19.06.1995

NordkoreaVerbannt in die Hölle

Mit 17 Jahren verlor Soldat Ahn Myong Chol den Glauben an das Paradies. Er war in eine Spezialeinheit der nordkoreanischen Armee abkommandiert worden. Der Ort, an den man ihn schickte, war die Hölle; nur jenseits des 38. Breitengrads, im verfeindeten kapitalistischen Süden, hatte er einen solch schrecklichen Ort für möglich gehalten.
Wie alle Nordkoreaner war Ahn mit der Überzeugung aufgewachsen, in einem himmlischen Land unter der Obhut eines gütigen, väterlichen Führers zu leben. Er kannte jede der legendären Episoden über den Partisanenkampf des Staatsgründers gegen die japanische Fremdherrschaft. Als junger Pionier sang er Ruhmeslieder auf die Revolution der Arbeiter und Bauern des Nordens; er wußte, wo die strohgedeckte Lehmhütte stand, in welcher der vergötterte "Große Führer" Kim Il Sung einst das Licht der Welt erblickte. Und er glaubte fest daran, daß ein himmlisches Licht erstrahlte, als dessen Sohn und Nachfolger, der "Geliebte Führer" Kim Jong Il, geboren wurde.
Wachsamkeit gegenüber dem Klassenfeind war ihm zur zweiten Natur geworden. Propagandabilder von Hungeraufständen und Gewaltherrschaft prägten seine Vorstellung vom Leben im anderen Teil Koreas.
Doch als Ahn im Frühjahr 1987 in Kyongsong, an der Nordostküste der Halbinsel, seinen Wehrdienst antritt, fühlt er sich jäh in die Welt der Wochenschauen versetzt, mit denen das Staatsfernsehen Nordkoreas unablässig gegen den Süden polemisiert: Er ist in ein Lager für politische Gefangene abkommandiert.
"Die Knochen schienen durch die Haut, so abgemagert waren die Häftlinge", erinnert sich Ahn. "Vielen fehlte ein Auge oder ein Bein; fast jeder dritte hatte eine zerbrochene Nase oder zerfetzte Ohren. Ihr Anblick war furchterregend."
Sieben Jahre lang dient Ahn der Demokratischen Volksrepublik Korea als Wachsoldat und Fahrer in ihren Gulags für Gesinnungstäter, bis ihm im August 1994 die Flucht in den Süden gelingt. Er ist nicht der erste nordkoreanische Flüchtling, der trotz des von Panzerverbänden, Minen und Stacheldraht gesicherten Grenzstreifens zwischen beiden Staaten den Weg in die Freiheit findet. Aber nie zuvor hat einer der Täter derart detailliert über Foltermethoden und Hinrichtungen, über Bespitzelung und Zwangsarbeit berichtet.
Was der Augenzeuge Ahn über das totalitäre Regime in nordkoreanischen Gulags erzählt, ist schwer nachprüfbar. Die Machthaber in Pjöngjang haben die Existenz von Zwangslagern immer abgestritten; nach Lesart Nordkoreas gibt es im roten Paradies nur drei "Umerziehungslager" für "Staatsfeinde". Gegenteilige Meldungen nennt Pjöngjang "eine unglaubliche Verleumdung, eine Desinformationskampagne" des südkoreanischen Geheimdienstes.
Aber unabhängige internationale Organisationen bestätigen die Horrorberichte. Schätzungsweise 150 000 Menschen seien in nordkoreanischen Lagern interniert, hat die amerikanische Menschenrechtsorganisation Asia Watch aus Flüchtlingsberichten und Erzählungen von in Japan lebenden Angehörigen geschlossen - viele bis an ihr Lebensende. Auch die Schilderungen entkommener Häftlinge stimmen mit Ahns Aussagen überein.
Drei von ursprünglich mindestens zehn Hochsicherheitscamps für politische Häftlinge kennt Ahn aus eigener Anschauung: die inzwischen mit anderen zusammengelegten Lager von Kyongsong (Nummer 11) und Onsong (Nummer 13) sowie Hoeryong (Nummer 22). Allein in Hoeryong sind nach Ahns Angaben 50 000 Häftlinge interniert. In jedem der Lager seien täglich fünf bis sechs Menschen umgekommen, schätzt der ehemalige Wachsoldat. Sie wurden exekutiert, zu Tode gequält oder verhungerten.
In der Grundausbildung lernt Rekrut Ahn, daß die Häftlinge Feinde des Volkes seien; sie hätten jedes Recht auf ein menschenwürdiges Leben verwirkt. Er wird ermahnt, unerbittlich und mitleidlos zu sein. Er lernt zu hassen und zu prügeln, denn ein Wachsoldat, der den Gefangenen kleine Freiheiten erlaubt, hat bald selbst keine mehr.
Gehorsame Pflichterfüllung dagegen wird mit der Aufnahme in die Partei belohnt. Dem Rekruten Ahn wurde ein Politikstudium in der Hauptstadt versprochen. Die Mutter hatte einen Musterungsbeamten bestochen, um dem Sohn einen exponierten Posten innerhalb des Militärs zu sichern und ihm so später eine akademische Laufbahn zu ermöglichen. Wer in einer Eliteeinheit gedient hat, macht schnell Karriere.
