29.05.1995

Mafia„Fluchtzone für Häuptlinge“

Die italienische Mafia, warnen Kriminalisten, breitet sich in Deutschland immer weiter aus. Die Banden erpressen Schutzgelder, handeln mit Rauschgift und verstecken international gesuchte Gangster. Auch blutige Fehden tragen die Verbrecher in der Bundesrepublik aus: „Palermo“, sagt ein Fahnder, „liegt an der Bergstraße.“
Die Killer kamen kurz nach Mitternacht. Unter einem Vorwand lockten die beiden Italiener ihren Landsmann V. B., 32, vor die Tür seines Lokals "Zur Tenne" in der südhessischen Kleinstadt Lampertheim.
Plötzlich eröffnete einer der beiden das Feuer. Erst schoß er B. in den Bauch, dann wurde der Gastwirt mit einem Genickschuß auf offener Straße "regelrecht hingerichtet", sagt Kriminaloberrat Rudolf Balß von der Kripo in Heppenheim.
B.s Frau, 32, stand in der Tür des Restaurants, als die Schüsse fielen. Vergebens versuchte sie, durch die Toilette zu flüchten; sie starb an einem Kopf- und einem Genickschuß. Der Kellner und ein deutscher Gast brachen schwer verletzt zusammen. 16 Schüsse hörten Nachbarn insgesamt - "Palermo", so Fahnder Balß, "liegt an der Bergstraße."
Ende Januar, ein halbes Jahr nach dem Gemetzel, wurde einer der mutmaßlichen Täter, Angelo Sortino, 31, vor einer Berghütte in Kalabrien verhaftet. Sein Begleiter Innocenzo ("Enzo") Ingoglia, 36 - Erkennungszeichen: tätowierte Rose auf der linken Brust -, wurde Anfang Februar gefaßt.
B. und seine Frau wurden, so nehmen die Ermittler an, Opfer einer Fehde zwischen der Mafia-Familie Sortino aus dem sizilianischen Palma di Montechiaro und der Sippe Errante-Parrino, die in Castelvetrano am Südwestzipfel der Mittelmeerinsel residiert. B.s Frau war eine geborene Errante-Parrino.
"Immer häufiger", sagt Hans-Ludwig Zachert, Präsident des Bundeskriminalamts (BKA), stießen deutsche Polizisten "auf Spuren einer neuen Verbrechensqualität". Die italienische Mafia, die klassische Form der Organisierten Kriminalität (OK), breitet sich in Deutschland immer weiter aus: Die Banden setzen auf Gewalt, Bestechung und Erpressung. Legale Tarngeschäfte dienen ihnen als Operationsbasis.
Fest etabliert haben sich in Deutschland inzwischen die sizilianische Cosa Nostra, die apulische Nuova Sacra Corona Unita, die kalabrische ''Ndrangheta, die neapolitanische Camorra und ein Cosa-Nostra-Ableger, der sich "Stidde" nennt. Wie weit verästelt die klassische Mafia hierzulande schon ist, meinen BKA-Experten, sei "noch nicht hinreichend erkannt".
Nur selten finden sich vor Gericht zudem aussagewillige Zeugen. Alle Insider respektieren die Omerta: Das Gesetz des Schweigens bedroht jeden, der auspackt, mit dem Tod. Aus Furcht vor Verfahrenstricks der Anwälte, sagt der Berliner Oberstaatsanwalt Hans-Jürgen Fätkinhäuer, streiche das Gericht meistens "im Zusammenwirken mit der Staatsanwaltschaft den Verhandlungsstoff rigide zusammen und läßt dabei eine Fülle weiter reichender Tatvorwürfe fallen". Fazit des Ermittlers: "Hintermänner haben nichts zu befürchten."
Langsam durchschauen deutsche Fahnder mit italienischer Hilfe immerhin, welche Banden in der Bundesrepublik ihre Geschäfte machen. So versorgt etwa die römische Spezialeinheit Direzione Investigativa Antimafia (DIA) ihre deutschen Kollegen regelmäßig mit Geheimdossiers. "Wir haben nun das Vergrößerungsglas der italienischen Behörden", freut sich Klaus Mellenthin vom Landeskriminalamt (LKA) in Stuttgart.
