31.07.1995

PolemikHiroschima gleich Auschwitz?

Die Kampagne der neuen Rechten zum 8. Mai war nur das Vorspiel. Im Reigen der 50. Jahrestage folgt in Kürze ein Datum, das sich von den Geschichtsrelativierern noch viel besser ausbeuten läßt: Am 6. August 1945 fiel die Atombombe auf Hiroschima.
Schon jetzt kann man sich den Aufruf ausmalen, den Rechtsintellektuelle aus diesem Anlaß in die Welt setzen werden. Ihr ressentimentgeladenes Argument wird sich ungefähr so anhören: Wenn sich die Deutschen immer wieder für ihre Untaten geißeln lassen müssen, warum gilt das dann nicht auch für die Amerikaner, diese heuchlerischen Umerzieher des deutschen Volkes, die doch ebenso große Schuld auf sich geladen haben?
Dieses Mal könnten die neuen Rechten mit ihrem Versuch, die Westintegration der Bundesrepublik als Folge eines Unterwerfungsaktes hinzustellen, auf große Resonanz stoßen. Denn die Gleichsetzung von Hiroschima und Auschwitz gehört seit Jahrzehnten zum Standardrepertoire pazifistischer, linker und linksliberaler Moralwächter. Wie diese Gleichsetzung in linker und rechter Variante funktioniert, kann modellhaft an der Argumentation zweier zivilisationskritischer Denker studiert werden: Günther Anders und Carl Schmitt.
Im Jahre 1964 hielt Günther Anders eine Totenrede für die Opfer der drei Weltkriege - sowohl der zwei wirklichen historischen Kriege als auch eines künftigen nuklearen Schlagabtausches. Anders bezeichnete den Abwurf der amerikanischen Atombomben auf Japan als Massenmord, und er ernannte ihn - mitsamt den nuklearen Testversuchen, die auf ihn folgten - ausdrücklich zu "Zwillingsereignissen" von Auschwitz und Treblinka: Die Amerikaner hätten sich "am Feind infiziert", als sie im Wettlauf mit den Nazis den Bau der Bombe vorantrieben. So wie vor ihnen Hitler hätten die Strategen des Pentagon Massenliquidierungen zum Prinzip ihrer Politik erhoben.
Die Atombombe, meinte Anders, könne nicht als Mittel zu irgendeinem vernünftigen Zweck eingesetzt werden. Sie ist für ihn ein ontologisches Unikum - fast eine Art Person. Sie "benimmt" sich wie ein Nihilist; sie "betrachtet alles als einerlei"; sie hat sogar eine Maxime. Zugleich theologisiert der Philosoph die Atombombe, wenn er schreibt, sie werde "als dunkle Wolke" über sämtlichen künftigen Generationen hängen und ihnen den Weg weisen so wie Gott den Kindern Israels in der Wüste.
Nachdem die Israeliten der Säule aus Feuer und Rauch lange genug gefolgt waren, wurde ihnen endlich die Offenbarung am Sinai zuteil; analog stiftet die Atombombe bei Anders eine metaphysische Gemeinschaft, die von apokalyptischer Angst zusammengehalten wird.
Die Atombombe ist ein Produkt der "Gerätewelt" an sich, das logische Ergebnis der entfesselten Moderne. Hiroschima zieht in der Rechnung des Philosophen also die Summe aus Auschwitz und Dresden: Die Amerikaner sind die Sachwalter der "Gerätewelt", und im Atomblitz haben sie die technologische Zivilisation zur Kenntlichkeit entstellt.
Der rechtskonservative Staatsrechtler Carl Schmitt kam Anfang der sechziger Jahre zu ganz ähnlichen Ergebnissen wie der linke Pazifist Günther Anders. Schmitt erklärte 1963, die "technisch-industrielle Entwicklung" habe "die Waffen des Menschen zu reinen Vernichtungswaffen gesteigert". Die "letzte Gefahr" - die totale atomare Vernichtung - erwachse aus der "Unentrinnbarkeit eines moralischen Zwangs". Menschen, die zum Mittel der vollständigen Auslöschung anderer Menschen greifen wollten, müßten nämlich zuvor "die Gegenseite als Ganzes für verbrecherisch erklären, für einen totalen Unwert. Sonst sind sie eben selbst Verbrecher und Unmenschen. Die Logik von Wert und Unwert entfaltet ihre ganze vernichtende Konsequenz und erzwingt immer neue, immer tiefere Diskriminierungen, Kriminalisierungen und Abwertungen bis zur Vernichtung allen lebensunwerten Lebens".
