17.07.1995

ArchäologieDunstkreis des Mädchenkults

Neue Rätsel um den Parthenon. Archäologen führen eine hitzige Debatte über die Funktion des Bauwerks. War der Marmortempel auf der Akropolis in Wahrheit ein Geldspeicher? Schrägste These: Der Tempel, bislang als „Symbol der Demokratie“ gefeiert, verherrlicht die blutige Opferung von Kindern.
Keine Frage, die Griechen wollten klotzen. 200 Talente (= fünf Tonnen Silber) bewilligte die Volksversammlung von Athen für den Prachttempel. 83 Marmorsäulen, ausladende Friese und Skulpturen, gestapelt auf 2000 Quadratmetern Grundfläche, sah der Bauplan vor. 15 Jahre lang stemmten Kranführer und Transporteure die Steinbrocken auf den Burgberg.
Und alles nur, um ein "Jungmädchenzimmer" einzurichten. So jedenfalls wird der Begriff Parthenon übersetzt. Die Kultstätte diente vor allem als Herberge für eine zwölf Meter hohe Figur der jungfräulichen Athena ("Athena Parthenos") - der größten Statue, die das Griechenvolk je schuf.
Der Bildhauer Phidias hatte die Göttin aus edelsten Materialien modelliert: Beine aus Elfenbein, Augen aus buntem Glasfluß, dazu ein 20 Zentner schweres Gewand aus purem Gold. 437 vor Christus wurde die pompöse Dame in der Cella aufgestellt.
Der Parthenon, stilbildend für mehr als zwei Jahrtausende, gilt als Meisterwerk abendländischer Architektur: harmonisch und klar gegliedert, ein Wunderwerk an Präzision. Paßgenau bis auf Millimeter sind die Steinquader aufgeschichtet. So etwas, schwärmten die Nachgeborenen, könne eben nur demokratische Gesinnung hervorbringen.
Auf einem Kongreß, der vorletzte Woche in Berlin stattfand, rückten Archäologen und Historiker den Monumentalbau in ein anderes Licht. Als antike Geld- und Zinsstube habe er gedient, hieß es dort. Andere Experten stellten die Marmorhalle in den Dunstkreis matriarchalischer Rätselrituale.
"Sicher ist nur eines", faßt der Konstanzer Professor Wolfgang Schuller den aktuellen Forschungsstand zusammen, "ein Urdenkmal der Volksherrschaft, wie bislang angenommen, kann das Bauwerk nicht sein."
Der Sakralbau (447 bis 432 vor Christus) fällt in die Blüte der griechischen Kultur. Während Metöken (Fremde ohne Bürgerrecht) und Sklaven die Steinblöcke auf die Akropolis schleppen, freigeistert Aristophanes durch die Stadt. Sophokles und Euripides schreiben im Baulärm ihre Tragödien.
Vorangetrieben wurde das Projekt von Perikles. Der Staatsmann, eloquent und imperialistisch gesinnt, war in jungen Jahren als General im Perserkrieg (490 bis 448 vor Christus) zu Ruhm gelangt. Damals hatten sich mehrere griechische Städte zum "Attisch-Delischen Seebund" vereint und unter Führung Athens die Barbaren niedergerungen.
Obwohl die Perser längst Frieden geschlossen hatten, hielt Perikles an dem alten Trutzbund fest. Sein Plan: Die gemeinsame Kriegskasse, in Delos verwaltet, wird nach Athen überführt und im Parthenon gebunkert. Aus dem Gold schmieden die Athener zum eigenen Ruhme eine gloriose Statue.
Der Plan fand Gefallen im Volk. 447 vor Christus ging Perikles mit seiner Seilschaft ans Werk. Sein Freund Phidias schmolz die beschlagnahmte Kriegskasse zur Athena-Figur um (Wert: 13 Tonnen Silber), sein Intimus Kallikrates übernahm die Bauführung.
Doch selbst der Sprachartist Perikles hatte Probleme in der Volksversammlung. Jeder Pfennig für Hoch- und Tiefbau mußte öffentlich abgesegnet werden. Ständig nörgelte der Bauausschuß, die Epistaten, herum. Mauern wurden wieder eingerissen und neu aufgestellt. Der Berliner Archäologe Wolfram Hoepfner nennt den Parthenon eine "Ansammlung von Improvisationen".
