05.06.1995

DopingFlirt mit Folgen

Neue Akten beweisen: Stasi-Chef Erich Mielke und Sportpräsident Manfred Ewald deckten das DDR-Staatsdoping.
Das Schäferstündchen war eher harmlos. Bei den Olympischen Spielen 1984 in Sarajevo besuchte der Eisschnelläufer Andreas Dietel, damals 24, zwischen Pflichtprogramm und Kür seine DDR-Teamkollegin Katarina Witt, 18. Während sie noch plauderten, stand plötzlich die Trainerin des Eiskunstlauf-Stars im Zimmer. Jutta Müller witterte ein leistungshemmendes Tete-a-tete. Außer sich vor Wut, trat sie gegen Witts Bett und beschimpfte Dietel lautstark als "Schwein".
Für Katarina Witt war der Fall schon bald vergessen. Sie sicherte sich den Olympiasieg und galt danach als unangreifbar. Dietels Karriere endete dagegen abrupt. Sechs Tage nach dem Flirt in Witts Kammer erklärte das Dopinglabor der DDR bei einem internen Test, Dietel habe Depot-Testosteron gespritzt.
Dietel wurde, wie er heute sagt, "eiskalt in'n Hintern getreten" - die Staatsmacht schob ihn als Übungsleiter nach Plauen ab. Bis heute rätselt er, ob dies nur die Strafe für seinen Olympiaflirt war oder ob die Sportführung die positive Dopingprobe des in Ungnade gefallenen Eisschnelläufers zum Anlaß nahm, um den ungeliebten SC Dynamo Berlin zu disziplinieren. Dietels Club war den Funktionären verhaßt, weil dessen Trainer und Ärzte mit aggressiven Mitteln über die Vorgaben der "Verbandskonzeption" hinaus dopten.
Obwohl jetzt Akten auftauchten, in denen sein Fall akribisch aufgezeichnet ist, muß Dietel weiter rätseln. Dafür liefern die Dokumente und ein weiterer Ordner endlich den Nachweis, daß die Dopingpraxis der DDR bis in die höchste Staats- und Parteispitze bekannt und von dieser gedeckt wurde.
Bislang bestritten die Verantwortlichen jedes Mitwirken beim Doping und setzten offenbar darauf, daß in der Wendezeit die entlarvenden Unterlagen der Verbände vernichtet worden seien. Daß er nun den Dopingfall bei Dynamo fand, bezeichnet Giselher Spitzer, Wissenschaftler an der Universität Potsdam, als "schieren Glücksfall".
Die Berichte zur "Ausdelegierung" von Dietel beweisen, daß Manfred Ewald, Präsident des Deutschen Turn- und Sportbundes (DTSB), und Erich Mielke, Minister für Staatssicherheit und Vorsitzender von Dynamo, auch in das Doppeldoping bei Dynamo eingeweiht waren. Mielke wurde, so Spitzer, "nicht nur über den Mißbrauch eines in der DDR nicht vorgesehenen Medikamentes" informiert.
So selbstverständlich, als gehe es um den Wochenplan für das Mittagessen, erläuterte Mielkes Berichterstatter, Generalmajor Heinz Pommer, darüber hinaus die von den Verbänden betriebene Anwendung der üblichen Dopingmittel. Genauestens ins Bild gesetzt, kritzelte Mielke schließlich "Erledigt" auf den Bericht und: Rücksprache "mit Gen. Ewald".
Die Unterlagen im Fall Dietel könnten zum "Schlüsseldokument" (Spitzer) bei der bevorstehenden Anklage gegen Ewald und andere DTSB-Spitzen werden, die von der Zentralen Ermittlungsstelle Regierungs- und Vereinigungskriminalität (ZERV) in Berlin vorbereitet wird.
In einem Sammelverfahren ermittelt die ZERV gegen derzeit rund 40 Hauptverdächtige, zumeist Ärzte und Trainer. Die Todesfälle eines Gewichthebers und eines Ringers, die vermutlich an den Folgen des Dopingkonsums gestorben waren, liegen zur Anklageerhebung bei der Staatsanwaltschaft.
Wann es jedoch zum Prozeß kommen wird, ist noch völlig offen. Das Verfahren gegen Sportfunktionäre, Handlanger in der Medizin und Mitwisser in Partei und Staat bleibt schwierig. Wie im Prozeß gegen Erich Honecker und Kumpane fehlen nicht nur inkriminierende Unterlagen, wichtige medizinische Dokumente hält zudem der Berliner Gesundheitssenator Peter Luther unter Verschluß (SPIEGEL 25/1993).
Die Arbeit der Ermittler wird erschwert von Zeugen, die sich durch die Allmacht der einstigen Sportherrscher offenbar noch immer einschüchtern lassen. Viele ehemalige Spitzensportler, hat der Kommissariatsleiter Matthias Grainach erfahren müssen, "haben Angst oder sind gleichgültig". Dabei seien die Aussagen der Opfer notwendig, damit die "Schweinereien der Dopingtäter endlich gewürdigt werden können".
Im "riesigen Dunkelfeld" (Grainach) gewinnt auch das zweite von Spitzer gefundene Dokument höchste Brisanz. Das Protokoll einer Sitzung der Leistungssportkommission, die von Ewald geleitet wurde, weist aus, daß sich die Mächtigen im Sommer 1983 mit den Leberwerten einer offensichtlich hochgedopten Eisschnelläuferin beschäftigten.
Das Führungsgremium, zu dem auch Rudolf Hellmann, der Abteilungsleiter im Zentralkomitee der SED, zählte, diskutierte ausführlich darüber, wie die Olympiakandidatin hormonell noch besser gesteuert werden könne. Am Ende beschloß man, "die Maßnahmen zur Erhöhung der Belastungsverträglichkeit" zu überprüfen.
Daß sich die Verantwortlichen für das Staatsdoping nun doch noch vor Gericht verantworten müssen, ist ihrer Notizwut zu verdanken. Zwar sind alle belastenden Hauptakten weg. Doch die Berichte über die Ausdelegierung von Dietel steckten in einem unscheinbaren dicken Dokumentenband - sie waren zwischen die Berichte über die Organisation der Deutschen Meisterschaft für Hundeführer der Polizei geraten. Y

