26.06.1995

MedienNoch nie ein Wohltäter

Die ARD versucht, sich mit dem Ankauf eines 35 Millionen Mark teuren Programmpakets die Gunst des Filmhändlers Leo Kirch zu sichern.
Wolf Feller, 64, geht im Herbst in Rente. Vorher packt der alte CSU-Fahrensmann noch einmal ein heißes Eisen an: Der Fernsehdirektor des Bayerischen Rundfunks und Spielfilmchef der ARD kämpft für den Ankauf eines dicken Programmpakets des Münchner Medienhändlers und CSU-Freundes Leo Kirch, 68. Kernstück sind die ersten zehn Episoden einer Serie über das Alte Testament.
Das "Bibel"-Opus, weltweit eines der größten TV-Projekte, hat zum Dauerzwist in der ARD geführt. Fünf von elf Fernsehdirektoren blockten die Investition von 35 Millionen Mark für 38 Fernsehstücke aus dem Hause Kirch, das etwa bei dem großen Privatsender Sat 1 maßgeblich mitmischt. "Es handelt sich hier ja nicht um die Fußballbundesliga, nach der sich alle die Finger lecken", so Programmdirektor Günter Struve.
Dennoch dürften die ARD-Intendanten, falls kein biblisches Wunder geschieht, Anfang dieser Woche das Geschäft genehmigen. Die meisten von ihnen rechnen damit, in dem sich verschärfenden Fernseh-Wettbewerb auf Kirchs Riesenarchiv mit 15 000 Spielfilmen und 50 000 Stunden TV-Programm angewiesen zu sein oder mit ihm kooperieren zu müssen.
Die ARD ist mit 10,2 Milliarden Mark Jahreseinnahmen der siebtgrößte Medienkonzern der Welt. Im wichtigen Programmhandel agieren die Deutschen zuweilen freilich wie Amateure.
Die ARD-Oberen hatten vor Jahren die gutgemeinte Idee, daß die Tochtergesellschaft Degeto die Filmeinkäufe zentral erledigen sollte. Doch der Plan mißriet. Auf den großen Programmmessen kümmern sich heute die Abgesandten der diversen ARD-Filmfirmen wie Telepool, Europool, WDR International oder NDR International um Material - Vielfalt am falschen Platz.
Im November 1992 regte der damalige ARD-Chef Friedrich Nowottny an, den Rechteerwerb zu bündeln. Nichts geschah. Auch in den vergangenen Monaten schrieben ARD-Planer eifrig Reformkonzepte. Vorbild war die selbständig am Markt handelnde ZDF-Tochterfirma ZDF Enterprises.
Die lange überfällige "ARD Enterprises" wollte der 1988 angeheuerte Degeto-Chef Peter Heimes erst gar nicht abwarten. Genervt von der ARD-Bürokratie und kleinlichen Konflikten mit dem Chef der Filmredaktion, Klaus Lackschewitz, wechselte Heimes vorigen Herbst zum Sender Super RTL.
Sein Nachfolger Lackschewitz löste bei den ARD-Oberen wenig Begeisterung aus. Besonders am Freitagabend, dem traditionellen Spielfilmtermin, fällt die ARD gegen die Konkurrenz ab.
Kritisiert wird die Degeto vor allem auch deshalb, weil sie sehr teuer einkauft. So beteiligte sie sich mit 3,5 Millionen Mark an dem Streifen "Die Bartholomäusnacht", den die ARD wegen vieler Blut- und Mordszenen aber allenfalls nach 23 Uhr senden kann.
Für je 420 000 Mark kaufte Lackschewitz alte Gruselstreifen wie "Der Unsichtbare" oder "Die Todeskarten des Dr. Schreck" von der englischen Lizenzfirma ADN. Den Film "Die Detektivin" erwarb er für 445 000 Mark von ADN, obwohl ihn der Produzent vorher für rund ein Viertel angeboten hatte. "Die ARD", kritisiert ein Filmhändler, "ist eine Milchkuh, die gemolken werden will."
