01.05.1995

AutorenVom Es zum Ich-Du

Von Kindheit an, im beschirmten Juristen-Heim, hatte sie "nur wenig Sinn für die Realität". Als Teenager erhitzte sie sich für den Vakuum-Theoretiker Martin Heidegger. Der Philosophensatz "Dasein ist das Hineingehaltensein in das Nichts" gab ihr jahrelang existentiellen Halt. Und erst allmählich "nistete sich ein radikales Christentum" in ihr ein. Seither jauchzt die fortschrittliche Ökumene über den Betätigungsdrang der evangelischen Theologin Dorothee Sölle.
Von den Zinnen der Befreiungstheologie hat sie Unterdrückung und Ausbeutung der Dritten Welt angeprangert, Kapitalismus und Rüstung verdammt. Sie hat die Gebets- und Jutegruppen der Friedensbewegung befruchtet und "den Feminismus zum menschheitlichen Unternehmen" erklärt.
Frau Sölle hat sich ein streng gescheiteltes, sozialromantisches Weltbild zugelegt, in dem die Armen gut und die Reichen abgrund böse sind. Sie ist ein Mensch mit enormer Herzensbildung, eine der barmherzigsten Seelen in dieser heillosen Zeit. Warum aber verdüstert diese Ikone der siebziger Jahre ihr christsoziales Lebenswerk nun nachträglich mit einem weiträumig verquasten Memoirenband: mit einer Suada aus Schwulst und Larmoyanz?
Unbeugsam links reckt sich diese Betroffenheitsduse in den "Gegenwind" (Buchtitel) luziferischer Mächte*. Sie hat unermüdlich übertarifliche "Hoffnungsarbeit" und "Trauerarbeit" geleistet, über die "Feindesliebe in der Klassengesellschaft" diskutiert und bei den "Nürnberger Orgelwochen" das Thema "Bach lieben in der Folterwelt" erörtert. Sie ist stolz auf "mein Frausein", verabscheut intensiv "Häkeln und Stricken" und ersehnt "das Leben in Ganzheit". Überdies ist die dynamische Protestantin beseelt von "der menschheitlichen Aufgabe", die "Beschädigungen des Patriarchats" zu überwinden. Denn tief wurzeln in dieser Männerwirtschaft "Misogynie, Gebärneid und Angst".
Trotz erheblicher Vorbehalte hat sich Frau Dorothee aber in die Gegengeschlechtlichkeit versenkt und geheiratet. Mit dem (zweiten) Ehemann Fulbert Steffensky neckt und streitet sie sich gern. Er leidet "unter meinem zu starken _(* Dorothee Sölle: "Gegenwind". Verlag ) _(Hoffmann und Campe, Hamburg; 320 Seiten; ) _(36 Mark. ) Tee und ich unter seinem zu starken Kaffee". Dennoch hat das Paar die Grundwerte einer soliden Hausgemeinschaft erkannt: "Ohne Es kein Ich-Du, ohne Welt kein gemeinsames Wachsen" und "ohne Vision vom anderen Leben keine Ehe, sondern nur die bloße verödete Konsumorientierung". Beschämt krümmen wir uns in unsere neue Couchgarnitur, bleich stopft die Gefährtin ihr antivisionäres Chanel-Kostüm in die Altkleidersammlung.
Es hat aber in den Sölle-Ehen nicht nur Vergeistigung, sondern auch leibliche, "inselhafte Ich-Du-Begegnung" stattgefunden. Davon zeugen vier nunmehr erwachsene Kinder, bei deren Geburt die Theologin wertvolle Erkenntnisse über ihr Frausein gewonnen hat. Erneut kommt sie "menschheitlich" stark ins Grübeln und berichtet von der "Urerfahrung der Frauen, von den Eröffnungswehen zu den Preßwehen zu kommen", dies sei "grundlegend für jede menschengemäße Beziehung zum Schmerz".
Sie formuliert dann aufgewühlt: "Wie wird unser Schmerz zum Schmerz Gottes? Wie gewinnen wir Anteil am messianischen Schmerz der Befreiung, am Stöhnen der in Wehen liegenden Schöpfung?" Dann gerät die Mater dolorosa "in ein theologisches Stammeln hinein, das für die lebendigste Theologie heute charakteristisch ist", und der erschöpfte Leser rätselt: Welcher Kobold ist denn jetzt in die Autorin gefahren?
Die Frage hat wohl auch Sölle-Kenner schon beschäftigt. Der rheinische Philanthrop Heinrich Böll überzog die Gesinnungsfreundin gern mit "Zärtlichkeit und Spott". Sie hat ihn vor allem innig verehrt, weil er "den Krieg so gründlich haßt, wie es sonst nur Frauen tun". Mit "Hein" und seiner angetrauten Annemarie verbrachte das Ehepaar besinnliche und weinselige Stunden. Dann intonierten sie gemeinsam das Lied "Ick wull, wir wärn noch kleen, Johann". Der Dichter rief vergnügt: "Trink doch noch was, Alte!" und entbot den Pazifisten sogar das Du. "Fulbert! Dorothee! Wir waren sehr glücklich."
Lag es an Freund Hein, daß die Theologin sich mit einer Rolle als Spezialistin für transzendentales Gebären nicht bescheiden wollte? Jedenfalls hat sie sich freizeittechnisch der Dichtkunst zugewendet und Lyrik abgesondert, zum Beispiel ein Poem über den Wohnsitz des lateinamerikanischen Friedenskämpfers Ernesto Cardenal ("Das Haus hat eine Stille/ auch wenn das Fernsehen dudelt").
Dem toten Böll hat sie sogar ein Heldengedicht gewidmet: "Wer schützt mich jetzt/ vor den Projektilen der Polizei/ die in die unbewaffnete Menge schießt."
So ist diese herzensgute Träumerin vor dem Herrn nun 65 Jahre alt geworden. Und sie hat, auch ohne den kugelsicheren Poeten, kreuzfidel alle Massen-Hinrichtungen in deutschen Frauenzentren, jedes Blutbad an Ostermarschierern und Öko-Zirkeln unversehrt überstanden. Aufrecht realitätsfern wirkt sie fort als "theologische Arbeiterin" mit "Anteilhabe an der weltweiten christlichen Bewegung". Und auch für den Gang in die Ewigkeit ist sie gut gerüstet: "Ich bin", schreibt sie dunkel, "zu Hause in diesem Kosmos, ohne daß ich jetzt meine Teilhaftigkeit, die ich vielleicht 70 Jahre lang gehabt habe, weiterleben müßte."
Fulbert, Sie als Gatte, verstehen Sie diesen Satz? Unsere Anteilhabe ist bei Ihnen. Und wenn Sie, zerrüttet von Misogynie und Gebärneid, den Weg nicht mehr finden vom Es zum Ich-Du, dann kochen Sie Ihrer häuslichen Hirtin eine besonders starke Tasse Kaffee. Das befreit, ganzmenschlich. Y
* Dorothee Sölle: "Gegenwind". Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg; 320 Seiten; 36 Mark.
Von Peter Stolle

DER SPIEGEL 18/1995
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