17.07.1995

FernsehenKleiner Superman

„Die unendliche Geschichte“ als Trickfilmserie entsteht in Babelsberg. An die Originalfassung von Autor Michael Ende erinnert wenig.
Bastian Balthasar Bux, der Held aus Michael Endes "Unendlicher Geschichte", hat keine dicken Backen mehr. Um die Hüften schwabbelt kaum Fett. Für die neueste Ausgabe des Fantasy-Klassikers, einer Zeichentrickserie, mußte der Speckbold abmagern.
In Endes 1979 erschienener Erzählung mopst Bastian ein altes Buch in einem Antiquariat und liest es heimlich auf dem Speicher. Im Trickfilm bleibt er brav in Karl Konrad Koreanders Kramladen sitzen und träumt sich nach Phantasien. "Man will keinen kleinen, dicklichen, depressiven Jungen auf einem Dachboden sehen", sagt Brigitta Peitz, Leiterin von Cinevox in Babelsberg. Die Filmfirma schneidet zur Zeit Figuren wie Bastian für die Zeichentrickversion der "Unendlichen Geschichte" auf Fernsehformat.
Die Cartoon-Serie, eine internationale Koproduktion _(* Szenen aus dem Spielfilm und der ) _(Trickfilmserie. )
der Firmen Cinevox, Nelvana (Toronto) und Ellipse Animation (Paris), wird der Münchner Privatsender Pro Sieben im nächsten Frühjahr ausstrahlen. Der dänische Trickfilmregisseur Per Lygum erzählt die Saga aus dem Land der Träume 26 Folgen lang - entsprechend den 26 Kapiteln des Buches. 300 Zeichner, Layouter, Hintergrund-Designer und Farb-Stylisten arbeiten in Deutschland, Kanada und Frankreich an dem 21 Millionen Mark teuren Projekt.
Allein die Computeranlage, mit der Cinevox in Babelsberg Figuren wie Urgl und Engywuck in Bewegung bringt, kostete 1,5 Millionen Mark. Die modernste Animationsfabrik Deutschlands kann handgemalte Farbhintergründe mit Computerzeichnungen kombinieren, 50 000 Einzelbilder und 16 Millionen Farbschattierungen speichern.
Von Endes erfolgreicher Buchvorlage (Weltauflage: 5,6 Millionen) bleibt dabei kaum noch etwas übrig. Denn es ist nicht einfach, den durchschnittlichen Geschmack der Fernsehzuschauer in aller Welt zu treffen, ohne, wie im Roman, an den Rand des "Nichts" zu geraten.
Ende hatte sich, als er 1980 die Filmrechte an seinem Werk verkaufte, wegen Verflachungsgefahr noch dagegen gewehrt, daß Bastian, Atreju und Fuchur als Comic-Gestalten herumalbern. Aber 1992 erlahmte sein Widerstand, in einer "Änderungs- und Ergänzungsvereinbarung" zum ursprünglichen Vertrag erteilte er Cinevox auch die Trickfilm-Lizenz.
Der Kontrakt verlieh der Filmproduktionsfirma Cinevox nahezu unbeschränkte Macht über die seltsamen Gestalten aus dem Land, in dem das Wasser des Lebens fließt. "Wir haben", sagt die Drehbuchbearbeiterin Michaela Rothmund, "die Figuren neu kreiert und ihre Eigenschaften neu definiert."
Die "Unendliche Geschichte" bietet mit ihrer Vielfalt an witzigen Wesen eine schier unendliche Palette von Verwertungsmöglichkeiten. Der Trickfilm ist dafür besonders geeignet, denn die Fabel-Fauna muß sich nicht, wie im Spielfilm, aus Kostengründen auf wenige komplizierte Modelle beschränken - jedes Biest läßt sich zeichnen, auch wenn es noch so bizarr aussieht.
Außer in der Fernsehserie tauchen die skurrilen Typen demnächst als Plüschpuppen, auf T-Shirts, Kosmetikartikeln und in Malbüchern auf. Geplant ist auch die Verwendung der Trickfiguren als Computerspiel. Wenn sie schon einmal gezeichnet und in Grafikprogrammen gespeichert sind, lassen sich die digitalisierten Gestalten leicht auf CD-Rom pressen und multimedial verbreiten.
Beim comicgerechten Umbau der Ende-Geschichte blieben am Ende auch die pädagogischen Ansätze des Autors auf der Strecke. Das negative Machtstreben des kleinen Helden - Bastian vernichtet durch seinen Egoismus beinahe ganz Phantasien - bleibt in der TV-Serie ausgespart. So etwas sei für Kinder "nicht nachvollziehbar", sagt Produzentin Peitz.
Das größte Hindernis bei der Produktion aber waren unterschiedliche Vorstellungen über Aussehen und Charakter der Hauptfiguren. Ende hat zwar nichts mehr zu melden, wenn es um das Design seiner Geschöpfe geht, dafür debattierten die beteiligten Produktionsgesellschaften um so heftiger. Die einen wollten Bastian als taffen Traum-Tarzan sehen, andere als intelligenten Witzbold oder als Miniaturausgabe des amerikanischen Comic-Helden Hulk.
So stellten sich die kanadischen Produktionspartner Michael Endes phantasiebegabte Leseratte vor: Bastian Balthasar Bux mutiert, wenn er sich ins phantasische Reich begibt, vom prallen Schwächling zum kleinen Superman.
Das war den Deutschen dann doch etwas zu stark. Sie ließen die kanadischen Drehbücher bis zu achtmal umschreiben. "Bastian wächst ja nicht körperlich", sagt Rothmund, "sondern geistig."
Nur die Figur Fuchur war immer klar. Den Glücksdrachen wollten alle als "Kreuzung zwischen Cockerspaniel, Großvater und Schutzengel". Y
* Szenen aus dem Spielfilm und der Trickfilmserie.

DER SPIEGEL 29/1995
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