08.05.1995

„Hinrichten, notfalls ohne Urteil“

Die perverse Phantasie der Firma "Horch und Guck", wie die Stasi in der DDR flüsternd genannt wurde, kannte keine Grenzen: 86 000 Bürger waren im nicht genauer definierten "Ernstfall" zur Beobachtung, teils zur Internierung in Zwangsarbeitslagern vorgesehen. 35 Lager hatte die Staatssicherheit überall in der DDR für den Tag X vorbereitet. Das vorgegebene Verhaftungssoll lag bei 400 "feindlich-negativen Personen" pro Stunde.
Was solchen Feinden in letzter Konsequenz widerfahren konnte, hatte der oberste Geheimpolizist Erich Mielke vor ausgewählten Kameraden einmal lautstark so erläutert: "Hinrichten, wenn notwendig auch ohne Gerichtsurteil!"
Gegen den realsozialistischen Stasi-Alltag wirken die Orwell-Visionen eines totalitären Staates von "1984" zuweilen wie eine betuliche Satire.
Manchmal ging es zwar grotesk, aber keineswegs lustig zu. Da wurde der Begriff Beschnüffelung wortwörtlich genommen, die Stasi ging dem Volk per "Geruchsproben" direkt an die Wäsche und konservierte das Ergebnis in Weckgläsern. Da sollte, so überlegten Agenten, einem Dissidenten so viel Alkohol eingeflößt werden, daß er auf dem Heimweg "erfriert".
Dann wieder hieß die Parole nicht Erfrieren, sondern Ruinieren. So wollten Stasi-Provokateure 1985 dem regimekritischen Pfarrer Rainer Eppelmann das Weihnachtsfest versauen. In seiner Berliner Samaritergemeinde wurden anonyme Ferkeleien gestreut, die seiner Frau Evi ein ehebrecherisches Verhältnis zu einem Kirchenmusiker andichteten.
"Es war ein neuer Höhepunkt der Stasi, uns zu zersetzen", beschreibt der Dissident, spätere Minister und heutige CDU-Bundestagsabgeordnete die Umtriebe in seiner Biographie "Fremd im eigenen Haus".
Auf den Unterleib zielte eine Diffamierungskampagne auch bei dem DDR-kritischen Schriftsteller Jürgen Fuchs. Er, so ein Stasi-Komplott, sollte als schwul denunziert werden, selbst bei seiner Frau.
Im Herbst 1970 wäre den Ost-Berliner Schnüfflern fast der Dichter Heinrich Böll zum Opfer gefallen. Als Böll damals mit dem in der DDR verfemten Kollegen Peter Huchel bei dem von der Stasi observierten Schriftsteller Rolf Schneider in Ost-Berlin verabredet war, wurde, so Schneider, "der zuckerkranke Böll an der Grenze aus dem Taxi gefischt und so viele Stunden lang gefilzt, daß er kollabierte".
Mielkes Firma hielt das Land fest im Griff. "Flächendeckende Überwachung" wurde praktiziert, die Briefe wurden mitgelesen, die Telefonate abgehört. Heimlich wurde jedes Westauto, das die DDR passierte, radioaktiv durchleuchtet. Unter falscher Flagge schleuste Mielke "Offiziere im besonderen Einsatz" in den Staatsapparat und in die Wirtschaft.
Eine Viertelmillion beamteter oder inoffizieller Mitarbeiter war bei der flächendeckenden Bespitzelung, Zersetzung oder gar Ausschaltung Verfolgter im Einsatz.
Da kam eine Menge Material zusammen, das sich beim Zusammenbruch der DDR der Auflösung ins Nichts widersetzte. Als die Bürgerrechtler 1989/90 die Stasi-Zentralen besetzten, waren die Prominentenakten und der Bestand des Spionagedienstes _(* Anfang Oktober 1989 in Leipzig. ) HVA zwar schon weitgehend beseitigt.
Doch es wären wohl noch viel mehr Unterlagen aus dem Unterdrückungsapparat der Diktatur verschwunden, wären bei der fieberhaften Beseitigungskampagne nicht buchstäblich die überlasteten Reißwölfe und andere Aktenvernichtungsapparaturen durchgebrannt.
Was so überwältigend wirkte, war jedoch nur eine kleine Minderheit. Maximal zwei Prozent der 17 Millionen DDR-Bürger, rechnet Joachim Gauck seinen Landsleuten vor, hätten aktiv mit der Staatssicherheit zu tun gehabt: "Wir waren nicht alle Spitzel."
Folglich müßten sich 98 Prozent der Ostdeutschen eigentlich über die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit freuen, zumindest jene Millionen Menschen, die in irgendeiner Form Stasi-Opfer waren.
Richtig ist allerdings, daß der DDR-Normalbürger der Mitläufer war - und daran möchte er heute nicht gern erinnert werden.
Dieses Argument ist nicht nur aus Ostdeutschland - und nicht erst seit 1989 - bekannt. Es sei schwer erträglich, kommentiert Schriftsteller Ralph Giordano, "von 1945 bis heute immer wieder zu hören, es muß doch endlich Schluß gemacht werden".
* Anfang Oktober 1989 in Leipzig.

