24.04.1995

LeichtathletikUnter der Decke

In Schwerin stößt das Comeback der Doping-Sünderinnen Grit Breuer und Manuela Derr auf Widerstand - wegen Trainer Thomas Springstein.
Die Neue war noch ein wenig pummelig, aber ihre Muskeln wirkten schon wieder so kräftig wie einst. Grit Breuer, 23, sprintete mit einer solchen Wucht über die Laufbahn der Schweriner Leichtathletikhalle, daß die Beobachter überzeugt waren, sie werde bald wieder "Deutschlands Beste" sein.
In Schwerin, hofft die 400-Meter-Läuferin, könne sie ihre Karriere, die unterbrochen ist, seit Grit Breuer 1992 zusammen mit Katrin Krabbe beim Dopen erwischt wurde, "in Ruhe zu Ende führen". Während Katrin Krabbe in Kürze Mutter werden und nie mehr auf die Tartanbahn zurückkehren will, arbeitet Grit Breuer an ihrem Comeback.
Doch als die Sprinterin Anfang April in Schwerin mit ihrer Freundin Manuela Derr, 23, und ihrem Trainer Thomas Springstein, 37, übte, paßte sie so gar nicht zu der Handvoll Athleten, mit denen sie die Halle teilte: sie braungebrannt, die anderen blaß; sie machte Witzchen, alle anderen schwiegen betreten. Das fremde Trio stieß, so erlebte es ein Trainer des Schweriner Sportclubs, auf "blanke Ablehnung".
Denn wo die WM-Zweite von 1991 und ihr Team auch hinkommen, hat sich eine Art Angst vor Ansteckung schon breitgemacht. Sportler und Trainer des Schweriner SC fürchten, daß die wegen Medikamentenmißbrauchs noch bis zum 23. August gesperrten Läuferinnen ihren neuen Verein genauso als Dopingnest stigmatisieren werden wie ihren alten, den SC Neubrandenburg.
Seit Abteilungsleiter Hans Janzon, 64, und der Diskus-Weltrekordler und Pressesprecher Jürgen Schult, 34, die beiden Sprinterinnen im Paket mit ihrem Coach verpflichteten und damit gegen vereinsinterne Absprachen handelten, ist der Klub gespalten: Die bislang beste Läuferin, Andrea Philipp, 23, verließ den Schweriner SC bereits; vor Trainingslagern verlangen Athleten, daß die Neulinge nicht mitfahren. "Von dem Tag an, wo die drei geholt wurden", erinnert sich Trainer Bernd Jahn, "wurden hier alle Entscheidungen unter der Decke getroffen." Auch Jahn denkt daran, den Klub zu verlassen.
Dabei hatten sich die Leichtathleten im Mecklenburgischen gerade mühsam ein neues Weltbild zurechtgezimmert. Seit der Wende sahen sich die Schweriner Leichtathleten als Klübchen der Sauberen und der Tapferen, die vor und nach dem Training in Büros von Sponsoren arbeiten müssen, alle paar Wochen auf Doping getestet werden und mit "Enthusiasmus und Familienidylle" (Schult) den reichen Konzernklubs des Westens trotzen.
Doch jetzt geht in Schwerin das Mißtrauen um: "Wer einmal aufflog", so ein Athlet über den Springstein-Clan, "dem traut man alles zu." Breuer und Co. müßten, meint Andrea Philipp, "erst einmal beweisen, daß sie unter unseren Bedingungen Leistung bringen können".
Wie eine Abiturklasse, die sich ewige Freundschaft schwört und dann ernüchtert erkennt, daß das Leben anders funktioniert, erlebt der Schweriner SC in diesen Wochen schnödes Geschäftsstreben als Sündenfall der Nachwendezeit. Siege, das gilt auch im gesamtdeutschen Sport, garantieren Verein und Verantwortlichen Einnahmen.
Um Breuer, eine Kandidatin für olympisches Gold 1996, zu ködern, boten ihr die Funktionäre Auto, Wohnung, Job und Bargeld an. Als jedoch Andrea Philipp, seit zehn Jahren im Verein, zu Vertragsgesprächen erschien, sollte sie zu verschlechterten Konditionen unterschreiben.