Zwei Monate lang hämmern die Ausbilder den Rekruten ein: "Eure Macht ist unbegrenzt. Nutzt sie!" Dann werden sie wie scharfgemachte Hunde auf die Gefangenen losgelassen. Ahn kommt im äußersten Norden des Landes, in Onsong und Hoeryong, zum Einsatz.
Dem Geheimdienst unterstellte Generale leiten die Lager; pro Camp befehligen sie 400 als absolut loyal eingestufte Angehörige der Geheimpolizei und 560 Wachsoldaten. Gnadenlos lassen sie vollstrecken, was ihre politischen Führer propagieren: die Vernichtung des Klassenfeinds.
Ahn sieht Leichen mit zertrümmerten Köpfen, Körper ohne Arme und Beine, von Hunden zerrissene Kadaver. Er hört die Schreie von Häftlingen, die wegen geringfügiger Verstöße gegen die Lagerordnung monatelang in ungelüfteten, fensterlosen Verliesen isoliert werden und, einen Holzscheit zwischen Unterschenkeln und Gesäß, so lange hockend ausharren müssen, bis ihre blutleeren Beine abzusterben beginnen.
Er weiß von geheimen Hinrichtungsplätzen, denn als Fahrer kommt er mehr im Lager herum als andere. Weil er Besorgungen für die Vollstrecker macht, laden sie ihn zu nächtlichen Saufgelagen ein. Lachend erzählen sie, wie sie die Augen der Todgeweihten um die Wette ausschossen, wie sie weiblichen Gefangenen die Brüste abschnitten und Schaufelstiele durch die Scheide in den Unterleib trieben.
Der Hinrichtungsplatz von Onsong liegt versteckt in einem Tal am Rand des Lagers. Im Schatten eines dem "Großen Führer" Kim Il Sung geweihten Baums - so erfährt Ahn von Kameraden - werden Häftlinge wie Götzenopfer abgeschlachtet: Von Aufsehern geschwängerte Frauen enden mit aufgeschlitzten Bäuchen; Gefangene, deren Widerstandsgeist selbst die Isolationshaft nicht zu brechen vermochte, sterben mit zertrümmerter Schädeldecke; Ausgemergelte, die, halb wahnsinnig vor Hunger, ein Huhn oder Schwein stahlen, werden gesteinigt.
Ahn sieht, wie die zum Tode Verurteilten früh morgens auf Lastern zur Exekution gefahren werden. Manchmal hört er auch Schüsse. Die Hinrichtungen sieht er nicht, wohl aber immer wieder Leichen, unter Steinen verscharrt und völlig verstümmelt.
Drei Jahre lang hat er im Namen des Volkes und der Revolution Gefangene abgestraft und mitgeprügelt, ohne Gewissensqualen zu erleiden. Doch mehr und mehr irritiert ihn der Widerspruch zwischen Kim Il Sungs Schriften über die Partei, die "fürsorglich wie eine Mutter" sei, und der Gewaltherrschaft der Funktionäre in den Gulags.
Was er über die Insassen der Lager erfährt, wenn er seinen russischen Laster in die Werkstatt bringen oder auftanken muß, weckt Zweifel in ihm an der Behauptung seiner Vorgesetzten, sämtliche Gefangenen seien Staatszersetzer und Klassenfeinde.
Da ist die Lackiererin Yang Ok Hee, die so wunderbar singen kann und so oft weinen muß. Sie sitzt ein, weil sich ihr Vater, ein Historiker und Schriftsteller, mit dem Kapitalismus beschäftigt hatte. Da ist die talentierte Volleyballspielerin Lee, deren Mann, ein ehemaliger Diplomat, bei der Partei in Ungnade gefallen war.
Da ist die schüchterne Han Jin Deuk, die bereits im Alter von zehn Jahren mit ihrer gesamten Familie eingeliefert wurde und bei einem Unfall im Kohlebergwerk des Lagers beide Beine verlor. Oder der Automechaniker Kim Bok Nam, der in Sippenhaft genommen wurde, weil sein Vater von einer politischen Säuberungswelle erfaßt worden war.
Kim schielt, seit ein Arzt im Krankenhaus von Nummer 22 ihn zu einer Augenoperation zwang. Auch viele der Amputierten im Lager seien Opfer medizinischer Experimente, glaubt Ahn. Niemand traut den Militärärzten, selbst die Soldaten nicht. Die Mediziner der Gulags operieren ohne Narkose oder spritzen unerforschte Mittel. In mindestens 50 Fällen hätten sie eingelieferten Häftlingen gar die gesunde Leber entnommen, hört Ahn.
Während ideologischer Schulungsstunden muß er immer öfter an die verstümmelten Leichen denken. Die Anekdoten und allgegenwärtigen Bilder, die den Staatsgründer Kim Il Sung als väterlichen Wohltäter erstrahlen lassen, erscheinen ihm kaum noch glaubwürdig. "Wer Mitleid empfindet, macht sich mitschuldig", warnen die Ausbilder. "Ich war völlig verzweifelt", sagt Ahn.
