14.08.1995

USA„Blüten aus Flammen und Stahl“

Nach dem Attentat von Oklahoma fahndete das FBI vergebens nach einer Gruppe von Verschwörern. Statt dessen fanden die Ermittler eine hochgerüstete Szene paranoider Waffenfreaks. Der Hauptangeklagte Timothy McVeigh, dem die Todesstrafe droht, ist ein Einzelgänger, der sich aber kaum von vielen Gleichgesinnten unterscheidet.
Daß John F. Kennedys Gehirn in einem versteckten Raum des Parkland-Hospitals von Dallas heimlich am Leben - und mit Schachpartien fit - gehalten wird, galt bislang als überzeugendster Beleg für die absurden Winkel, in die sich Amerikas Verschwörungstheoretiker versteigen können.
Doch was seit knapp vier Monaten das Internet überflutet, was bei geheimnisvollen Gruppen aus den Faxmaschinen quillt, was in Radio-Talkshows und bei Milizentreffen erregt diskutiert wird, die jeweils allerneueste Wahrheit über den Bombenanschlag von Oklahoma City nämlich, läßt alle Phantasmagorien über den Mord am unvergessenen Präsidenten weit hinter sich.
Eine Art Reichstagsbrand sei der Anschlag vom 19. April auf das Alfred-P.-Murrah-Gebäude gewesen, dem 168 Menschen zum Opfer fielen. Das jedenfalls glauben viele Aktivisten der rechten Bürgerwehrszene, denen die Explosion als Fanal für die nunmehr unmittelbar bevorstehende Machtübernahme jenes "totalitären Uno-Regimes" gilt, hinter dem sich - wahlweise oder gleich alle gemeinsam - die Juden, die internationalen Banker oder die Kommunisten verstecken. Von Henry Kissinger gar nicht erst zu reden.
Die Behörden selbst ("wahrscheinlich das FBI, aber ganz genau weiß ich das noch nicht") hätten das Behördengebäude in die Luft gejagt, meint etwa Linda Thompson, selbsternannte "Generaladjutantin der unorganisierten Bürgerwehren in den USA", eine Art Mutter aller Milizen. Unmittelbar vor der Explosion hätten schwarze Hubschrauber über dem Gebäude verharrt, jene Todesboten der "Neuen Weltordnung", mit deren Hilfe die Regierung das Land der Freien versklaven wolle.
Die Hubschrauber-Visionäre - und von ihnen ist die Politikerin Helen Chenoweth aus Idaho ins Washingtoner Repräsentantenhaus gewählt worden - gelten anderen Verschwörungsanhängern als unsolide. Ihre Theorie: Nicht die Vereinten Nationen, sondern die "Clintonisten-Clique" sei die größte Gefahr für die Freiheit und das in der Verfassung garantierte Recht aller Amerikaner auf das Tragen von Waffen.
Die technologisch Versiertesten in diesem Netzwerk von "Konstitutionalisten" oder "Patrioten" hocken nächtelang am Computer; in einschlägigen Gesprächsforen sinnen sie darüber nach, ob die Lastwagenbombe vielleicht nur in die Luft ging, um von einer Anklage gegen Hillary Clinton abzulenken, die just an diesem 19. April Licht auf die Hintergründe des Todes von Vincent Foster werfen sollte, dem Vertrauten und Rechtsberater des Präsidentenpaares.
Amerika - eine Nation von Paranoikern? Man könnte denken, die USA seien ein Land, in dem die gefährlichsten Spinner unaufhaltsam auf dem Vormarsch sind.
Die Spekulationen wurden noch einmal angeheizt, seit eine Jury in Oklahoma am vorigen Donnerstag formell Anklage gegen den Hauptverdächtigen des Bombenattentats erhob. Die Geschworenen beschuldigten Timothy McVeigh, 27, unter anderem des Gebrauchs einer "Massenvernichtungswaffe" und wiesen ihm die Verantwortung für den Tod der Opfer zu - Straftaten, für die Bundesstaatsanwalt Patrick Ryan auf Anweisung der Justizministerin Janet Reno die Todesstrafe fordern will.
