14.08.1995

BalkanMit Eisen und Blut

Kroatiens Präsident Tudjman im Siegesrausch: Wie ein zweiter Bismarck möchte er die politische Landkarte des Balkans neu zeichnen. Für Minderheiten soll dabei kaum Platz bleiben, den bosnischen Moslems weist er nur noch einen Rumpfstaat zu - unter seinem Protektorat. Die Zustimmung der Westmächte hält er für gesichert.
Den Sieg beging der Kriegsherr mit einem prunkvollen Bankett. Geladen war auch sein bosnischer Amtskollege Alija Izetbegovic, und dem widerfuhr eine Ehrung, die eher einem Dolchstoß gleichkam.
Franjo Tudjman bekundete dem Bosnier Dank für den gemeinsamen Kampf gegen den serbischen Faschismus und überreichte ihm dazu Kroatiens höchsten Orden, eine Seidenschärpe in den Landesfarben Rot, Weiß und Blau, die bisher noch keinem Ausländer verliehen wurde. Damit erklärte er den Gast gewissermaßen zum Ehreninländer, also zum Schutzbefohlenen.
Nach der militärischen Blitzoffensive gegen die Krajina-Serben gebärdet sich Tudjman als der Größte, Klügste und Weitsichtigste im ehemaligen Jugoslawien; keiner soll ihm mehr in Krieg und Frieden hineinreden - schon gar nicht Izetbegovic.
Die Londoner Times enthüllte, bei einem Diner am 6. Mai in London habe Tudjman seinem Tischnachbarn, dem britischen Liberaldemokraten Paddy Ashdown, seine Vorstellungen von der neuen Ordnung auf dem Balkan dargelegt.
Auf einer Menükarte zeichnete er eine S-förmige Linie durch Bosnien: Den Osten schlug er Serbien zu, den Westen Kroatien. Ans Kroatenreich fiele die derzeitige Serbenhochburg Banja Luka, Belgrad hingegen heimste die Uno-Schutzzonen Tuzla und Gorazde ein.
Für das Mehrheitsvolk Bosniens bleibt in Tudjmans Balkanvision nur ein Platz im Gästehaus: Die Moslems müßten sich in eine "Kroatische Föderation" eingliedern. Für einen souveränen Zwergstaat Sarajevo gebe es keinen Platz.
Der Großkroate deutete auch an, daß er über diesen Teilungsplan schon Einigkeit mit dem serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic erzielt habe. Er fühlt sich eher zu Milosevic hingezogen als zu Izetbegovic, den er einen "Algerier und Fundamentalisten" nennt.
Tudjman läßt sich in der Rolle eines neuen Bismarck feiern, der sein Reich mit Eisen und Blut zusammenschmiedet. Der Erfolg seiner Armee, die in drei Tagen knapp ein Drittel des kroatischen Territoriums von den aufständischen Krajina-Serben zurückeroberte und dabei mehr als 120 000 unliebsame serbische Mitbürger in die Flucht trieb, ist dem Sieger offenkundig zu Kopf gestiegen.
Liebedienerisch feierten die Nachrichtensprecher ihren Herrn als "Helden aller Helden" und "weisen Steuermann", der Kroatiens Souveränität "für weitere tausend Jahre besiegelt" habe. Textprobe aus der gleichgeschalteten Presse: _____" Tudjman hat ein Gespür für historische " _____" Verantwortlichkeit, nicht nur gegenüber dem kroatischen " _____" Volk, sondern auch in bezug zur gesamten Balkanregion. " _____" Ja, sogar für Europa handelt er im Bismarckschen Sinne. " _____" Wie Bismarck nur so weit Krieg führte und nur so weit " _____" ging, bis die Vereinigung Deutschlands vollzogen war, und " _____" sich danach um die Sicherung und den Erhalt des Friedens " _____" und das europäische Gleichgewicht kümmerte, so handelt " _____" heute wieder ein großer Mann der Zeitgeschichte - unser " _____" kroatischer Präsident. "
Tudjman, ein Verteidiger des Gleichgewichts in Europa wie Bismarck? Der hatte keine unliebsamen Untertanen davongejagt.
