08.04.2013

KAMPFSPORTRechter Haken

Neonazis unterwandern die Free-Fight-Szene. Sie nutzen die brutalen Prügelshows, um Nachwuchs zu rekrutieren.
Tätowierte Kämpfer in Kapuzen-Shirts lassen sich zur Arena geleiten, leichtbekleidete Nummerngirls kündigen auf Schildern die nächste Runde an. Es ist stickig im ausverkauften Volkshaus in Schildau bei Leipzig, Hardrockmusik dröhnt aus den Boxen. "Sachsen kämpft" steht auf einem Werbeplakat. Zwei Polizisten haben vor Beginn noch einmal die Halle kontrolliert, dann sind sie gegangen. Alles in Ordnung, so scheint es.
Mehrere hundert Fans johlen, als Christopher H., ein Star der Szene, den Ring betritt. Der 23-Jährige hat sich in den Mixed Martial Arts einen Namen gemacht, einer Kampfdisziplin, die so brutal ist, dass sie im deutschen Fernsehen nicht gezeigt werden darf. Immer wieder prügelt H. auf seinen Gegner ein, schnell fließt Blut, Wunden an der Nase und den Augen müssen versorgt werden.
Quer durch Deutschland finden brutale Kämpfe wie die in Schildau, von ihren Anhängern auch Free Fights genannt, großen Zulauf. Neonazis nutzen das Interesse, um unter den Zuschauern für ihr rechtsradikales Gedankengut zu werben und potentielle Sympathisanten anzusprechen.
"Wir beobachten mit großer Sorge das Eindringen von Neonazis in die Free-Fight-Szene", sagt Sachsens oberster Verfassungsschützer Gordian Meyer-Plath. "Wer glaubt, beim Free Fight würden sich lediglich einige Spinner die Köpfe einschlagen, unterschätzt die Dimension des Problems - Neonazis setzen den Free Fight gezielt für ihre Propaganda ein."
Der Sport scheint wie geschaffen für rechtsradikale Ideologen. In ihrem Selbstverständnis geht es vielen Kämpfern oft um Blut und Ehre und ums Niederringen des in ihren Augen Schwachen, Unwerten. Die Szene bietet außerdem einen relativ unverdächtigen Raum, in dem sich Neonazis frei entfalten können - weitgehend ungestört von kritischer Presse und linksautonomen Gegnern. Verfassungsschützer in mehreren Bundesländern machten drei Taktiken der Nachwuchsförderung aus. Die Neonazis
‣ verabreden sich zu vermeintlich harmlosen Wettbewerben, die von Kampfsportvereinen veranstaltet werden, und machen sich dort auf die Suche nach potentiellen "Kameraden";
‣ treten mittels Tarnfirmen und -vereinen selbst als Veranstalter auf;
‣ organisieren illegale Fights und Trainingslager - eigene Kämpfer werden dabei als Helden aufgebaut, um jugendlichen Besuchern zu imponieren.
Es geht nicht nur um Sport und Propaganda. Die Schläger sollen auch für die gewalttätige Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner trainiert werden. In einem Video, mit dem Neonazis im vergangenen Jahr für "nationale Kampfsporttage" warben, heißt es: "Ein Kampf als körperliches Kräftemessen repräsentiert mehr als lediglich einen sportlichen Wettstreit junger Männer. Er ist Ausdruck eines inneren Dranges, eines Empfindens, welches uns zu anderen macht." 200 Rechtsradikale trafen sich daraufhin in der Lausitz. Das Motto ihres Treffens: "Leben heißt Kampf".
Fast jedes Wochenende finden Neonazis Gelegenheit, in der Free-Fight-Szene um Sympathisanten zu werben. Zu Ostern stieg an der Ostsee die "4. Greifswalder Fight Night". Im Frühjahr folgen nun Dutzende Veranstaltungen. Bei Karlsruhe ist eine "Battle of Gladiators" geplant; auch in Berlin, Hamburg, Osnabrück oder Halle treffen Kämpfer aufeinander.
"Der Mix aus Männlichkeitsritualen, Kameradschaft und Gewalt besitzt eine hohe Anziehungskraft", sagt Brandenburgs Verfassungsschutzchefin Winfriede Schreiber. Sie hat mit ihren Mitarbeitern als Erste das Phänomen untersucht.
Schreiber scheute auch vor ungewöhnlichen Methoden nicht zurück. Als sie von einem Kampftraining erfuhr, das Neonazis in einem Brandenburger Wald planten, postierte sie tagelang Mitarbeiter als Jäger getarnt auf Hochsitzen; Kollegen fuhren als Förster verkleidet mit dem Geländewagen durch den Wald. So konnten sie dokumentieren, wie sich Neonazis im Unterholz gegenseitig rechte Haken verpassten.