Zu befürchten ist, daß der junge Mann mit dem kurzen Haarschnitt amerikanischer GIs bald zum Märtyrer aufsteigt. Ist es denn nicht ein Beleg für die Heimtücke der Behörden, daß sie erst jetzt zugeben, im Zentrum der Explosion ein abgerissenes Bein gefunden zu haben, das bislang keinem der Opfer zugeordnet werden konnte? Ist McVeigh, was viele Sympathisanten ohnehin glauben, eben doch nur ein Sündenbock? Drei Heiratsanträge hat der Häftling im Bundesgefängnis von El Reno bereits erhalten.
Die knapp viermonatigen Recherchen des FBI, an denen 700 Beamte im ganzen Land beteiligt waren, haben in der Tat nicht ergeben, wonach die Ermittler ursprünglich gesucht hatten: eine festumrissene Gruppe gewaltbereiter Regierungsfeinde, deren Werkzeug der bereits 90 Minuten nach der Tat verhaftete McVeigh gewesen wäre.
Was die Fahnder bei McVeigh-Freunden in gottverlassenen Trailer-Siedlungen im tiefsten Arizona, bei seinen Kumpeln im entlegenen Farmland von Michigan oder auch in notleidenden Industrieregionen seiner Heimat im Bundesstaat New York entdeckten, war vielmehr eine ganze Kultur zutiefst frustrierter junger Männer, deren Unmut sich in einem gewaltsamen Nationalismus ballt. Die FBI-Agenten stießen auf eine selbsternannte Kriegerkaste, deren Mitglieder sich von Waffenmesse zu Waffenmesse durchs ganze Land treiben lassen.
Die Suche nach den Tatwerkzeugen und nach der Herkunft des für den Anschlag von Oklahoma notwendigen Geldes führte die Ermittler zu den Propagandisten eines unstillbaren Hasses auf die Regierung in Washington, die stets verantwortlich gemacht wurde, wenn diese hochgerüsteten Frustis mit sich und der Welt nicht klarkamen.
Timothy McVeigh ist nicht mehr als ein typischer Vertreter dieser Szene. Hier war kein planerisches Meisterhirn am Werk; hier führte, nach Ansicht der Ermittler, jemand einfach nur mal durch, was andere längst vorgedacht hatten. Und genau diese Erkenntnis ängstigt nun Behörden wie Politiker. "Es muß noch andere geben, die genauso sind wie er", sagt einer der Fahnder, die McVeigh im Gefängnis sprechen konnten. "Du siehst ihn an und denkst: Das ist nicht das Ende einer Entwicklung, das ist erst der Anfang."
Es gibt Zigtausende McVeighs: geboren Ende der sechziger Jahre, Arbeiterkinder ohne besonderen Ehrgeiz (und ohne besondere Schulbildung), aber auch ohne Garantie auf einen sicheren, einträglichen Arbeitsplatz, mit dem ihre Väter 30 Jahre zuvor noch rechnen konnten.
Als sie Mitte der achtziger Jahre auf den Arbeitsmarkt des Nordens und des Mittleren Westens drängten, in Regionen, die längst als Rostgürtel bekannt waren, gab es diese Jobs nicht mehr. Und wo es sie gab, so jedenfalls empfanden es die Zukurzgekommenen, waren sie durch Quotenregelungen Frauen oder Schwarzen vorbehalten.
Im Frühjahr 1988 suchte McVeigh, wie so viele seiner Generation, aus einer Reihe schlechtbezahlter Gelegenheitsarbeiten auszusteigen, indem er sich bei den Streitkräften verpflichtete. Er konnte nicht ahnen, daß auch diesem Job schon bald Teile der Geschäftsgrundlage entzogen werden sollten - nach dem Fall der Berliner Mauer und dem Zusammenbruch der kommunistischen Regime in Osteuropa.
Timothy McVeigh war ein Mustersoldat. Schon der Eignungstest hatte ungewöhnlich hohe technische Intelligenz angezeigt. Seine Korrektheit kam selbst einigen Kameraden lachhaft vor. Anders als mit steif gestärktem Hemd, makellosen Bügelfalten und auf Hochglanz gewichsten Schuhen kannte niemand diesen eigenbrötlerischen Kameraden.
Bei jedem Test gehörte McVeigh zu den Besten, und selbstverständlich war er auch ein Meisterschütze. Daß er sich überdies als Waffennarr entpuppte, sein rundes Dutzend Privatknarren verbotenerweise in die Kaserne schmuggelte, um sie ständig zu polieren und in Schuß zu halten, galt lediglich als harmloser Tick, den er mit vielen Kameraden im Armeestützpunkt von Fort Riley, Kansas, teilte.
