22.05.1995

EsoterikTeure Tüten

Klare Seen, wohlriechende Gülle und knackiges Obst - deutsche Bauern hantieren mit einem „kosmisch informierten“ Zauberpulver.
Bauer Karl-Heinz Möhrle aus dem badischen Salem hat 50 Milchkühe. Jeden Morgen kippt der blonde Landwirt den Tieren zwei Eßlöffel "Penac T" ins Futter. Seitdem, berichtet er, würden seine Rinder vor Gesundheit strotzen: "Die Tierarztkosten sind fast auf Null gesunken."
An Hexerei grenzt auch die Sache mit der Jauche. "Ständig war die Güllepumpe verstopft", erzählt Möhrle. Placken von Feststoffen verstopften die Jauchebehälter und Abflußkanäle. Seit der Landwirt "Penac G" in den Flüssigmist kippt, treten die Verkrustungen nicht mehr auf.
Geschehen wieder Zeichen und Wunder? Penac steht für "Plocher Energieakkumulator" und bezeichnet eine Apparatur, deren rätselhaftes Getriebe nur ihr Erfinder kennt: Roland Plocher, 55.
"Das Gerät bündelt die uns umgebenden Energien und moduliert sie auf ein Trägermaterial", erklärt Plocher. Nach seinen Angaben kann der Apparat zum Beispiel die "energetische Information Sauerstoff" auf das Material Quarzsand kopieren. Wirft ein Bauer solch "informiertes" Gesteinspulver in die Jauche, verhält es sich angeblich wie Sauerstoff - die Brühe wird besser zersetzt.
Unter Landwirten und Wassertechnikern gilt der Mann aus Meersburg am Bodensee mittlerweile als Uri Geller der Gülleerweichung. Ob überdüngte Seen oder stinkende Klärgruben - Plochers Superpülverchen Penac, so melden begeisterte Anwender, wirke wasservitalisierend, baue Faulschlamm und Algenwuchs ab und reaktiviere die Selbstreinigungskräfte eutrophierter Seen.
Die Humbug-Produkte finden reißenden Absatz. 30 000 Bauern haben sich bereits mit dem Öko-Mehl eingedeckt. Süddeutsche Weinbauern besprühen ihre Reben mit Penac P. Hühnerfarmer versuchen mit dem Puder die ammoniakgeschwängerte Miefluft in ihren Kükenhallen zu reinigen. Jüngst weilte Plocher auf Staatsbesuch in Hanoi, um den Vietnamesen ihre stinkig überdüngten Reisfelder zu kurieren.
Auch viele deutsche Kommunen haben ihre Skepsis überwunden. In Dutzende von algenblühenden Fischteichen, Klärwerken und nitratverseuchten Gemeindetümpeln durfte der Öko-Retter "sauerstoffinformierte Energieröhren" versenken. Letzten Donnerstag begann Plocher mit der Sanierung einer herbizidverseuchten Trinkwasserquelle in der Bodensee-Gemeinde Frickingen.
Um die Heil-Therapie in Schwung zu halten, produziert Plocher sein magisches Mehl mittlerweile im industriellen Maßstab. Letzten Monat zog der findige Geschäftsmann aus seiner Garagenfabrik in Meersburg in eine neue große Produktionshalle um.
20 Tonnen Quarzmehl pro Monat werden in dem automatisierten Werk kosmisch umprogrammiert. Die Verpackung der geheimnisvollen Sandtüten läuft im Fließbandtakt. Gabelstapler fahren herum. Büroangestellte organisieren die Auslandsgeschäfte, etwa mit Kanada oder Skandinavien.
Herzstück der Anlage sind zehn "Ionentrichter" - merkwürdige Holzkästen, mit denen Plocher durch 20minütige Bestrahlung seine Informationen auf die Trägersubstanz Sand überträgt. "Zwei bis drei Jahre lang habe ich an dem Gerät getüftelt", erzählt der gelernte Mechaniker, "im Prinzip funktioniert das hier wie das Überspielen eines Tonbandes."
Für zahlreiche Anwendungen liegen mittlerweile Spezialpülverchen vor: "Penac K" kommt in Biotonnen zum Einsatz, "Penac W" verhindert Geruchsbelästigung in Teichen und Klosetts. Neu im Programm sind Halstücher, die das Wohlbefinden steigern, und Holzuntersetzer, denen der Meister die Information "Konservierung" eingebimst hat. Ergebnis, laut Plocher: "Stellt man Milch darauf, wird sie nicht schlecht."