Nicht immer jedoch ist die Grenze zwischen rechtsextremer Gewaltverherrlichung und unpolitischem Kampfsport auf Anhieb zu erkennen. Der Boxclub BC Vorwärts Leipzig etwa ist Mitglied des sächsischen Landessportbundes. Laut Satzung werden dort das "Streben nach Toleranz, Kameradschaft, das Gemeinschaftsgefühl sowie eine gesundheitsbewusste Lebensweise" gefördert. Der Verein sei "politisch und religiös streng neutral".
Doch der Vereinsvorsitzende Thomas P. gilt als Größe in der sächsischen Neonazi-Szene. Er betrieb den Neonazi-Versand Front Records und vertrieb zwischenzeitlich das Musikalbum "Adolf Hitler lebt", auf dem bereits 2010 die Mordserie des Nationalsozialistischen Untergrunds gefeiert wurde. Vor allem aber hat sich P. als ein wichtiger Förderer der sächsischen Free-Fight-Szene etabliert.
Der Unternehmer unterstützte im Jahr 2005 Kämpfer der "Fighting Fellas 28 Wurzen", berichtet das Netzwerk für Demokratische Kultur in Wurzen. P. sagt, er könne sich daran nicht erinnern. Gemeinsam mit Benjamin B., einem Leipziger Neonazi, führt er eine Sportmanagement- und Textilhandelsfirma, die bis 2012 die Internetseite Aryan Brotherhood betrieb und dort vorübergehend für Security-Dienste warb.
B., 23 Jahre alt, glatzköpfig, muskelbepackt, ist einer der erfolgreichsten deutschen Free-Fight-Sportler. Er nennt sich "The Hooligan", betreut auch andere Kämpfer und gehörte zu den Gründungsmitgliedern des angeblich unpolitischen Boxclubs Vorwärts Leipzig. B. bestreitet, Mitglied der rechten Szene zu sein. Er engagierte sich aber in der rechtsextremen Hooligan-Gruppierung Scenario Lok des Fußballvereins Lokomotive Leipzig, die in der Vergangenheit wiederholt durch "Sieg Heil"-Rufe und Angriffe auf Polizisten auffiel und vom Verfassungsschutz beobachtet wird.
Antifa-Aktivisten veröffentlichten im Internet ein Foto, das B. auf einer Neonazi-Demonstration zeigen soll. Auf einem weiteren Foto posiert er offenbar hinter einem Banner mit der Aufschrift "Ultras Lok Nationaler Widerstand".
Beim Event im Volkshaus Schildau spielten Thomas P. und Benjamin B. ebenfalls eine Rolle. Im vergangenen Herbst warb B. erstmals für das Free-Fight-Turnier. Zwei Sponsoren gehörten zum Netzwerk um Thomas P. Die Schläger-Show war damals so erfolgreich, dass sie nun in die zweite Runde ging.
Nicht nur politisch, auch geschäftlich scheint sich das Prügeln vor Publikum zu lohnen. Bei der Neuauflage von "Sachsen kämpft" am 2. März kostete der Eintritt zwischen 14 Euro für den Stehplatz und 75 Euro im VIP-Bereich mit Sitzplatz direkt am Ring. Wer an die Bar wollte, musste für mindestens zehn Euro eine Getränkekarte erwerben.
Werbung kam von einem bekannten Möbelhaus ebenso wie vom lokalen Rechtsanwalt, einem Fliesenlegerfachbetrieb und einem Hostessen-Service. Daneben präsentierten sich Sponsoren aus der Szene, das Staffbull-Department zum Beispiel, ein Online-Versand für bei Rechtsextremen beliebte Textilien.
In einer Pause von "Sachsen kämpft" stand draußen vor der Halle in Schildau der Veranstalter und diskutierte in der Kälte mit einigen Fans, weil die sich künftig eine größere Halle wünschen; einen Ort, an dem der für die Kämpfe aufgestellte Käfig besser zur Geltung kommt.
Doch der Veranstalter hatte gute Gründe für seine Standortwahl. In größeren Städten sei ja immer damit zu rechnen, dass sich Widerstand aufbaue und die Veranstaltung kurzfristig mit vielen Auflagen belegt werde und abgesagt werden müsse, sagte er.
Lieber bleibt er in Schildau, einer kleinen Stadt, die selten für Aufsehen sorgt. Hier fühle man sich willkommen, so der Veranstalter, hier sei "Sachsen kämpft" besser aufgehoben.
Einen Trost aber hatte der Mann für Fans, die sich mit dem öffentlichen Argwohn gegenüber ihrem Lieblingssport nicht abfinden mochten. Man sei, so der Veranstalter, bereits in Verhandlungen mit einem Privatsender in Russland. Dort sind TV-Manager offenbar nicht so ängstlich wie ihre Kollegen in Deutschland - das Interesse der Russen, die Kämpfe live im Fernsehen zu übertragen, sei groß.
Von Markus Deggerich und Maximilian Popp

