17.07.1995

Radrennen„Etwas explodiert in dir“

Miguel Indurain dominiert nun schon im fünften Jahr die Tour de France. Doch weil der Spanier gelernt hat, mit dem Ruhm zu spielen, ist diesmal alles anders: Der Bauernsohn tritt bei der Tour so selbstbewußt auf wie Mick Jagger auf Tournee - und die Fans an den Bergpässen feiern ihn plötzlich als Volkshelden.
Der König der Tour schaut gelangweilt über die Place de la Basilique in Aime-La Plagne, auf dem an diesem Morgen 153 Radprofis besonders hektisch an den Klebebändern zupfen, die sie um ihre Lenker gewickelt haben. Immer wieder steigen sie ab, überprüfen noch mal den Reifendruck.
Sie alle fürchten die 162,5 Kilometer hinauf nach Alpe d'Huez. Auf dieser Alpenetappe erneuert die Tour de France alljährlich ihren Mythos; hier fallen die Schwachen von den Fahrrädern. "Respekt", sagt der Deutsche Erik Zabel am Start, habe er vor diesen Bergen, "ich habe schon soviel von ihnen gehört - nur rübergekommen bin ich noch nie".
Miguel Indurain Larraya, 31, ist der einzige Fahrer, der an diesem Morgen Spaß hat. Auf der Rückbank des Wohnmobils sitzt er neben seinem Manager und krümmt sich vor Lachen. Erst als alle Kollegen sich längst in das Rennprotokoll eingeschrieben haben, läßt er sich das Rad reichen. Ohne die Konkurrenten auch nur anzuschauen, rollt er durch eine Gasse von Fans zu jenem Podium, auf dem Bernard Hinault und die Organisatoren der Tour seit einer Stunde auf seine Unterschrift warten.
"Ein Meister, der Beste", kreischt der fünfmalige Tour-Sieger Hinault ins Mikrofon. Da hebt der Baske die rechte Hand, als segne er Frankreich. In solchen Momenten sind alle, die von der Tour leben, überzeugt: Endlich ist auch Indurain ein Idol geworden, das ihnen Nutzen bringt.
Bei seiner möglicherweise letzten Frankreich-Rundfahrt wird Indurain erstmals auch von den Massen, die an den Pässen zelten, verehrt - als würde die Tour, diese Kombination aus High-Tech-Sport und Faschingsumzug, erst jetzt begreifen, daß ihr etwas fehlen könnte, wenn der Sieger der letzten vier Jahre nicht mehr dabei ist.
Ähnlich wie die Tennisprofis Martina Navratilova oder Ivan Lendl, die über Jahre wegen ihrer Leistungen respektiert und erst am Ende ihrer Karrieren auch gefeiert wurden, erlebt nun der brave Indurain einen Starkult, "der mich erschreckt". Aber er gefällt ihm auch, jedenfalls gibt sich der einstige Mann ohne Leidenschaften erstmals lässig und aufsässig wie Mick Jagger.
Dazu gehört, daß er bei den Siegerehrungen Kekse mampft und die schlanken Blondchen von Sponsor Coca-Cola mit Krümeln an den Lippen küßt. Dazu gehört auch, daß er aggressiv wie nie zuvor fährt.
Und als hätte es das vergangene Jahrzehnt nicht gegeben, in dem Indurain nach jeder Floskel eine längere Denkpause einlegen mußte, sprudeln auf einmal pathetische Sätze aus ihm hervor, die Radel-Romantiker für den Beweis von Charisma halten. "Das Herz raste, die Lunge brannte, ich habe gelitten und wäre fast gestorben", versichert Indurain in La Plagne. Die Tour und ihr Antistar, so scheint es, gehen doch noch eine einträgliche Verbindung ein.
Über Jahre war "El Silencioso", wie sie ihn in seinem baskischen Heimatort Villava nennen, der größte Feind der Veranstaltung. Gegründet als "grausame Prüfung für Körper und Geist", lebt Le Tour, die Mutprobe des erwachsenen Mannes, schließlich von dem Ruf, "größer als ihre Helden" zu sein, wie Tour-Direktor Jean-Marie Leblanc immer wieder schwülstig versichert.
Indurain entzauberte in den vergangenen Jahren die schöne Show, weil er bewies, daß Erfolg planbar ist. Der "Chrono-MaItre" (L'Equipe) erarbeitete sich im Einzelzeitfahren einen Vorsprung und begnügte sich anschließend, ihn zu verteidigen.