Das differenzierte Lagebild der ehrenwerten Gesellschaft zeigt ein schnelles Wachstum der Mafia vor allem im Ballungsraum Mannheim-Ludwigshafen. Dort sieht Fahnder Mellenthin neben den großen Banden auch bislang "unentdeckte Zweige" von "streng abgeschotteten Geheimbünden" aus Sizilien und Neapel am Werk.
Auch in den neuen Bundesländern etablieren sich die Statthalter italienischer Paten. In Sachsen beobachtet LKA-Präsident Peter Raisch "ein verstärktes inselförmiges Eindringen von italienischen OK-Strukturen".
Tarnfirmen in den Sparten Gastronomie, Gebrauchtwarenhandel, Lederwarenvertrieb und Touristik dienen als Drogendepots und Waschanstalten für schmutzige Lire, Dollar und Mark. "Ostdeutschland", sagt die italienische Anti-Mafia-Staatsanwältin Teresa Maria Principato, "ist ein bevorzugtes Gebiet für die Geldwäsche."
Die Schutzgelderpressung, ihre klassische Einnahmequelle, hat sich die Mafia im Osten ebenfalls bestens erschlossen. Dieter Kroll, Leiter der zuständigen Abteilung im LKA Sachsen, weiß etwa von Mitgliedern des Licciardi-Clans, der als Ableger der Camorra gilt und vor allem in Leipzig aktiv ist. Bislang freilich kann er den regionalen Licciardi-Führern nicht nachweisen, daß sie von Pizza-Wirten ("Die zahlen 3000 bis 5000 Mark monatlich") Schutzgeld kassieren, weil "die sich ja selber nicht mehr die Finger schmutzig machen".
Lebensmittelhändler mit undurchsichtigen Kontakten pressen kleine Pastaköche zudem mit unversteuerten und deshalb extrem günstigen Lieferungen in geheime Abhängigkeiten. Bald müssen die Gastwirte dann oft Männer als Küchengehilfen verstecken, die in Sizilien als Killer oder Großdealer gesucht werden. "Mehrere hundert Leute in der Bundesrepublik" haben nach vertraulichen BKA-Berichten "nachweislich Beziehungen zur italienischen Mafia". Die Abordnung von Statthaltern an den Rhein wird, etwa von Mafia-Zirkeln aus der Gegend um Agrigent, bestens organisiert: "Die bekommen sogar ein Startkapital von bis zu 150 000 Mark mit auf den Weg", ermittelte der Kölner Kriminalist Günter Sausen.
So haben sich im Rheinland Mitglieder einer mächtigen Cosca - die italienische Bezeichnung für Mafia-Clan - niedergelassen, denen die DIA rund 40 Morde in Italien zuschreibt. Hamburgs Polizei beobachtet unter den rund 7000 aus Italien stammenden Einwohnern rund 60 "mafia-relevante Personen". Das Rhein-Main-Gebiet gilt, so Peter Borchardt von der Polizei in Frankfurt, "als Fluchtzone für Häuptlinge", deren Quartiergeber "nicht nach dem Anlaß des Besuches fragen".
Nur selten gelingt es der Polizei, Abgesandte zu fassen: Ein Neffe des Camorra-Dons Antonio Bardellino, der 1988 unter bislang ungeklärten Umständen in Brasilien verschwunden ist, wurde im August im pfälzischen Kaiserslautern aus dem Verkehr gezogen. 23 Komplizen der Cosca Alfieri, die laut BKA den deutschen Südosten mit einem Autoschieber-Netz überzogen haben soll, wurden im September auf einen Schlag in Italien und Deutschland verhaftet.
Auch Baden-Württemberg sei für Mafiosi "ein bevorzugtes Gebiet", sagt der LKA-Beamte Mellenthin. Die Kriminellen könnten dort "unauffällig in ihrem Milieu mitschwimmen". In keiner anderen europäischen Region außerhalb Italiens leben so viele Italiener wie in den Spätzlelanden: 180 000.
Und wann immer es etwa in der sizilianischen Stadt Adrano, einer Hochburg der Cosa Nostra, mißglückte Transaktionen, Mordserien oder Verhaftungen gibt, muß die Polizei in Kempten und Marktoberdorf, Memmingen und Sonthofen mit Zugereisten aus Sizilien und neuen Fahndungsfotos rechnen: Ungefähr hundert Adraner, in den sechziger Jahren angeworben für eine Allgäuer Textilmaschinenfabrik, geraten dann regelmäßig in Verdacht, Verwandte zu verstecken.