Auch nichts Ungewöhnliches daran, daß er gerüstet sein wollte für den Tag, an dem "kommunistische Horden" über die Vereinigten Staaten herfallen würden. McVeigh jedenfalls wollte sich genausowenig wie seine Kumpel - und Mitangeklagten - Terry Nichols und Michael Fortier von irgend jemandem vorschreiben lassen, welche und wie viele Waffen er besitzen dürfe.
Ganz in der Nähe hatte der Soldat bereits einen kleinen Lagerraum angemietet, in dem er für den Fall der Fälle Munition und Lebensmittelvorräte verstaute. Schon als Schüler war McVeigh von den Survivalists fasziniert gewesen, die sich in die Wälder schlugen und das Überleben trainierten.
Selbstredend auch hatte McVeigh das Haß- und Hausblatt aller paranoiden Waffenfreaks, die Söldner-Postille Soldier of Fortune, abonniert, deren Ausgaben er wie ein Missionar unter seinen Kameraden verbreitete. Mit geradezu religiöser Andacht verschlang er auch ein Buch, das zur Bibel der Rechtsradikalen wurde: die "Turner Diaries". Wer will, kann darin den kritischen Punkt erkennen, an dem sich eine nicht unübliche Marotte zu rassistischer Radikalität weitet.
Denn die "Turner Diaries" sind auch nach Einschätzung ihres rechtsextremen Autors ein Werk, das man nur nach gründlicher Vorbereitung lesen sollte, und zur Vorbereitungslektüre zählt unter anderem Adolf Hitlers "Mein Kampf". Die fiktiven Tagebücher schildern ein Amerika, das von "Zog" beherrscht wird, dem Zionist Occupation Government.
Sie beschreiben den erfolgreichen Widerstand gegen diese zionistische Besatzerregierung. Es ist der Widerstand einer kleinen Gruppe von Weißen, die ihre Waffen vor dem Zugriff der Washingtoner Herrscher verstecken konnten. Nachdem der Held ganz nebenbei das Washingtoner FBI-Hauptquartier in die Luft gesprengt hat (mit einer Mischung aus dem Düngemittel _(* Am 19. April 1993 in Waco, Texas. )
Ammoniumnitrat und Diesel, dem gleichen wirkungsvollen Sprengstoff, wie er auch in Oklahoma verwendet wurde), erfreut sich Earl Turner in seinen Tagebüchern dann am Untergang des Kapitols: _____" Wir sahen überall wunderbare Blüten aus Flammen und " _____" Stahl emporsprießen. Sie tanzten über den Asphalt, " _____" brachen hervor aus berstendem Holz und brennenden Wagen. " _____" Innerhalb und außerhalb des Kapitols forderten diese " _____" Blüten blutigen Tribut in den Rängen der Tyrannen und " _____" Verräter. "
Solch infantile Allmachtsphantasien scheinen McVeigh nie wieder losgelassen zu haben. Auf den Gun-Shows, den Verkaufsausstellungen für Amerikas private Hochrüstung, die er nach seiner Entlassung aus der Armee bereist, hat er stets auch die "Turner Diaries" verkauft - zum Selbstkostenpreis.
Trotzdem war McVeigh kein Außenseiter in der Armee. Jemand mit einem Tick - vielleicht; ein Rassist, jemand, der den Schwarzen in seinem Zug immer nur die dreckigsten Aufgaben zuwies - sicher. Aber auch das war offenbar nichts Ungewöhnliches unter frustrierten Weißen in Fort Riley.
Im Golfkrieg tat sich McVeigh als Kanonier eines Schützenpanzers vom Typ Bradley hervor. Gegenüber Kameraden gab er mit seiner auch von Vorgesetzten gelobten Treffsicherheit an. Mit seiner 25-mm-Kanone habe er einem Iraker auf gut tausend Meter Entfernung den Kopf weggeschossen.
Hochdekoriert kehrte der Veteran in die USA zurück und bewarb sich für die Spezialeinheiten der Army, eine der wenigen Nischen bei den Streitkräften, die nicht von Haushaltskürzungen nach dem Ende des Kalten Kriegs bedroht waren. Doch der Traum, als Angehöriger der legendären Green Berets Militärkarriere zu machen, platzte. Schon am zweiten Tag des Aufnahmetests gab er auf, angeblich weil er nach dem langen Wüstenaufenthalt nicht mehr in Form war.