Indurain galt als radelnder Rechenschieber und als der erste von Ärzten geklonte Toursieger. Seine Nase war durch eine Operation erweitert, der Körper exakt vermessen worden: 7,8 Liter Lungenvolumen ließen die Meßgeräte bersten, sein Herz pumpt bei Belastung bis zu 50 Liter Blut pro Minute durch den Körper. Solche Daten wurden zwischen den Rennställen gehandelt wie Forschungsergebnisse aus dem All; nur menschliche Rührstücke verweigerte der Katholik, der bis zur Verlobung auf dem Bauernhof seiner Eltern lebte.
Unbesiegbar und zugleich auch noch langweilig - Jose Miguel Echavarri und Eusebio Unzue vom Radrennklub Pamplona hatten diesen Schrecken aller Verkäufer des Sports geschaffen. Seit sie von dem Talent gehört hatten, das bei seinem ersten Rennen gleich Zweiter geworden war, verwirklichten sie konsequent ihren Traum: "Wir bilden Miguel zu einer unschlagbaren Rennmaschine aus" (Echavarri).
So einer wird nicht über Nacht zum Heros. Und im wirklichen Leben ist Indurain wohl immer noch der schüchterne Bub, dem das erste Fahrrad geklaut wurde, als er es abgestellt hatte, um mit dem Traktor über die Getreidefelder seines Vaters zu zuckeln.
Weit ist er nicht gekommen. Das Haus, das er mit Frau Marisa bewohnt, ist nur einen Kilometer vom Hof der Eltern entfernt. Die Polstermöbel haben den Charme der sechziger Jahre, in der Schrankwand steht eine Lexikasammlung und davor das Rad, mit dem er seine erste Tour gewann. Sonntags um zwölf gehe er in die Kirche, berichtet der Hausherr. Bis zum Tag der Abreise nach Frankreich wird er hier mit Fragen nach Motivation oder Form genervt. Sie interessieren ihn nicht, denn in Villava lebt er wie die Bauern der Gegend. Die säen, die ernten, und dazwischen gucken sie, ob das Wetter hält. "Vielleicht", murmelt Indurain, "ist mein wahrer Platz im Leben im Bett."
Seine Kollegen rätseln, ob dieser Mann vom Dorf wirklich der gute Mensch im Sattel ist, als der er sich gibt, wenn er etwa Zabel für dessen ersten Etappensieg mit einem Klaps auf die Schultern belohnt. Ist es überhaupt möglich, ohne Haß und innere Abgründe die Tour de France zu gewinnen?
"Seine Schwächen bemerkt keiner", sagt Zabel. "Alle anderen", weiß der deutsche Udo Bölts, "reißen sich vor Anstrengung das Trikot bis zum Bauchnabel auf, schmeißen die Mützen weg und grabschen nach allem, was man trinken kann." Indurain hingegen setze am Start eine Sonnenbrille auf, und am Ziel nehme er sie wieder ab. Essen, fahren, schlafen - für Echavarri ist es "ein Kreislauf wie bei einem Tier".
Zweifel verbietet sich die Branche selbst. Während in jeder anderen Sportart außergewöhnliche Resultate automatisch von den Rivalen in Frage gestellt werden, herrscht im Radsport Chancengleichheit: Doping wird als Teil des Wettkampfes verstanden und damit nicht mehr als Betrug.
Indurain, der sich zunehmend selbst als Legende begreift, beginnt, mit seinem Ruhm zu spielen. Zwei Wochen vor dem Start der Tour empfängt er in einem Hotel in Segovia Journalisten, die aus ganz Spanien hergeflogen sind. "Nach dem Essen" dürften sie ihn sprechen, hatte Indurain wissen lassen - um 17 Uhr erscheint er, die Finger manikürt, die Füße nackt in Wildlederschuhen. Die Audienz dauert 20 Minuten, dann muß sich der Meister massieren lassen; immerhin ist er bereit, im Weggehen jeden zu berühren, der es wünscht.
Bei der Tour wollen alle von Indurain angefaßt werden: der Pfarrer, der nach Frankreich reiste, um für ihn zu beten, Hinault, die spanischen Journalisten und die Fans aus aller Welt.
