10.04.1995

BücherNACHT MIT FOLGEN

Immer wieder wird er heraufbeschworen: der große deutsche Roman über Wende und Mauerfall. In diesem Frühjahr wagt sich erstmals eine ganze Reihe deutscher, zumeist junger Autoren an das epochemachende Thema - mit in der Regel kläglichem Erfolg. Nur ein Routinier aus Prag meistert den 89er-Roman: der Tscheche Ivan KlIma.
Der in Berlin - damals noch Ost-Berlin - lebende Schriftsteller Christoph Hein schaltete am 9. November 1989 gegen Mitternacht den Fernseher ein. "Auf allen Kanälen ist ein Volksfest zu sehen, offenbar in Westberlin", notierte er in seinem Tagebuch. Dann begreift er langsam: "Die Mauer wurde geöffnet." Und erkennt schnell: "Eine kostbare Ruhe ist dahin."
Es war die Stunde der Tagebücher. Den in Dresden lebenden Lyriker Thomas Rosenlöcher erreichte "die irrsinnigste Meldung" erst am nächsten Morgen: "Die Grenzen sind offen!" Und er notierte ohnmächtig: "Liebes Tagebuch, mir fehlen die Worte."
Mancher Autor hat sie bis heute nicht wiedergefunden. "In dieser Nacht", vertraute später der Thüringer Autor Hanns Cibulka seinem Tagebuch an, "stürzte nicht nur eine Mauer, auch die alten Namen lösten sich von den Dingen, es gab keine Richtung mehr, das ganze Leben war plötzlich in ein graues, undefinierbares Zwielicht getaucht."
Die Nacht, als "die Mauer hinfällig wurde" (Günter Graß), liegt weit zurück - ist sie jetzt literarisch tauglich? Angeblich warten ja die Literaturkritiker sehnsüchtig auf den großen deutschen Wende-Roman. "Hartnäckig wünscht sich das Feuilleton", behauptete etwa der Stern, "daß sich die Literatur der Wiedervereinigung annimmt."
Doch jetzt kommen sie, so scheint es, geballt: die Romane über Einheit und Wende. In diesem Frühjahr häufen sich Titel, die vor dem Hintergrund jener Nacht spielen oder dort ihren Ausgang nehmen. "Ist das das neue deutsche Wiedervereinigungsepos?" fragt die Neue Zürcher Zeitung angesichts des schwarzumhüllten Bandes "Nox" von Thomas Hettche, 30. Und gibt gleich noch die Antwort: "Als literarisches Nachspiel zu dem, was man die ,Wende' nennt, sucht dieser Text bis heute seinesgleichen."
Reinhard Jirgls Roman "Abschied von den Feinden" erhielt sogar schon vor Erscheinen zwei Literaturpreise, und das Lob will nicht verstummen. Jirgl, 42, habe sich mit seinem Wende-Roman "in die vorderste Reihe deutschsprachiger Literaten geschrieben", meldet die Frankfurter Rundschau im schönsten Rezensentendeutsch.
Hettche und Jirgl: zwei Hoffnungsträger der jungen deutschen Literatur? Symptomatisch sind deren neue Romane und die Reaktionen in der Tat - freilich für das verquälte Verhältnis deutscher Autoren zum Erzählen und für die offenbar anhaltende Lust einiger Kritiker, dem Publikum als neu und bedeutsam anzudienen, was Avantgarde von gestern ist.
"Nox", die Nacht: Der Tag bricht "ins Dunkel hinüber", es ist einiges los in Berlin. Ein Autor sitzt in einem Zimmer mit Seeblick vor dem Computer ("Ich ging in jener Nacht zurück in das bernsteinfarbene Licht"); und das Wort ergreift ein Ich-Erzähler, dem gerade eine namenlose Frau die Kehle aufgeschlitzt hat.
