12.06.1995

JazzDann eben a

Vier Jahre nach seinem Tod ist der Jazz-Trompeter Miles Davis populärer denn je. Jetzt erscheinen acht neue CDs.
Gleich neben Duke Ellington, einem anderen Großen der Zunft, haben sie Miles Davis auf dem Friedhof Woodlawn Cemetery in der New Yorker Bronx bestattet, allerdings nicht unter der Erde. Der Trompeter ruht, sein letzter Wille, unter einer prächtigen Eiche, in einem Sarkophag aus schwarzem Marmor, in den die Steinmetze Noten gemeißelt haben und "In Memory of Sir Miles Davis". Denn der Malteserorden hat, so erinnert sich Davis' ehemaliger Anwalt und Manager Peter Shukat, den Musiker zum Ritter geschlagen, und das - gemessen daran, wer in dieser Welt sonst noch geadelt wird - wohl zu Recht.
Denn kaum ein Künstler hat in den Nachkriegsjahren die Jazz-Generationen geprägt wie der 1926 geborene, 1991 gestorbene Davis, der Bebop und Cool-Jazz popularisierte, mit den Saxophonisten John Coltrane und Cannonball Adderley spielte, aber auch mit Pianist Herbie Hancock oder Bassist Ron Carter.
Davis starb, sagt Shukat, als "wohlhabender Mann". Der Trompeter besaß eine Villa im kalifornischen Malibu (die inzwischen verkauft wurde) sowie eine wertvolle Gemäldesammlung in seiner New Yorker Wohnung. Jedes Jahr kassieren die Erben - zwei der vier Davis-Kinder, Davis' Bruder Vernon, Schwester Dorothy und deren Sohn Vincent - aus den Tantiemen "erhebliche Summen" (Shukat).
Die werden nun noch erheblicher. In diesem Monat veröffentlicht die Plattenfirma Columbia auf dem "Legacy"-Label unter dem Titel "The complete Live at the Plugged Nickel 1965" acht neue CDs: das Miles-Davis-Quintett, darunter Herbie Hancock bei zwei Auftritten in dem inzwischen geschlossenen Chicagoer Jazzklub The Plugged Nickel.
Einige Fragmente jener historischen "Sessions" sind auf anderen CDs zwar schon erschienen. Doch nun ist neues Material verwendet worden, insgesamt 30 Minuten Musik, Bekanntes und bisher Ungehörtes werden neu gemischt und sollen nach dem Wunsch der Plattenfirma einen posthumen Miles-Boom auslösen. Eine Vielzahl von Miles-Davis-CD-Boxen soll folgen, unter anderem mit Konzerten in San Franciscos Nachtklub Blackhawk (1961) und Auftritten mit Kumpel Coltrane.
Und in sechs Monaten könnte die Legende auf Leinwandformat wachsen: Hollywood plant einen Film über das Leben des Enfant terrible des Jazz, das Skript ist geschrieben, zum Jahresende soll das Projekt in die Produktion gehen.
Davis, lobt Shukat, "war ein Genie, und die sterben bekanntlich nie". Noch im letzten Jahr wurde der Trompeter für seine Aufnahme "Miles and Quincy live in Montreux" geehrt. Seine Tochter nahm den Grammy, die bedeutendste Auszeichnung der Musikbranche, in Empfang. Im Frühjahr traten Herbie Hancock, Saxophonist Wayne Shorter und Schlagzeuger Tony Williams zusammen mit dem Trompeter Wallace Roney auf die Bühne des Shrine Auditoriums in Los Angeles und ließen sich für ihren "Tribute to Miles" gleichfalls mit einem Grammy feiern - Hancock, Shorter und Williams waren mit Davis bereits im Nachtclub Plugged Nickel aufgetreten und haben mit ihm Bestseller-Alben wie "Miles smiles" oder "E.S.P." bespielt.
Der Trompeter ist so populär, wie er zu Lebzeiten kaum war, als er noch so manchen Fan mit seinem launischen Gehabe irritierte: Sony, Warner Brothers und Prestige haben mittlerweile insgesamt mehrere hundert Miles-Davis-Alben im Angebot, und die, so Vermögensverwalter Shukat, "verkaufen sich wie warme Semmeln".
Auch eine vom New Yorker Vertreiber Premiere Signature angebotene Krawattenserie war nach wenigen Tagen ausverkauft. Und Davis' Gemälde, die er zu Lebzeiten an Freunde wie Quincy Jones, Lionel Richie oder Prince verkaufte, werden heute für 60 000 bis 70 000 Dollar gehandelt, eine Zeichnung schon für 2000 Dollar.
"Bei uns", erklärt Shukat, "wird nichts umsonst weggegeben, unser Job ist es, Geld zu verdienen, kein Cent geht uns verloren."
Der New Yorker Jurist kannte die Launen, die Wutausbrüche und die Großzügigkeit des Künstlers, den er noch immer verehrt, obwohl Miles Davis ihn zuweilen anbrüllte: "You Motherfucker!" Und auch gleich versprach, er werde eine neues Wörterbuch zusammenstellen und mit "Motherfucker" anfangen - wegen Shukat, diesem "Nichtsnutz".
Der Anwalt wagte Davis daran zu erinnern, daß "Motherfucker" im Alphabet weiter hinten einzuordnen sei. Dann eben "a Motherfucker", antwortete der Musiker und sprach über Wochen kein Wort mehr mit ihm. Y

DER SPIEGEL 24/1995
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 24/1995
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Jazz:
Dann eben a

  • Hochwasseralarm: Tief "Axel" bringt Überschwemmungen
  • Wanderweg "Schwindelige Kante": Fehltritte nicht erlaubt!
  • US-Amateurvideo: Flugzeug wird vom Blitz getroffen
  • Häftlinge als Imker: Die Knast-Bienen von Remscheid