29.05.1995

DresdenDolchstoß der Sieger

In Sachsen macht sich Wut auf den Westen breit, weil den Fußballern des 1. FC Dynamo die Profilizenz entzogen worden ist.
Die Frau hat noch nie ein Fußballspiel live gesehen. Trotzdem jubelte sie vor dem Fernseher, wenn ihr Verein gewann, und nach Niederlagen hat sie oft "tierisch geheult". Christine Ostrowski, Dresdner Stadtvorsitzende der PDS und Landtagsabgeordnete, ist ein Fan, wie der 1. FC Dynamo viele hat, in Dresden und im Rest der ehemaligen DDR.
So nahm die kampferprobte Politikerin, die in der Partei gegen Stalinisten, im Landtag gegen die CDU-Regierung und in Dresdens Stadtrat gegen alle anderen die Stellung hält, nun noch einen Gegner aufs Korn: die Feinde Dynamos. Im Stadtrat schmiedete sie solidarisch eine ganz große Koalition für eine Ausfallbürgschaft der Stadt zugunsten der "alten Ost-Legende Dynamo" (Allparteienantrag). Zu spät.
Der Traditionsklub, der mangels Erfolg aus der Bundesliga absteigen muß, soll, so verkündete der Deutsche Fußball-Bund (DFB) in der vergangenen Woche, wegen finanzieller Mißwirtschaft auch noch die Profilizenz verlieren. In der Regionalliga Nordost hätte der Klub - ohne siebenstellige Einnahmen aus Werbung und Fernsehrechten - keine Chance, seine Schulden (nach Berechnung des DFB-Ligaausschusses 18 Millionen Mark) abzutragen; der Konkurs und mithin auf lange Zeit das Aus für einen großen Namen wären wohl unabwendbar.
Aktivistin Ostrowski sagt, ihr sei nun zumute, "wie wenn man eine Tochter verliert", und sie ist nicht allein im Leid. Der Schmerz rührt eine ganze Region. Dynamo, derzeit einziger Ost-Klub in der ersten Liga, kickte nicht nur für Dresden, sondern für den ganzen Osten gegen den übermächtigen Rest der Republik.
Den Niedergang empfindet die Sächsische Zeitung als "Aus für eine ostdeutsche Identität". Viele im Lande glauben, der Lizenzentzug sei eine Art Dolchstoß der Sieger aus dem Westen, die nun nicht einmal mehr mit den Ostlern spielen wollen, nachdem sie sich deren ganzes Land schon billig unter den Nagel gerissen haben.
Für die PDS ist sowieso ausgemacht, daß westliche Dominierer allenthalben darauf sinnen, dem Osten eins auszuwischen - "in der Politik, in der Wirtschaft und eben auch im Sport", schimpft Sachsens PDS-Landeschef Peter Porsch. Eine "richtige Dynamo-Hetze" hat das Neue Deutschland ausgemacht.
Gitta Menzel aus der Wäscherei des Vereins, die den Schwarzgelben elf Jahre lang ihre Hosen und Trikots in Ordnung hielt, hat jetzt "nur noch Wut". Ähnlich denken die Massen in den 108 Fan-Klubs. Die haben ihren Idolen bei der Talfahrt die Treue gehalten (Motto: "Es kotzt uns an, doch wir bleiben dran"), und sie finden jetzt, so sagt auch Kurt Biedenkopf, ihr Ministerpräsident, "alles sehr bitter".
"Man geht aus dem Stadion, als wäre jemand gestorben", berichtet Fußballfan und Opernstar Gunther Emmerlich. In der Schmach der Niederlage sind sich Werktätige wie Kulturschaffende einig: Ohne Job oder Subventionen ließe sich zur Not noch leben, aber die Region ohne Dynamo, klagt Hans-Jürgen ("Dixie") Dörner, einstiger Libero der Mannschaft, "das ist wie Dresden ohne Zwinger".
Die Sachsen tröstet auch kaum, daß der DFB im Rundumschlag zugleich noch drei West-Klubs die Lizenz wegnahm: den vielfach gewarnten Schulden-Champs des 1. FC Nürnberg, Berlins notorischem Pleiten-, Pech- und _(* Am Freitag vergangener Woche. )
Pannen-Verein Hertha BSC sowie dem 1. FC Saarbrücken - das immerhin freut viele im Osten, sind die Saar-Kicker doch die Lieblinge ihres Ministerpräsidenten Oskar Lafontaine, der seit seiner Kritik an der schnellen Vereinigung während des Bundestagswahlkampfs 1990 in Neufünfland als Ost-Verächter geschmäht wird.
Dynamo, 1950 als SG Volkspolizei gegründet, steht seit Jahrzehnten für Trotz und Sachsenstolz. Innig pflegte man zu DDR-Zeiten die Rivalität zum Namensvetter Dynamo Berlin, dem Hausverein des Stasi-Chefs Erich Mielke. Als nach der Wende DDR-Klubs, die beziehungsvoll Lokomotive, Rotation, Aktivist oder Turbine hießen, eilends ihre sozialistischen Kampfnamen strichen, blieben nur die Elbstädter trutzig beim alten.
