24.07.1995

NS-OpferDer Tag der Deutschen

Kaum ist das 50jährige Nazi-Götzendämmerungs-Jubiläum "bewältigt", steht den Deutschen schon die nächste Betroffenheitsübung ins Haus. Einträchtig verständigten sich die Vorsitzenden der Bundestagsfraktionen auf die Einführung eines deutschen Holocaust-Gedenktages.
Die deutschen Polithäuptlinge liegen im Trend. Denn soeben sprach sich das Europäische Parlament mit großer Mehrheit für die Etablierung eines europäischen Holocaust-Gedenktages aus. Die EU-Kommission wurde mit der Vorbereitung eines "Pilotprojektes" beauftragt. "Der Zeitpunkt ist günstig", frohlockt die Allgemeine Jüdische Wochenzeitung aus Bonn. Tatsächlich? Die überwältigende Mehrheit der Deutschen hat von den Schoah-Gedenktagsplänen bislang kaum Notiz genommen.
Die Einführung eines Holocaust-Tages wird am Desinteresse des deutschen Publikums nichts ändern - trotz oder gerade wegen der routiniert mahnenden Worte von Politikern, Kirchenleuten, Publizisten und anderen Geltungssüchtigen. Der Holocaust-Tag wird in Deutschland die gleiche Resonanz haben wie andere Mementos - etwa der Weltkindertag, der Weltnichtrauchertag oder der Tag der Behinderten.
Die Gleichgültigkeit ließe sich durch Bestechung beheben. Ein bezahlter, gesetzlicher Holocaust-Gedenktag würde gewiß auf breite Zustimmung stoßen. Die Arbeitnehmer wären ohnehin dafür, die Arbeitgeber wiederum müßten süßsaure Miene zum Holocaust-Feiertagsspiel machen: Wer will sich schon des Antisemitismus zeihen lassen?
Die entscheidende Frage: Macht ein deutscher Holocaust-Tag Sinn? ist damit jedoch noch nicht beantwortet. Sie ist ohnehin tabu. Jeder Nichtjude, der sie stellte, würde sogleich als Antisemit denunziert werden.
Bleibt also nur, das Beste daraus zu machen, zumindest für eine sinnvolle Ausrichtung zu sorgen. Wieviel dabei schieflaufen kann, macht das amerikanische Beispiel deutlich.
Aus einem Wust von Vorschlägen entschied sich der damalige US-Präsident Jimmy Carter für die stromlinienförmigste Lösung: Seit Ende der siebziger Jahre begehen die Amerikaner ihren Holocaust Day am selben Tag wie die Israelis, am 27. des jüdischen Monats Nissan. Die Juden richten sich wie die Christen nach dem Mondkalender.
Im Judenstaat gedenkt man eine Woche vor dem Unabhängigkeitstag der jüdischen Opfer der Schoah. In den USA dagegen gerät der Holocaust Day zum Termin- und Emotionswirrwarr. Denn der jüdische Schoah-Tag pendelt im Gregorianischen Kalender munter durch die Monate März und April. In diesem Rahmen plaziert Washington den Holocaust-Tag auf einen beliebigen Sonntag. Der Tag hat sich nach den Worten des jüdischen Funktionärs Hyman Bookbinder in den USA etabliert "wie Muttertag und Apple Pie".
Die Geschichte des amerikanischen Holocaust Day ist ein Schmierenstück. Um seine jüdischen Wähler zu beschwichtigen, die durch massive Waffenlieferungen an Saudi-Arabien verängstigt waren, setzte Präsident Carter auf jüdische Gefühle. Er berief eine hochkarätige Juden-Kommission ein.
Ihre Mitglieder, unter ihnen der Schoah-Chefideologe Elie Wiesel, empfahlen Carter ein zentrales Holocaust-Museum in Washington sowie einen Holocaust-Tag - schließlich war das gleichnamige TV-Melodram gerade mit großem Erfolg über Millionen US-Bildschirme geflimmert.