DER SPIEGEL 19/1995
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 19/1995
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Hinrichten, notfalls ohne Urteil“

Video 00:45

Warschau Riesige Dampfwolke legt sich über die Stadt

  • Video "Jungfernflug in Kanada: Erstes E-Verkehrsflugzeug hebt ab" Video 01:16
    Jungfernflug in Kanada: Erstes E-Verkehrsflugzeug hebt ab
  • Video "Dartford bei London: Der Wahlkreis, der immer recht hat" Video 02:56
    Dartford bei London: Der Wahlkreis, der immer recht hat
  • Video "Ex-Boeing-Manager über den Flugzeugbauer: Ich habe eine Fabrik im Chaos erlebt" Video 01:30
    Ex-Boeing-Manager über den Flugzeugbauer: "Ich habe eine Fabrik im Chaos erlebt"
  • Video "Klimaschutzplan der EU-Kommission: Von der Leyens Vision vom grünen Europa" Video 00:38
    Klimaschutzplan der EU-Kommission: Von der Leyens Vision vom grünen Europa
  • Video "Frust vor Großbritannien-Wahl: Keiner von denen sagt die Wahrheit" Video 01:24
    Frust vor Großbritannien-Wahl: "Keiner von denen sagt die Wahrheit"
  • Video "Greta Thunberg beim Klimagipfel: Man rennt sofort los und rettet das Kind" Video 01:52
    Greta Thunberg beim Klimagipfel: "Man rennt sofort los und rettet das Kind"
  • Video "Klopps Entschuldigung beim Dolmetscher: Ich war ein Idiot" Video 01:25
    Klopps Entschuldigung beim Dolmetscher: "Ich war ein Idiot"
  • Video "Vulkaninsel Neuseeland: Angst vor weiterem Ausbruch verhindert Bergung" Video 01:26
    Vulkaninsel Neuseeland: Angst vor weiterem Ausbruch verhindert Bergung
  • Video "Vertikale Stadt: Öko-Wohnzylinder fürs Emirat" Video 02:00
    "Vertikale Stadt": Öko-Wohnzylinder fürs Emirat
  • Video "Video aus Costa Rica: Bauchlandung mit Kleinflugzeug" Video 00:50
    Video aus Costa Rica: Bauchlandung mit Kleinflugzeug
  • Video "Wahlkampffinale in Großbritannien: Johnson gewinnt! Oder?" Video 02:06
    Wahlkampffinale in Großbritannien: Johnson gewinnt! Oder?
  • Video "Nach Vulkanausbruch auf White Island: Sie waren vollkommen mit Asche bedeckt" Video 02:10
    Nach Vulkanausbruch auf White Island: "Sie waren vollkommen mit Asche bedeckt"
  • Video "Wahlkampf in Großbritannien: Boris Johnson und der Kinohit" Video 01:41
    Wahlkampf in Großbritannien: Boris Johnson und der Kinohit
  • Video "Expedition Antarktis: Größtes Segelschiff der Welt läuft aus" Video 01:27
    Expedition Antarktis: Größtes Segelschiff der Welt läuft aus
  • Video "Warschau: Riesige Dampfwolke legt sich über die Stadt" Video 00:45
    Warschau: Riesige Dampfwolke legt sich über die Stadt