Zwanzig Meter hat Indurain hinter dem Zielstrich stets zurückzulegen, bis sich unter dem großen Plakat eines Toursponsors ein Gitter für ihn zur Seite schiebt. Hinter den Tribünen, auf einem winzigen Hocker, spricht er dann jeweils zwei Minuten lang zu zwei Gruppen von 15 schreienden Reportern. Wer Glück hat, erwischt den König der Tour im Wohnmobil noch einmal: 20 Zentimeter breit wird dann das Fenster geöffnet, vor dem die Männer von El PaIs auch im Gewitter von La Plagne in die Knie sinken müssen.
So inszeniert sich längst nicht mehr der Bauernsohn, sondern der Millionär, dem fast fünf Millionen Mark Jahresverdienst Sicherheit geben. Immer wieder machen spröde Sportler solche Metamorphosen durch: Auch der verbiesterte Fußballtrainer Otto Rehhagel gefällt sich seit seinem Aufstieg von Bremen nach München als Mediendarling.
Alle, die aus geldwerten Gründen einen Helden brauchen, vollenden Indurains wundersame Wandlung gern. L'Equipe, als Gesellschafterin der Societe du Tour de France an jedem interessiert, der sich zum Heros machen läßt, taufte Indurain "das Gelbe Trikot in Person" und lud ihn zum "Gipfel der Giganten", einem Plausch mit Merckx und Hinault.
Der TV-Sender France 2 zeigt Indurains zuckenden Trizeps in Nahaufnahme und die rasierten, vor Schweiß glänzenden Beine im Stakkato schneller Schnitte, unterlegt mit hämmerndem Rap. Und wie Zabel stellen auf einmal alle an Indurain fest, was sie immer vermißten: "Er hat eine Aura."
Wahr ist, daß der ehemalige Spannungstöter den Kitzel der Überraschungen entdeckt hat. In der vergangenen Woche fiel er an jedem Tag auf: Als Ausreißer, als Jäger oder beim Showdown vor Alpe d'Huez. Und manchmal, stellten Beobachter fest, fletschte er sogar die Zähne wie einst "der Kannibale" Merckx.
Da wurde selbst das jahrelang so schnöde Zeitfahren zum Thriller. Auf dem im Windkanal getesteten Designerrad "Espada" (das Schwert) ritt der furchtlose Miguel im farblich exakt abgestimmten Dress - Rad und Radfahrer schienen zu verschmelzen und gewannen gemeinsam eine schon verloren geglaubte Etappe.
Seitdem herrscht Indurain wieder über die Tour wie in den vergangenen Jahren. Seine Mannschaft Banesto bewältigt offenbar jedes Detail professioneller als die Gegner. Mal trainiert das Team als einziges schon vor dem Start auf einer schwierigen Strecke; dann wieder tritt es mit einem neuen, natürlich noch aerodynamischeren Helm an.
Im Kreise seines Stabs wirkt Indurain wie der perfekte Profi: Alles ist organisiert, niemand wird unterschätzt, Pannen passieren anderen. Dem Rivalen Tony Rominger etwa, den ein Plattfuß zurückwirft wie Donald Duck die auf seinem Weg liegende Bananenschale.
Dabei profitiert Indurain vor allem davon, daß Banesto als einziger Rennstall die strikte Leibeigenschaft vergangener Radsporttage konserviert hat. Jede andere Mannschaft hat Spezialisten für Berge oder Sprints verpflichtet, die oft nur widerwillig zusammenarbeiten - Indurains Truppe hingegen schweigt und funktioniert nur für ihn. Die Domestiken, die ihn so lange an der Spitze des Feldes eskortieren, bis er seinen Husarenritt zum Ziel antritt, haben mit der Unterschrift in ihrem Ein-Jahres-Vertrag jeglichen Egoismus aufgegeben.
Den Unterschied zwischen dem größten und dem ganz normalen Tour-Teilnehmer macht Erik Zabel, 25, aus Fröndenberg im Sauerland darum vor allem am "Maß des Leidens" fest. Indurain, sagt Zabel abends nach der Ankunft in Alpe d'Huez, sei lange vor Wind und Rivalen beschützt worden und dann einfach vorne weggefahren - "und dann liegst du hilflos dahinter und weißt, daß du nur einen Stundenkilometer langsamer bist". Nur, diesen einen Kilometer schneller zu fahren, das gehe nicht mehr: "Dann explodiert etwas in dir, du bleibst auf einmal still wie ein Bock stehen und kommst nicht mehr vom Fleck." Y

DER SPIEGEL 29/1995
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