15.04.2013

PROTESTEDie nackten Kanonen

Aktivistinnen der ukrainischen Gruppe Femen demonstrieren mit blanken Brüsten gegen das Patriarchiat. Nun wollen sie auch in Deutschland durchstarten.
Wladimir Putin könnte jetzt tot sein. "Wir hätten ihn auch erschießen können", sagt Klara Martens. Am Eingang zur Messe in Hannover habe niemand sie und ihre Freundinnen nach Schusswaffen durchsucht. Martens glaubt, sie hätten locker eine Knarre reinschmuggeln und damit auf Putin zielen können. Aber das hatten die Frauen natürlich nicht vor. Als Waffe genügten ihre nackten Brüste.
Anfang vergangener Woche rauschten diese Bilder um die Welt: Die Kanzlerin führt Putin im Tross über die Messe, fünf halbnackte Frauen stürmen kreischend auf die Gruppe zu; die Kanzlerin guckt erschrocken, ihre Leute gucken erschrocken, Putin grinst und reckt beide Daumen hoch.
Es war die bislang spektakulärste Aktion von Femen auf deutschem Boden, und es wird nicht die letzte gewesen sein. Was vor fünf Jahren mit inszenierten Nacktprotesten in der Ukraine begann, soll sich nun auch in Deutschland etablieren. Die Femen-Mitgründerin Alexandra Schewtschenko ist extra angereist, um die deutschen Aktivistinnen anzulernen, seit ein paar Wochen wohnt sie bei Klara Martens in Berlin. Die Frage ist, ob die Methode Femen auch in Deutschland funktioniert.
Zwei Tage nach der Aktion gegen Putin sitzt Martens, 22, in einem Café in Berlin-Mitte. Sie kommt direkt aus der Uni, Martens studiert an der Technischen Universität, fünftes Semester Ingenieurwesen. Als Tochter einer ostdeutschen Mutter wuchs sie mit dem Ideal der berufstätigen Frau auf. Martens sagt, sie sei schon immer ein politischer Mensch gewesen. Ehrgeizig ist sie auch. "Angela Merkel hat mir meinen Traum genommen", sagt sie. "Eigentlich wollte ich die erste Bundeskanzlerin werden."
Was macht eine junge, schöne Frau, die sich politisch engagieren möchte, in Deutschland? Martens trat zunächst einer Partei bei. Seit einigen Jahren ist sie Mitglied der Grünen, aber es ging dort nicht wirklich voran. Parteiarbeit sei einfach langwierig, sagt Martens. "Es dauert ewig, bis man da eine Position erreicht hat, auf der man etwas bewegen kann."
Im Frühjahr 2012 wird sie auf die Aktionen von Femen aufmerksam. Vor der Fußball-Europameisterschaft protestieren ein paar junge Ukrainerinnen mit bloßen Brüsten gegen das knöcherne Frauenbild ihres Landes, gegen patriarchale Strukturen, gegen Zwangsprostitution. Sie schreiben Botschaften auf ihren Leib. Nackter Krieg. Nacktheit ist Freiheit. Ich bin eine Frau und kein Objekt. Der nackte Frauenkörper soll nicht länger Lustware sein,
sondern eine Waffe im Kampf um die Deutungsmacht.
Martens gefällt der revolutionäre Geist, den die Bilder ausstrahlen. Und sie glaubt an deren Kraft. Um heute politisch etwas zu bewegen, brauche man ein Medienecho, sagt Martens, und das bekomme man nur mit nackten Brüsten.
Über Facebook knüpft sie Kontakt zu den Ukrainerinnen, eine deutsche Gruppe formiert sich, etwa 20 Aktivistinnen gibt es inzwischen in Deutschland. Die Ukrainerinnen bringen ihnen Femens Strategien bei. Wie man richtig laut schreit. Wie man so steht, dass mitgebrachte Poster nicht die Brüste verdecken. Wie man sich möglichst lange gegen Sicherheitskräfte zur Wehr setzt (schwere Beine machen, viel zappeln).
Zu bekämpfen gibt es aus Martens' Sicht auch in Deutschland genug. "Die Sex-Industrie dringt immer weiter in unsere Gesellschaft vor, wie ein Krebsgeschwür", sagt sie. Tatsächlich war Pornografie nie zuvor so verfügbar wie heute. Sie hat sich im Alltag eingenistet. Poledance-Kurse und Intim-Waxings für Frauen sind längst eine Selbstverständlichkeit. Und Fernsehshows wie "Germany's Next Topmodel" oder "Der Bachelor" zeichnen ein Rollenbild, in dem junge Frauen nur dann Erfolg haben, wenn sie den Juroren, Fotografen, Junggesellen, kurz: den Männern gefallen. Sie sind Objekte. "Dagegen protestieren wir", sagt Martens.
Das Problem an der Sache könnte sein, dass Nacktproteste in Deutschland kein Tabubruch mehr sind. Schon vor 40 Jahren gingen Frauen im Kampf um ihre Rechte oben ohne auf die Straße. Damals mag die Logik funktioniert haben, sich mit selbstbestimmter Nacktheit vom Opfer zur Täterin zu wandeln. Aber heute, da jeder Joghurt mit Brüsten beworben wird? Was dringt in dieser übersexten Gesellschaft noch ins kollektive Bewusstsein vor: die politische Message hinter der Nacktheit? Oder bleiben von Femen am Ende nur ein paar weitere Bilder von den Brüsten schöner Frauen?
"Es wird sich natürlich auch abnutzen. Ich kann bei Femen nicht für die nächsten 60 Jahre mitmachen", so Klara Martens. Nicht wegen schwindender Attraktivität. Martens sagt, einer ihrer Freunde sei Protestforscher, der habe sie über die Halbwertszeit ihrer Aktionen aufgeklärt. "Die Aufmerksamkeitsspanne für solche Protestformen hält maximal zwei Jahre." Dann müsse man radikaler werden. Oder seriöser.
Derzeit sieht es nicht danach aus, als würde sich Klara Martens in zwei Jahren eine Schusswaffe anschaffen. Nach bisheriger Planung macht sie 2015 ihren Master in Ingenieurwesen, einem eher seriösen Studienfach.
(*) Am 8. April.
Von Merlind Theile

DER SPIEGEL 16/2013
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