Das europäische Gleichgewicht sah Bismarck dagegen sehr wohl durch jene Balkanstaaten gefährdet, die er auf dem Berliner Kongreß 1878 selbst mitgegründet hatte - Serbien, Montenegro, Rumänien. Ihnen schrieb er 1883 ins Stammbuch, was auch für Kroatien gelten könnte, das erst jetzt, mehr als hundert Jahre später, seine Staatlichkeit fand: _____" Die Redensart vom Gleichgewicht ist im Munde der " _____" Serben einfach eine Beschönigung ihrer Begehrlichkeit. " _____" Ich würde ihnen gönnen, eine Gebietsvergrößerung zu " _____" erhalten, wenn das im friedlichen Wege möglich, aber " _____" einen Rechtsanspruch darauf zu behaupten ist eine " _____" Überhebung kindlicher Natur, wie wir sie von den jungen " _____" südlichen Völkern gewöhnt sind. "
Von solcher Selbstüberhebung ist auch Tudjman nicht frei: "In nur 30 Stunden vollzog Kroatien, was in vier Jahren weder die Uno, die Europäische Union, selbst die mächtigste Militärmacht in der Weltgeschichte nicht vollbrachte", rühmte ihn die Zeitung Vjesnik.
Ist nunmehr, wie die kroatische Regierung behauptet, der Grundstein für den Frieden gelegt? Wenn ja, wird es ein brüchiger, ungerechter Friede sein.
Denn mit der Militäroperation löste Tudjman eine der größten Flüchtlingsbewegungen in Europa seit Ende des Zweiten Weltkriegs aus. Seine Truppen stießen in ein weitgehend menschenleeres Gebiet vor (siehe Seite 114). Nur wenige Habseligkeiten hatten die Fliehenden im letzten Augenblick zusammenraffen können. Einige der Elendstrecks wurden auf ihrem Fluchtweg von Kroaten beschossen und mit Steinen beworfen, die Menschen aus ihren Fahrzeugen gezerrt und verprügelt.
"Und wenn die Krajina vergoldet würde", berichtete eine Bäuerin aus Glin, nachdem sie glücklich in Serbien angekommen war, "niemals werde ich zurückkehren."
Was im Scheinstaat Kroatien 1941/45 der faschistische "Poglavnik" (Führer) Ante Pavelic mit seiner systematischen Serbenverfolgung nicht schaffte ("ein Drittel katholisch taufen, ein Drittel vertreiben, ein Drittel töten"), sieht Tudjman nach vier Jahren Balkankrieg in Reichweite: ein weitgehend serbenfreies Kroatien, in dem es deswegen auch keine Minderheitenrechte geben muß.
Vor fünf Jahren lebten noch 600 000 Serben in Kroatien, jetzt sind nach Abschluß der Militäroperation noch 150 000 übrig - drei Prozent der Gesamtbevölkerung.
Das unmenschliche Prinzip einer territorialen Trennung der Völker durch Krieg verbindet Tudjman mit seinem Widerpart Milosevic, der seinerseits Ende vergangener Woche Kroaten aus Serbien vertrieb.
Europas Regierungen äußerten Unbehagen, fühlten sich aber erleichtert. Fast herrscht so etwas wie klammheimliche Dankbarkeit, daß Tudjman Uno und Nato die Schmutzarbeit auf dem Schlachtfeld abgenommen hat. Schon prahlte der kroatische Staatschef, sollte die Nato nicht in der Lage sein, den serbischen Luftwaffenstützpunkt in Banja Luka auszuschalten, könne eine seiner Bomberstaffeln die Stellungen vernichten - auf bosnischem Territorium.