Letzten Endes richte sich diese Vernichtung gar nicht mehr gegen einen "wirklichen Feind", sondern diene nur noch "einer angeblich objektiven Durchsetzung höchster Werte, für die bekanntlich kein Preis zu hoch ist". Erst die Ableugnung _(* Im österreichischen Mauthausen. )
der wirklichen Feindschaft mache die "Bahn frei für das Vernichtungswerk einer absoluten Feindschaft".
Bei Schmitt erscheint die nukleare Kriegführung somit als Steigerung der Massenvernichtungsaktionen des 20. Jahrhunderts. Wenn die Amerikaner zu diesem Mittel greifen, folgen sie dem gleichen "moralischen Zwang" wie einst die Nationalsozialisten - sie seien gezwungen, fremdes Leben für unwert zu erklären.
Dies ergebe sich aus der Verfügungsgewalt über Atomwaffen und in letzter Instanz aus der "technisch-industriellen Entwicklung" selbst.
Die rechten und die linken Versuche, die Ursachen moderner Massenvernichtungen zu erklären, haben zumindest eines gemeinsam: Beide verwischen die fundamentalen politischen und moralischen Unterschiede zwischen Hiroschima und Auschwitz. Sie führen nicht nur theoretisch in die Irre; sie zerstören auch essentielle Kriterien, die zur Feststellung historischer Schuld und Verantwortung unentbehrlich sind.
Im selben Jahr, in dem Günther Anders seine zivilisationskritische Rede hielt, also 1964, hat sich Hannah Arendt gegen die Gleichsetzung der "Endlösung" mit dem damals so genannten "Megatod" gewandt. Gegen alle Versuche von pazifistischer Seite, den möglichen Nuklearkrieg als eine Fortsetzung der "Endlösung" darzustellen, bestand Arendt auf eindeutigen Unterscheidungen zwischen diesen beiden Ereignissen - nach drei Kriterien, die immer noch gültig sind.
Erstens: Der Abwurf der Atombomben auf Hiroschima und Nagasaki mag ein Verbrechen gewesen sein - wie auch die systematische Bombardierung der deutschen Städte, die ja keinen militärisch-strategischen Zweck verfolgte, sondern einzig der Demoralisierung der deutschen Bevölkerung diente. Genaugenommen müßte man diese Bombardements deswegen als terroristische Aktionen bezeichnen. Aber wenn sie auch keine im engeren Sinn militärische Funktion hatten, so standen sie doch in einem eindeutigen Zusammenhang mit der Kriegführung der Alliierten. Die Bombardements waren Bestandteil von Kriegshandlungen.
Zu keinem Zeitpunkt verfolgten die Alliierten die Absicht, das deutsche oder japanische Volk auszurotten; ihr Ziel war vielmehr, die feindlichen Nationen mit allen Mitteln, die ihnen zur Verfügung standen, zum Aufgeben zu zwingen. Nehmen wir an, der Abwurf der Atombombe sei - wie neuerdings behauptet wird - beschlossen worden, obwohl die amerikanische Regierung wußte, daß Japan längst zur Kapitulation bereit war. Dann hätte der Abwurf freilich nichts mehr mit der Kriegsentscheidung zu tun gehabt, sondern schon auf politische Vorteile in einer Nachkriegsordnung gezielt. Aber auch in diesem Fall wäre der nukleare Schlag noch der Logik der Durchsetzung bestimmter Kriegsziele gefolgt.
Ganz anders verhält es sich mit der "Endlösung". Der Beschluß, die "jüdische Rasse" bis zum letzten Individuum auszurotten, hatte unabhängig davon Bestand, welche kriegerischen Ziele Deutschland verfolgte. Die systematische Ermordung der Juden wäre auch in Friedenszeiten weitergegangen. Allenfalls könnte man behaupten, daß das nationalsozialistische Deutschland seiner Opfer ohne Eroberungskrieg nicht hätte habhaft werden können.