DER SPIEGEL 15/2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 15/2013
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

KAMPFSPORT:
Rechter Haken

Video 01:56

Wie im Science-Fiction-Film Roboterhunde ziehen LKW

  • Video "Emotionaler Moment im EU-Parlament: Abgeordneter spielt Ode an die Freude" Video 01:12
    Emotionaler Moment im EU-Parlament: Abgeordneter spielt "Ode an die Freude"
  • Video "Seltene Ultraschallaufnahmen: Zwillinge boxen im Mutterleib" Video 00:48
    Seltene Ultraschallaufnahmen: Zwillinge "boxen" im Mutterleib
  • Video "Projekt von US-Schülern: Todesfotos gegen Waffengewalt" Video 02:03
    Projekt von US-Schülern: Todesfotos gegen Waffengewalt
  • Video "Künstler-Knirps Mikail: 5000 Euro für ein Bild" Video 08:05
    Künstler-Knirps Mikail: 5000 Euro für ein Bild
  • Video "Jever statt Westeros: Ostfrieslands Promo-Film im Game-of-Thrones-Stil" Video 02:41
    Jever statt Westeros: Ostfrieslands Promo-Film im Game-of-Thrones-Stil
  • Video "Toronto: Blitz schlägt in 550-Meter-Fernsehturm ein" Video 00:51
    Toronto: Blitz schlägt in 550-Meter-Fernsehturm ein
  • Video "Beinaheabsturz: Planespotter fotografiert Notlandung von Regierungsflieger" Video 03:17
    Beinaheabsturz: Planespotter fotografiert Notlandung von Regierungsflieger
  • Video "Nach Brandkatastrophe: Schätze aus Notre-Dame im Louvre untergebracht" Video 01:06
    Nach Brandkatastrophe: Schätze aus Notre-Dame im Louvre untergebracht
  • Video "Gesang als Waffe: Die Singing Cops von Buffalo" Video 02:03
    Gesang als Waffe: Die "Singing Cops" von Buffalo
  • Video "Hafenkräne stürzen ins Wasser: Unfall auf Werft" Video 00:51
    Hafenkräne stürzen ins Wasser: Unfall auf Werft
  • Video "Notre-Dame-Kathedrale: So wurde der Brand im Inneren bekämpft" Video 01:23
    Notre-Dame-Kathedrale: So wurde der Brand im Inneren bekämpft
  • Video "Premiere der Formel W: Eine Rennserie nur für Frauen" Video 01:45
    Premiere der Formel W: Eine Rennserie nur für Frauen
  • Video "Video aus Australien: Schlange auf der Scheibe" Video 01:01
    Video aus Australien: Schlange auf der Scheibe
  • Video "Regierungsflieger: Funktionsstörung und Probleme bei Landung" Video 01:12
    Regierungsflieger: Funktionsstörung und Probleme bei Landung
  • Video "Wie im Science-Fiction-Film: Roboterhunde ziehen LKW" Video 01:56
    Wie im Science-Fiction-Film: Roboterhunde ziehen LKW