07.08.1995

GerichtsbarkeitZurück zu Trudchen

Schön war's im Knast. Früh um sechs, so wie es Stasi-General Erich Mielke seit jeher schätzt, ertönte das Wecksignal. Beim Mittagessen konnte der mittlerweile leicht instabile Greis zwischen drei seniorengerechten Mahlzeiten wählen - Diät, vegetarisch oder Vollwertkost. Auch für Unterhaltung war gesorgt: Die Rundfunkgebühren für den Zellenfernseher hatte ein "Solidaritätskomitee" treuer Anhänger übernommen. Im Besuchsraum saßen regelmäßig ehemalige Kameraden, um, militärisch korrekt, Meldung über altersbedingte Abgänge aus den eigenen Reihen zu erstatten. Zusätzlich "kümmerten sich zwei nette Sozialarbeiterinnen ganz rührend um den alten Mann", so jedenfalls hat es Anwalt Hubert Dreyling in Erinnerung.
Aus und vorbei. Am Dienstag vergangener Woche mußte der bestgehaßte Mann der DDR auf der Rückbank eines Krankenwagens Platz nehmen, der ihn in eiliger Fahrt aus dem Staatssicherheitsbereich Moabit über grüngeschaltete Ampeln durchs abendliche Berlin karrte. Zielort streng geheim.
Überraschend hatte das Berliner Landgericht die vorzeitige Haftentlassung des wegen Polizistenmordes zu sechs Jahren Verurteilten verfügt. Milde gestimmt waren die Richter durch die "positive Sozialprognose" des Gefangenen. Eine Rückfallgefahr des Häftlings sei auszuschließen - Mielke stehe schließlich im 88. Lebensjahr, und die DDR ist futsch. Auf die Zuordnung eines Bewährungshelfers wurde ausnahmsweise verzichtet.
Nach 1904 Tagen Haft ist Stasi-Chef Erich Mielke nun auf der Flucht - vor vermeintlich rachsüchtigen Opfern, vor allem aber vor Journalisten, die ihren Lesern den Mann mit dem Lederhut noch einmal in Wort und Bild nahebringen wollen. Während sich der Gesuchte zunächst versteckt hielt, lief sich die Hauptstadtpresse schon mal mit Spekulationen über die künftige Bleibe warm. "Ab nach Korea?" mutmaßte die BZ, um anschließend den Flüchtigen wohlumsorgt in einem tschechischen Sanatorium zu orten. Andere wähnten den Kommunisten bereits unter spanischer Sonne.
Die Wirklichkeit ist eher trüb. Sein neues Zuhause mißt 64,24 Quadratmeter im Ost-Berliner Plattenbau bei Ehefrau Gertrud, 85. Vor dem Haus warten die Kamerateams. Um die Ecke steht der Personenschutz. Angesichts solcher Aussichten befallen den Anwalt Dreyling doch Zweifel, ob die Umsiedlung in die Zweiraumwohnung "zu Trudchen" nicht eher einer Strafverschärfung denn einem Straferlaß gleichkommt. Schließlich habe sich sein Mandant in Moabit "ja ganz wohl gefühlt".
Auch Erich Mielke scheinen arge Befürchtungen geplagt zu haben. Ob er denn weiterhin seine Lieblingssendung sehen könne, begehrte er vor der Entlassung zu wissen - das "Glücksrad".

DER SPIEGEL 32/1995
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