31.07.1995

MedienGoldene Kalaschnikow

Der italienische Medienmogul Silvio Berlusconi verkauft die Mehrheit seines Konzerns - und behält dennoch die Kontrolle.
Bruno Beltrami, deutscher Repräsentant von Silvio Berlusconi, hatte Grund zur Freude: "Er war ganz der alte", schwärmte Beltrami über den kämpferischen Auftritt seines Chefs, als der in Mailand den Verkauf von rund 20 Prozent seines Fernsehimperiums Mediaset an ein internationales Konsortium bekanntgab.
Tatsächlich wirkte der Deal des angeschlagenen TV-Chefs und rechtspopulistischen Politikers, der 226 Tage lang mit seiner Partei Forza Italia Italien regiert hatte, wie ein Befreiungsschlag.
Zwar bleibt Berlusconi persönlich weiterhin staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen wegen Beihilfe zur Bestechung und Verstoßes gegen das italienische Medienrecht ausgesetzt. Doch die Schulden von schätzungsweise vier Milliarden Mark, die Berlusconis Konzern Fininvest angesammelt hatte, sind um fast die Hälfte reduziert; eine zweite Verkaufstranche von nochmals 20 Prozent, die im Oktober an Banken und Anleger geht, soll die Finanzlast völlig beseitigen. Und der Verkauf von weiteren 20 Prozent, die im Frühjahr an die Börse gebracht werden, soll die Kassen dann richtig auffüllen.
An Berlusconis Reich, zu dem vor allem die großen Sender Canale 5, Italia 1, Rete Quattro gehören, ist künftig eine Riege schillernder Investoren beteiligt: *___der Münchner Medienkaufmann Leo Kirch, 68, der es ____zusammen mit seinem Sohn bei Lizenzgeschäften, ____TV-Produktionen und Fernsehbeteiligungen (Sat 1, Pro ____Sieben) auf mindestens 2,5 Milliarden Mark Umsatz ____bringt; *___der Südafrikaner Johann Rupert, 45, der den ____Zigarettenkonzern Rothmans (Peter Stuyvesant) sowie die ____Luxusgruppe Vendome (Cartier, Montblanc, Piaget) lenkt ____und über ein persönliches Vermögen von mehreren ____Milliarden Mark verfügt; *___der saudiarabische Prinz Walid Ibn Talal Ibn Abd ____el-Asis, 39, der sein Vermögen von 16 Milliarden Mark ____weltweit gestreut hat, etwa in Beteiligungen an dem ____US-Finanzriesen Citibank, dem Kinderpark Euro-Disney, ____dem Nobelwarenhaus Saks und dem Prominenten-Hotel Plaza ____in New York.
In der Runde der Berlusconi-Getreuen ist der Saudi-Milliardär ein Newcomer. Über einen tunesischen Filmproduzenten, der mit dem Berlusconi-Mentor und ehemaligen Ministerpräsidenten Bettino Craxi gut bekannt ist, gelangte Prinz Walid an "Sua Emittenza", wie italienische Blätter Berlusconi nennen.
Possierliche Geschenke, etwa ein Krummsäbel und eine Kalaschnikow aus Gold in Originalgröße, sicherten dem Emir die Gunst Berlusconis, der sich einst mit Baugeschäften und als Mitglied der Geheimloge P2 hochgearbeitet hatte. Der Prinz hält nun 4,1 Prozent an Mediaset - eine höhere Beteiligung untersagte sein Onkel, König Fahd, wegen der Sex-Filmchen auf den Kanälen des Italieners, wie La Repubblica berichtet. Walid will die TV-Ware für seinen Satellitensender Arabian Radio Television in Kairo nutzen.
Die Partner Kirch und Rupert sind für Berlusconi allerdings von größerer Bedeutung - sie sind seine wahren "Freunde". Mit ihrer Hilfe könnte der Italiener die Kontrolle über Mediaset auch behalten, wenn er nächstes Jahr nur noch 40 Prozent hält. Schon seit einiger Zeit agiert das Medien-Terzett im Gleichklang, offenkundig mit dem Ziel, die Vorherrschaft auf dem europäischen TV-Markt zu erringen.
Das Trio steuert gemeinsam die Mailänder Pay-TV-Firma Telepiu und den Münchner Sender Deutsches Sport-Fernsehen. Als nächstes wollen die drei in Italien, Frankreich und Spanien aktiv werden.
Denn dort empfangen die TV-Zuschauer Programme noch immer fast ausschließlich über altmodische Hausantennen; Satellitenschüsseln und Kabelnetze sind kaum verbreitet.
Kirch und Rupert haben bereits Kapazitäten für rund 200 Kanäle auf geplanten Fernsehsatelliten angemietet, die vom Frühjahr 1996 an in Betrieb gehen. Einen Teil der Programme planen sie als Pay-TV, bei dem die Zuschauer, wie beim deutschen Premiere, Gebühren für den Empfang zahlen müssen.
Die Software für dieses Kauf-Fernsehen der Zukunft haben Kirch und Rupert bereits entwickelt. Ihre gemeinsame Firma International Digital Technologies produziert Steuer-, Decodierungs- und Abrechnungsprogramme.
In Italien plant Berlusconi, womöglich auch hier mit Kirch und Rupert, zudem mit eigenen Telefonnetzen den Eintritt in die Telekommunikation. Die Berlusconi-Sender verfügen bereits über ein Netz von Relaisstationen. Es sei "doch logisch", so Fedele Confalonieri, Präsident der Berlusconi-Dachgesellschaft Fininvest, "daß wir uns über ein solches Geschäft Gedanken machen".
Kirch, das "Familienunternehmen mit internationalen Männerfreundschaften" (ORF-Chef Gerhard Zeiler), ist unter Berlusconis Verbündeten die stärkste Kraft. Wegen der engen Bande, zu der auch zahlreiche Koproduktionen gehören, ist er den meisten deutschen Landesmedienanstalten inzwischen jedoch suspekt. Sie argwöhnen, der Männerbund helfe sich gegenseitig über das Medienrecht in Deutschland und Italien hinweg. Durch immer vielfältigere internationale Allianzen umgehe er gesetzlich vorgegebene nationale Höchstgrenzen für Senderbeteiligungen.
Der Thüringer Medienanstalts-Chef Victor Henle, der den grenzüberschreitenden Verflechtungen nachforschte und sich dabei mangels Auskunftsbereitschaft der Beteiligten verhedderte, mißtraut den Nachrichten über Kirchs Einstieg bei Berlusconi. Zu fragen sei, so Henle, ob es sich bei dem offiziell genannten Kaufpreis von 800 Millionen Mark "um eine echte Barzahlung oder um eine Verrechnung handelt". Es könne ja sein, meint der Medienwächter, daß Kirchs Rechnung um jenen Betrag gekürzt ist, den der Münchner womöglich beim defizitären Sender DSF als Verlustausgleich für Berlusconi getragen hat.
In Italien macht sich kaum noch jemand Illusionen über den "Gesalbten des Herrn" (Berlusconi über Berlusconi). Es handele sich, so das Magazin L'Espresso, um einen "Pseudo-Deal" und ein "Bombengeschäft" für Berlusconi. Der Verkauf eines Teils von Mediaset, sagt Mauro Paissan, Vizepräsident der Rundfunckommission des italienischen Parlaments, sei doch "nur ein Witz". Y
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Internationale Verflechtungen v. Kirch, Rupert u. Berlusconi
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DER SPIEGEL 31/1995
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