14.08.1995

MedienPop-art für Sozialdemokraten

Wenn das Abendland noch immer nicht untergegangen ist, dann kann das nur an jenen jungen Menschen liegen, die jeden Tag, vom frühen Morgen bis in die späte Nacht, im Kölner Vorort Ossendorf die Rettung der deutschen Sprache und Kultur betreiben.
Sie benehmen sich vorlaut und unverkrampft, die Wahrer deutschen Wesens. Sie tragen bunte Hemden und sitzen in bunten Kinderzimmern. Sie reden über Popmusik, und sie brauchen dafür selten mehr als hundert Wörter. Doch ihr Chef und Stichwortgeber ist davon überzeugt, daß seine Leute den "angloamerikanischen Kultur-Kolonialismus" schlagen, wo sie ihn nur treffen.
Die Mannschaft, das sind die großen, ahnungslosen Kinder Heike Makatsch, Stefan Raab und Nils Bokelberg, die auf den Frequenzen des Musiksenders Viva zwischen den Videoclips ein paar deutsche Sätze sagen dürfen. Der Boß und Stratege, der hinter ihnen steht, heißt Dieter Gorny, 41. Er kennt den Gegner, er weiß, wofür er kämpft. Gorny hat geschafft, was kaum einer ihm (oder sonst jemandem) zugetraut hätte: Er hat das Monopol von MTV gebrochen und neben dem amerikanischen Clip-Kanal den deutschen Sender Viva etabliert.
Er hat, noch keine zwei Jahre nach dem Start, den mächtigen Konkurrenten überholt: Viva findet mehr Zuschauer als MTV, und die Werbeeinnahmen übertreffen alle Erwartungen. Als Manager ist Gorny ein Gewinner. Doch der Mann will mehr. Er kommandiert nicht bloß einen Sender, er hat auch eine Sendung.
Denn was Gorny getan hat, das hat er nicht für sich getan, und wenn er morgens ins Büro kommt, arbeitet er nicht nur, um sein Gehalt wert zu sein und um jene großen Konzerne zu befriedigen, die Gesellschafter des Senders sind. Viva strahlt sein Programm nicht der Quote wegen aus. Viva sendet für den Wirtschaftsstandort Nordrhein-Westfalen, für den Kulturstandort Deutschland - unf für jenen höheren Wert, den Gorny mal Kunst nennt, mal Kultur und immer wieder Pop-art oder Popkultur.
Er trägt, seinem Job als Geschäftsführer angemessen, meist einen grauen Anzug, gestreiftes Hemd, dezente Krawatte. Doch seine blonden Haare reichen zu den Schultern, sein rundes Genießergesicht wird von einem Vollbart begrenzt. Und wie er im Gespräch diese Gegensätze zu versöhnen sucht, erklärt schon fast seine ganze Karriere.
Er hat Musik studiert, spielt Baß in einer Band, womit belegt sein sollte, daß er, im Grunde, auf der richtigen Seite steht. Er hat als Chef des "Rockbüros NRW" Subventionen besorgt und sich um den Pop des Rheinlands und Westfalens verdient gemacht.
Er hat die Kölner "PopKomm" gegründet, als Messe für die Branche und Treffpunkt für die Popfans aus Wirtschaft und Verwaltung. Er erklärte den Politikern, daß auch Popmusik eine Zukunftstechnologie sei und gewann einen Landesminister als Schirmherrn. Inzwischen ist die Pop-Komm (die am Donnerstag zum siebtenmal eröffnet wird) weltweit die größte Messe ihrer Art.
Und als er die Idee für Viva hatte (es gibt auch Leute, die sagen, er habe die Idee geklaut), da verkaufte er die Entdeckung eines Marktsegments als nationales Kultur- und Medienereignis. Den Politikern erklärte er, daß auch Pop eine Kunst sei, weshalb ein Sender, der "40 Prozent nationales Produkt" ausstrahle, für Deutschland ebenso wichtig sei wie Kunsthallen oder Opernhäuser. Seinen Gesellschaftern, den Konzernen EMI, Sony, Time Warner und Polygram sowie dem Hamburger Unternehmer Frank Otto, rechnete er vor, daß Deutschland der drittgrößte Musikmarkt der Welt sei, weshalb ein Sender wie dieser die besten kommerziellen Chancen habe.
Dem Publikum gab er, was das Publikum wollte: einen Musikkanal, der meistens Videos zeigt wie MTV; aber die Ansagen dazwischen sind deutsch, was den Bedürfnissen der Teenager entgegenkommt, weil die ihre Muttersprache eben besser als das Englische beherrschen.
So schlicht sei das Erfolgsgeheimnis nicht, sagt Gorny, und seine Argumente weisen ihn als geübten Gesprächspartner der Kulturpolitiker und Funktionäre aus: Pop reflektiere die Gesellschaft, in welcher er entstehe - deshalb hungere das deutsche Publikum nach deutschem Pop im Fernsehen, damit es seine Wirklichkeit auch auf dem Bildschirm wiederfinde.
Und ein Sender, der die einheimischen Bands nicht ignoriere, verschaffe vielen Musikern erst den Zugang zu einem Markt, der ihnen sonst verschlossen bliebe: MTV würde noch eher ein Pausenzeichen bringen als einen Clip der deutschen Gruppe Pur ("Ich lieb dich, egal wie das klingt").
So mischen sich die kulturellen mit den wirtschaftlichen Argumenten, so produziert Viva zugleich kulturelle Identität und Arbeitsplätze - vermutlich liegt darin schon einer der Gründe für Gornys Erfolg: Er schafft es, den Pop ganz radikal auf seinen Tauschwert zu reduzieren - was den einen Geld bringt, gibt den anderen Prestige. Wenn einer entgegnet, daß Pop in seinem Wesen maßlos und verschwenderisch sei und sich solchen Verwertungen widersetze, reagiert Gorny gereizt: "Das sind doch alte Klischees."