Neuerdings droht dem Unternehmen die Gefahr, seine Quellen in den USA zu verlieren. Das Filmimperium Disney ("Pretty Woman") löste seinen Exklusivvertrag mit der ARD und band sich an die RTL-Mutter Compagnie Luxembourgeoise de Telediffusion. Produzent Larry Gershman, der die Degeto mit allerlei TV-Movies belieferte, manövrierte sich in finanzielle Engpässe. Der NDR, mit einem Drittel an Gershmans World International Network (Win) beteiligt, mußte in Los Angeles Krisenmanagement betreiben. "Der Anteilserwerb wäre besser unterblieben", sagt Martin Willich, Chef der NDR-Tochter Studio Hamburg.
Größter Programmschatz der ARD sind auf Jahre hinaus 1400 Filme aus den Beständen des Hollywood-Studios Metro-Goldwyn-Mayer, die der öffentlichrechtliche Verbund 1984 direkt in den USA gekauft hatte - erstmals ohne den Zwischenhändler Kirch.
1992 jedoch war Kirch bei der ARD wieder gut im Geschäft. Er wurde 45 Filme zum Stückpreis von 690 000 Mark los. Für Kinoerfolge wie "Tootsie" kassierte Kirch sogar 925 000.
Die Verbreitung der "Bibel" (Produktionskosten: 200 Millionen Mark), seit Weihnachten 1993 im Ausland im Einsatz, liegt dem praktizierenden Katholiken sehr am Herzen. Allerdings nicht so sehr, daß er sie in seinem Haussender Sat 1 zeigen möchte. Da stören, so die Begründung, die Werbespots das sakrale Programm. Die erhabene "Bibel"-Serie, läßt Kirch verlautbaren, habe einen öffentlich-rechtlichen Charakter.
Mangels Begeisterung der Öffentlich-Rechtlichen sank der Preis von drei Millionen Mark pro Folge auf knapp 900 000 Mark. Dafür jubelte Kirch seinem Kunden neben der "Bibel" 28 deutsch-italienische Co-Produktionen unter, darunter die Serien "Die Kinderklinik" oder "Die Anwältin". Ein Großteil der Werke ist noch gar nicht fertig.
"Wir kaufen die Katze im Sack", wettert Rüdiger Hoffmann, Fernsehdirektor von Radio Bremen. Wenn "Die Bibel" ein Erfolg würde, meint WDR-Manager Michael Schmid-Ospach, hätte Kirch die Serie seinen eigenen Sendern angeboten: "Der war noch nie ein Wohltäter der ARD."
Gegen die vielen Bedenken setzte Christdemokrat Henning Röhl, Fernsehdirektor des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR), seine Erkenntnis, daß in Deutschland, vor allem in den neuen Ländern, der "Antichrist" umhergehe und daher die Republik Kirchs "Bibel" brauche, wie ihn die Süddeutsche Zeitung zitierte. An die kernige Aussage mag sich Röhl aber nicht erinnern. Er meint nun lediglich, die "Bibel" stünde der ARD "gut zu Gesicht".
Kirch weiß den Sender offenbar zu schätzen: Exklusiv überließ er dem Dritten Programm des MDR die Spitzenfilme "Die Feuerzangenbowle" und "Der Hauptmann von Köpenick".
Das von bayerisch-sächsischen Konservativen angebahnte ARD-Geschäft mit Kirch kann, im letzten Augenblick, wohl nur einer verhindern: der NDR-Intendant und neue Degeto-Aufsichtsratschef Jobst Plog, der sich vorgenommen hat, die Schwächen der ARD im Filmhandel zu korrigieren. Dafür aber müßte Plog, ein vehementer Kritiker von Kirchs Medienmacht, gegen einen Mitarbeiter stimmen, der sich schon zur "Bibel"-Gemeinde bekannt hat: seinen Fernsehdirektor Jürgen Kellermeier. Y

DER SPIEGEL 26/1995
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