07.08.1995

Multimedia„Die Potenz verdoppelt sich“

Die Medienwelt im Umbruch: Mit der spektakulären Milliardenübernahme der US-Fernsehkette ABC stieg der Walt-Disney-Konzern zur Nummer eins auf, vorbei an Time Warner und Bertelsmann. Dadurch wächst der Zwang zur Konzentration, die Zukunft gehört jenen Medienmultis, die alles können: produzieren, senden, vermarkten.
Die Gewinner im Saal, die Finanzsoldaten und Börsenyuppies aus Kalifornien, sind leicht auszumachen: Sie grüßen einander mit dem Victory-Zeichen.
Endlich marschieren die Feldherren der Finanzschlacht ein. Aus der Riege millionenschwerer dunkler Zweireiher, die im Studio "20/20" des Fernsehsenders ABC auf dem Podium Platz nimmt, sticht ein mutiges Grau hervor, mit einer Krawatte, die einer nur tragen kann, wenn er farbenblind oder verwegen ist. Sie gehört Michael Eisner, dem Chef des Disney-Konzerns. Der genießt den "Höhepunkt meiner Karriere".
Mit 24 hat er bei ABC in der Kinderredaktion begonnen und das Samstagvormittagsprogramm aufgemöbelt. Jetzt hat er den Sender gekauft - und sofort angeordnet, samstags morgens Disney-Filme für die Jugendlichen abzuspielen.
Das zweitgrößte Take-over der amerikanischen Wirtschaftsgeschichte ist das Meisterstück des Sonnyboys Eisner. 1994 kassierte er über zehn Millionen Dollar Gehalt, inklusive Optionen auf Disney-Aktien.
Lässig, die Hand in die Hosentasche gestemmt, erzählt Eisner, wie der Deal angeblich zustande kam: Auf einem Golfplatz in Sun Valley hat er Warren Buffett, den Großaktionär von ABC, gefragt, ob sein Sender zum Verkauf stehe. "Warum nicht", antwortete der.
Was wohl Tom Murphy, der ABC-Präsident, davon halte, wollte Eisner wissen. "Warum fragst du ihn nicht selber, ich bringe dich zu ihm", erwiderte Buffett. Auch Murphy nämlich spielte Golf an jenem Tag in Sun Valley.
Das gemeinsame Putten der Manager, die schon vor drei Jahren über eine Fusion redeten, hatte der einflußreiche New Yorker Medienbroker Herbert A. Allen arrangiert (siehe Kasten Seite 68).
Das Resultat der Party in den Bergen von Idaho: der Aufstieg des Disney-Konzerns, mit nunmehr 27 Milliarden Mark Jahresumsatz, an die Weltspitze der Medienhäuser.
Der Mega-Deal verändert die TV-Landschaft und provoziert neue Fusionen. Das sei ein "gewaltiger Happen", urteilt Georg Kofler, Chef des Münchner Senders Pro Sieben. Was Disneys Eisner bezahlt, ist soviel, wie alle deutschen Privatsender bis zum Jahr 2000 schätzungsweise einnehmen.
Die Koppelung der beiden "stärksten Entertainment-Sender der Welt", wie Eisner erklärt, sei wie eine magische Gleichung: "Eins plus eins macht vier." Der Disney-Mann baut darauf, daß sich die unterschiedlichen Produkte der Partner trefflich ergänzen.
Mit Erfolgsfilmen wie "Pretty Woman", Zeichentrick-Hits wie "König der Löwen" und etlichen TV-Serien etablierte sich Disney als führender Produzent in Hollywood. Von den zehn bestverkauften Videos aller Zeiten stammen sieben aus den Disney-Studios. Erlebnisparks, weltweit über 350 Disney-Läden und bald auch eigene Kreuzfahrtschiffe künden von Eisners Vision eines grenzenlosen Fantasialands.
Seine Programmschätze, etwa für ein wöchentliches "Magical World of Disney", darf nun ABC unter die Leute bringen. Immerhin besitzt das Unternehmen acht Sender und beliefert 225 TV-Stationen in den USA; hinzu kommen Ableger wie der Sportkanal ESPN, der Kultursender Arts & Entertainment sowie der Frauensender Lifetime. In Deutschland ist ABC an der Filmhandelsfirma Tele München, am Sender RTL 2 sowie am zukünftigen Frauenfernsehen TM3 beteiligt.
Über das verzweigte Kanalsystem der Disney-Company, zu der auch die deutsche Filiale Super RTL gehört, sollen die braven Familienprogramme des Mickymaus-Konzerns in die Wohnstuben gelangen. Sex und Gewalt sind ausgespart. "Wofür Amerika steht, dafür steht auch Disney", deklamiert Eisner.