Für eine solche Aktion bekäme Zagreb möglicherweise sogar Zustimmung aus dem Pentagon. In einer halboffiziellen Grauzone ist Washington längst auf kroatischer und moslemischer Seite in den Balkankrieg verwickelt. Tudjmans Generäle holen sich gern Rat bei hochrangigen amerikanischen Armee-Pensionären.
Etwa hundert kroatische und bosnische Offiziere erhalten aufgrund eines amerikanischen Programms zur Umwandlung postkommunistischer Armeen in demokratische Streitkräfte professionellen Nachhilfeunterricht.
Experten wie Paul Beaver vom angesehenen britischen Militärverlag "Jane's" bezweifeln, daß sich die US-Berater dabei nur mit innerer Führung befassen: Bei der erfolgreichen Rückeroberung der Krajina hätten die kroatischen Truppen geradezu sensationelle Fortschritte bewiesen. "Das roch verdächtig nach Operationen im Stil der Nato", so Beaver.
Die Hilfestellung würde sich durchaus mit der Pentagon-Planung decken, Kroatiens Streitkräfte zu einer Armee nach westlichem Muster zu formen, um sie später im Rahmen des Programms "Partnerschaft für den Frieden" an die Nato heranzuführen und als Bollwerk gegen die unberechenbaren Serben einzusetzen.
Nichts wäre Tudjman lieber, der seinen Staat als Vorposten des Abendlandes sieht, hinter dem der zivilisatorisch rückständige Osten beginnt: "Byzanz", das Bündnis zwischen Serben und Russen.
So entsteht im Bürgerkrieg auf dem Balkan nach und nach wieder die Ost-West-Konstellation. Rußland sieht schon seine Chance, machtvoll in die Weltpolitik zurückzukehren. Präsident Boris Jelzin, gerade aus dem Krankenhaus und von der anschließenden Kur zurück, wünschte sich ein internationales Comeback.
Doch der spontane Versuch, eine eigene Balkaninitiative zu starten, mißlang, zumindest im ersten Anlauf. Im Kreml trat am vorigen Donnerstag nur Serbiens Präsident Milosevic an. Sein kroatischer Kollege Tudjman richtete in letzter Minute aus, die Russen müßten auch seinen Schützling, Bosniens Izetbegovic, dazubitten.
Tudjman sei "offensichtlich von einigen Führern des Westens beeinflußt worden", schätzte Jelzin die Absage ein. Dabei geriet auch der deutsche Kanzler in sein Visier. Der hatte seinen Saunafreund Boris am vorigen Mittwoch aus seinem Urlaubsort St. Gilgen angerufen, um einen von den Russen schon seit langem ersehnten Privatbesuch im September auf der Staats- und Jagddatscha Sawidowo anzukündigen - "allein und nur mit einem Dolmetscher".
Kohl lobte das von Jelzin angeregte Moskauer Versöhnungstreffen zwischen Milosevic und Tudjman, riet aber, in der nächsten Runde auch den Bosnier Izetbegovic zu beteiligen. Kurz darauf erfolgte Tudjmans Rückzieher.
Milosevic beteuerte in Moskau treuherzig seine "ausschließliche Orientierung auf eine friedliche Lösung" - und Jelzin fand das eine "sehr wichtige Erklärung: Ich glaube ihm".
Russische Balkanexperten gelangten derweil zu ganz anderen Einsichten: "Milosevic lügt, wenn er den Mund aufmacht", empörte sich ein Gehilfe des Außenministers Kosyrew. "Sie wollen unsere Unterstützung, unsere Waffen, aber wenn wir ihren ethnischen Säuberungswahn kritisieren, entgegnen sie uns: Was wollt ihr denn, ihr macht doch in Tschetschenien dasselbe."
[Grafiktext]
Derzeitiger Frontverlauf in Bosnien-Herzegowina
Mögliche Aufteilung Bosniens
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 33/1995
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