10.07.1995

Legende„Ich liebe meine Zigarre“

Winkler, 38, lebt als Autor und Übersetzer in Hamburg.
Als Groucho Marx schon ziemlich alt war und sehr berühmt, viel berühmter als in seiner besten Broadway-Zeit oder während seiner MGM-Filme "A Night at the Opera" und "A Day at the Races", setzte er sich hin und schrieb seine Autobiographie "Groucho and me". Leider ist sie ein bißchen in Vergessenheit geraten, eine Tatsache, die manchmal reichen Gewinn bringt.
Zum Beispiel für Verächter des allseits geschätzten Woody Allen. Was haben sich die Kritiker wieder ereifert über seinen neuen Film "Bullets over Broadway"! Ein "Meisterwerk" ist er natürlich, eine "göttliche Komödie", und so originell! Da finanziert ein mittelwichtiger Gangsterboß _(* Mit Partnerin Raquel Torres in ) _("Die Marx-Brothers im Krieg". )
in der goldenen Prohibitionsära einem jungen Dramatiker die Aufführung seines Stücks unter der Bedingung, daß das Gangsterliebchen eine ansehnliche Rolle zugeschustert kriegt.
Die Inszenierung steht und fällt mit dem talentfreien Doofchen: Tritt sie auf, fällt die Inszenierung durch, tritt sie nicht auf, müssen Regisseur und Produzent abtreten. Weil die Welt mindestens so schlecht ist wie in schlechten Romanen, wird das Stück unweigerlich ein großer Erfolg.
Wenn es noch eine Gerechtigkeit gäbe auf der Welt, dann wäre "Groucho und ich" ein echter Klassiker, und wenn Marx ein Klassiker wäre, dann könnten sich nicht wildfremde Leute dermaßen schamlos bei ihm bedienen. Der gute Woody Allen hat seine Geschichte nämlich aus Groucho Marx'' Autobiographie abgekupfert.
Die erste Broadway-Show der Marx Brothers, "I''ll Say She Is!" von 1924, kam nur zustande, weil ein reicher kleiner Bäcker aus New Jersey zwar verheiratet war, aber für sein überschüssiges Geld unbedingt sein Liebchen auf der Bühne sehen wollte.
Es war eine gute Zeit, damals am Broadway. Man durfte noch ungehemmt Frauen beleidigen, reinen Blödsinn daherreden und wurde noch reich dabei. So erfolgreich waren die Brüder mit ihren Shows, daß man sich den einträglichen schlechten Geschmack bald auch in Hollywood leisten konnte.
"Ich war gern Schauspieler", versichert Groucho treuherzig, "daran hat sich auch nichts geändert, aber das Größte war für mich immer, etwas von mir Geschriebenes gedruckt zu sehen." Und obwohl er sich einen "geborenen Lügner" nennt, ist das die reine Wahrheit: T. S. Eliot und H. L. Mencken gehörten zu seinen Bewunderern, und seine Texte erschienen in angesehenen Zeitschriften wie Liberty und der Saturday Evening Post.
Aber Schreiben? Man muß Groucho dabei reden sehen: Mit diesem Brikett von Schnurrbart unter der Nase, der Fensterglasbrille, der Schlotbaronzigarre, mit der reinen Geilheit im stieren Aug ist er die Parodie eines Casanovas - und außerdem ein rechter Ungut vor dem Herrn. Er ist immer schlecht gelaunt und tut alles, was man nicht tut: Er ist hinterfotzig, gemein, feig, niedrig, im Zweifel auf Ränke aus und mit Sicherheit auf seinen Vorteil. "Talent allein genügt nicht. Man muß auch Glück haben", verkündet er lebensweise und meint vor allem eins: Du mußt ein Schwein sein auf dieser Welt.
