29.05.1995

AusstellungenSegen der Konkubine

Kunstschätze einer italienischen Sammler-Dynastie: „Der Glanz der Farnese“ in München.
Der Maler und sein Modell waren einander ebenbürtig - an Rang, an hartnäckigem Geschäftsgeist und auch an Familiensinn.
Tizian, der Fürsten und sogar den Kaiser zu seiner Kundschaft zählte, übertraf als Porträtist jeden Konkurrenten. Er schien genau der richtige Mann zu sein, um den obersten Kirchenherrn, Papst Paul III., zu verewigen. Aber der selbstbewußte Malerfürst wäre 1545 wohl gar nicht erst aus Venedig nach Rom gereist, wenn er sich nicht von diesem Auftrag ein besonderes Honorar versprochen hätte: eine fette Kirchenpfründe für seinen mißratenen Sohn Pomponio.
Deswegen stellte er seine Kunst willig in die Dienste dynastischer Propaganda. Er malte Paul III. umringt von zwei "Nepoten", die in Wahrheit leibliche Enkel des Papstes waren: Kardinal Alessandro Farnese und dessen Bruder Ottavio, der junge Herzog von Parma und Piacenza.
Tizian gestand der Hauptfigur vergeistigte Alterswürde zu, deutete aber im Lauerblick und in der krallenartig zupackenden Hand zugleich durchtriebene Machtbesessenheit an. Den Herzog Ottavio zeigte er als buckelnden, scharwenzelnden Höfling.
Das Gemälde, trotz unvollendeter Partien ein Gipfel hintergründiger Porträtkunst, bildet nun Blickfang und Leitmotiv einer großen, großartigen Ausstellung, die mit mehr als 300 Schaustücken - von antiken Statuen bis zu Prunkrüstungen, von Fayencen und Medaillen bis zu Meisterwerken der Malerei - den herrscherlichen "Glanz der Farnese" wiederbeschwört. Nach einer Art Ortstermin am einstigen Farnese-Landsitz Colorno bei Parma ist sie vom Freitag dieser Woche an im Münchner Haus der Kunst zu besichtigen*. _(* Bis 27. August; später noch im ) _(Museo di Capodimonte, Neapel. Katalog ) _(536 Seiten; 69 Mark. )
Lebendig wird da ein Zeitalter, in dem der Besitz erlesener Kunstwerke den Monarchen oder Kirchenfürsten einen "Sprung in die Ewigkeit" (Katalog) zu verheißen schien - Nachruhm für die Einzelperson und, vor allem, dauernde Blüte für die Sippe.
Zwei Jahrhunderte lang haben sich die Farnese in diesem Glanz gesonnt. Das Geschlecht kleiner Lehnsträger und päpstlicher Heerführer aus Mittelitalien stieg unaufhaltsam empor, seit der humanistisch gebildete Alessandro Farnese seine schöne Schwester Giulia dem Borgia-Papst Alexander VI. zugeführt hatte - als "concubina papae", wie Zeitgenossen respektvoll sagten.
Prompt wurde der Farnese mit Kirchenämtern nebst zugehörigen Einkünften belohnt. Bevor er 1534 selbst zum Papst gewählt wurde und den Namen Paul III. annahm, hatte er längst auch Nachwuchs in die Welt gesetzt und ihn von höchster Stelle legitimieren lassen. Ohne zu zögern, machte er zwei Enkel zu Kardinälen, seinem Sohn Pier Luigi verlieh er das oberitalienische Doppelherzogtum Parma und Piacenza.
Seither festigten die Farnese zielstrebig an mehreren Orten die politische Position ihres Geschlechts und mehrten seine künstlerische Ausstrahlung. Sie wirkten mit Kennerschaft und diplomatischem Geschick, sie kassierten Erbschaften und schreckten keineswegs vor roher Gewalt zurück. Bis ins 18. Jahrhundert verschwägerten sie sich mit den Herrscherfamilien Medici und Este, Habsburg und Bourbon.