Die Rockmusik sei einfach die Musik der Gegenwart, so wie einst Haydn oder Mozart für ihre Zeitgenossen und nicht etwa für die Ewigkeit komponierten - und die "Stigmatisierung der Popmusik" gelte es an allen Fronten zu bekämpfen: Hat nicht Andy Warhol mit Velvet Underground gearbeitet und ein Cover für die Rolling Stones entworfen? Woran liegt es dann, daß seine Siebdrucke als Kunst durchgehen, nicht aber seine Plattenhüllen? Warum wird Pop entweder als purer Kommerz oder als Proletenlärm verdammt, wo doch Gorny statistisch belegen kann, daß der durchschnittliche deutsche Rockmusiker sein Abitur bestanden habe?
Die Türen, die Gorny da einrennt, stehen sperrangelweit offen, seit mindestens 20 Jahren. Diesen Umstand souverän zu ignorieren ist vielleicht auch ein Talent, das einer braucht, wenn er es mit Pop zu etwas bringen will im sozialdemokratisch regierten Nordrhein-Westfalen.
Denn der Pop und die Sozialdemokratie, das sind zwei Konzepte, die einander eigentlich kategorisch widersprechen. Pop ist elitär und rebellisch, Sozialdemokraten sind egalitär und konservativ. Pop feiert den Außenseiter und will die Wirklichkeit am liebsten abschaffen und sie durch eine neue, schönere ersetzen. Sozialdemokraten fürchten den Umsturz und wollen deshalb das Vorhandene möglichst gleich und gerecht verteilen. Und wenn Rudolf Scharping, nach seinen Lieblingsmusikern befragt, Wolfgang Niedecken und Herbert Grönemeyer nennt, dann geht es dabei nicht nur um eine Frage des Geschmacks: Niedecken und Grönemeyer, das ist Rock'n'Roll nach dem Sozialstaatsprinzip; Pop, der sich nach Chancengleichheit sehnt - der kleinste gemeinsame Nenner, der nach der gerechten Umverteilung von Talent und Genie noch übrigbliebe.
Im Umverteilen liegt auch Gornys größtes Verdienst - er bringt, auf der PopKomm und bei seinen vielen Gesprächen, den Pop zur Wirtschaft, das Geld zur Musik, die Politik zu beiden. Dann animiert er alle dazu, daß jeder sich vom anderen nehme, was er braucht. Und die Wirtschaft borgt sich Jugend, die Politik schmückt sich mit kultureller Kompetenz, und die Musiker dürfen sich als Künstler, als Staatsbürger und als Wirtschaftsfaktoren anerkannt fühlen.
Verloren geht dabei, was sich nicht umverteilen läßt; vergessen wird, was nicht verwertet werden kann - und wenn Gorny darauf hinweist, mit welcher Vehemenz er immer wieder den Pop, diese industrielle und kommerzielle Musik, zur seriösen Kunstgattung erklärt, dann tut er damit sicher etwas Gutes. Aber nicht dem Pop. Und erst recht nicht der Kunst.
Jeder Rennwagen sei schöner als die Statue der Nike von Samothrake, höhnte im Jahr 1909 der Futurist Filippo Tommaso Marinetti - was nicht nur eine Provokation für die gebildeten Stände war, sondern auch ein Hinweis darauf, daß im 20. Jahrhundert das Verhältnis von Kunst und Industrie neu definiert werden mußte.
Manches Stück der Stone Temple Pilots sei schöner als vieles, was Georg Philipp Telemann komponiert habe, sagt knapp 90 Jahre später Dieter Gorny - und scheint nicht zu bemerken, daß er damit keine Provokation formuliert, sondern bloß ein Alibi liefert: Ein Gespräch über Autos fällt heute ohnehin allen leichter als eine Diskussion über griechische Plastik.
Und wenn nun einer den Politikern und Funktionären versichert, daß sie ihren Kunstsinn schon beweisen könnten, indem sie das Konzert eines gemäßigten Popstars besuchen, Phil Collins vielleicht oder Bap, dann liefert er ihnen zugleich die Entschuldigung dafür, daß sie sich vor der intellektuellen Herausforderung durch schwierige Inszenierungen oder komplizierte Bücher genauso drücken wie vor den Zumutungen durch laute, schamlose Popmusik.
Herbert Grönemeyer jedenfalls ist einfacher zu verstehen (und leichter zu vergessen) als etwa Peter Stein; Wolfgang Niedecken tut nicht so weh wie die 150 Beats per Minute des Techno-DJs Sven Väth - und wenn sich einer trotzdem davor fürchtet, daß ihn auf einem Konzert, wenn schon nicht der künstlerische Schock, so doch eine Bierdose treffen könnte, dann bleibt er eben zu Hause, schaltet Viva an und tapeziert die intellektuelle Leere mit bunten Bildern und netten Geräuschen.
Nichts anderes tut auch Gorny, dem man Verrat an einer guten Sache oder den Verkauf seiner Ideale nicht ernsthaft vorwerfen kann. Für jene allgemeine Indifferenz, welcher der Unterschied zwischen Stefan Raab und Andy Warhol so gleich ist wie der zwischen Beavis und Butt-head, darf man Gorny nicht verantwortlich machen. Der Mann macht nur mehr daraus: Früher als andere hat er entdeckt, daß man die Leere immer auch als Marktlücke deuten muß. Y
Von Claudius Seidl

DER SPIEGEL 33/1995
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