Eine deutsche Mafia-Metropole ist Mannheim mit seiner Rotlichtzone im Problemstadtteil Jungbusch. Auffallend viele Italiener aus der südsizilianischen Provinz Agrigent, wo noch vor wenigen Jahren besonders blutige Bandenkriege zwischen alteingesessener Cosa Nostra und jüngeren Mafia-Zweigen wie etwa der Stidde tobten, haben sich dort niedergelassen (siehe Seite 68).
Sizilianischen Staatsanwälten gelang es im Frühjahr 1992, in Mannheim den ersten Reumütigen aus der Agrigenter Provinz als Kronzeugen zu gewinnen - den ehemaligen Mannheimer Gastwirt Gioacchino Schembri.
Bei der Auslieferung Schembris an die italienische Justiz mußten eigens ein Hubschrauber und eine italienische Militärmaschine geordert werden; die Lufthansa hatte sich geweigert, den gefährlichen Fluggast zu transportieren, die italienische Fluggesellschaft Alitalia hatte Bombendrohungen erhalten.
Eine der wichtigsten Einnahmequellen der Mafiosi ist der Drogenhandel. So spürt der Dortmunder Fahnder Eberhard Perner der Cosca Russo aus dem sizilianischen Ort Niscemi nach; die Bande soll in Deutschland "über 50 Clan-Mitglieder" plaziert haben und "eine Heroin-Pipeline bis hier ins Revier unterhalten".
In Frankfurt hat der zuständige Staatsanwalt Horst Kraushaar einen "festgefügten Kokain-Markt" ausgemacht, "der in den Händen der Italiener und Kolumbianer ist". Rund um München sieht das bayerische Landeskriminalamt einen Drogenring am Werk, der von der Nuova Sacra Corona Unita aus Apulien gesteuert wird.
Wer bei bestimmten Münchner Pizzerien eine Lieferung nach Hause ordert und dabei den richtigen Code ("Mit allem, Nummer fünf") nennt, erhält ein Päckchen Kokain. "Nummer acht" ist das Schlüsselwort für Heroin.
Pizzabäcker, die solche Nebengeschäfte "ablehnen und sauber bleiben wollen", werden, wie es in einem BKA-Bericht heißt, "mit Drohungen und Hinweis auf die Gesundheit ihrer Familie" unter Druck gesetzt.
Besonders gefährlich lebt, wer als Mafia-Filialleiter zu gierig wird: Der Regensburger Repräsentant einer apulischen Cosca etwa wurde in einem Wald an der Donau per Genickschuß exekutiert, weil er bei Heroin-Lieferungen zuviel Stoff für eigene Geschäfte abgezweigt haben soll.
Die Bosse schicken ungetreuen Verwaltern nicht nur den Killer, ihr Arm reicht auch bis in deutsche Gefängnisse: So wurde der Italiener Sergio Panichini, der in Halle wegen Kokain-Handels angeklagt war, im August bei einem Arztbesuch von Komplizen befreit.
Soviel Aufwand, meint der sachsenanhaltinische LKA-Chef Volker Limburg, sei ein "sicheres Indiz" dafür, daß Panichini "ein hochkarätiger Täter" sei.
Das war in den Augen der Polizei auch jener Vittorio Cossari, der europaweit bargeldlosen Zahlungsverkehr auf Mafia-Art dirigierte und, seltener Fall, dafür auch zu sechs Jahren Haft verurteilt werden konnte.
Eineinhalb Jahre lang diente ein Frankfurter Nobelrestaurant als Umschlagplatz für gestohlene Eurocheques und Kreditkarten. Rund 150 Konfidenten waren als Kuriere und Emissäre unterwegs.
Ein richtiger Erfolg war Cossaris Verhaftung gleichwohl nicht. "Heute", weiß ein Kenner der Bande, "arbeiten seine Leute direkt mit Rom."
Dieser Artikel wurde nachträglich bearbeitet.
* Bei seiner Auslieferung im Sommer 1992 mit italienischen Ermittlern in Mannheim.

DER SPIEGEL 22/1995
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