08.04.2013

VERGÜTUNGENDie Luxus-Rentner

Die Gagen deutscher Vorstandschefs wachsen weiter. Während die meisten Bundesbürger allmählich um ihre Altersversorgung fürchten müssen, können sich viele Top-Manager auf üppige Pensionen freuen.
Es gibt nicht mehr viele Sicherheiten im Leben von Edwin Eichler, Olaf Berlien und Jürgen Claassen. Die drei ehemaligen Vorstände von ThyssenKrupp wissen derzeit nicht, wie es weitergeht mit ihnen. Ob sie noch einen neuen Job finden oder schlicht nicht mehr vermittelbar sind.
Ende vergangenen Jahres wurden sie entlassen. ThyssenKrupp musste einen Verlust von fünf Milliarden Euro ausweisen. Es ging um missglückte Geschäfte in Nord- und Südamerika. Da wollte der Aufsichtsrat ein Zeichen setzen. Nun haftet ein Makel an den drei Managern: Sie gelten als personifizierter Misserfolg.
Eines immerhin ist dem Trio sicher: eine großzügig bemessene Rente, die ein unbeschwertes Leben ermöglichen sollte. Bei Eichler und Berlien sind es jeweils 402 000 Euro im Jahr. Claassen, der nicht so lange im Vorstand war, erhält die Hälfte.
Auch die Bedingungen, unter denen das Geld fließt, sind angenehm. Rentenbeginn ist nicht etwa erst der 67. Geburtstag wie bei gewöhnlichen Beschäftigten, sondern schon der 60. Und selbst vor äußeren Widrigkeiten wie etwa einer wachsenden Inflation müssen sich die Manager nicht fürchten. Die Vorstandsrenten von ThyssenKrupp werden "jährlich gemäß dem Verbraucherpreisindex angepasst".
Eine ordentliche Verzinsung ist also garantiert. Und auch für die Familien ist gesorgt.
Sollte einer der Ex-Vorstände sterben, zahlt der Stahlkonzern der Ehefrau 60 Prozent der Pension. Im Fall Eichler und Berlien erhielte die Gattin 241 000 Euro jährlich. Für jedes unterhaltsberechtigte Kind gäbe es noch mal 20 Prozent, das wären 80 400 Euro. ThyssenKrupp würde den Nachwuchs der ehemaligen Manager zwar "maximal bis zum 25. Lebensjahr" finanzieren - "in besonders begründeten Ausnahmefällen" allerdings auch "bis zur Vollendung des 27. Lebensjahres".
ThyssenKrupp lässt sich - wie alle im Deutschen Aktienindex Dax notierten Konzerne - die Altersversorgung seiner Vorstände viel Geld kosten. Insgesamt haben die Pensionszusagen für Berlien einen Wert von 6,2 und für Eichler 7,8 Millionen Euro, bei Claassen sind es 2,5 Millionen.
Noch spendabler sind die Automobilhersteller. Aktueller Rekordhalter ist Daimler-Chef Dieter Zetsche. Die Pensionszusagen für ihn haben zurzeit einen Wert von 39,6 Millionen Euro erreicht. Bei VW-Boss Martin Winterkorn sind es knapp 23 Millionen und selbst bei Horst Neumann, dem Wolfsburger Personalvorstand, noch gut 18 Millionen Euro.
Linde und E.on müssen für die Pensionen ihrer Chefs Wolfgang Reitzle und Johannes Teyssen jeweils über 16 Millionen zurücklegen, VW spart für seinen Finanzvorstand Hans Dieter Pötsch 14,8 Millionen an. So lässt sich die Liste der guten Taten immer weiter verlängern.
Die Zahlen offenbaren eine Selbstbedienungsmentalität auf den Führungsetagen, die im krassen Widerspruch zu den Sparopfern steht, die Vorstände von ihren Belegschaften oft verlangen.
Bei den Vorstandsgehältern haben Unternehmensführer in Deutschland mittlerweile jenes Maß überschritten, bis zu dem soziale Ungleichheit gesellschaftlich noch toleriert wird. Ausgelöst durch jene 20 Millionen Euro, die VW-Boss Winterkorn ohne eine Änderung seines Vertrags für 2012 bekommen hätte, erhob sich eine Debatte um Gerechtigkeit im Land, die schließlich auch Angela Merkel auf den Plan rief: "Maßlosigkeit darf in einer freien und sozialen Gesellschaft nicht sein", sagte die Kanzlerin.
Winterkorn verzichtete auf einen Teil des ihm vertraglich zustehenden Geldes, was ihn nicht geschmerzt haben dürfte. Immerhin erhielt er einschließlich eines Nebenverdienstes als Chef der Porsche Automobil Holding SE noch 15,3 Millionen Euro.