Die Erfolgsmeldungen, die sich um die Arbeit des Gülle-Gurus ranken, haben auch die Wissenschaftler neugierig gemacht. In mehreren Forschungsinstituten wurden Penac-Produkte getestet. Mit erstaunlichem Ergebnis: Die Universität Hohenheim ermittelte, daß Penac G "bei der Flüssigmisthomogenisierung durchweg positive Effekte hervorrief". Die Jauche vergäre besser, bleibe flüssig und stinke weniger.
An der Astral-Behandlung dürfte der Kläreffekt jedoch nicht liegen. Die Staatliche Lehr- und Versuchsanstalt für Viehhaltung in Aulendorf verglich normales und "informiertes" Quarzmehl. In beiden Fällen verringerte sich die Klumpenbildung der Testgülle. Versuchsleiter Hans-Georg Kunz: "Das Quarzmehl selbst ruft die Wirkung hervor."
Recherchen ergaben, daß Plocher sein Gesteinsmehl aus den Kaolin- und Kristallquarzsand-Werken im bayerischen Hirschau bezieht. Dort wird der abgebaute Sand in gewaltigen Kugelmühlen zu winzigen Partikeln zerrieben. Das Mehl besteht zu 99,1 Prozent aus Siliciumdioxid.
Dieser helle Gesteinsstaub, so die Vermutung der Experten, wirke in den Flüssigexkrementen wie ein Ventilator: An die Quarzsplitterchen heften sich Bakterien, Ammoniak und andere Gase. Die Folge: Die Körnchen steigen wie Fesselballons an die Gülleoberfläche, geben die Gase an die Luft ab und sinken wieder. So entsteht eine Art Quirleffekt, der die Gülle pump- und fließfähig hält.
Besonders schlagkräftig ist das Plocher-Pulver allerdings nicht. Handelsübliche Güllezusatzstoffe sind weit effektiver. "Im Direktvergleich mit anderen Präparaten schnitt Penac nur mittelmäßig ab", sagt Erich Pötsch von der Bundesanstalt für Alpenländische Landwirtschaft im österreichischen Irdning.
Auch die von einigen Bauern beobachtete Vitalisierung von Pflanzen durch Penac läßt sich ohne esoterisches Zutun erklären. "Siliciumoxid", erläutert Joachim Raub vom Institut für biologisch-dynamische Forschung in Darmstadt, "kann die Zellwände von Pflanzen wie Mörtel verstärken." Anstürmende Viren und Pilze ließen sich so besser abwehren.
Am Landwirtschaftsamt Überlingen sind vor wenigen Wochen Obstbäume unter Testbedingungen mit Plocher-Pulver besprüht worden. Es soll geklärt werden, ob die Früchte mit der mineralischen Dusche gegen die Pilzkrankheit Apfelschorf abgehärtet werden können.
Solchen Entzauberungsversuchen seines Bio-Puders begegnet Plocher mit gesteigertem Tamtam. "Vakuumenergie" werde in seiner Apparatur gebündelt, fabuliert der Meister. Dann wieder beruft er sich auf den Psychoanalytiker Wilhelm Reich und dessen Theorie von der "atmosphärischen Orgonenergie".
An seine Geheimkästen, frisch in seinem Meersburger Werk installiert, läßt Plocher nicht einmal engste Mitarbeiter heran. Auch der Fernsehautor Nico Remus, der das Schaffen des "Wassermanns" letzten Dienstag ausführlich im ZDF würdigte, vermochte das Akkumulator-Geheimnis nicht zu lüften.
Für Sekunden zwar öffnete Plocher eine seiner Black Boxes. Gestapelte blaue Zylinder, vergleichbar Konserven in einer Speisekammer, kamen zum Vorschein. Doch dann schloß sich der Spalt schon wieder, und der Mechanikus flüchtete in wolkige Rabulistik, etwa den Hinweis, in seinem Klabauterkasten befinde sich "eine Kombination aus Mineralien, Substanzen und Stoffen".
Solch schwammiges Geraune darf niemanden verwundern. Der esoterische Nebel, den der Saubermann vom Bodensee um sich verbreitet, ist Kernstück seines Geschäftserfolgs.
Bei der Sandfabrik in Hirschau kostet eine Tonne Quarzmehl 940 Mark. Wer bei Plocher dieselbe Menge desselben Materials unter dem Namen Penac G in Zwei-Kilo-Säckchen kauft, muß 40 000 Mark löhnen. Umtüten hat seinen Preis. Y

DER SPIEGEL 21/1995
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