07.08.1995

„Mary, kill diese Hure“

Kinobesuche waren verboten. Freundinnen hatten nach einer Stunde zu verschwinden. Und die Schule mußte Mary Pierce auf Anordnung ihres Vaters in der sechsten Klasse abbrechen.
Ein Kinderleben wurde einer Idee geopfert, der Idee einer großen Tenniskarriere: Das Training dauerte nicht selten bis Mitternacht, für ein verlorenes Übungsspiel erteilte der Papa eine schallende Ohrfeige.
Am schlimmsten gebärdete sich Jim Pierce jedoch bei Turnieren seiner Tochter. Er pöbelte von der Tribüne, prügelte sich mit Zuschauern und grölte beim Match über den Court: "Mary, kill diese Hure."
Bei den French Open 1993 rastete Pierce derart aus, daß er von neun Sicherheitskräften aus dem Stadion geworfen wurde. Seitdem hat ihn die Familie verstoßen. Er wollte es nicht wahrhaben, lauerte ihr in Italien auf und schlug den eigens engagierten Leibwächter der Tochter krankenhausreif - daraufhin hat ihm ein US-Gericht jede Annäherung an Tochter, Sohn und Ehefrau untersagt.
Jim Pierce ist Geschichte. Doch Väter, die ihre Töchter - allen Jugendschutzgesetzen zum Hohn - zu Ballmaschinen trimmen, tauchen immer wieder neu auf. Nur selten gelingt es den Gepeinigten, sich wie Mary Pierce rechtzeitig abzunabeln.
Jennifer Capriati ist drei Jahre alt, als ihr Vater sie auf den Tennisplatz führt. "Jenny-Baby" trägt noch Zahnspange, da hat Vater Stefano Capriati bereits Werbeverträge über fünf Millionen Dollar abgeschlossen. "Wenn der Apfel reif ist, iß ihn", sagt er und erwirkt eine Sondergenehmigung: Die Tochter, 13, wird der jüngste Tennisprofi aller Zeiten.
Das All-American-Girl gewinnt in Barcelona olympisches Gold, verdient bis 1993 rund 20 Millionen Dollar. Doch nach einer frühen Niederlage bei den U.S. Open läuft Jennifer dem Tennisleben davon, bohrt sich einen Ring durch die Nase. Im Frühjahr 1994 wird sie beim Ladendiebstahl erwischt, wenig später wegen Marihuana-Besitzes verhaftet. Sie macht eine Drogentherapie, sie versucht, vom Vater gedrängt, ein Comeback - und fällt wieder in Depression. "Ich hatte nie das Gefühl, daß sie Tennis wirklich liebt", sagt ihr Ex-Trainer Tom Gullikson.
Konflikte und Brüche entstehen meist da, wo die Tenniskarriere der Tochter die Eltern aus dem sozialen Abseits befördern soll: Stefano Capriati, ein Einwanderer aus Brindisi, schlug sich als Stuntman durch, ehe die Tochter den Unterhalt einspielte. Jim Pierce wurde 1954 unehrenhaft aus der Armee entlassen, ging 1960 nach einem bewaffneten Raubüberfall für vier Jahre ins Gefängnis. Und auch Roland Jaeger, ein deutscher Einwanderer, hatte als Boxer, Maurer und Barkeeper in den USA wenig Fortune. "Er wollte, daß ich ein besseres Leben habe als er", sagt Andrea Jaeger. Mit 14 Jahren feiert sie ihren ersten Profi-Turniersieg. Auf ein Lob des Vaters wartet sie vergebens. "Jeder braucht einen, der ihm in den Hintern tritt", rechtfertigt er seine Härte. "Er tut es aus Liebe zu mir", redet sie sich ein. "Eine Flasche 70er Chateau Lafite", erzählt er stolz, habe er gelagert. Er werde sie öffnen beim ersten Grand-Slam-Sieg der Tochter. Im Wimbledon-Finale 1983 unterliegt sie Martina Navratilova. Roland Jaeger tobt, ein Jahr später, mit 19, beendet Andrea, physisch und psychisch ausgebrannt, die Laufbahn.
Auch der jüngste programmierte Tennisstar dient den Eltern als Vehikel auf dem Weg nach oben. Venus Williams wuchs auf in einem Schwarzen-Ghetto in Los Angeles. Die beiden Tennisplätze, auf denen sie als Vierjährige vom Vater die ersten Lektionen bekam, liegen direkt an der Drogenmeile. Als sie zehn war, standen daheim die Manager der großen Vermarktungsagenturen Schlange.
Für Vater Richard Williams läuft alles nach Plan ("Mit 16 wird sie in die Top ten aufsteigen, mit 18 ihr erstes Grand-Slam-Turnier gewinnen"), die Familie ist längst nach Pampano Beach, Florida, gezogen.
Nach Delray Beach sind es nur 20 Autominuten. Dort bastelt Jim Pierce gelegentlich an seiner alten Limousine. Tochter Mary zahlt seine Miete und schickt jede Woche 500 Dollar: "Schließlich ist er mein Daddy."

DER SPIEGEL 32/1995
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