14.08.1995

Schwimmen„Wir brauchen die Vorbilder aus Europa“

Schubert, 46, ist Cheftrainer der erfolgreichsten amerikanischen College-Mannschaft der University of Southern California (USC) in Los Angeles. Als Nachfolger von Peter Daland, in den siebziger Jahren eine Art Sepp Herberger des US-Schwimmens, baute Schubert das USC-Team mit Weltmeisterin und Olympiasiegerin Janet Evans an der Spitze zu einem Leistungszentrum aus.
SPIEGEL: Herr Schubert, Sie haben sich als Beobachter der nächste Woche in Wien beginnenden Europameisterschaften angekündigt. Warum sieht sich ein so erfolgreicher Coach diese im Vergleich zum Weltniveau eher mittelmäßigen Meisterschaften an?
Schubert: In diesem Jahr werden die Wettkämpfe besser, Europa hat mit Amerika und Australien gleichgezogen. Deshalb bin ich in Wien auf der Suche nach drei, vier Talenten für mein Team.
SPIEGEL: Daß amerikanische Trainer ihre Stars in Europa anwerben müssen, ist neu. Früher boten sich Europas Schwimmer von selbst in den USA an.
Schubert: Unsere Attraktivität hat nachgelassen. An vielen Orten wird antiquiert trainiert; dort werden immer noch mit gewisser Brutalität hohe Kilometerzahlen angestrebt, obwohl sich das als wenig effektiv herausgestellt hat. Methodisch haben wir nichts Neues zu bieten, da müssen wir sogar von Europa lernen.
SPIEGEL: Was können Sie offerieren?
Schubert: Sportlich nichts, was die Athleten nicht auch in ihrer Heimat hätten. Was wir anbieten können, ist eine Universitätsausbildung und die Erfahrung eines Auslandsaufenthalts.
SPIEGEL: Was versprechen Sie sich von den europäischen Schwimmern?
Schubert: Sie heben das Niveau in der Trainingsgruppe, leben meinen einheimischen Athleten hohe Disziplin und Professionalität vor. Als ich Jens-Peter Berndt aus der früheren DDR hier in Los Angeles hatte, schauten meine Schwimmer staunend zu, mit welcher Ernsthaftigkeit er sich selbst vor dem Training auflockerte. Solche Vorbilder brauchen wir mehr.
SPIEGEL: Von Europa zu lernen hatten die USA bislang nicht nötig. Gehen Ihnen die Talente aus?
Schubert: Schwimmen ist in den USA, besonders hier in Kalifornien, immer noch beliebt - aber eben nur als Familien- und Freizeitsport. Im Leistungsbereich nehmen uns die Profisportarten seit Jahren die Talente weg. Außerdem fehlt ein erfolgversprechendes Fördersystem.
SPIEGEL: Die Heimat von Johnny Weissmuller und Mark Spitz ist schwimmsportliches Ödland geworden?
Schubert: So schlimm ist es noch nicht, wir sind ja lernwillig. So haben wir zum Beispiel gerade eine zwölfköpfige Trainingsgruppe in Colorado Springs zusammengezogen, die nach Art der deutschen Stützpunkte an einem Ort lebt, arbeitet und trainiert. Bisher war es bei uns so, daß Schwimmer, die mit 20 oder 22 Jahren das College verließen, kaum noch Möglichkeiten hatten zu trainieren.
SPIEGEL: Befürchten Sie im nächsten Jahr bei den Olympischen Spielen in Atlanta ein Debakel im eigenen Land?
Schubert: Zumindest dominieren wir Amerikaner den Schwimmsport nicht mehr. Die chinesischen Frauen sind zu stark - auch wenn die Legalität ihrer Rekorde wohl angezweifelt werden kann.
SPIEGEL: Schwimmen ist inzwischen weltweit die Dopingsportart Nummer eins . . .
Schubert: Leider ist das so. Tatsächlich gibt es viele schwarze Schafe und einige Länder, in denen man flächendeckendes Doping vermuten darf.
SPIEGEL: Die USA - in der Leichtathletik auch im Zwielicht - gehören nicht dazu?
Schubert: Ich bin sicher, daß im amerikanischen Schwimmen nicht gepfuscht wird. Schwimmen hat in unserer Gesellschaft ein sauberes, reines Image, dazu paßt Doping nicht. Es gibt für unsere Schwimmer keinen Dopinggrund.
SPIEGEL: Ein WM-Titel, ganz zu schweigen von einer olympischen Goldmedaille, läßt sich gut vermarkten.
Schubert: Geld spielt für unsere Athleten keine Rolle. In Amerika kommen die Schwimmer fast ausnahmslos aus reichen Familien, die einen Pool im Garten haben. Der Vater unseres neuen Sprintstars, Gary Hall, hat ein Verfahren entwickelt, das Sehbehinderungen so korrigiert, daß die Brillen weggeschmissen werden können. Da braucht der Sohn keinen Cent durchs Schwimmen zu verdienen.
SPIEGEL: Viele nehmen die Pillen ja nur, weil sie berühmt werden wollen.
Schubert: Nicht in den USA. Wer kennt hier schon Schwimmer?
"Ich bin sicher, daß im US-Schwimmen nicht gepfuscht wird"

DER SPIEGEL 33/1995
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