01.05.1995

„Wie ein Terrier“

Karl Mays Figuren streiten um Gut oder Böse, die Eigentümer des Karl-May-Verlages auch: Gut ist, wenn sie den Meister drucken, böse, wenn es ein anderer tut.
Der Karl-May-Verlag in Bamberg ist in mancher Hinsicht ein Unikum: Er verlegt ausschließlich einen einzigen Autor, und er bekämpft mit einzigartiger Streitlust jeden anderen, der sich auch an Karl May vergreifen will.
Seit vielen Jahrzehnten beherrschen die Nachkommen des Verlagsgründers Euchar Schmid, die drei Söhne Lothar, Joachim und Roland, mit ihren berühmten grünen Schwarten das Geschäft mit Karl May. 1960 siedelte der in Radebeul gegründete Verlag nach Bamberg über, Mays Nachlaß nahm die Familie für 50 000 Mark mit.
Ein Streich, dessen Umstände nie geklärt worden sind - aber er zahlte sich für die Bamberger Verlegerfamilie aus. Mit einer Auflage von rund 100 Millionen Büchern ist May der meistgelesene deutsche Romanautor. Vor allem die Winnetou-Filme in den sechziger Jahren schraubten die Auflagen der Karl-May-Abenteuer in phantastische Höhen.
Heute ist die Begeisterung für Karl Mays brave Helden abgekühlt. Eine geschrumpfte, aber solide Gemeinde bleibt dem Meister dennoch treu: Neben nachwachsenden pubertierenden Schmetterfaust-Schwärmern sind es Nostalgiker, Sammler sowie ein dickes Polster später Freunde im Osten. Immerhin eine Viertelmillion Bücher im Jahr verkauft der Karl-May-Verlag nach eigenen Angaben noch.
Festspiele in Bad Segeberg und Elspe locken jeden Sommer Zehntausende, Karl-May-Liebhaber zahlen für alte Filmplakate 500 Mark, für rare Bände gar 1000. Karl-May-Kalender, Kassetten, Spiele, Krüge, Aschenbecher, Handtücher, T-Shirts - das nötige Futter für den treuen Fan.
"Der Name Karl May ist zeitlos", glaubt der Bamberger Verlagsjunior Bernhard Schmid, "Winnetou und Old Shatterhand sind bekannter als manche Disney-Figur und als Helmut Kohl."
Jedoch: Nicht überall, wo Karl May draufsteht, ist Karl May drin. Die Abenteuer in den grünen Bänden, die Millionen Jugendliche im funzeligen Strahl ihrer Taschenlampen verschlangen, sind nicht die Originale des Meisters, sondern das Ergebnis Schmidscher Redigierarbeit.
Einst bekam der Verlagsgründer von der Witwe Mays die Erlaubnis, das Geschriebene ihres Gatten zu bearbeiten. Seitdem fuhrwerken die Schmids in den Romanen herum. "Es gibt keinen Autor", zürnt der Zürcher Verleger Gerd Haffmans, "dem so übel mitgespielt wurde."
Mit Abscheu beobachten Verleger und Karl-May-Experten seit langem das Bamberger Treiben. Es sei ein einmaliger Skandal in der Publikationsgeschichte, meint Heiner Taubert vom Kölner Parkland Verlag, "daß ein so vielgelesener Autor von seinem Verleger so gründlich verfälscht wurde".
Doch gerade die Bearbeitung begründete über Jahrzehnte das Bamberger Monopol: Die eigenen Textfassungen hat der Karl-May-Verlag urheberrechtlich schützen lassen - der originale Karl May ist seit 1962 gemeinfrei, das heißt: für jedermann verwertbar.
Nur - wer es je versuchte, hatte die Anwälte der Bamberger am Hals. Mit Inbrunst und unvergleichlicher Prozeßlust wirft sich der Karl-May-Verlag vor die Werke seines Autors.
Verleger, Film- und Hörspielproduzenten, die sich aus dem Bamberger Nachlaß bedienen wollen, müssen Tantieme zahlen. Kaum eine Devotionalie kommt ohne den Zugriff der Schmids in den Handel. Der Verlag ließ sich die Namen Karl May, Winnetou und Old Shatterhand einfach als Warenzeichen eintragen.
Mit enormem juristischem Gerassel kommt der Karl-May-Verlag in der Regel ohne Klärung der Rechtslage ans Ziel. Die Drohung mit einstweiligen Verfügungen und teuren Prozessen macht die Verfolgten schnell gefügig.
Sogar Bertelsmann kniff. Vor 20 Jahren luchste der Karl-May-Verlag dem Bücher-Riesen die Zusage ab, nie wieder eine May-Edition herauszugeben. Dem Xenos-Verlag setzten die Schmids wegen Fotografien auf den Einbänden zu, die angeblich urheberrechtliche Ansprüche verletzten. Xenos zahlte die geforderte Tantieme und verramschte kurz darauf seine Restauflage.
Der Zürcher Haffmans Verlag stellte seine 99bändige historisch-kritische Ausgabe mit Mays Originaltexten auf den juristischen Beschuß der Bamberger hin wieder ein. "Die versuchen, jeden wegzubeißen", sagt Haffmans genervt. "Ich lasse mich nicht zerfleischen."
"Wie ein Terrier begleiten sie jede Werbeaktion", so Taubert vom Parkland Verlag. Als "Hauptwerk" Karl Mays hat Parkland seine 33bändige Ausgabe beworben. Prompt schnappte der Karl-May-Verlag zu: Nach seiner Auffassung sei die Bezeichnung unzulässig.
"Für einen kleinen Verlag ist es ein ungeheures Risiko, sich an Karl May heranzuwagen", sagt Taubert. Schon mehrmals gab Parkland nach, um die Auslieferung seiner Auflage nicht zu gefährden; zum Beispiel zahlte er 30 000 Mark für die Verwendung des angeblich geschützten Titels "Durch die Wüste".
Aber kein Monopol hält ewig. Das Publikum schmökert immer lieber in den alternativen Ausgaben. In den neuen Bundesländern etwa hat es der Karl-May-Verlag schwer, seine grünen neben den Bänden des Ostverlags Neues Leben zu behaupten.
Über 30 000mal hat Parkland in drei Jahren seine Billigausgabe mit dem echten Karl May verkauft - für den Bamberger Verlag Grund genug, den unliebsamen Konkurrenten zäh zu verfolgen.
Der Klein-Verleger will sich nun nicht mehr in die Knie zwingen lassen. "Diesmal werden wir nicht zahlen", verkündet Taubert mit dem Mut des echten Westmannes. "Wir geben nicht nach."

DER SPIEGEL 18/1995
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