Auch wenn Ernst Nolte das Gegenteil andeutet: Der Mord an sechs Millionen Juden war kein Mittel der nationalsozialistischen Kriegführung. Die Juden wurden nicht getötet, weil die Nazis den Krieg gewinnen wollten, eher schon obwohl sie dies anstrebten.
Dies führt uns zu einem zweiten, noch wichtigeren Unterscheidungskriterium. Die "Endlösung" konnte durchgeführt werden, ohne daß irgendein anderer als die selektierten Opfer in Mitleidenschaft gezogen oder gar die ganze Menschheit ausgelöscht worden wäre. Gewiß würde ein weltweiter thermonuklearer Krieg so etwas wie eine "endgültige Lösung" aller Menschheitsfragen bedeuten. Von der "Endlösung der Judenfrage" würde diese sich jedoch dadurch unterscheiden, daß letztlich alle Menschen tot wären - während die nationalsozialistische "Endlösung" ausschließlich die von den Mördern dazu ausersehene Gruppe betraf.
Der singuläre Horror von Auschwitz besteht gerade darin, daß er partikular und nicht universal war - sowohl bei der Auswahl der Opfer als auch in der Intention der Täter. Auschwitz war eben nicht überall möglich und hätte nicht von jeder beliebigen anderen Macht der Moderne angerichtet werden können. Es bedurfte dazu einer ganz bestimmten Ideologie, und es bedurfte des ganz konkreten Willens, diese kriminelle Ideologie um jeden Preis zu verwirklichen.
Dagegen besitzt der nukleare Megatod universalen Charakter. Er würde ausnahmslos jeden Sterblichen betreffen. Universalen und nicht partikularen Charakter hatten auch die Angriffe auf Hiroschima und Nagasaki. Dies gilt ungeachtet der Tatsache, daß von ihnen nur eine ganz bestimmte Gruppe von Opfern betroffen war; denn diese Opfergruppe wurde exemplarisch oder, wenn man so will, willkürlich ausgewählt; ihre Auswahl war nicht - im Sinne der Logik der "Endlösung" - spezifisch. Der Endzweck des atomaren Angriffes war nicht primär, die Einwohner von Hiroschima und Nagasaki zu töten. Eigentlich ging es um die Demonstration militärischer Überlegenheit, und diese Demonstration hätte grundsätzlich auch an jeder beliebigen anderen Gruppe von Menschen exekutiert werden können.
Das dritte Kriterium der Unterscheidung betrifft eine Frage, die nicht erst seit der Erfindung der sogenannten Auschwitzlüge virulent wurde: Welche Bedeutung hat die historische Faktizität für die Interpretation von Geschichte? Der Unterschied zwischen der "Endlösung der Judenfrage" und dem drohenden "nuklearen Megatod" ist zunächst einmal, daß jene tatsächlich stattgefunden hat, während dieser lediglich eine Möglichkeit darstellt. Das Faktum der "Endlösung" ist konkret, die Möglichkeit des Megatods dagegen abstrakt. Wer aber ein konkretes historisches Ereignis mit einem potentiellen zukünftigen gleichsetzt, schwächt die Fähigkeit, den Realitätsgehalt des ersteren wahrzunehmen.
Die grünen Pazifisten der frühen achtziger Jahre phantasierten von einem bevorstehenden "nuklearen Holocaust", der dem deutschen Volk von seiten "der Supermächte" drohe. Solchen Phantasien folgte in den späten achtziger Jahren die Offensive jener rechten Geschichtsrevisionisten, die die Realität von Auschwitz überhaupt in Frage stellten. Indem die grünen Pazifisten das Wort "Holocaust" usurpierten, setzten sie die möglichen deutschen Opfer eines künftigen Atomkrieges mit den realen Nazi-Opfern gleich.
Eine solche Universalisierung des Judenmords läßt Auschwitz zum bloßen Beispiel, zum Vorspiel für die eigentliche, noch kommende Katastrophe schrumpfen. In letzter Konsequenz vernebelt sie den Unterschied von Wirklichkeit und Möglichkeit. (Diese Tendenz wurde durch postmoderne Simulationstheorien und das Gerede vom "Posthistoire" kräftig verstärkt.)