Mit seinem schweinischen Gebaren eroberte Groucho in seinen Filmen die Herzen der, naja, schönsten Frauen. Sein Geheimnis? Eigentlich sei er wie Lawrence von Arabien, nur anders: "Lawrence düster und mürrisch, schweigsam und in sich gekehrt. Groucho mit stechendem Blick und unbeholfenem Gang, mit seinem Gaunerlächeln und dem unwiderstehlich höhnischen Lächeln."
Der gute Ton verklingt, der Spaß hört auf, wenn Groucho die Augen rollt und einer alten Schachtel nachsteigt. Warum sie denn so viele Kinder habe, fragte er einmal eine Frau. "Weil ich meinen Mann liebe." - "Ich liebe meine Zigarre", versetzte der liebenswürdige Groucho, "aber manchmal nehme ich sie raus." Schön ist das nicht, aber gut.
Hier aber geht es nicht um den "Homme a femmes", sondern um den Schriftsteller Marx. "Wenn ich wollte, könnte ich einen Klassiker schreiben", droht er gleich zu Anfang seiner Bekenntnisse, "aber ich schreibe lieber für die Leute von der Straße." Wie Woody Allen zum Beispiel, oder für die anderen Ausgebeuteten der Erde.
Karl Marx behauptete einst, weltgeschichtliche Tatsachen und Personen ereigneten sich zweimal: "das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce". Er ahnte ja nicht, wie recht er hatte, schon gar nicht, daß er selber für die Tragödie sorgte, die Völker der Welt aber gar keine Signale hören wollten, sondern auf die Farce warteten, auf einen wie Groucho Marx, der in "Horse Feathers" (1932) die Hymne des wahren Marxismus anstimmt: "Whatever it is, I''m against it."
Irving Thalberg, der legendäre Hollywood-Produzent, der auch den Marx Brothers zu Filmruhm verhalf, klagte gern darüber, daß ihre Filme keine Handlung hätten. Nicht einmal seine Lebensgeschichte kann Groucho mit einer vernünftigen Handlung erzählen, aber die vermißt nun wirklich keiner. Rauhe Sitten herrschten zu Hause im New Yorker Deutschenviertel Yorkville (die Mutter und Promoterin der ursprünglich fünf Marx-Brüder kam aus Ostfriesland). "Meine Mutter erledigte die Hausarbeit, und wir gingen raus und spielten auf der Straße, bis wir Hunger bekamen. Falls einer von uns überfahren wurde, hatte er eben Pech gehabt."
Die "Chronik der laufenden Nichtereignisse" beginnt mit dem ersten Engagement im Tourneetheater: "Während meine Mutter beim Abschied einige Tränen vergoß, rang der Rest der Familie beinahe mühelos um Fassung. Als ich schon fast auf dem Gehweg stand, kam unser Hund angelaufen und biß mir ins Bein."
Folgt die übliche Mühle in der Provinz. "Wir mußten jahrelang über Bühnen hüpfen, um uns durchzusetzen." Das Glück erblüht einem nur selten am Wegesrand und wenn, dann kann es sehr böse enden wie für Chico Marx, der den Blick zu lange auf der Dorfschönen ruhen ließ. Da wurde der Vater aber sehr schnell sehr ungehalten: "Lediglich der Umstand, daß der Pflanzer am Nachmittag einer Lynchveranstaltung beiwohnen mußte, rettete meinem Bruder das Leben."
Auf einer Busch-Tournee in den Wilden Westen landeten sie einmal im kanadischen Winnipeg und sahen einen Komikerkollegen auf der Bühne eines Schmuddeltheaters: "Es fällt mir schwer, seine Erscheinung zu beschreiben, aber er erinnerte irgendwie an einen bleichen Priester, der exkommuniziert worden war und sich partout nicht von seinem Ornat trennen wollte."
Groucho berichtet von einem "zierlichen Mann mit einem winzigen Schnurrbart, Spazierstock, Melone und riesigen Schuhen". Es war natürlich, wer sonst, Charlie Chaplin, der damals für 50 Dollar die Woche durch die Provinz tourte.