Bald krempelte sich in der Region das Sozialleben um, all die vertrauten Institutionen und Firmen wie Robotron oder Pentacon mit Zehntausenden von Jobs starben weg, am Ende sogar der Trikot-Sponsor Neue Zeit, das ehemalige Parteiblatt der Ost-CDU. Um so enger scharte sich die Stadt um ihren Klub. Der gemeinsame Feind, so glauben viele, steht im Westen, bei den Kapitalisten und Fußball-Funktionären.
Gab es da nicht die vielen roten Karten westdeutscher Schiedsrichter für Dynamos Kicker schon in der ersten Saison? Und war der Abzug von vier Bundesliga-Punkten im letzten Jahr nicht ein Vorstoß der West-Institution DFB? Hat man nicht auch noch die Trupps von Aufkäufern reicher West-Klubs in übler Erinnerung, die im Osten Talente gleich dutzendfach abwarben? Allein von Dynamo Dresden gelangten sechs Spieler in den Kader der Nationalelf.
Einer für alle: Stuttgarts trickreicher Vereinsboß Gerhard Mayer-Vorfelder (Spitzname "Schlitzmayer-Ohrfelder"), baden-württembergischer Finanzminister sowie Liga-Ausschußchef des DFB, ließ Matthias Sammer für 2,7 Millionen Mark holen und zwei Jahre später gegen elfeinhalb Millionen nach Mailand verscherbeln.
"Mit Koffern voller Bargeld waren die hier", erinnert sich Pascale Vargas, Pächter des Dresdner Stadion-Lokals. Das war noch die Zeit, als "die Ossis gläubig zu den Wessis aufschauten" (PDS-Frau Ostrowski) - und schon waren die Spieler weg.
Allerdings hat sich bei Sachsens traurigen Fans ebenso die Einsicht durchgesetzt, daß es für Demonstrationen und Protestzüge wie am letzten Freitag - Motto: "Rettet Dynamo Dresden" - auch deshalb zu spät ist, weil der Klub durch eigenes Verschulden in die Abseitsfalle gelaufen ist: Bei der Suche nach den Schuldigen haben sie zwar Dynamo-Präsident Rolf-Jürgen Otto, einen fußballnärrischen Baumenschen aus dem Westen, als Hauptschurken erkannt.
Otto, unter dessen Regie schon vor 20 Jahren mal ein West-Verein, der hessische Amateur-Oberligist SV 03 Neu-Isenburg, der Pleite nur knapp entging, hat den Verein aber erst im Januar 1993 übernommen; da war Dynamo bereits kräftig verschuldet. Mit turbulenter Amtsführung, viel Chaos und Filz hielt er den FC in den Schlagzeilen (SPIEGEL 10/1995). Otto ignorierte etwa die Sparbefehle des DFB und kaufte noch zur Winterpause drei Spieler für 1,5 Millionen Mark.
Zweifelhafte Umstände beim Bankrott der Firma Hoch- und Tiefbau Meißen, die Otto zuvor von der Treuhand übernommen hatte, sowie Bilanz-Akrobatik in den Lizenzunterlagen Dynamos brachten dem Vereinschef zudem immer wieder Staatsanwälte, Steuerprüfer und DFB-Kontrolleure ins Haus.
Denen fehlt nach wie vor letzte Gewißheit über den finanziellen Status des Kombinats Otto, in dem sich die Bereiche Geschäft und Fußball kaum noch entwirren lassen. Denn "Transparenz", so hat das Fachblatt Kicker erkannt, ist für den Dynamo-Vorstand wohl eher "ein Dorf hinter der slowakischen Grenze".
Vergangen die Zeiten, da Westler Otto sich als "Mann des Ostens" und mit markigen Sprüchen ("Man will uns ausradieren") bei den Fans als Heilsbringer anwanzen konnte. Jetzt ziert manches "Otto raus"-Transparent ein Symbol, das deutlich einem Gesäß mit Ohren ähnelt.
Ottos Eskapaden sind auch Futter für Verräter aus dem eigenen Land, die entsprechend den schlimmsten Ängsten eingefleischter Fans jetzt ihre Chance wittern, die knorzige DDR-Ikone Dynamo gleich für immer versinken zu lassen.
Unterstützt von Sachsens Umweltminister Arnold Vaatz, wollen solvente Elbstädter den alten Dresdner SC, einen eher vornehmen Klub aus der Vorkriegsära, wiederaufleben lassen. Mit Traditionsgeist und "solider Finanzbasis" möchte Hartmut Paul, Fußballchef des derzeitigen Amateur-Oberligisten, den traditionell roten Konkurrenzklub Dynamo in der Rolle als Ost-Hoffnungsträger beerben.
Doch davor könnte die Rache Dynamos sein: DSC-Funktionär Paul amtierte 1992 im alten Dynamo-Präsidium, das Ottos Leuten die Millionenschulden hinterlassen hat. Paul war der Schatzmeister. Y
"Mit Koffern voller Bargeld waren die hier"
* Am Freitag vergangener Woche.

DER SPIEGEL 22/1995
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