Als er im Oktober 1992 einer jungen Gefangenen, die in der Autositzherstellung arbeitet, etwas Fisch zusteckt, gefährdet er damit die eigene Zukunft. Denn die Bewacher werden ihrerseits bewacht: Eine Mitgefangene zeigt den Akt der Nächstenliebe an. Ahn wird mit einer Woche verschärftem Arbeitsdienst bestraft. "Ich hätte selbst als Gefangener enden können", meint er. Dieses Schicksal bleibt ihm erspart. Doch Aussichten auf Beförderung und Karriere hat er fortan keine mehr.
Jeder der Soldaten ist zu strengster Geheimhaltung verpflichtet. Jeder Brief wird vom Sicherheitsdienst gelesen - so wagt keiner, im Kreis von Genossen Kritik zu üben, und weil selbst die Lagerinsassen Spitzeldienste leisten, ist ihnen erst recht nicht zu trauen. Jede Gefangenengruppe hat zwei von der Lagerleitung bestellte Führer, die, sollte einem der ihrer Kontrolle unterstellten Häftlinge die Flucht gelingen, mit zur Verantwortung gezogen werden.
Weibliche Gefangene geben sich ihren Aufpassern hin, um sich kleine Vergünstigungen oder Fluchthilfe zu erschleichen. Eine - zumeist - tödliche Hoffnung. Denn werden sie erwischt oder geschwängert, drohen ihnen Folter und Hinrichtung. Aus Angst, einer gefährlichen Liebschaft überführt zu werden, schnüren Frauen ihre Gürtel enger um die sich wölbenden Bäuche oder schlucken giftige Tinkturen, um die verräterische Leibesfrucht abzutreiben.
Die Affäre mit einem Kompanieführer wäre auch der schönen Han Jin Deuk fast zum Verhängnis geworden.
Ahn weiß von ihrer Beziehung, denn Han trifft ihren Liebhaber heimlich in einem Stall, dessen Schlüssel er verwaltet. Sie wird verhaftet und verschwindet. Als Ahn sie Jahre später überraschend wiedertrifft, zeigt sie ihm ihre mit einem Bügeleisen versengten Brüste. Ihre Folterer hatten sie, weil sie Informantin war, nicht umgebracht, sondern zur Zwangsarbeit ins Kohlebergwerk geschickt.
400 000 Tonnen Kohle müssen die Lagerinsassen von Hoeryong laut Plan jährlich fördern. Mit Maisbrei und verdünnter Fleischbrühe hält man die Häftlinge am Leben, solange man ihre Arbeitskraft ausbeuten kann.
Jeder der fünf noch operierenden Gulags betreibt laut Ahn eine eigene Landwirtschaft, sei aber zusätzlich auf andere Produkte spezialisiert: Nummer 14 (Kaechon) stelle Uniformen und Schuhe her, Nummer 15 (Yodok) und 16 (Hwasong) unterhielten eine Holz- und Viehwirtschaft, Nummer 25 (Chongjin) produziere Kühlschränke, Waschmaschinen und Fahrräder für verdienstvolle Parteimitglieder, und Nummer 22 (Hoeryong) liefere neben der Kohle Fleisch für die Hotelküchen der Hauptstadt Pjöngjang.
Einmal im Monat holen schwarzlackierte russische Lastwagen ohne Nummernschilder neue, noch nicht entkräftete Häftlinge ab. Es heißt, sie würden in die Bergwerke gefahren. Doch niemand weiß, wohin die "Raben", wie die Gefangenen die unheimlichen Fahrzeuge nennen, die Abtransportierten tatsächlich bringen.
Auch Kinder werden in die Gruben oder auf die Felder geschickt. Viele Häftlinge kommen bei Unfällen um oder werden zu Krüppeln wie Han Jin Deuk, weil Planerfüllung wichtiger als der Schutz von Menschenleben ist. Als im Mai 1993 in einer Grube des Lagers Hoeryong ein Feuer ausbricht, befehlen die Sicherheitskräfte, den Stolleneingang zu sprengen, um den Brandherd zu ersticken. 50 Minenarbeitern wird der Weg nach draußen abgeschnitten. Sie verbrennen.
Die Leichen werden ohne jede Zeremonie beerdigt. Sie bekommen keine Grabhügel, wie sie sonst im Land üblich sind; an der halbkugelförmig aufgeworfenen Erde ließe sich ihre Zahl ablesen.
Niemand beweint die Toten, denn wer Verräter betrauert, ist selbst ein Staatsfeind. Selbstmörder sind selten unter den Verscharrten. Jeder Zwangsarbeiter weiß: Wenn er sich das Leben nimmt, muß ihn ein anderes Familienmitglied ersetzen. Y
[Grafiktext]
Nordkoreas Gulags: Bestehende Lager, aufgelöste Lager
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 25/1995
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