Auch Anshu Jain, Co-Chef der Deutschen Bank, wollte ein kleines Zeichen setzen. Er verzichtete auf einen Millionen-Bonus, weil er sonst mehr Geld als sein Vorstandskollege Jürgen Fitschen verdient hätte, was in der Bank schlecht angekommen wäre.
Winterkorn und Jain spüren offenbar, dass es Grenzen des Gehaltswachstums gibt. Und auch die Bundesregierung reagierte schneller, als es ihr viele zutrauten.
Noch vor der Bundestagswahl will sie ein neues Gesetz verabschieden: Nicht mehr die Aufsichtsräte, in denen Vertreter der Arbeitnehmer- und der Kapitalseite die Vorstandsgehälter ausmauscheln, sondern die Aktionäre sollen künftig über die Höhe der Bezüge entscheiden.
Aber was gut gemeint ist, wird kaum etwas ändern. Aktionäre sind an hohen Gewinnen und steigenden Aktienkursen interessiert. Ob ein Vorstand, der ihnen dies verspricht und gewährleistet, 5 oder 15 Millionen Euro verdient, ist da vergleichsweise nebensächlich.
Immerhin zeigt die schnelle Reaktion der Regierung, wie ernst sie das Problem nimmt. Sie will das Thema soziale Ungleichheit nicht den Sozialdemokraten und der Linken überlassen. Kanzlerin Merkel sagt: "Ich verstehe gut, wenn Menschen über manche Gehälter, die völlig aus dem Rahmen fallen, nur noch den Kopf schütteln können."
Gerade weil die Gehaltsdebatte in Deutschland so heftig geführt wird, haben Pensionszusagen für Manager einen besonderen Reiz: Sie sind in den Geschäftsberichten wunderbar zu verstecken.
Nachdem der SPIEGEL im vergangenen Jahr die Pensionsansprüche mehrerer Konzernbosse veröffentlicht hatte (17/2012), bekannten einige Aufsichtsräte, dass sie dieses Thema bislang nicht im Blick hatten. Zumindest für neue Vorstandsverträge, so signalisierten Kontrolleure bei Daimler und VW, solle es nicht mehr derart üppige Zusagen geben. Tatsächlich aber ist der Wert der Pensionszusagen noch einmal stark gestiegen.
ThyssenKrupp muss für die Pensionen seiner Vorstände 32 Millionen Euro zurückstellen, Siemens 52 Millionen, Daimler 82 und der Volkswagen-Konzern 104 Millionen Euro. Die Summen stiegen jeweils um rund 20 Prozent gegenüber dem Jahr zuvor. Allein der Wert der Pensionsansprüche von Daimler-Boss Zetsche wuchs von 29 auf 39 Millionen Euro.
Es gibt für diese wundersame Erhöhung eine finanzmathematische Erklärung, die aber nur einen weiteren Missstand bei der Altersversorgung der Manager offenbart.
Daimler beispielsweise garantiert Zetsche eine jährliche Pension von 1 050 000 Euro. Für die zu erwartenden Zahlungen muss der Autokonzern eine Rückstellung bilden. Deren Höhe hängt auch davon ab, wie stark sich das Geld verzinst, bis das Unternehmen die Pensionen auszahlen muss. Weil die Zinsen für sichere Geldanlagen gesunken sind, muss das Stuttgarter Unternehmen einen höheren Betrag zurücklegen, um seinem Vorstandschef später die garantierte Rente auszahlen zu können.
Zetsche kann sich also auf eine Art Vollkasko-Rente freuen. Die Manager wissen, wie viel Geld sie im Ruhestand bekommen, ganz gleich, was sonst passiert. Das Risiko sinkender Zinsen trägt ja ihr Arbeitgeber.
Gewöhnliche Beschäftigte, die privat für das Alter vorsorgen und eine Lebensversicherung abschließen, haben diese Garantie natürlich nicht. Sinken die Kapitalmarktzinsen, dann verringert sich auch die Summe, die ihnen im Alter ausbezahlt wird. Vor so einer schleichenden Enteignung fürchten sich angesichts der Schuldenprobleme im Euro-Raum immer mehr Bundesbürger.
Rechtfertigen lässt sich der Unterschied zwischen den Top-Verdienern und ihren Belegschaften ohnehin nicht. Mehrere Dax-Konzerne haben mittlerweile reagiert. Manager, die neu in den Vorstand berufen werden, erhalten bei ThyssenKrupp, Daimler, Linde und RWE eine sogenannte beitragsorientierte Pension.