"Die Maus brüllte", urteilt die Financial Times über den Vorstoß zur Weltspitze. Das sei ein "gigantisches Unternehmen", konzediert auch TV-Manager Ewald Walgenbach vom Gütersloher Medienriesen Bertelsmann. Die Deutschen sind im Krieg der Konzerne auf den dritten Platz abgerutscht.
Seit Monaten formieren sich weltweit die Unterhaltungskonzerne in neuen Bündnissen, um die anstehenden Umwälzungen des Mediengewerbes zu meistern. Verbesserte Übertragungstechniken über Satelliten und Kabelsysteme ermöglichen es, künftig Hunderte von TV-Programmen in die Haushalte zu jagen - jederzeit, überall.
Dienstleistungen wie Filme auf Abruf, Tele-Banking oder Computerspiele auf Knopfdruck sollen Fernseher, Computer und Telefon zusammenführen. Die Branche träumt vom Multimedia.
Für diese Vorhaben brauchen die Beteiligten Masse. Einen "klaren Trend zu Größenvorteilen und mehr Marktmacht" _(* Showvorführung zur Eröffnung im ) _(Mai 1989. )
sieht Medienökonom Thomas Kirsch vom Hamburger Hans-Bredow-Institut.
Die Unternehmen wollen, erklärt Runar Woldt vom Europäischen Medieninstitut in Düsseldorf, die "verschiedenen Stufen einer Auswertung von Programmen in die Hand bekommen". Deshalb befindet der Medienexperte Timothy Pettee vom Investment-Konzern Alliance Capital Management flapsig, "eine Studiofirma, die sich nicht mit einem Fernsehnetz verbündet hat, müßte verhauen werden".
Die Aussicht auf fette Milliarden-Märkte stimuliert die Medienpolitiker in vielen Ländern, die rigiden Rundfunkgesetze zu lockern - und so heizen sie die Medienkonzentration erst richtig an.
In den USA beispielsweise wird die alte Bestimmung, wonach Filmstudios und Fernsehketten streng getrennt bleiben müßten, im Herbst aufgehoben. Dadurch sind schon jetzt Medienfirmen als Kaufobjekte populär.
Im Frühjahr erst kaufte der kanadische Spirituosen-Konzern Seagram 80 Prozent der Unterhaltungsfirma MCA vom japanischen Elektronikriesen Matsushita. Preis: rund sechs Milliarden Dollar.
Nur einen Tag nachdem Eisner bei ABC zugelangt hatte, avisierte der Mischkonzern Westinghouse, der durch Turbinen und Kühlschränke bekannt geworden ist, die Akquisition des Fernsehsenders CBS für 5,4 Milliarden Dollar.
Börsianer an der Wall Street spekulieren bereits, CBS werde entweder an den Nachrichten-Mogul Ted Turner (CNN), den branchenfremden Konzern Seagram oder den Großbetrieb Viacom (MTV, Paramount) weitergereicht. Auch rund um NBC zirkulieren die Gerüchte - mal ist die Tochter des Konzerns General Electric als Aufkäufer, mal als Übernahmeopfer im Gespräch.
Im entfesselten Kampf der Mediengrößen wechselt die Besetzung der Sieger- und Verliererrollen ständig. "Fernsehen ist eine heiße Ware", bilanziert die International Herald Tribune.
Das begeistert Ökonomen und entsetzt Kulturkritiker. Die Zukunft gehöre den "großen, vertikal integrierten Medienkonzernen", jubelt ein Wirtschaftskommentator der Frankfurter Allgemeinen (FAZ). Einen Vormarsch "gesichtsloser Großkonzerne" fürchten dagegen die Kollegen vom FAZ-Feuilleton.
Eine Handvoll amerikanischer Konzerne und Medienunternehmer schickt sich an, im Rennen um das globale Fernsehen Ernst zu machen. Im großen Stil exportieren sie Bilderwelten, die auch in unterschiedlichen Kulturen - von Asien bis Südamerika - ankommen und sich damit als Werbeplattform für Produkte wie Coca-Cola oder McDonald''s eignen.
Bei dieser Offensive stehen, neben Disney, ganz vorn: *___der Medientycoon Rupert Murdoch mit Serien ____("Beverly Hills 90210", "Simpsons") und Nachrichten ____(Sky) seiner News Corporation, zu der Twentieth Century ____Fox und zahlreiche Sender gehören; *___der Selfmademan Ted Turner mit seinem Newskanal ____CNN; *___der Viacom-Chef Sumner Redstone mit Musikkanälen ____(MTV, VH-1) und Kinderprogrammen (Nickelodeon); *___der Konzern Time Warner mit zahlreichen Spielfilm- ____und Musikkanälen (Home Box Office, Viva, Channel V).
Gegen diese Großmächte können die meisten deutschen Medienfirmen nicht ansenden. Bis hin zum letzten Verbraucher wollen die Giganten der Branche alles in einer Hand besitzen: Kino, Fernsehen, Video. Das internationale TV-Geschäft ist so kapitalintensiv geworden, da kann kein Mittelständler mehr mithalten.