Der Präsident akzeptierte freudig. Einzig die Ausschließlichkeit des Holocaust-Tages für die jüdischen Schoah-Opfer wollte der Moralist Carter nicht gelten lassen. Schließlich gebe es neben den sechs Millionen Juden auch die nichtjüdischen Opfer der Nazis, wagte der fromme Baptist aus Georgia einzuwerfen. Da kam er den jüdischen Holocaust-Zeloten gerade recht.
Entweder jüdisches Trauermonopol oder gar nichts, drohten sie. Carter gab klein bei. Damit hatten alle gewonnen - vermeintlich: Die professionellen jüdischen Holocauster hatten auf unabsehbare Zeit Lohn und Arbeit bei der Organisation der Holocaust-Gedenkzentrale, des Gedenktags und unzähligen anderen Museen. Und die USA konnten, ohne Proteste befürchten zu müssen, nagelneue Waffen in Hülle und Fülle an die Saudis liefern.
Im vom Holocaust unbelasteten Amerika mögen solche Geschäfte mit der Moral angehen. Für Deutschland dagegen wäre eine derartig opportunistische Show fatal. Eine entscheidende Gelegenheit, über Deutschlands Geschichte nachzudenken und entsprechende Schlußfolgerungen für die Zukunft zu ziehen, wäre vertan. Der Schlüssel zum Erfolg des Gedenktages ist sein Datum.
Bislang wurden für einen deutschen Holocaust-Tag, neben dem israelischen Schoah-Tag im Frühjahr, in erster Linie Januar-Termine vorgeschlagen: 20. Januar (1942, Wannsee-Konferenz); 27. Januar (1945, Befreiung von Auschwitz); 30. Januar (1933, Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler).
Am wahrscheinlichsten erscheint da ein Einschwenken auf einen Euro-Kompromiß des kleinsten gemeinsamen Risikos: die Übernahme des israelischen Schoah-Tages. Diese Lösung hätte zumindest einen eigenständigen sozialen Wert. Ein Sonntag im Frühjahr bietet sich für Familienfahrten ins Grüne oder Kaffee und Kuchen im Freien an.
Es ist bezeichnend für das mangelnde Geschichtsbewußtsein der Deutschen, daß bei der Suche nach einem Schoah-Tag fast niemand an den 9. November gedacht hat. Warum? Weshalb fürchten die Deutschen sich vor diesem Datum? Weil es ihr Tag ist. Der 9. November ist der Tag der Deutschen.
Am 9. November 1918 brach das Kaiserreich zusammen, die Republik wurde ausgerufen. Die Sozialdemokraten und die anderen demokratischen Parteien von Weimar waren jedoch unfähig, die Demokratie in Deutschland zu etablieren. Unter anderem, weil sie zu dumm und zu schwach waren, die Feinde der Demokratie auszuschalten. Dies zeigte am deutlichsten der Hitler-Putsch des 9. November 1923. Der tollwütige Trommler hetzte ungehindert gegen die Juden und Demokraten, die er unter dem Beifall seiner reaktionären Kumpane ungestraft als "Novemberverbrecher" schmähte.
Am fünften Jahrestag des November 1918 schlug Hitler los. Sein Bier- und Pistolenputsch scheiterte - nicht am Widerstand der Demokraten, sondern seiner reaktionären Kumpane, denen der Demagoge zu ungestüm loslegte. Die kurze Gefangenschaft nutzte der Braunauer zum Nachdenken und zum Diktat seines Fahrplans zur Macht: "Mein Kampf".
Hitler hatte erkannt, daß er die Demokratie von Weimar für seine Zwecke instrumentalisieren konnte. Er mußte dazu lediglich die Deutschen von seinen fixen Ideen überzeugen, daß "die Juden Deutschlands Unglück" waren, ebenso die "Novemberverbrecher" und die "Bolschewiken", in seinen Augen ohnehin zumeist Juden und ihre Lakaien.
