14.08.1995

PolenNach einem Gläschen

Präsident Walesa plagt sich nicht nur mit seinen Landeskindern, sondern auch mit drei Söhnen herum.
So richtig Fuß gefaßt hat der Präsident in seiner Hauptstadt nie. Jedes Wochenende flieht Lech Walesa aus seinem Warschauer Palast in einer Militärmaschine, die ihn zu Frau Danuta und den Töchtern in seine Heimatstadt Gdansk (Danzig) bringt. Die Familie wohnt nach wie vor in dem Haus Polankistraße 54, das Walesa 1988 von einem nach Amerika ausgewanderten deutschstämmigen Arztehepaar erworben hat.
Mit dem roten Blechdach, den lila Gardinen im kleinen Vorbau, den Putten und dem Wagenrad-Dekor am Gartenzaun wirkt das Anwesen bieder, nur Überwachungskameras und ein Schilderhaus deuten auf die Prominenz seiner Bewohner hin.
Auch sonst benimmt sich der ehemalige Solidarnosc-Führer wie ein normaler Danziger. Sonntags beugt er, meist in der nahen Stanislaw-Kostka-Kirche, brav bei der Frühmesse das Knie. Zuweilen läßt er sich in die Stadtmitte zur Brigitten-Kirche chauffieren; dort predigt sein ehemaliger Beichtvater Henryk Jankowski.
Gilt es etwas zu feiern, die Silberne Hochzeit mit Frau "Danka" im vorigen Jahr zum Beispiel, sucht Polens Präsident mitsamt Familie das Restaurant "Cristal" auf. Das plüschige Tanzlokal gehört seinem Freund Ryszard Kokoszka, der die streikenden Arbeiter der Danziger Werft 1980 mit Proviant versorgte. Ohne dessen Lieferungen hätte es womöglich in Polen und damit in ganz Osteuropa gar keine Wende gegeben.
Wenn die Mehrheit seines Volkes bei der derzeitigen Meinung über Walesa bleibt, wird die Polankistraße schon bald wieder ständiger Wohnsitz des Elektrikers a. D. sein: Seine Aussichten, im Herbst wiedergewählt zu werden, sind gering - Meinungsumfragen sehen den Präsidenten als Verlierer.
Bald also könnte sich der Friedensnobelpreisträger und Vater von acht Kindern zum erstenmal seit 25 Jahren ganz der Familie widmen. Dafür scheint es höchste Zeit.
Denn nur auf die vier Töchter können die Eltern richtig stolz sein. Die Älteste, Magdalena, 16, hatte sogar schon einen großen Auftritt als Balletteuse ("La Gitana") in der Warschauer Oper. Die Hauptstadtzeitung Rzeczpospolita bescheinigte ihr, sie habe Talent "zu einer sehr guten Tänzerin".
Von den Söhnen bereitet allenfalls der jüngste, Jaroslaw, 19, ungetrübte Freude. Er machte in diesem Jahr das Abitur und studiert jetzt in Amerika. Ansonsten: Problemfälle.
Die drei Ältesten bedürfen dringend der leitenden Hand des Vaters, der sich bei den Jungs mit Wohnungen und Autos von seinen pädagogischen Pflichten freigekauft hat, obwohl sein Gehalt mit knapp 5000 Mark (inklusive Zulagen) nicht üppig bemessen ist.
Sohn Przemyslaw, 21, muß womöglich schon im Oktober sein Haus im Danziger Stadtteil Chelm mit einer Zelle tauschen, falls die Richter des Woiwodschaftsgerichts nicht ein Urteil der unteren Instanz aufheben, die den Tunichtgut im Frühjahr zu zwei Jahren Haft verurteilte.
Przemyslaw, Zivilangestellter bei der Grenzschutzflotte, hatte im November 1993 mit seinem Golf Turbodiesel und 1,9 Promille im Blut zwei Autos gerammt, die an einer roten Ampel hielten. Ein Fahrer wurde verletzt, Polizisten erwischten den jungen Walesa, als er sich davonmachen wollte.