Während er sein Leben aushaucht, kommentiert er fidel das Geschehen in Berlin (man verstehe den Insidergag - der Erzähler ist tot, es lebe der Erzähler): "Und ich hörte, wie die Stadt träumte, und wie die Öffnung der Grenze, die sie durchlief wie ihr steinernes Rückgrat, sie ganz langsam erreichte in ihrem Schlaf."
Wer will einer in Verwesung begriffenen, allwissenden Leiche Klischees und holprigen Satzbau vorwerfen? Es geht zur Sache in dieser finsteren Nacht. Nicht nur, daß das "steinerne Rückgrat" zerfällt und entlang der Mauer "die Narbe, die mitten durch die Stadt lief, aufbrach wie schlecht verheiltes Gewebe" - nein, schwarz sind auch die Straßen, "schwarz vor Fußgängern, die, von den Blitzlichtern der Fotografen erhellt, in den Westen drängten".
Und geliebt wird im deutsch-deutschen Dunkel - ein einziger Vereinigungsrausch. Im Fond eines Trabant, der den Grenzübergang Prinzenstraße passiert, sitzt kopulierend ein Paar ("Sie zog ihren Rock hoch und bestieg ihn"). Andernorts öffnet eine Blonde aus dem Osten einem Westler in der Nacht der offenen Mauer die Hose und verhilft ihm oral zum Höhepunkt: "Und etwas, sah sie, zerbrach in seinem Gesicht, eine Verstrebung oder ein Fundament" - wer bemerkt da nicht, ungeachtet stilistischer Verstörung, die Parallele.
Eine Nacht, die im Sadokitsch ausklingt: "Sie hing, kopfüber, still. Ihr Körper mit den Beinen nach oben, sich selber fremd, eine Pflanze und ihr Geschlecht eine Frucht." Und Sätze, die von Christa Wolf stammen könnten: "Nichts, dachte sie, wird so bleiben, wie es war. Und nichts blieb als zu warten, was aus ihnen werden würde."
Die plumpe Vermengung von Geschlechts- und Maueröffnungen, von Wunde und Wende, von Verwesung und deutscher Nacht - alles nur ein Spiel? Beim Kritiker der Frankfurter Rundschau ist "Nox" prompt als Antiliteratur durchgegangen: Es sei hier "die ,nationale Thematik' mit Geschick und literarischem Scharfsinn vermieden worden". Kein "neudeutsches Pathos" entsteige dem Roman, "auch kein Plädoyer für eine neue Erzählseligkeit".
Doch Hettches Roman ist schlicht ein miserables Buch, das seine Schwülstigkeit hinter der Maske augenzwinkernder Inszenierung nur schlecht verbergen kann. Der bei Gießen geborene Autor, der 1989 mit dem Roman "Ludwig muß sterben" debütierte, hat jenes Jahr zwar in Berlin verbracht und war auch in der Nacht des 9. November vor Ort, doch sein literarischer Reflex ist die Bankrotterklärung eines Talents.
Und Reinhard Jirgl? Er stammt aus dem Osten, lebt in Berlin, sein erster Roman erschien 1990 ("Vater Mutter Roman"). Jirgl erzählt in "Abschied von den Feinden" eine tragische deutsche Geschichte, die weit über jene Nacht hinausgreift, als "in Berlin die Mauer Stück-für-Stück niedergerissen wurde Bei Feuerwerk & Jubel Bei Sekt & Polizeisirenen".
Die Geschichte zweier Brüder: Einer ist in den Westen gegangen, einer im Osten geblieben. Immer wieder wird eine Urszene aus der gemeinsamen Kindheit beschworen: Mitte der fünfziger Jahre hat die Staatsmacht der DDR die Mutter in die Irrenanstalt gesperrt. Später dann haben die Brüder nacheinander dieselbe Frau geliebt - der eine erst, nachdem der andere das Feld Richtung Bundesrepublik geräumt hatte.