Wer in Schwerin gegen solche Entwicklungen protestiere, sagt ein Trainer, "wird unter Druck gesetzt". Offene Worte dürfe nur Bernd Jahn wagen, der als Bundestrainer dem Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) unterstellt und mithin vom Verein unabhängig ist. Jahn, 47, hockt enttäuscht auf einem Kasten in der kargen Halle und erzählt vom "gemeinsamen Beschluß" der Trainer und der Abteilungsleitung, den "tragischen Heldinnen" Breuer und Derr eine "letzte Chance" zu geben - explizit ohne ihren Trainer.
Allein, so die Kalkulation, hätten sich die beiden Sprinterinnen vortrefflich als Opfer vermarkten lassen. Tatsächlich war die schüchterne Breuer, einst ständiges Anhängsel des Weltstars Krabbe, eher unbedarft in die Doping-Affären geschlittert: "Ich habe mich", sagt sie, "meinem Trainer ausgeliefert." Und daß Manuela Derr, die die Einnahme des Kälbermastmittels Clenbuterol eingestanden hatte, obwohl niemand sie überführt hatte, dennoch wie die ertappten Kolleginnen für drei Jahre gesperrt wurde, galt in der Leichtathletik-Szene ohnehin als Schikane.
Der Halunke, so hatte ein Gutachter schon 1992 befunden, sei einzig und allein Springstein gewesen: Krabbe, Breuer und Derr hätten "jeden Dreck gefressen, den er verteilt hat". Springstein, der es stets als erste Trainerpflicht verstand, "die Mädchen breiig zu rühren", begreift Sport noch immer als "Zweikampf" zwischen Kontrolleuren, "die dir etwas nachweisen wollen", und Trainern, die "wieder eine Lücke finden".
Aber ohne den Teufel waren die Engel für die Schweriner nicht zu haben: Angebote hatten, inklusive deutlich höherer Gagen, auch West-Vereine gemacht. Also boten Schult und Janzon dem arbeitslosen Springstein eine ABM-Stelle an.
So hat sich wieder einmal die große Koalition der Medaillenjäger zusammengefunden. Da Bonn vor Jahren im Krabbe-Fieber dem SC Neubrandenburg eine 46 Millionen Mark teure Halle schenkte, erhofft sich nun auch der Schweriner SC "viel für unseren Kaderstatus" (Schult); Springstein und sein Team sind froh, wieder salonfähig zu sein; und der DLV begrüßte Grit Breuers Comeback-Pläne freudig, weil sie im Gegenzug aus einem Schadensersatzprozeß ausstieg, den Katrin Krabbe gegen den Verband angestrengt hat.
Nur die Integration kommt nicht recht voran. Da die Neulinge bis zum Herbst weiter in der alten Heimat wohnen und trainieren wollen, muß der Schweriner SC für die Nutzung der Sporteinrichtungen rund 10 000 Mark an die Stadt Neubrandenburg zahlen. Soviel Geld, meinen Schweriner Sportler, habe ein Verein nicht übrig, auf dessen Trainingshalle bei jedem Windstoß das Wellblechdach scheppert.
Zudem pflege Springsteins kleiner Troß wie seit jeher den elitären Dünkel. Als Breuer zum ersten öffentlichen Training erschien, wurde die halbe Abteilung dazu verdonnert, als "Staffage" (Jahn) durch die gefegte Halle zu traben. "Die Wut" auf die Eindringlinge sei "grenzenlos" gewesen, sagt eine Athletin.
Für Schult und Janzon ist der Coup mit Grit Breuer allerdings erst der Anfang. Ungeachtet der Mißstimmung unter den Sportlern möchten sie weitere Stars der früheren DDR anwerben: "Ohne Risiko keine Lorbeeren." Y

DER SPIEGEL 17/1995
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