Nach seiner Festnahme spie und trat er um sich und drohte den Beamten in der Art mißratener Söhne mächtiger Männer: "Ihr werdet alle entlassen." So kam die Staatsanwaltschaft auf neun Anklagepunkte, darunter Widerstand gegen die Staatsgewalt, Beamtenbeleidigung und Sachbeschädigung.
Die Ausrede des Sohnes muß den tief katholischen Vater besonders erzürnt haben: Er habe die Fassung verloren, als Freundin Joanna ihm eröffnete, sie erwarte ein Kind von ihm. Immerhin hat er sie inzwischen geehelicht.
"Er ist erwachsen und selbst verantwortlich für seine Taten", so Walesa in väterlicher Nachsicht: "Welcher Fahrer ist denn nicht schon einmal nach einem Gläschen gefahren?"
Richter Marek Wojtala wertete zwar den Aufprall des Kopfes auf das Lenkrad großzügig als mildernden Umstand für Przemeks Benehmen nach dem Unfall, doch um eine Haftstrafe ohne Bewährung kam er nicht herum - zumal der Walesa-Sproß schon einmal trunken im Verkehr erwischt worden war, auf einem Fahrrad.
Walesas Zweitältester, Slawomir, hat gleichfalls Probleme, sein Fahrzeug derart durch Danzigs Straßen zu lenken, daß Mitmenschen dabei keinen Schaden nehmen. Vor zwei Jahren fuhr Slawomir, damals 20, mit seinem Daihatsu Charade die Kindergärtnerin Bozena Zawierta um: Bei Regen hatte er die Kontrolle über den Wagen verloren und war auf den Bürgersteig geschleudert. Das Gebietsgericht verurteilte ihn zu zwei Jahren Freiheitsstrafe mit vier Jahren Bewährung.
Das Unfallopfer muß seither an Krücken gehen und ist auf Invalidenrente angewiesen. Einmal nur ließ sich Slawomir, zusammen mit Mutter Danuta, bei der geschädigten Bozena Zawierta blicken. Danach schaute nur noch ein Leibwächter des Präsidenten mal nach dem Rechten.
Auch beruflich hatte dieser Walesa-Junior bislang kein Glück. Die Warschauer Militärakademie verließ er, weil ihn, wie die Wochenzeitung Polityka schrieb, das Niveau der Eliteschule "überforderte". Die Höhere Offiziersschule für Funker mußte er ebenfalls räumen, nachdem er wegen Trunkenheit und unerlaubten Entfernens von der Truppe zu 17 Tagen Arrest verurteilt worden war. Nun dient er in der sogenannten Weichsel-Einheit, einem Polizeiverband, der dem Innenministerium untersteht.
Bruder Bogdan schließlich, 25 und von Beruf Auswerter in der Danziger Residentur des Geheimdienstes, war in eine peinliche Affäre verstrickt: In Gdingen verlor er ausgerechnet in dem anrüchigen Etablissement "Bodega" sein Sparbuch.
Die Fundsache wurde der Wochenzeitschrift Nie zugespielt, die Jerzy Urban herausgibt, zur Zeit des Kriegsrechts Regierungssprecher. Der fragte, woher der Präsidentensohn wohl die 200 Millionen Zloty (rund 20 000 Mark) habe, die sein Sparbuch als Kontenstand auswies.
Mutter Danuta schiebt die Schwächen der drei Söhne ihrem Mann zu, und zwar einer Tugend, die er gegenüber politischen Gegnern gänzlich vermissen läßt: Er sei zu tolerant, gestand sie jüngst der Danziger Meereszeitung.
Auf den Nachwuchs angesprochen, zitiert Vater Walesa eine alte Volksweisheit, die auch eine deutsche ist: "Kleine Kinder, kleine Sorgen - große Kinder, große Sorgen." Y

DER SPIEGEL 33/1995
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