Weniger als ein Jahrzehnt später war Hitler am Ziel. 1932 wählten die Deutschen die NSDAP zur stärksten Partei. Im darauffolgenden Jahr ernannte Reichspräsident von Hindenburg den "böhmischen Gefreiten" Hitler zum Reichskanzler. In Nazi-Deutschland war für die Juden kein Platz mehr.
Im Herbst 1938 fühlte sich Hitler stark genug, Europa zu unterwerfen. Der Eroberungskrieg im Osten sollte ihm unter anderem als Mittel zur "Vernichtung der jüdischen Rasse" dienen. Das Pilotprojekt des Völkermordes war die "Reichskristallnacht" vom 9. November 1938. Das Pogrom verlief für Hitler zufriedenstellend: SA, SS und der Mob zerstörten jüdische Häuser, Geschäfte und Synagogen. Juden wurden mißhandelt, verhaftet, erschlagen. Die Deutschen ließen es geschehen ebenso wie die Regierungen des Auslands.
Nach dem Krieg dauerte es mehr als vier Jahrzehnte, ehe die Deutschen die neben dem Judenmord nachhaltigste Hypothek des Hitlerreiches abbauen konnten. Millionen Ostdeutsche hatten genug von Unfreiheit, Bespitzelung und niedrigem Lebensstandard. Am 9. November 1989 überwanden Hunderttausende Berliner die Mauer. Erstmals gelang in Deutschland ein Umsturz, noch dazu für die Freiheit, ohne Waffengewalt und politische Organisation.
Kein Wunder, daß die Regierung des Historikers Helmut Kohl diesen 9. November 1989, an dem sie kaum Anteil hatte, nicht als Tag der deutschen Einheit gelten ließ. Die Bonner Politprofis bestanden auf ihrem Tag: dem 3. Oktober, Symbol ihres Erfolgs, der von Kohl, Schäuble, Krause und de Maiziere zusammengestöpselten politischadministrativen deutschen Einheit.
Dabei darf es nicht bleiben. Der Tag der Deutschen ist der 9. November. Da wurde marschiert, marodiert, erschlagen, krepiert und endlich die Freiheit errungen. Durch die Deutschen ist der 9. November auch zum Schicksalstag der Juden geworden. Es ist Zeit, daß die Deutschen - auch die deutschen Juden - das Datum als ihren Schicksalstag begreifen und annehmen.
Keine Illusionen. Die Mehrheit zerbricht sich hierzulande den Kopf ebensowenig über Gedenktage wie Amerikaner, Russen und Israelis. Für jene Deutschen aber, die sich Gedanken über ihren Staat und seine Geschichte machen, gäbe ein deutscher 9.-November-Tag Gelegenheit zur Trauer um die Opfer der Schoah - denn Trauer läßt sich nicht anordnen. Über der Trauer darf jedoch nicht vergessen werden, daß Juden nicht nur Opfer, sondern auch ein lebendiger Teil der deutschen Geschichte, Politik und Kultur waren und, wenn auch in beschränktem Maße, geblieben sind.
Daraus ergibt sich auch die politische Botschaft des 9. November: Freiheit und Demokratie sind nicht immer zum Nulltarif zu haben. Gelegentlich müssen sie erkämpft, immer aber verteidigt werden. Das sind gute Gründe, aus dem Betroffenheitsgeleitzug eines Euro-Holocaust-Tages auszuscheren. Dabei sollte auch der nichtssagende Administrationstag der deutschen Einheit am 3. Oktober dreingegeben werden.
Ein Gedenktag am 9. November wäre eine gute Gelegenheit, über die deutschjüdische Geschichte und Gegenwart nachzudenken. So ein Feiertag wäre nicht nur gut für Kaffee und Kuchen. Y
Ein Sonntag im Frühjahr für Kaffee und Kuchen im Freien
Von Rafael Seligmann

DER SPIEGEL 30/1995
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