17.07.1995

Jede für sich allein

Es ist nicht leicht, abgeschnitten von dem Gefühl für die eigene Vergangenheit zu leben. "25 Jahre Baader-Befreiung", das bedeutet für mich: 25 Jahre, die es her sind, daß meine Mutter sich entschieden hat, meine Schwester und mich zu verlassen.
Ich war damals sieben Jahre alt, recht schüchtern und ängstlich, und ich erinnere mich - oder habe ich es nur geträumt? -, wie ich eines Abends unerwartet in das Schlafzimmer meiner Mutter kam, als sie sich gerade einen dunkelblauen Rollkragenpullover überzog. In ihrer Hose steckten zwei Pistolen, was mich, das kann ich wohl sagen, maximal erschreckte.
War es dieser Augenblick, in dem ich beschloß, alles früher Erlebte zu vergessen und vieles, was danach kam, gar nicht wirklich an mich herankommen zu lassen? Oder war das schon viel früher geschehen? Tatsache ist jedenfalls, daß das Verdrängen zu meiner Bewältigungsstrategie wurde und ich kaum eine Erinnerung an meine Kindheit habe.
So kommt es wohl auch, daß die böse, schlimme und harte Seite von Ulrike Meinhof bis heute weitgehend an mir vorübergegangen ist. Das mag bei der damals allgegenwärtigen Pressehetze kaum vorstellbar sein, aber offensichtlich war es mir einfach nicht möglich, dieser Realität ins Gesicht zu sehen. Ich habe mit den Worten "Terroristin", "Bandenchefin" oder "Staatsfeind Nr. 1" nie meine Mutter verbunden, obwohl ich natürlich wußte, daß Ulrike Meinhof gemeint war und daß das meine Mutter ist.
Spürbar war für mich lediglich eine diffuse Dramatik, die aus den Dimensionen Mord und Selbstmord entstanden war und die mein Leben fortwährend begleitete. Noch heute wundere ich mich, wenn jemand, dem ich erzähle, wer meine Mutter ist, erschrickt, allen Terror dieser Zeit im Gesicht geschrieben, und bekundet: "Oh, wie schrecklich." Oder wenn, nach dieser Eröffnung, nur noch der Gesichtsausdruck dem betretenen Schweigen die Worte gibt: "Du Ärmste, deine Mutter war eine Verbrecherin." Verstanden fühle ich mich da nicht. Für mich ist das Wesentliche, daß sie nicht da war und nicht da ist.
"25 Jahre Baader-Befreiung", das heißt für mich auch, daß ich viel Zeit hatte, darüber nachzudenken, warum meine Mutter in den Untergrund gegangen ist. Diesen entscheidenden Schritt zu verstehen, das ist mir bisher nicht gelungen. Obwohl 25 Jahre vergangen sind, habe ich mich mit dem Thema bisher kaum auseinandergesetzt.
Ich gehöre - was ja heute nicht weiter auffällt - zu den überwiegend unpolitischen Menschen unseres Landes. Das gefällt mir zwar nicht, aber ich bin mittlerweile weit davon entfernt, mir politisches Interesse aufzuzwingen, wenn sich doch bei mir schon durch den entfernten Anblick des politischen Teils einer Tageszeitung die Nebelwerfer - nicht die Scheinwerfer - einschalten. Die Sicht erschwert wurde mir sicher auch durch den Umgang der Erwachsenen mit der Angelegenheit und mit uns, den Kindern.
Sie waren offensichtlich allesamt überfordert, und das bedeutete, daß sie nicht mit uns redeten, und zwar zunächst gar nicht. Ich selbst war verstört, so daß ich sowieso von mir aus nicht von meiner Mutter sprach. Und so wurde sie totgeschwiegen.
Es kam zu einer irrsinnigen Diskrepanz zwischen dem totalen Tabu im eigenen Leben - unglücklicherweise auch zwischen meiner Schwester und mir - und der immer größer werdenden Öffentlichkeit draußen. Auch von den Freunden meiner Mutter und von den Sympathisanten der Gruppe wurden wir, nachdem wir bei unserem Vater angekommen waren, gründlich ferngehalten. Wir lebten völlig abgeschnitten von allem, was unsere Mutter betraf, angewiesen auf Erinnerungen und jede für sich allein. Als sie dann plötzlich tot war, hatte ich schon lange nichts mehr gefühlt und konnte auch jetzt mit niemandem reden. Ich habe nicht mal geweint.
Später erzählten alle immer wieder nur von den wunderbaren und guten Eigenschaften unserer Mutter. Wir sollten bloß nicht denken, sie sei so schlimm, wie die Presse sie dargestellt hatte. Überzufällig häufig erklärte dabei auch die eine oder der andere, daß sie oder er uns beinahe großgezogen hätte. Wer da nicht alles in Frage gekommen sein will, das wäre eine richtig große Kommune geworden.
Meine Mutter hatte sich wohl überlegt, daß wir am besten bei ihrer Schwester, unserer Tante Wienke, leben könnten. Offensichtlich wurden aber bei der Diskussion, wo wir nun hinsollten - auf keinen Fall zum Vater -, auch andere Freunde in Erwägung gezogen. Davon hatten wir natürlich nichts gewußt.
"25 Jahre Baader-Befreiung", und wo stehe ich, mittlerweile 32, heute? Na wo wohl, natürlich mitten in meinem eigenen Leben. Ich bin Ärztin geworden, und meine Arbeit macht mir Spaß. Darüber bin ich aus vielen Gründen sehr froh, auch, weil es so in meinem Leben einen stabilen Rahmen gibt, und das habe ich mir immer gewünscht. Die Probleme, die ich mit dem Leben habe, unterscheiden sich nicht von denen, mit denen sich viele junge Frauen und Männer heute herumschlagen.
Auch sie haben ja ihre spezielle Geschichte, haben ihr Schicksal zu tragen, welches leichter oder schwerer sein mag als meins. Und das hat sehr oft, nicht nur bei mir, besonders mit der Mutter zu tun: ob sie da war oder nicht da war, ob sie krank oder gesund war, Alkoholikerin oder nicht, glücklich oder unglücklich, lebendig oder tot. Anders als bei den allermeisten ist allerdings das erschlagende Ausmaß an Öffentlichkeit, an Berühmtheit, an Verklärung, Dämonisierung und Mythenbildung, das es für mich zu bewältigen gilt.
Oft schweige ich, wenn es auf das Thema Eltern kommt, weil ich keine Lust auf große geiernde Augen haben, die nicht mehr mich, sondern nur noch einen Riesenfilm sehen, der den ganzen Raum ausfüllt. Immer aber, wenn ich schweige, verheimliche ich auch einen Teil von mir, erstarre.
Der Wunsch, in dieser Sache ein angemessenes Gleichgewicht zu finden, ist einer der Gründe, warum ich heute und hier von mir erzähle; ein Teil meines Bemühens, mich vorsichtig meiner Geschichte zu nähern, mit der verbunden es so viel leichter ist zu leben.
Von Regine Röhl

DER SPIEGEL 29/1995
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