Diese Geschichte, die für eine Erzählung von 40, 50 Seiten vielleicht getragen hätte, wird von Jirgl häppchenweise, gegen die Chronologie, verschroben und verschraubt dargeboten. Das würde noch angehen, wenn der Autor nicht den wirklich unseligen Einfall gehabt hätte, seinen Stoff - wie schon in früheren Arbeiten - durch den Fleischwolf einer eigens konstruierten Schreibweise zu drehen.
Von dieser Privat-Orthographie glaubt der Schöpfer, daß durch sie "differenzierte Zeichenebenen" entstehen würden, "die als Sinnträger eine größere Genauigkeit der Beschreibung ermöglichen". So werden Zahlwörter fast durchweg als Ziffern geschrieben, auch wenn sie als Silben eines Wortes verwendet werden ("vereinzelt" wird zu "ver1zelt"). Jirgls so oberlehrerhaft wie schlecht formulierte Begründung: "Zum Verdeutlichen des Erscheinungsbildes eines Textes in seiner Physis, worin auch das erotische Moment eines Text(ab)bildes enthalten ist."
Die "Gefilde des Erotischen" im Roman entlarven am besten, was dieses Brimborium überdecken soll: Sprachlosigkeit. Wo die Pubertät als Zeit "spontaner Erektionen & allgemeiner Überschätzung alles Schleimhäutigen" beschworen wird, fehlt auch der Professor nicht, der dem Weiblichen ("die Spitzen ihrer Brüste prägten sich in den Blusenstoff") so zugetan ist, daß das Examen mancher Studentin zum "Eck-Samen" wird. Da hat nun "Gans-Deutschland" etwas zu lachen: so ging es unter dem "EsEhDe-Reschiem" zu.
Schon vor mehr als 70 Jahren hat Bertolt Brecht zu solch verquältem Bemühen das Nötige gesagt: "Ich weiß nicht, warum die Jüngsten so krampfhaft an ihrem Material herumneuern und mit der Reform bei der Sprache anfangen, die doch recht eigentlich das Unbedachteste, Leichtwiegendste, Schwebendste sein soll." Deren Reiz verblasse, wenn sie absichtlich wirke: "Das sind Bemühungen eines kleinen Geschlechts."
Kalauer und Künsteleien: Die deutsche Einheit scheint den Schriftstellern die Sprache verschlagen zu haben.
"Wie gut, daß ich keine Bücher schreibe" - so läßt Volker Braun kokett sein neues Buch "Der Wendehals" beginnen. Braun, 55, ein Autor, der in der DDR mehr beheimatet war, als er wohl selber glaubte, bietet einen kleinen Dialog zur Situation nach dem Fall der Mauer: "Ich" und "Er" im Streit, sie schreiten durch Berlin, der eine eher skeptisch angesichts der neuen Verhältnisse, der andere angepaßt.
Gleichwohl ein lahmer Streit. Grundhaltung: "Ich bin des Diskutierens müde, und wie die Dinge liegen, ist ihnen nicht mit raschen Texten aufgeholfen." Ein bißchen Kabarett: "Red keine Romane, laß uns leben." Und bemühter Witz: "Es muß ja nicht die letzte Wende sein." Fazit wie gehabt: "Überall wird entrümpelt . . . Gnadenlose Abfuhr." Und: "Die Selbstgewißheit ist, wie wir wissen, im Eimer." Resignation, Rückzugsgefechte, Platitüden.
Allzu anregend wirkte die Mauer auf deutsche Autoren ohnehin nie - auch vor dem 9. November nicht. Nur wenige Bücher machten die deutsche Teilung zum Thema, Christa Wolfs Erzählung "Der geteilte Himmel" (1963) etwa oder Peter Schneiders "Mauerspringer" (1982).