Trotz glänzender Beurteilungen durch seine Vorgesetzten quittiert McVeigh Ende 1991 den Dienst und kehrt nach Hause zurück. Und damit verengen sich seine Lebensaussichten wieder auf die gleiche miserable Perspektive, die ihn dreieinhalb Jahre zuvor in die Armee fliehen ließ: McVeigh schlägt sich mit Gelegenheitsarbeiten durch, jobbt erneut für einen privaten Sicherheitsdienst, was ihm immerhin ermöglicht, Waffen während der Arbeitszeit zu tragen.
Damit war, glaubt etwa Charles Bahn vom John Jay College für Strafrecht in New York, McVeighs weitere Karriere vorgezeichnet. "Wer einmal das Gefühl hat, von der Gesellschaft verraten worden zu sein, kann sehr gefährlich werden, wenn er emotional unausgeglichen ist", erläutert der Terrorismusexperte: "In der Stadt füllen Gangs diese Leere aus, im Mittleren Westen sind es Kulte, die Macho-Welt der Knarrenfanatiker oder die Milizen."
Im Sommer 1992 taucht McVeigh erstmals auf der Farm in Michigan auf, wo sein alter Armeekumpel Terry Nichols sowie dessen Bruder James leben. Wenige Monate später wohnt er für einige Zeit bei Michael Fortier in Kingman, Arizona - auch er ein ehemaliger Kollege aus Fort Riley. Zwischen diesen Polen wird er die beiden nächsten Jahre hin- und herpendeln, zwischen verschiedenen Jobs immer wieder auf Gun-Shows Armeeausrüstung und Handfeuerwaffen verkaufen.
Unter dem Pseudonym Tim Tuttle, das er häufig benutzt, bietet er einmal sogar einen Raketenwerfer zur Panzerabwehr an. Damit könne jeder, erläutert er einem Kunden auf einer Verkaufsschau in Phoenix, auch die schwarzen Hubschrauber vom Himmel holen.
In Briefkontakt steht McVeigh noch immer mit seinem Kommandanten aus Golfkriegszeiten, der inzwischen in Deutschland stationiert ist. Und aus diesen Briefen läßt sich sein wachsender Zorn ablesen. Zorn etwa darüber, daß Bush Soldaten nach Somalia entsendet, um dort die einheimischen Milizen zu entwaffnen. "Könnten sie das nicht eines Tages auch in den USA tun?" fragt er seinen alten Chef.
Sie können. So jedenfalls interpretiert McVeigh die 51tägige Belagerung des Hauptquartiers der Davidianer-Sekte im texanischen Waco durch Polizeitruppen des Bundes. Als die Farmgebäude in Flammen aufgehen und über 80 Davidianer, darunter 17 Kinder, verbrennen, ist das der letzte Beweis für McVeigh - wie für die gesamte rechte Szene der selbsternannten Patrioten -, daß der neue Präsident Bill Clinton auch vor Mord nicht zurückschreckt, um Amerika zu entwaffnen und seine Bürger wehrlos zu machen.
Das Datum des Blutbads von Waco will McVeigh - mehrere Briefe an seine Schwester Jennifer in New York beweisen das - nicht aus dem Kopf gehen: An einem 19. April starben die Davidianer, der 19. April ist aber auch der Tag der Schüsse von Concord, an dem 1775 amerikanische Revolutionäre erstmals auf britische Kolonialtruppen feuerten.
Die geheimnisvolle Bedeutung dieses Zufalls beschäftigt McVeigh so sehr, daß er zu den Ruinen des Sektenquartiers nach Texas pilgert, die längst zum Wallfahrtsort der militanten Rechten geworden sind. McVeigh wandelt sich nach eigenem Verständnis zu einem Revolutionär gegen die Unterdrücker aus Washington.
Auf den Gun-Shows rekrutierte die neue Untergrundbewegung ihre Kämpfer. Hier machten Rambos jüngere Brüder ihrem Haß auf Clinton Luft, hier konnten sie auf Schießscheiben zielen, die das Präsidentenpaar zeigten. Neben all den Sturmgewehren und halbautomatischen Pistolen gab es auch Autosticker zu kaufen, auf denen Clinton als "Antichrist" bezeichnet wird, der durch das "Zeichen des Tieres" gebrandmarkt sei. Noch wenige Jahre zuvor wurden solche Qualifizierungen dem letzten sowjetischen Kreml-Chef Michail Gorbatschow angehängt.