DER SPIEGEL 23/1995
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 23/1995
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Doping:
Flirt mit Folgen

Video 03:54

Videoanalyse zur SPD Der große Knall blieb aus

  • Video "SPD-Parteitag: Ja, aber" Video 03:15
    SPD-Parteitag: Ja, aber
  • Video "SPD-Parteitag: Irgendwann geregelt aus der Groko verschwinden" Video 01:35
    SPD-Parteitag: "Irgendwann geregelt aus der Groko verschwinden"
  • Video "Merkel in KZ-Gedenkstätte Auschwitz: Wir dulden keinen Antisemitismus" Video 03:14
    Merkel in KZ-Gedenkstätte Auschwitz: "Wir dulden keinen Antisemitismus"
  • Video "Auftritt in Iowa: Biden bezeichnet Wähler als verdammten Lügner" Video 01:06
    Auftritt in Iowa: Biden bezeichnet Wähler als "verdammten Lügner"
  • Video "Nancy Pelosi zu Reporter: Legen Sie sich nicht mit mir an" Video 01:24
    Nancy Pelosi zu Reporter: "Legen Sie sich nicht mit mir an"
  • Video "Saskia Esken beim SPD-Parteitag: Raus aus dem Niedriglohnsektor" Video 02:24
    Saskia Esken beim SPD-Parteitag: "Raus aus dem Niedriglohnsektor"
  • Video "Norbert Walter-Borjans auf dem SPD-Parteitag: Dann muss die schwarze Null eben weg" Video 01:01
    Norbert Walter-Borjans auf dem SPD-Parteitag: "Dann muss die schwarze Null eben weg"
  • Video "US-Demokraten vs. Trump: Das Impeachmentverfahren rückt näher" Video 02:39
    US-Demokraten vs. Trump: Das Impeachmentverfahren rückt näher
  • Video "Impeachment gegen Trump: US-Demokraten eröffnen Amtsenthebungsverfahren" Video 02:16
    Impeachment gegen Trump: US-Demokraten eröffnen Amtsenthebungsverfahren
  • Video "Frankreich: Auf Generalstreik folgt Randale in mehreren Städten" Video 01:10
    Frankreich: Auf Generalstreik folgt Randale in mehreren Städten
  • Video "Hilfe für bedrohte Korallenriffe: Das Geräusch der Fische" Video 03:02
    Hilfe für bedrohte Korallenriffe: Das Geräusch der Fische
  • Video "Nach viralem Witze-Video: Zank unter Staatschefs beim Nato-Gipfel" Video 02:44
    Nach viralem Witze-Video: Zank unter Staatschefs beim Nato-Gipfel
  • Video "Russische Militäreinheit: Ski-Soldaten mit Schlittenhunden" Video 00:44
    Russische Militäreinheit: Ski-Soldaten mit Schlittenhunden
  • Video "Traumtore in Ligue 1: Hackentor Mbappè, Elfmeter Neymar" Video 00:53
    Traumtore in Ligue 1: Hackentor Mbappè, Elfmeter Neymar
  • Video "Videoanalyse zur SPD: Der große Knall blieb aus" Video 03:54
    Videoanalyse zur SPD: Der große Knall blieb aus