Trotz der Querelen entstand ein grandioser Ringsäulentempel. Doch zu welchem Behuf? Diente die Riesen-Athena als Notgroschen und "Bundeskasse in Menschengestalt" (der Autor Lambert Schneider)? Wurden die in einem Nebenraum gehorteten Silberbarren gegen Zins verliehen? Solche Profanisierung der Kultstätte wäre denkbar. Einen Altar jedenfalls besitzt sie nicht.
Doch die Forscher sind zerstritten. Die heftigste Auseinandersetzung rankt sich um den 160 Meter langen Fries des Gebäudes. 360 Menschen, gut 200 Pferde, dazu Streitwagen und Opfertiere sind auf den Reliefplatten dargestellt.
Nach bisheriger Auffassung schildert der Marmor-Comic die Feierlichkeiten eines Panathenäen-Festes. Der Triumphzug fand alle vier Jahre in Athen statt. Volk und Militär zogen die Akropolis empor und legten vor der Athena-Statue ein Gewand ab, das Peplos. Anschließend wurden in der City Boxkämpfe und Leichtathletik geboten.
Die kultische Gaudi scheint sich auf dem Fries zu wiederholen. Die zentrale Bildplatte im Osten des Tempels zeigt einen bärtigen Priester, der das Peplos in Empfang nimmt (siehe Abbildung).
Doch die These vom Panathenäenzug, vor über 100 Jahren ersonnen, steht unter Beschuß. Warum fehlen auf dem Relief die Hopliten, die - demokratisch gesinnten - Fußsoldaten Athens? Und vor allem: Was für merkwürdige runde Gegenstände balancieren die Frauen auf den Köpfen?
"Das sind Klappstühle mit Polster", lautete bislang die Standardantwort. Und warum sieht man nur ein Stuhlbein? Weil die anderen durch Erosionsprozesse am Marmor zerstört wurde, war die banale Erklärung. Um die Theorie schlauer klingen zu lassen, wurden die Stuhlträgerinnen mit dem Begriff "Diphrophoren" bezeichnet.
Doch dem Regensburger Archäologen Burkhardt Wesenberg kommt die Stuhlgang-Deutung allzu abenteuerlich vor. "Das Stuhlbein", schlug er auf dem Berliner Kongreß vor, "ist in Wahrheit eine Stablampe"; die Polster seien "verhüllte Lasten".
Die Szene zeigt seiner Meinung nach den Kult von den "unsagbaren Dingen" ("Arrheta"). Dieser Ritus gehört zu den geheimnisvollsten matriarchalischen Zeremonien um die Göttin Athena: Im Zentrum des Kults standen zwei junge Mädchen, sieben bis elf Jahre alt. Einmal im Jahr mußten sie nachts verbundene Pakete unbekannten Inhalts herumschleppen. Selbst die Oberpriesterin durfte die verborgenen Objekte nicht beim Namen nennen.
Die neue Arrheta-Theorie hätte weitreichende Folgen. Der Fries, bislang unter der Klammer des Panathenäen-Festes zusammengehalten, besteht nach Ansicht von Wesenberg aus einem Puzzle von Einzelmotiven. Jede Sequenz müsse nun neu interpretiert werden.
Die Suche nach neuen Zusammenhängen auf dem Steinrebus ist bereits in vollem Gange. Die bizarrste Deutung legte jüngst die US-Archäologin Joan Connelly vor.
Connelly hält den bärtigen Mann auf der zentralen Friesplatte für Erechtheus, den Ur-König Athens, der mit seiner Frau (direkt hinter ihm) gerade dabei sei, seine drei Töchter hinzuschlachten. Der kleinen Person rechts, meint Connelly, werde vom Papa gerade ein Totengewand überreicht.
Sollte diese Deutung zutreffen, hätte der Parthenon als Denkmal demokratischer Gesinnung endgültig ausgespielt. Das Gebäude, so die New York Times, wäre dann einer uralten archaischen Legende und einer "primitiven und irrationalen Praxis" geweiht gewesen: der Opferung von Kindern. Y

DER SPIEGEL 29/1995
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