03.07.1995

China„Wir sind keine zweite DDR“

SPIEGEL: Herr Minister, die Weltmeistertitel der chinesischen Schwimmer und Leichtathleten haben im Westen geradezu eine Phobie ausgelöst. Welche Sportbastionen will Ihr Land demnächst stürmen?
Wu: Das Gerede von der sportlichen Supermacht China ist doch Unsinn. Wir sind noch immer ein Land der Dritten Welt. Wir freuen uns noch über jeden sportlichen Erfolg.
SPIEGEL: Damit man sich noch öfter freuen kann, wird systematisch gedopt?
Wu: Wir dürfen nicht vergessen, daß Doping eine Erfindung des Westens ist. Als ich vor sechs Jahren Sportminister wurde, erließ ich deshalb drei Auflagen: strenges Verbot von Doping, intensive Kontrollen und harte Strafen. Sobald ein Athlet des Dopings überführt wird, ziehen wir ihn zur Rechenschaft - selbst wenn es sich um einen Weltmeister handelt. Doch bei den positiven Befunden bei unseren Sportlern meldeten wir erhebliche Zweifel an.
SPIEGEL: Was soll denn an den Tests nicht korrekt gewesen sein?
Wu: Das Ergebnis wurde erst nach einem Monat bekanntgegeben, da blieb viel Zeit für mögliche Manipulationen. Ferner wurde das Labor selbst nicht überprüft. Es gab unserer Meinung nach zu viele unzuverlässige Ergebnisse dort.
SPIEGEL: Wollen Sie behaupten, China sei betrogen worden?
Wu: China wurde von ausländischen Medien verleumdet, die behaupteten, die chinesische Regierung, das staatliche Sportkomitee und das Olympische Komitee Chinas hätten das Doping organisiert. Trotzdem haben wir die Meinung der internationalen Verbände respektiert und alle Sportler bestraft, die angeblich leistungssteigernde Präparate zu sich genommen haben.
SPIEGEL: Auf Drogenbesitz stehen in China hohe Gefängnisstrafen. Die Sportler sind blutjung, oft auf dem Lande aufgewachsen. Wie sollen die denn an Dopingmittel gekommen sein, wenn sie sie nicht von offiziellen Stellen oder Trainern erhalten haben?
Wu: Zugegebenermaßen gibt es bei uns Leute, die sagen: In Europa wird gedopt, wenn wir es nicht tun, geraten wir ins Hintertreffen. Deshalb betone ich: Wir nehmen keine leistungssteigernden Mittel, auch wenn uns deshalb Goldmedaillen entgehen; mögen andere auch dopen, wir nicht.
SPIEGEL: Das Problem ist: Es glaubt Ihnen keiner - auch wenn Sie jetzt ein Anti-Doping-Gesetz auf den Weg gebracht haben.
Wu: Warum hackt man allein auf China herum? Unlängst wurden fünf Sportler in den USA des Dopings überführt, sieben in England.
SPIEGEL: Zum Doping kommt mitunter noch grausamer und unmenschlicher Drill. Muß da der Vorsitzende der Sportkommission nicht einschreiten?
Wu: In jedem Land gibt es Gesetze gegen Mord und Raub, trotzdem wird immer wieder geraubt und gemordet. In der Sportkommission haben wir drei Prinzipien festgeschrieben: Trainer dürfen Sportler nicht schlagen und beschimpfen, dürfen sie nicht beleidigen und dürfen die Menschenwürde der Athleten nicht verletzen. Wer das nicht beachtet, wird bestraft.
SPIEGEL: Der Eindruck bleibt: China versucht mit allen Mitteln, das ramponierte Ansehen durch Leistungssport und Medaillen aufzupolieren.
Wu: Der Vorsitzende Mao hat uns schon 1952 ermahnt, Körperkultur und Sport zu fördern, um die Verfassung des Volkes zu stärken. Wie man das Sportwesen entwickelt, haben wir von einem Deutschen gelernt - nämlich aus dem dialektischen Materialismus von Karl Marx. Leistungssport und Massensport müssen so aufeinander abgestimmt sein, daß die Kraft der ganzen Nation wächst.
