln. Die Idee von Präsident Izetbegovic, Bosnien zu einem demokratischen Staat zu machen, ist nicht durchführbar mit einer Partei, die eine totalitäre Ideologie vertritt und intolerant ist. Diese Politik würde alle anderen Nationalitäten unterdrücken. Aber natürlich wurde den Moslems großes Unrecht angetan.
SPIEGEL: Auch die Serben Bosniens wollen ihre Vorstellungen den anderen Völkern aufzwingen. Werden sie am Ende ihre Eroberungen behalten?
Djilas: Natürlich haben die Serben zuviel Territorium besetzt. Sie wissen das genau und werden damit schachern. Die beste Lösung für Bosnien-Herzegowina wäre ein langfristiges Protektorat der Vereinten Nationen. Doch vom Westen solch ein Engagement und finanzielle Aufwendungen zu erwarten wäre naiv.
SPIEGEL: Wird es je wieder ein vereintes Jugoslawien geben können?
Djilas: Nein, dieser Traum ist ausgeträumt. Es werden kleine, selbständige Staaten übrigbleiben, die untereinander enge wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen haben. Der Kalte Krieg ist mit dem Zusammenbruch des Kommunismus verschwunden - jetzt fallen wir in die Periode zurück, in der Kleinstaaten untereinander ihre Fehden austragen. Y

DER SPIEGEL 17/1995
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DER SPIEGEL 17/1995
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