Und als 1985 Botho Strauß in einem Gedicht nur zu fragen wagte, was wohl "das Herz eines Kleist" angesichts der "Teilung des Lands" empfinden würde, wurde er ebenso verhöhnt wie zwei Jahre später Martin Walser, der in seiner Novelle "Dorle und Wolf" von "Halbierten" sprach, die gar nicht wüßten, daß ihnen die "Leipziger Hälfte" und ein "Dresdener Teil" fehlen würden.
Erträglich scheint der literarische Umgang mit der neuen Durchlässigkeit zwischen Ost und West allenfalls noch im trivialen Genre. Zwei Unterhaltungsromane - "Vicky Victory" von Barbara Sichtermann und "Sie saß in der Küche und rauchte" von Reinhard Wosniak - greifen die Gelegenheit neudeutscher Liebesbegegnungen munter auf. Keine große Literatur, vergnügliche Konfektion.
Hier wie dort versucht ein Held aus dem Osten vor der Angebeteten zu verheimlichen, daß er "Ossi" ist. Wosniaks Geschichte spielt 1990 in Florenz, wo der Ich-Erzähler endlich die Kunstschätze betrachten will und ihm die West-Berlinerin Anna die verhängnisvolle Frage stellt: "Du kommst aus dem Osten?"
Schauplatz des Sichtermann-Romans ist Berlin "im Jahr Eins nach der deutschen Einheit": Igor, arbeitsloser Weiberheld, verliebt sich in Vicky Victory, die in Wirklichkeit Petra heißt und alles andere als eine Siegerin ist.
Es geht nicht gut: "Wir sitzen und stieren einander in die Augen, grinsen verdruckst und denken beide dasselbe: Sie ist aus dem Osten und gibt es nicht zu. Ich bin aus'm Osten und geb' es nicht zu." Statt Wende-Dramatik das Satyrspiel.
Allein ein tschechischer Autor, Ivan KlIma, führt vor, was ambitionierte Erzählkunst kann, ohne an Unterhaltsamkeit einzubüßen: mit seinem jüngsten Roman "Warten auf Dunkelheit, Warten auf Licht".
KlIma, 63, setzt den Umbruch von 1989 und dessen Folgen vor der Kulisse von Prag in Szene. 20 Jahre lang hat der Kameramann Pavel Fuks dem Staatsfernsehen gedient, hat die kommunistischen Potentaten verewigt, ein Mitläufer also.
Fuks, ein Mann in den Vierzigern, ist schwach. Er liebt die Frauen - und kann sich für keine entscheiden. Er liebt seinen Beruf, träumt von eigenen Filmen - und macht Propaganda.
Nach der Wende gibt er seinen Posten auf, um einem Rausschmiß zuvorzukommen; er dreht nun Werbe- und Pornofilme - ein trauriger Held, der nicht mehr mithalten will mit den Opportunisten, die schon wieder oben schwimmen.
KlIma gelingt das Kunststück, ihn sympathischer erscheinen zu lassen als die politisch korrekten Matadore der samtenen Revolution. Zwar läßt der Autor keinen Zweifel daran, daß die siegreichen Demonstranten im Recht sind, klar wird aber auch: Menschen mit den kleinen, alltäglichen Träumen, Menschen wie Pavel Fuks, verdienen nicht weniger Respekt.
KlIma hat ein feines Gespür dafür, wieviel Historie seine Geschichte verträgt - und wo er zu seinem Helden zurückzukehren hat. Ein Wende-Roman? Ein Epos jedenfalls über die Umbrüche der jüngsten Vergangenheit und die Gegenwärtigkeit einer umfassenden Beunruhigung.
Die Ruhe ist dahin - ob sie so "kostbar" war, wie Christoph Hein im Schock jener Nacht von 1989 noch glauben mochte, stellt KlImas Roman nachträglich in Frage. Ein solches Buch hätte man auch von einem deutschen Schriftsteller gern gelesen. Volker Hage
Sie aus dem Osten, er aus dem Osten, und keiner gibt es zu
[Grafiktext]
Literatur der Wende
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 15/1995
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