Die Unternehmen zahlen zusätzlich zu Gehalt, Bonus und Tantiemen für ihre Vorstände noch einmal mehrere hunderttausend Euro für die Pension ein. Dies addiert sich im Laufe der Jahre zwar auch zu einer stattlichen Firmenrente für die Bosse. Aber die Konzerne wissen, wie viel Geld sie tatsächlich für die Altersversorgung ihrer Manager ausgeben. Sie müssen die Summen bei sinkenden Zinsen nicht auch noch ständig erhöhen.
Es ist ein kleiner Fortschritt, der die grundsätzliche Frage aber nicht beantwortet: Warum zahlen Unternehmen ihren Vorständen überhaupt eine Pension? Immerhin sollen sie doch auch noch ein gewisses Risiko tragen.
Jedem Beschäftigten wird empfohlen, privat vorzusorgen, weil die gesetzliche Rente nicht ausreichen dürfte, um den Lebensstandard zu wahren. Die Arbeiter in der Fabrik und die Angestellten im Büro sollen einen Teil ihres Verdienstes zur Seite legen. Doch ausgerechnet die Vorstände, denen dies angesichts eines Gehalts von mehreren Millionen Euro leichtfallen dürfte, müssen nicht sparen. Ihre Luxus-Rente zahlt der Arbeitgeber. Wenn es um die eigene Altersversorgung geht, zeigen Top-Manager eine ausgeprägte Absicherungsmentalität.
Die Summen, um die es geht, sind nicht mehr vermittelbar. Pensionszusagen im zweistelligen Millionenbereich "sind ethisch kaum zu verantworten", sagt Christian Strenger, "selbst wenn es vertragliche Ansprüche gibt".
Der ehemalige Chef der Fondsgesellschaft DWS ist Mitglied der Corporate Governance Kommission der Bundesregierung, die Vorschläge für gute Unternehmensführung erarbeitet. Der Unternehmensexperte kritisiert, dass "Aufsichtsräte nicht in der Lage sind, solchen Übertreibungen Einhalt zu gebieten".
IG-Metall-Chef Berthold Huber sagt zwar: "Gehälter dürfen in einer sozialen Marktwirtschaft nicht grenzenlos sein." Aber auch er und seine Kollegen haben in den Aufsichtsräten nicht verhindert, dass Vorstände neben dem Gehalt noch eine üppige Altersversorgung erhalten. Mitunter wirkt diese wie eine versteckte Gehaltserhöhung.
"Pensionszusagen sind sehr beliebt, um Managern mehr Geld zuzuschanzen, ohne dass es auffällt", sagt Peter Dehnen. Er ist im Präsidium der Vereinigung der Aufsichtsräte in Deutschland und hat beobachtet, dass Pensionen für den Vorstand angehoben wurden, wenn Gehaltserhöhungen für das Management gerade nicht vermittelbar schienen, weil das Unternehmen der Belegschaft eine Sparrunde verordnet hatte.
Bei den Pensionszusagen ist "ein unkontrollierter Bereich entstanden, in dem sich einige Vorstände quasi ein zweites Gehalt gesichert haben", sagt Ulrich Hocker von der Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Weil alle Konzerne eigene Regeln aufstellen, der eine den Vorständen eine Rente mit 60, der andere eine mit 63 gewährt, seien die Zahlungen obendrein schwer vergleichbar.
Grundsätzlich hält Hocker es für richtig, "wenn Manager ihre Altersvorsorge selber bezahlen würden und dafür möglicherweise ein etwas höheres Gehalt erhielten". Auch dann würde den Vorständen keine Armut im Alter drohen. Aber das Verfahren wäre "fair und für Außenstehende vergleichbar und transparent".
Bislang sind viele Details verklausuliert auf den hinteren Seiten der Geschäftsberichte versteckt. E.on beispielsweise erfand für langjährige Vorstände den Begriff des "dritten Pensionsfalls". Der erste liegt vor, wenn ein Manager mit 60 Jahren ausscheidet, der zweite, wenn er arbeitsunfähig wird. So weit, so klar. Aber wenn das Unternehmen den Vertrag des Vorstands nicht mehr verlängert, beispielsweise wegen mangelnder Leistung, dann bezeichnet E.on dies nicht als Trennung von einem Vorstand, sondern als "dritten Pensionsfall".
Der Manager erhält dann ein "vorzeitiges Ruhegeld" in Höhe von 50 bis 75 Prozent seines letzten Grundgehalts. Beim aktuellen Konzernchef Johannes Teyssen wären dies 930 000 Euro - jährlich.
Von Frank Dohmen und Dietmar Hawranek

DER SPIEGEL 15/2013
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