10.07.1995

ImmobilienZiemlich unseriös

Weil der Schauspieler Gustaf Gründgens in der Gunst der Nazis stand, wird nun um sein ehemaliges Gut Zeesen prozessiert.
Die Erinnerung läßt Annelies Beyer noch immer schmerzhaft das Gesicht verziehen, dabei ist es fast 60 Jahre her, daß dieser Schäferhund seine Reißzähne in ihr linkes Bein schlug. Das Vieh hat nichts getaugt. Sein Herrchen war wohl zu nachgiebig.
Herrchen hieß Gustaf Gründgens, von Freunden kurz GG genannt. Als sein Schäferhund über die Neunjährige herfiel, war GG bereits ein reicher Schauspieler. Schon damals freilich wurde gelästert, daß Tiernarr Gründgens seine Karriere der Partei eines anderen Schäferhund-Liebhabers verdanke: 16 Monate nach der Machtergreifung Adolf Hitlers war Gründgens in die mächtige Villa gezogen, die vis-a-vis von Annelies'' winzigem Elternhaus liegt.
Wie der Günstling des Nazi-Luftwaffenchefs Hermann Göring zu dem Landgut kam, beschäftigt derzeit die Behörden. Denn das Anwesen in Zeesen, etwa 30 Kilometer vom Berliner Stadtzentrum entfernt, ist so wunderschön gelegen, daß derzeit drei Parteien um die Immobilie kämpfen.
Neben Gründgens'' Adoptivsohn reklamieren auch die Erben des jüdischen Vorbesitzers Ernst Goldschmidt das Gut für sich. Das Auswärtige Amt hat ebenfalls einen Restitutionsanspruch gestellt, denn zu DDR-Zeiten wurde die Villa vom Ost-Berliner Außenministerium als Heim für Diplomatenkinder genutzt.
Nach der Wende nahmen 20 Hausbesetzer das zweistöckige Gebäude in Beschlag. Freiwillig will auch die bunte Truppe nicht weichen - ein "Riesen-Kuddelmuddel", meint Annelies Beyer, die noch immer gegenüber wohnt.
Von ihrem Wohnzimmerfenster aus hat sie alles beobachtet, jahrzehntelang war ihr Schemel am Fenster ein Logenplatz der Geschichte. Erst der pummelige Herr Goldschmidt, dann der spendable "Justaf". Nach dem Krieg besetzten die Russen das Gut, später spielten die Diplomatenkinder im Park.
Mit den jungen Leuten, die 1991 aus Berlin aufbrachen und die verlotterte Immobilie (Schätzwert: eine Million Mark) notdürftig reparierten, lebt Beyer in guter Nachbarschaft: "Die sind tüchtig und haben es sich jemütlich jemacht." Vor allem im Sommer, schwärmen die Besetzer, sei das Leben auf Gut Zeesen "einfach traumhaft".
Das kann ihre Nachbarin gut verstehen. Als Entschädigung für den Hundebiß durfte Annelies Beyer "so oft übers Gut loofen, wie ick wollte". Während die Töle im Zwinger kläffte, konnte sie im Gutshaus Verstecken spielen oder im See hinter dem Haus baden. _(* 1956 als "Mephisto" am Hamburger ) _(Schauspielhaus. )
Wenn der 1963 gestorbene Gründgens mit der Sängerin Zarah Leander auf dem Platz vor dem Haus die Tennisschläger schwang, hockte Annelies in den Büschen. Als der Schauspieler 1939 in Zeesen den Fontane-Roman "Effi Briest" verfilmte, war sie jeden Tag auf dem Set.
Jetzt wäre es der alten Dame am liebsten, wenn die jungen Leute das Gut weiter bevölkern dürften. Doch die Besetzer werden vom brandenburgischen Landesamt für offene Vermögensfragen nur so lange geduldet, bis die Behörde über die Eigentumsfrage entscheidet.
Peter Gründgens-Gorski, 73, einziger Erbe des Schauspielers, möchte Gut Zeesen "in ein zünftiges Hotel verwandeln". Doch ob der Adoptivsohn, der zur Zeit auf Mallorca lebt, seine Pläne verwirklichen kann, ist fraglich.
Denn bis 1934 empfing Bankier Ernst Goldschmidt, ein Kunstliebhaber jüdischer Herkunft, in seinem Salon Schriftsteller wie Carl Zuckmayer oder Klabund.
Als Goldschmidt 1934 starb, verkaufte Sohn Rudolf die Villa an Gründgens - keineswegs freiwillig, behauptet nun Thomas Pollack, Anwalt der Goldschmidt-Erben. Denn die Verhandlungen führte in Gründgens Namen ein gewisser Gert Voß, Rechtsberater der SA in Brandenburg. Dem Bankierssohn soll der Nazi mit der Bemerkung gedroht haben, hinter Gründgens stehe Obernazi Göring. Für nur 58 000 Reichsmark wechselte das Anwesen den Besitzer - gerade mal die Hälfte des damaligen Einheitswertes.
Gründgens gab später zu, die Verkaufsverhandlung sei "ziemlich unseriös" verlaufen, doch das sei "bei meiner ungeschäftlichen Art ganz selbstverständlich".
Sollte die Brandenburger Behörde den Vorgang als "Notverkauf" einstufen, bei dem Erpressung im Spiel war, würde Gründgens-Gorski sein Erbe an die Goldschmidts verlieren. Die Entscheidung werde vermutlich in "allernächster Zeit" fallen, hofft Goldschmidt-Anwalt Pollack. Er rechnet fest mit einem Sieg, in erster Instanz hatte ihm schon das Amt zur Regelung offener Vermögensfragen in Königswusterhausen recht gegeben.
Diese Entscheidung wird zur Zeit vom Landesamt überprüft. Auf eine Niederlage hat sich Gründgens-Gorski bereits eingestellt. "Wir werden weiter klagen", verkündet sein Anwalt.
Mit Marathonprozessen hat der Adoptivsohn Erfahrung. Bis in die achtziger Jahre hinein hat der Prozeßhansl das Erscheinen von Klaus Manns Roman "Mephisto" verhindert - weil die homosexuelle Hauptfigur, der Duckmäuser Hendrik Höfgen, viele Ähnlichkeiten mit Gustaf Gründgens aufweist.
Auf ihren "Justaf" läßt Annelies Beyer freilich nichts kommen. Ein Nazi sei er auf keinen Fall gewesen, da ist sich die alte Dame sicher. Schließlich habe er die jüdische Ehefrau eines Schauspielers auf Gut Zeesen versteckt.
In seine Villa geht Annelies Beyer heute nur noch selten, "die Beene sind mir so schwer". Dafür kommen die jetzigen Bewohner zu ihr, mähen den Rasen und bringen Zigaretten.
Daß bald schon wieder ein neuer Nachbar in ihrem Leben Platz nehmen soll, schmeckt Annelies Beyer nicht. "Nu is langsam jut", sagt sie, "mit 70 biste schließlich nich mehr 17.". Y
* 1956 als "Mephisto" am Hamburger Schauspielhaus.

DER SPIEGEL 28/1995
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