Aber war denn nicht auch der Abwurf der Atombomben auf Hiroschima und Nagasaki ein reales Ereignis? Und ist es angesichts des grauenvollen Leidens der Opfer nicht menschenverachtende Pedanterie, penibel zwischen dem "Prinzip Auschwitz" und dem "Prinzip Hiroschima" zu differenzieren?
Kein Zweifel: Im Angesicht des Schicksals der Opfer hat jede Theorie zu schweigen. Es wäre aber fatal, wollte man aus der Gleichheit des Leidens auf die Gleichheit der Ursachen für alle Untaten dieser Welt schließen. Wer an dem prinzipiellen moralischen Unterschied zwischen Auschwitz und Hiroschima festhält, will nicht postum die Opfer klassifizieren; er möchte aber zwischen den Tätern und ihren Taten unterscheiden.
Die moralische Differenz zwischen Hiroschima und Auschwitz besteht darin, daß die systematische Ausrottung einer bestimmten Bevölkerungsgruppe per se - also immer und unter allen Umständen - ein namenloses Unrecht ist, zunächst unvergleichbar jenem Skandalon des Atombombenabwurfs. In einem Streitgespräch mit dem Pazifisten Franz Alt machte der Philosoph Andre Glucksmann den Unterschied deutlich. Er fragte: Hätten die Juden im Warschauer Ghetto Atombomben besessen, wären sie dann nicht berechtigt gewesen, den Deutschen mit einem nuklearen Angriff zu drohen - und diese Drohung notfalls wahr zu machen? Die Antwort muß lauten: Ja, sie wären dazu berechtigt gewesen.
Dieses Beispiel führt zu dem, was Glucksmann die "Philosophie der Abschreckung" nannte. Der Abwurf einer Atombombe kann unter gewissen Umständen das letzte Mittel der Notwehr gegen einen Vernichtungsfuror sein, der alles bisher Bekannte an moralischer Verwerflichkeit sprengt. Vielleicht war der Angriff auf Hiroschima gerade nach diesem Kriterium vollkommen unberechtigt; er mag sogar ein schreckliches Verbrechen wider die Menschheit gewesen sein. Um dies zu beurteilen, muß man jedoch prüfen, womit diese Tat gerechtfertigt wurde. Um den Mord an den europäischen Juden moralisch zu beurteilen, muß man das nicht.
War aber nicht zumindest die nukleare Abschreckungsstrategie des Kalten Krieges moralisch an und für sich verwerflich? Immerhin nahm sie nicht weniger als die vollständige Auslöschung menschlichen Lebens auf der Erde in Kauf. Nach Hiroschima, behauptet der amerikanische Politologe Gar Alperovitz, sei "die explizite Bedrohung ziviler Massenbevölkerungen im Namen konkreter staatlicher Ziele so gang und gäbe" geworden, "daß wir uns heute kaum noch vorstellen können, dieser Gedanke sei einmal als jedes zivilisierten Menschen unwürdig angesehen worden".
Alperovitz irrt grundsätzlich. Gerade die Erfahrung von Hiroschima förderte die Einsicht, daß sich ein solches Ereignis, das in seinen Risiken unkalkulierbar war, niemals wiederholen dürfe. Aus dieser Einsicht heraus entwickelte der Westen seine Strategie der nuklearen Abschreckung, die darauf zielte, nicht nur konventionelle, sondern vor allem auch nukleare Kriege zu verhindern. Keineswegs stand im Zentrum dieser Strategie der Gedanke, nukleare Kriegsdrohungen seien von nun an ein normales staatliches Mittel.
Die nukleare Hochrüstung, die zur Aufrechterhaltung des atomaren Patts notwendig war, diente nicht der Entfesselung, sondern der Neutralisierung der nuklearen Waffentechnologie und der Zivilisierung jener, die über sie verfügten. Freilich bewegt sich diese Strategie in einem aberwitzigen Dilemma. Um vom Einsatz atomarer Waffen zur Durchsetzung staatlicher Ziele abzuschrecken, mußte dem potentiellen Angreifer mit der totalen Vernichtung gedroht werden. Überdies mußte glaubhaft gemacht werden, daß man bereit sei, diese Drohung notfalls auch um den Preis der Selbstvernichtung wahr zu machen.