Selbst für Bertelsmann oder den Münchner Fernsehgrossisten Leo Kirch ist das globale TV-Business schweres Terrain. Die acht Milliarden Mark, die Bertelsmann-Chef Mark Wössner im Höchstfall für Finanzierungen aufbringen kann, reichen nicht für eine Großakquisition in Hollywood.
Eine größere Investition für ein dringend benötigtes Filmstudio aber blockt Firmeneigentümer Reinhard Mohn, 74, aus Sorge um den Verlust der vollen Eigenständigkeit des Unternehmens. Von Geldinstituten will Mohn nicht abhängig werden.
Die neuen US-Konglomerate haben weniger Hemmungen, Schulden zu machen. Das seien "audiovisuelle Kernkraftwerke", meint der deutsche Fernsehchef Kofler, selbst Kirchs Unternehmen stelle dagegen nur ein "mittleres Kohlekraftwerk" dar.
Auch im deutschen Fernsehwesen sind die Schockwellen nach Disneys Attacke spürbar. Mit einem Schlag ist Eisner hierzulande die viertstärkste Kraft.
Der Münchner Herbert Kloiber, seit langem deutscher Partner von ABC und damit seit einigen Tagen auch mit Disney liiert, jettete vergangene Woche schnell nach New York. Dort ließ er sich von Disney-Chef Eisner persönlich versichern, daß sich an den Geschäften des Kanals RTL 2, an dem Disney jetzt mittelbar 16,6 Prozent hält, nichts ändert.
Es sei "sehr angenehm", lobt Kloiber, statt einen der größten nun den größten Medienkonzern der Welt zum Partner zu haben: "Die Potenz verdoppelt sich."
Diese Ansicht teilt auch die Fernsehgesellschaft Compagnie Luxembourgeoise de Telediffusion (CLT), die mit Disney einen Exklusivvertrag für die Verwertung von Filmen hat und zudem den Kölner Sender Super RTL betreibt.
Über die größere Wucht des Partners Disney bringt Hauptgesellschafter CLT auch beim deutschen TV-Marktführer RTL wieder mehr Gewicht ein. Erst kürzlich hatten dort Bertelsmann und die Essener WAZ-Gruppe ihre RTL-Anteile in einer Holding zusammengelegt und so die CLT-Vorherrschaft in ein Patt umgewandelt.
In den USA sieht sich Bertelsmann auf einmal in der Lage, über seine Produktions-Allianz mit ABC ausgerechnet mit dem Rivalen Disney verbandelt zu sein. Dafür wiederum könnten die Deutschen bei der Hollywood-Firma Dreamworks von Starregisseur Steven Spielberg, Musikmogul David Geffen und Ex-Disney-Manager Jeffrey Katzenberg zum Nutznießer des Disney-Mergers werden.
Der Vertrag von Dreamworks mit ABC ist kaum mehr zu halten. Fernsehmanager Katzenberg, bis zum vorigen Sommer Disneys Filmstudiochef, hat seinen Abgang aus dem Mickymaus-Reich noch nicht überwunden. Mit Eisner will er nichts mehr zu tun haben.
Damals versagte der Konzernchef dem ehrgeizigen Manager seinen Wunsch, den verunglückten Präsidenten Frank Wells zu ersetzen und zweiter Mann im Konzern zu werden.
Noch vor Katzenbergs Ausscheiden manövrierte Eisner, der sich einer schweren Herzoperation hatte unterziehen müssen, das Unternehmen in die Krise. Sein Lieblingskind, Disneyland Paris, produzierte statt Spaß zunächst ungewohnte Milliarden-Verluste.
Mehr als ein Dutzend seiner Top-Manager desertierten. Und Umweltschützer brachten nach monatelangem Gezerre auch noch seinen Plan zu Fall, einen historischen Vergnügungspark im US-Bundesstaat Virginia zu bauen.
Trotz der Widrigkeiten entschloß sich Eisner jetzt zum Durchmarsch. Allein ging er den Weg zum Medienprimus, der nun auch noch das Rockefeller-Center in New York ergattern will.
Dabei hatte der Disney-Oberste noch im Herbst 1993 die Übernahmeschlachten der Medienriesen als "Wahnsinn" bezeichnet und sich über die Kaufgelüste der Kollegen amüsiert: "Je größer der Junge, desto größer das Spielzeug."
"Fernsehen ist eine heiße Ware"
Eisners einsamer Weg zum Medienprimus
[Grafiktext]
Die größten Medienkonzerne der Welt
Umsätze 1994 im Medienbereich
[GrafiktextEnde]
* Showvorführung zur Eröffnung im Mai 1989.

DER SPIEGEL 32/1995
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