Wenn es noch eine Gerechtigkeit gäbe auf der Welt, dürfte in Grouchos Mutterland, wo "Der bewegte Mann" bereits als Inbegriff der Verruchtheit gilt, das Zeugnis der allgemeinen Hochschulreife erst verliehen werden, wenn die Lektüre von "Groucho und ich" nachgewiesen wurde. Aber wahrscheinlich guckt wieder kein Schwein.
Grouchos Bekenntnisse sind übrigens schon einmal auf deutsch erschienen, 1961 im Verlag Sanssouci unter dem besonnten Titel "Schule des Lächelns". Damals kümmerte man sich noch um den Leser, er sollte bloß nicht überfordert werden, schon gar nicht mit der Wahrheit. Deshalb wurde vor 34 Jahren der Anfang des 11. Kapitels, wo Groucho etwas grandseigneural außer- und innereheliche Ratschläge zur Sexualhygiene gibt, einfach weggelassen.
Erbarmungslos strich die Erstübersetzerin Gisela von Wiese - oder ein ebenso fürsorglicher Lektor - auch noch das Telegramm, mit dem sich Groucho aus einem Theaterverein verabschiedet: "Bitte austreten zu dürfen. Ich möchte keinem Klub angehören, der mich als Mitglied akzeptiert." (Auch das hat sich der schlaue Woody Allen einmal ausgeborgt.)
Mit dieser Kinderfassung ist jetzt Schluß. Die muntere Neuübersetzung von Sven Böttcher hat auch die Widmung gerettet, den Dank an "jene sechs Meister", ohne "deren weise und witzige Worte mein Leben noch langweiliger gewesen wäre: Robert Benchley, George S. Kaufman, Ring Lardner, S. J. Perelman, James Thurber, E. B. White"*.
Benchley und Kaufman gehörten zur berühmten Algonquin-Tafelrunde um Dorothy Parker, und Kauf- und Perelman haben einige der besten Gags für die Marx-Filme geschrieben: "Schau mich an: Ich habe mich aus dem Nichts bis zu nackter Armut hochgearbeitet" ("Monkey Business") oder: "Warum bohrst du dir nicht selber ein Loch in den Bauch und läßt den Saft rauslaufen?" ("Horse Feathers").
Für die einen war der Marxist Groucho ein Sadist, für die anderen der wahrscheinlich beste Komiker der Welt. Vor allem war er dagegen. Wenn er von seinen Autos schwärmt, von seinem wechselnden Glück beim Golf und bei den Frauen, wenn er sich als gescheiterten Rosselenker schildert oder als Hochseefischer, kommt ihm ständig seine miesepetrige Intelligenz dazwischen. Er ist einfach zu schlecht aufgelegt für diese Welt: "Whatever it is, I''m against it."
"Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert", hat der ältere Marx seinerzeit verkündet, "es kommt darauf an, sie zu verändern." Sag'' ich doch: Marx, Groucho Marx, gehört die Zukunft. Y _(* Groucho Marx: "Groucho und ich". ) _(Aus dem Amerikanischen von Sven ) _(Böttcher. Rogner & Bernhard bei ) _(Zweitausendeins, Hamburg; 412 Seiten; 35 ) _(Mark. )
Marx-Kollege Chaplin "Bleicher, exkommunizierter Priester"
HIPP-FOTO
Groucho Marx im Film*: Du mußt ein Schwein sein auf dieser Welt
JAUCH UND SCHEIKOWSKI
Marx-Epigone Allen Abgekupfert und ausgeborgt
UNITED ARTISTS
Marx-Brüder Chico, Harpo und Groucho: Reich mit reinem Blödsinn
ARCHIVE PHOTO
* Mit Partnerin Raquel Torres in "Die Marx-Brothers im Krieg". * Groucho Marx: "Groucho und ich". Aus dem Amerikanischen von Sven Böttcher. Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins, Hamburg; 412 Seiten; 35 Mark.
Von Willi Winkler

DER SPIEGEL 28/1995
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