An diesem Aberwitz war jedoch nicht eine Logik des Wahnsinns schuld, die der Verfügungsgewalt über Atomtechnologie angeblich immanent ist. Das Dilemma gründete sich auf die historische Erfahrung des 20. Jahrhunderts. Schließlich war bekannt, welches Potential an Vernichtungsenergien von politischen Ideologien ausgeht - ein Vernichtungspotential, das mit Hilfe von Atomwaffen in Schach gehalten werden sollte.
Mit der atomaren Drohung gegen das kommunistische Lager war keine "totale Feinderklärung" an die russische oder polnische Bevölkerung verbunden. Bekundet wurde vielmehr die Entschlossenheit, den kommunistischen Machthabern, von denen diese Bevölkerungen als Gefangene und Geiseln gehalten wurden, mit allen Mitteln die Stirn zu bieten.
Die politische Rationalität der Abschreckung läßt sich bezweifeln; auch die Stichhaltigkeit ihrer moralischen Intention. Aber niemand kann ihr absprechen, daß sie überhaupt ethisch begründet wird. Und schon gar nicht zulässig ist es, die Philosophie der Abschreckung mit radikalen Vernichtungsideologien auf eine moralische Stufe zu stellen.
Warum wird das "Prinzip Hiroschima" dennoch immer wieder mit Auschwitz (oder dem Archipel Gulag) in einem Atemzug genannt? Weil so alles Unheil der Epoche einem abstrakten Allerweltstäter angelastet werden kann, der - ganz nach Geschmack - mal als Moderne, mal als Kapitalismus, mal als technologische Zivilisation definiert wird.
Dabei fällt auf, daß die Greueltaten des japanischen Imperialismus, die dem Abwurf der Atombomben vorausgingen, in der moralphilosophischen Diskussion um Hiroschima kaum eine Rolle spielen. Der Atompilz wird hier zum Rauchschleier, der die historischen Fakten verdunkelt. Immerhin hat Japan aber im Namen seiner angeblich überlegenen kulturellen Tradition einen Vernichtungskrieg gegen China geführt, es hat Korea versklavt und auf den Philippinen Massaker verübt. Ganz nebenbei planten die protofaschistischen Machthaber in Tokio noch die Annexion von Australien. Zudem kam ans Licht, daß die japanische Armee in ihren Kriegsgefangenenlagern medizinische Pseudo-Experimente durchführte. Weit mehr Gefangene kamen indessen ums Leben, weil man ihnen Medikamente verweigerte oder sie verhungern ließ. Der Genozidforscher Rudolph Joseph Rummel schätzt, daß allein in den japanischen Lagern über eine halbe Million Menschen umgebracht wurden.
Daß nuklearpazifistische Zivilisationskritiker sich für solche Tatsachen wenig interessieren, liegt nicht zuletzt an ihrer Doppelmoral, die die Menschenrechte nur in bestimmten Erdregionen einklagt. Japan gilt ihnen als Opfer eines aggressiven westlichen Kulturimperialismus, dessen Speerspitze Amerika sei. Die Japaner erscheinen in diesem Bild als eine unterdrückte exotische Kultur, die ausgelöscht werden sollte, weil sie einem nivellierenden westlichen Weltmoloch im Wege stand. Vor diesem Hintergrund wirken die japanischen Kriegsverbrechen eher wie hilflose Selbstbehauptungsversuche einer bedrohten kulturellen Spezies. (Schärfer wird Japan von den Ökopazifisten da schon wegen seiner Walfangpraxis kritisiert.)
Hiroschima wird auch weiterhin dem Apokalypse-Bedürfnis intellektueller Endzeitpropheten entsprechen. Dabei geht es ihnen im Grunde um die Frage, ob nun Auschwitz oder Hiroschima den alles entscheidenden point of no return markiert, an dem die Produktivkräfte der Moderne endgültig in Destruktivkräfte umgeschlagen seien. Da sie Hiroschima für folgenreicher halten, steht zu erwarten, daß die apokalyptischen Zivilisationskritiker es favorisieren werden. Y
* Im österreichischen Mauthausen.
Von Hannes Stein und Richard Herzinger

DER SPIEGEL 31/1995
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