SPIEGEL: Ist der durch sportliche Erfolge forcierte Nationalismus die neue Ideologie Chinas, die den untergehenden Kommunismus ersetzen soll?
Wu: Das ist ein Irrtum. Wir halten weiterhin am Ideal Kommunismus fest, doch wir sprechen heute vom Sozialismus chinesischer Prägung und der sozialistischen Marktwirtschaft, was wir als Anfangsphase des Kommunismus bezeichnen. Das gilt auch für den Sport. Neben der Marktwirtschaft achten wir darauf, daß Werte wie Sozialismus, Kollektivismus, Patriotismus und Erziehung zum Heroismus nicht zu kurz kommen.
SPIEGEL: Und erfolgreiche Sportler bestätigen diesen Sozialismus?
Wu: Der Marxismus lehrte uns, daß die Politik die konzentrierte Widerspiegelung der wirtschaftlichen Situation ist. Die Politik ist die Software und die Ökonomie die Hardware dazu. Wer eine Goldmedaille gewinnt, ist für uns sowohl Held in der Wirtschaft als auch für die Politik.
SPIEGEL: Deswegen haben die Erfolge chinesischer Sportler den Beigeschmack des Staatssports wie in der DDR.
Wu: Wir sind keine zweite DDR im Sport. Unsere Methoden der Sportförderung sind mit denen der DDR nicht identisch, wir planen Siege nicht voraus. Grundlegendes Ziel unseres Sportwesens ist es, die Konstitution des Volkes zu stärken. Wir legen großen Wert auf die Erziehung der Sportler von klein auf. Sie dürfen nichts unternehmen, was für das Land unvorteilhaft wäre. Der Generalsekretär der Kommunistischen Partei Chinas, Genosse Jiang Zemih, hat wiederholt gesagt, vor Siegen soll man nicht hochnäsig sein, nach Niederlagen darf man nicht den Kopf verlieren.
SPIEGEL: Aber gerade die Funktionäre verloren die Beherrschung, als die Bewerbung Pekings um die Olympischen Spiele 2000 scheiterte.
Wu: Im Ausland wurde berichtet, daß es in China angeblich Hundefleisch zu essen gäbe, daß man Saft aus Bärengalle trinke und dies Tierquälerei sei. All das hat unser Nationalgefühl sehr verletzt. Deshalb sind wir noch nicht sicher, ob wir uns für das Jahr 2004 noch einmal bewerben.
SPIEGEL: Immerhin ist Ihnen mit dem IOC-Präsidenten Juan Antonio Samaranch ein Förderer erhalten geblieben. Er scheint einen richtigen Narren an China gefressen zu haben.
Wu: Er ist ein unparteiischer netter Mann, der unser Land mag. Als er das letzte Mal im Mai hier war, wollte er Breitensport sehen, und wir gingen zu zweit in den Park. Er war richtig begeistert, wie viele Chinesen morgens Freiübungen machen, Seil springen und Federball spielen.
SPIEGEL: Dennoch wurden für Besuche von IOC-Mitgliedern Straßenzüge abgesperrt und die Heizung für ganze Stadtteile abgedreht. Wieviel versteht das Olympische Komitee von Chinas politischer Realität?
Wu: Die westlichen Medien stellen unser Land immer negativ da, voller Vorurteile. Wenn ich ein fremdes Land besuche, ist es klar, daß ich meine Gastgeber nicht kritisiere, obwohl ich dort bisweilen auch nur künstliche Welten zu Gesicht bekomme. Wenn wir Fehler machen oder einiges überziehen, geschieht das nur in guten Absichten. Y

DER SPIEGEL 27/1995
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