In Rom befahl Papst Paul III. (der 1549 starb) den Bau eines beispiellos prächtigen Familienpalastes und plünderte zu dessen Schmuck schon zu Beginn der Arbeiten sogar die Sammlungen der Kurie.
Sein Enkel, Kardinal Alessandro, sicherte sich die spektakulärsten römischen Ausgrabungen der Zeit wie den "Herkules Farnese" und pflegte die Kontakte zu lebenden Künstlern - die Münchner Ausstellung zeigt allein fünf Farnese-Porträts von Tizian und drei weitere Werke des Meisters. Um 1570 logierte und malte El Greco im Palazzo Farnese, um 1600 schmückten die Brüder Carracci die "Galerie" des Hauses mit mythologischen Fresken.
Unterdessen sorgten die Farnese-Herzöge in Parma für den Glanz ihrer Residenz. Ein Auftragsbild des ortsansässigen Malers Girolamo Mazzola Bedoli suggeriert, um 1556, allerschönste Harmonie: Die als bewaffnete Blondine personifizierte Stadt umarmt den jungen Monarchen - schon wieder mal ein Alessandro.
Der malerische Schein trog. 1611 verschworen sich die alten Adelshäuser Parmas gegen die Farnese, Herzog Ranuccio I. schlug den Aufstand blutig nieder und konfiszierte, wie praktisch, auch gleich die reichen Kunstsammlungen seiner Widersacher. Wenige Jahre später ließ er, zum Besuch eines Medici-Großherzogs, einen prächtigen Theaterbau errichten und von ganzen Malerscharen dekorieren.
Aus Rom, wo der Einfluß der Sippe schwand, wurden die Farnese-Schätze allmählich nach Parma geschafft. Sie füllten da den Gartenpalast der Herzöge sowie einen riesigen, nie vollendeten Palast- und Museumsneubau in der Stadt. Ein Inventar von 1680 verzeichnet allein für das erstere Gebäude 1095 Bilder in 53 Räumen.
Nach dem Ende der Dynastie, 1731, fiel ihr Erbe einem spanischen Königssohn zu. Und der nahm die Kunstsammlung aus Parma mit, als er schon 1734 auf den Königsthron von Neapel wechselte.
Seit der Gründung des italienischen Staates 1861 wurden zwar Teile der einstigen Farnese-Sammlung nach und nach der Nationalgalerie in Parma übergeben. Einzelstücke sind in alle Welt verstreut - darunter beispielsweise ein Carracci-Bild "Raub der Europa", das, 1799 von französischen Besatzern als Beutekunst entführt, 1984 auf einer Sotheby''s-Auktion wieder zum Vorschein kam und jetzt aus Londoner Privatbesitz zur Ausstellung geliehen worden ist. Aber weitaus die meisten Leihgaben kommen aus Neapel.
So auch Tizians "Paul III. und seine Nepoten" - ein anfangs achtlos behandeltes Gemälde, das jahrelang ungerahmt in einem Abstellraum des Palazzo Farnese aufbewahrt wurde. Aber der Künstler hatte es bei seiner Abreise 1546 ja auch unfertig zurückgelassen.
Warum, darüber spekulieren die Historiker. Mag sein, daß dem Nachfolger Petri das Werk mißfiel, weil er sich von Tizian allzugut durchschaut sah. Vielleicht auch paßte das Gruppenporträt (mit dem Kaiser-Schwiegersohn Ottavio) nicht mehr in eine plötzlich veränderte politische Lage.
Oder aber der Maler war beleidigt abgezogen. Denn die Farnese hatten ihn schließlich hereingelegt und seinem Sohn doch keine Pfründe gegeben. Y
* Bis 27. August; später noch im Museo di Capodimonte, Neapel. Katalog 536 Seiten; 69 Mark.

DER SPIEGEL 22/1995
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