03.07.1995

AffärenHosen runter

Hollywood ergötzt sich an einem neuen Skandal. Leinwandidol Hugh Grant wurde mit einer Prostituierten in flagranti erwischt.
Die Schlagzeilen hatten das Format, das internationalen Katastrophen vorbehalten ist. Die Kommentatoren gaben sich fassungslos. Die Fotos zeigten das gramzerfurchte Gesicht der Lebenspartnerin, des auch im Schmerz überirdisch schönen Supermodels Elizabeth Hurley. Und der Schuldige schien zerknirscht. Er habe, so bekannte das Leinwandidol Hugh Grant, "etwas völlig Verrücktes" begangen. "Ich habe Menschen verletzt, die ich liebe."
Totschlag? Diebstahl? Selbstmordversuch? Schlimmer: Der Schauspieler hatte sich um halb zwei Uhr morgens in seinem weißen BMW das besorgen lassen, was gemeinhin als "blow job" bezeichnet und in dieser Gegend Hollywoods mit 50 Dollar in Rechnung gestellt wird. Schmutz ist nun mal die größte aller Kränkungen in der Fassadenwelt der Celebrities.
Die stets wachsamen Ordnungshüter des Los Angeles Police Department - diejenigen, die derzeit nicht im O.-J.-Simpson-Prozeß aussagen müssen - hatten die Gefahr bereits erkannt, als der BMW-Fahrer auf dem Sunset Boulevard mit der Prostituierten Divine (die Göttliche) Brown über den Preis verhandelte.
Sie folgten dem weißen Wagen, der die Sünde mittlerweile an Bord hatte, in eine Seitenstraße. Als Routiniers mit Sinn für Timing schritten sie erst ein, nachdem die Göttliche zugegriffen hatte.
Gerüchte, daß es sich bei der Professionellen um einen Transvestiten gehandelt habe, konnten sofort zerstreut werden. "Wir haben es nachgeprüft", sagte einer der beteiligten Polizisten. "Sie ist definitiv eine Frau." Der Straftatbestand: "Unzüchtiges Verhalten in der Öffentlichkeit." Mögliche Höchststrafe: 100 000 Dollar Buße und sechs Monate Gefängnis.
Nichts verachtet, nichts liebt das prüde Amerika, das Sex für Sünde hält und Prostitution unter Strafe stellt, mehr als den Schmutz. Mit fasziniertem Ekel hängt die Öffentlichkeit vor den Schlafzimmern der Großen oder Bizarren, ob es sich um Michael Jackson, die Kennedys oder um Joe Buttafuoco handelt, White-Trash-Ikone und Automechaniker aus Long Island, dessen Lolita-Geliebte auf seine Ehefrau schoß und ihn damit zur Berühmtheit machte.
Daß es nun Hugh Grant traf, den smarten Brit und Herzensbrecher, erhöhte den Genuß. Um so mehr, als am nächsten Tag ein PR-Auftritt angekündigt war, auf dem der Star seine neue seifensaubere Familienkomödie "Nine Months" vorstellen wollte. Nicht Theologen beschäftigen sich nun mit seinem Sündenfall, sondern die wahren Spezialisten für Gut und Böse: Klatschkolumnisten, Karriereberater und Teenager.
Diese litten vor allem mit der britischen Lebensgefährtin des Stars, dem Fotomodell Hurley: so zart, so faltenlos, so kurvenreich. Grant selbst hatte ihr einst "die besten beiden Dinger der Insel" bescheinigt. Und dann ließ er vor einem knallroten Minirock die Hosen runter - das war schlimmer als Sünde, das war Klassenverrat.
Einen stilvollen Treuebruch nach den Society-Spielregeln hätte man hingenommen, aber nicht die billige, schmutzige, schnelle Nummer im Auto, die Hosen in den Kniekehlen, die Polizeifotos. In Wahrheit erregte nicht das ethische Delikt, sondern der ästhetische Absturz die Gemüter. Grant hatte seine Schöne mit dem Biest betrogen, das Klasseweib mit der schrillen 50-Dollar-Nutte.
Das Damenkränzchen der Klatschkolumnistinnen war vollzählig angetreten, um über die gewohnte Zierkissenstickerei hinweg zu zischeln, etwa die Plauderdame des New Yorker Newsday: "Einer wie er sollte sich bessere Nummern und bessere Frauen für seine sexuellen Phantasien besorgen können."
Ausgiebig kamen auch die Sex-Experten zu Wort, die Namen trugen wie Gwendolyn Goldsby Grant. Diese, eine "geschulte Psychologin", hatte Grants Sommerkomödie "Vier Hochzeiten und ein Todesfall" dreimal gesehen und war "beeindruckt von ihrer Tiefe". Nun wagte sie den Blick nicht nur in die Abgründe des Stars, sondern der Männer schlechthin: "Sie wissen einfach nicht, daß sie ihr wahres Selbst weder auf dem Rücksitz eines Autos noch nackt am Strand finden können."
Immerhin: kopfschüttelndes Verständnis für das Tier im Mann. Die von der New York Post befragten Teenager waren da wesentlich kompromißloser. Soll seine Freundin ihn zurücknehmen? Die jugendliche Tugendbrigade, schließlich das Feminat von morgen, war von kristallener Kälte: "Nie, selbst wenn sie 20 Jahre verheiratet wären. Er muß die Konsequenzen spüren."
Die schmerzensreiche Schöne dagegen hatte ihren Supermann vorläufig wieder in die Arme geschlossen. Er habe vor ihr gekniet, verrieten britische Zeitungen. Sie soll wütend gewesen sein, dann erschüttert, dann tapfer. "Ich stehe zu ihm", ließ sie verlauten.
Prosaischer sahen Hollywoods Betriebsnudeln den Fehltritt des Stars. Grants PR-Dame Sandy Rice glaubt nicht, daß der Leinwand-Magnetismus des Herzensbrechers durch den Vorfall gelitten hat. Heidi Parker, Chefredakteurin des Monatsmagazins Movieline, erkennt sogar eine positive Imagekorrektur: "Er war wie Vanilleeis. Jetzt ist er mehr von dieser Welt. Vorher war er nur ein englischer Schauspieler. Jetzt ist er wirklich Hollywood."
Mit anderen Worten: Grant ist endlich angekommen. Und die, die ihm dazu verholfen hat, ebenfalls - eine britische Gazette bot der "göttlichen" Miss Brown 250 000 Dollar für die Exklusivrechte an ihrer Geschichte. Y

DER SPIEGEL 27/1995
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


  • Videoanalyse aus Brüssel: "Der Gipfel droht zum Frustgipfel zu werden"
  • Nordsyrien: 120 Stunden Gefechtspause
  • Weltall-Tourismus: Virgin Galactic stellt Raumanzüge vor
  • Walkadaver in der Tiefsee: Gefundenes Fressen