In klapprigen Karren reiste McVeigh von einer Waffenmesse zur anderen, und es scheint, daß er dabei auch Ware verkauft hat, die aus einem Überfall auf einen Waffenhändler in Arkansas stammte. Die Ermittler sind sicher, daß er auf diese Weise genügend Geld zusammenraffen konnte, um sowohl seinen Lebensunterhalt zu bestreiten als auch die Materialien für die Bombe von Oklahoma zu beschaffen.
Wann und bei wem zum erstenmal die Idee auftaucht, im Krieg gegen die Regierung das Bundesgebäude von Oklahoma City in die Luft zu sprengen, wissen die Fahnder noch immer nicht. Sie wollen auch nicht ausschließen, daß es noch weitere Täter gibt. Doch schon Ende 1993 experimentierten Veigh und die Nichols-Brüder zum Ärger ihrer Nachbarn in Michigan mit Sprengstoffen. Immer größere Bomben explodierten auf ihrer Farm. Zusammen mit Michael Fortier erkundete McVeigh, als Handwerker verkleidet, das Alfred-P.-Murrah-Gebäude in Oklahoma.
Auf den einstigen Freund aus Arizona, vor dessen mobilem Billigheim eine alte amerikanische Revolutionsfahne mit Klapperschlange und der Warnung "Komm mir nicht zu nah" flatterte, kann jetzt der Staatsanwalt als Kronzeugen zurückgreifen. Um der Todesstrafe oder lebenslanger Haft zu entgehen, will Fortier gegen den Hauptangeklagten aussagen.
Überdies können Augenzeugen McVeigh als jenen Kunden identifizieren, der drei Tage vor der Explosion den für die Tat benutzten Lastwagen gemietet hat. Kurz vor der Explosion haben Passanten McVeigh am Tatort gesehen, und schließlich konnte sein Fingerabdruck auf einer Quittung für das Ammoniumnitrat nachgewiesen werden.
Nach der Tat hat es McVeigh den Fahndern merkwürdigerweise sehr leicht gemacht. In dem Motel, in dem er vor dem Anschlag abgestiegen war, hatte er sich unter seinem richtigen Namen angemeldet. Sein Fluchtauto fuhr er ohne Nummernschilder - unter Rechtsextremisten eine häufige Demonstration staatsfeindlicher Gesinnung.
In einem Interview mit Newsweek stritt McVeigh den Anschlag nicht einmal entschieden ab, sondern antwortete auf Fragen nach seiner Täterschaft ausweichend. Er werde sich vor Gericht als "nicht schuldig" bekennen - was lediglich besagt, daß es einen Prozeß geben wird. Würde er sich schuldig bekennen, könnte der Richter gleich die Strafe verhängen.
Nicht schuldig lautet schon heute das Urteil der selbsternannten Patrioten. Linda Thompson etwa, die Milizionärin aus Indiana, rief über ihr Computernetwork nach dem Anschlag zum Sturm auf Washington auf, um die wahren Schuldigen "festzunehmen, abzuurteilen und, falls nötig, hinzurichten".
Auch der hartnäckige Regierungsfeind James Rosencrans, 29, kann seine Sympathien für McVeigh, den er in Arizona bei seinem Nachbarn Fortier kennengelernt hat, nicht verbergen. Im Februar noch hatte McVeigh ihm versichert, daß er bald etwas gegen die Regierung unternehmen werde: "Er sagte mir, er müsse tun, was er eben tun müsse."
Als Rosencrans, Waffenfreak wie seine Freunde Fortier und McVeigh, dann am 19. April die Bilder von dem blutigen Anschlag sah, will er sofort gewußt haben, wer der Attentäter war. "McVeigh", sagt er auch heute noch, "gehört zu den guten, den aufrechten Leuten. Schade nur, daß diese Leute einen so hohen Preis bezahlen müssen."
Doch für die Freiheit, da ist sich Rosencrans ganz sicher, "muß dieser Preis bezahlt werden".
Sturm auf Washington, um die wahren Schuldigen festzunehmen
* Am 19. April 1993 in Waco, Texas.

DER SPIEGEL 33/1995
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