10.04.1995

Duftspur unter Glas

Auch in der modernen High-Tech-Forensik können Hunde mit ihrem Spürsinn immer noch mithalten - sie riechen Schweiß 260 000mal besser als der Mensch. Der Siegener Staatsanwalt Joachim Ebsen brachte letztes Jahr einen Mörder hinter Gitter. Hauptindiz war Körpergeruch.
Der Fall ereignete sich in Lennestadt in Westfalen: Eine 51jährige Frau spaziert durch ein kleines Waldstück. Es dämmert bereits, als der Mörder sie überrascht. Es kommt zu einem heftigen Kampf.
Von zwei Kopfschüssen niedergestreckt, wird die Frau aufgefunden. Neben dem Opfer liegt Unterwäsche, die der Täter gewaltsam zerrissen hatte. Ein Verdächtiger, Jahrgang 1961, wird ermittelt. Doch der Mann leugnet.
"Ein schwieriger Fall", erinnert sich Ebsen. In seiner Beweisnot entschließt sich der Staatsanwalt zu einem ungewöhnlichen Schritt. Er wendet sich an die Landespolizeischule für Diensthundeführer in Holte-Stukenbrock.
Tage danach rücken die Beamten in Siegen an und drücken dem Untersuchungshäftling ein Edelstahlrohr in die Hand: "Halten Sie das zehn Minuten." Dann packen die _(* An der Landespolizeischule ) _(Holte-Stukenbrock. ) Fahnder das mit Handschweiß kontaminierte Rohr in ein luftdichtes Glas und verschwinden wieder.
Tage später liegt das Geruchsasservat in einem Raum der Landespolizeischule. Die Beamten verfügen über drei Hunde, denen sie besonders viel zutrauen. In jahrelangem Training sind die deutschen Schäferhunde Gila und Rondo sowie der neunjährige Mischling Schwarzer auf eine Schnüffelprozedur trainiert.
Zuerst wird Gila in den Raum geführt und nimmt am zerrissenen Tatort-Slip "Witterung auf", wie Einsatzleiter Günther Bonke erklärt. Dann tapst das Tier an eine Plattform, auf der jeweils im Abstand von 50 Zentimetern drei präparierte Riechproben liegen.
An einem dieser Rohre klebt der Handschweiß des Täters. Der Hund hebt die Pfote und kratzt daran. Sodann durchlaufen Rondo und Schwarzer den Duftparcour - mit demselben Ergebnis.
Der "Stukenbrocker Geruchsspurenvergleich" wird vor deutschen Gerichten als Beweismittel akzeptiert. Ein Mathematiker hat seinen Ablauf bis ins Detail festgelegt. Letztes Jahr kamen die Tiere gut 20mal zum Einsatz. Die Landeskriminalämter von Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt bauen derzeit eigene Schnupperstaffeln auf.
* An der Landespolizeischule Holte-Stukenbrock.

DER SPIEGEL 15/1995
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