07.08.1995

WeltmeisterschaftZuneigung entzogen

Deutschlands erfolgreichste Leichtathletin hat Imageprobleme: Der Osten beklagt Heike Drechslers Untreue, der Westen Vorteilnahme.
Es waren nicht gerade Gunstbeweise, die Heike Drechsler, 30, in den letzten Monaten erhielt.
Mit der ehemaligen Sprintweltrekordlerin in einer Staffel zu laufen, sagte die 100-Meter-Meisterin Melanie Paschke, sei ihr "nicht so lieb". Rolf Beilschmidt, ein langjähriger Freund der Familie Drechsler und heute Leiter des Olympiastützpunktes Thüringen, ist "sauer, weil er aus dem Radio erfahren mußte", daß Heike ihren Heimatverein TuS Jena verlassen hat. Und die Leichtathletik-Trainerin Gertrud Schäfer versuchte Drechslers WM-Nominierung im Siebenkampf zu verhindern: "Sonst werde ich zur Wildsau."
Der Weitsprung-Olympiasiegerin Drechsler, einer der wenigen deutschen Gold-Hoffnungen für die Weltmeisterschaft in dieser Woche in Göteborg, schlagen solche Sätze aufs Gemüt. Was denn alle nur gegen sie hätten, fragt sie, wo sie sich doch nichts mehr wünsche als "Harmonie". Sie träumt "von Glück und Frieden auf Erden" - und eigentlich bringt sie auch alle Voraussetzungen mit, um von der Nation geliebt zu werden.
Sie ist erfolgreich, sie verdient gut, und jetzt, da sie den biederen Haarzopf durch einen frechen Kurzhaarschnitt ersetzt hat, schaut sie auch nicht mehr wie ein Hausmütterchen aus. Sie nervt nicht mit Endlos-Gelaber wie Lothar Matthäus und verbreitet auch keine kühle Arroganz wie einst Katrin Krabbe - und doch hat der deutsche Sportstar immer nur Ärger.
Längst verklungen ist der Stakkato-Applaus von vor zwei Jahren, als das Stuttgarter WM-Publikum die Gold-Heike zu seinem Liebling erhob. Die Jenenserin fand damals den kollektiven Rausch "rührend und gigantisch", im Überschwang diente sie sich "als Vorbild für die Jugend" an und betonte beflissen, die Goldmedaille "natürlich auch für Deutschland gewonnen" zu haben.
In Bild erzählte "unser Gold-Schatz" ihre Lebensgeschichte - eine Serie im größten deutschen Boulevardblatt ist für Sportler wie ein nationaler Ritterschlag.
Sogar ihren Grundsatz, "mich nie wieder politisch vereinnahmen zu lassen", gab die Athletin auf: Ihre Teilnahme an der "Wir für Deutschland"-Kampagne eines national orientierten Vereins empfand sie als Beitrag zur Einheit. "Ich finde das Ziel einer mentalen Integration okay", formulierte sie seltsam verquast.
Doch sobald sie sich gemocht und verstanden fühlt, wird ihr die Zuneigung flugs wieder entzogen. Fünf Jahre nach der Wende "entspricht ihr Image", urteilt ihr Manager Michael Mronz nüchtern, "nicht den Sympathiewerten einer absoluten Ausnahmesportlerin".
Die taz will beobachtet haben, daß "ein Schatten aus der Vergangenheit sie immer wieder einholt". In Wahrheit stolpert die Springerin über sich selbst. Damals wie heute versucht Heike Drechsler, Sympathie durch Anpassung und Unterwerfung zu erheischen - doch was im Arbeiter-und-Bauern-Staat die Karriere beförderte, ist im marktwirtschaftlichen Westen eher hinderlich.
Schon im Kommandosystem des DDR-Sports ist Heike Drechsler von ihrem zwölften Lebensjahr an fremdbestimmt. Wegen ihres Talents wird sie in der Kinder- und Jugendsportschule in Jena aufgenommen.
Die Halbwaise - ihr Vater ist bei einem Unfall auf dem Rummelplatz ums Leben gekommen - empfindet das als Auszeichnung. Dankbar verspricht das FDJ-Mitglied, mit guten Ergebnissen "das sportliche Ansehen unserer Republik zu stärken".
Bereits mit 18 Jahren, da heißt sie noch Heike Daute, erfüllt sie das Plansoll, wird in Helsinki Weltmeisterin im Weitsprung. Danach gibt es kein Entrinnen mehr aus der politisch motivierten Medaillenproduktion.
Die Athletin wird in die Volkskammer der DDR delegiert. Feierlich dankt sie Honecker "für sein ständiges Wirken zur Erhaltung und Sicherung des Friedens". Cheftrainer Werner Trelenberg lobt die Musterschülerin öffentlich als typisches "Kind unserer Republik".
Bald empfindet Heike Drechsler jedoch "wahnsinnigen Druck". Trübe Gedanken kommen ihr über ein System, das sie abstraft, weil sie bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul nur Silber und Bronze statt der erwarteten Goldmedaille holt. Und ihre Zweifel mehren sich, als die Leistungsplaner ihr untersagen wollen, ein Kind zu bekommen. Doch letztlich erträgt sie die Gängelung, weil ihr die Rundumversorgung des DDR-Sports im Grunde Geborgenheit bietet.
Den Fall der Mauer übersteht sie schadlos. Weil sie - im Gegensatz zu vielen DDR-Sportkollegen - auch im vereinten Deutschland Erfolge präsentieren kann, wird sie zunächst mehr als Symbol für die Leistungsfähigkeit des Ostens gebraucht, denn als rückgratlose Vereinigungsgewinnerin geächtet.
Sie sei eine junge Frau, "deren Ehrgeiz nicht von Eifertum überwälzt wird", schmeichelt das Neue Deutschland, "nicht Cinderella wie die Witt und nicht so dumpfcool wie die Krabbe".
Mit ihren einfachen Worten trifft Heike Drechsler den Nerv der Nörgler, wenn sie "Kälte" und "Anonymität" beklagt, den "egoistischen Staat" kritisiert und die neue Gesellschaft beanstandet, in der "jeder nur an sich denkt".
Doch ihre Ostnostalgie wird allmählich von Westallüren überlagert. "Es schmerzt vor allem, wie sie den Bruch vollzogen hat", jammert Peter Hein, der sie als Trainer einst an die Weltspitze geführt hat. Hein, der jetzt in einem Betrieb für Sanitärbedarf arbeitet, wurde durch Schwiegervater Erich ersetzt.
Ein enger Familienkokon umspannt seither das Leben der Sportlerin. Als hätten noch die Greisen der Partei das Sagen, bestimmt Erich Drechsler, 61, mit welchen Journalisten die Schwiegertochter reden darf und mit welchen nicht. Und wenn Interviews einen unangenehmen Verlauf nehmen, führt Papa das Gespräch furchtlos zum Ende: "Was fragen die wieder für einen Scheiß."
Der Deutsche Leichtathletik-Verband, der erfolgreiche Menschen wie die Weltmeisterin für seine Außenwirkung braucht, verzweifelt bisweilen, weil angekündigte Pressekonferenzen des öfteren auf Drängen des mißmutigen Trainer-Vaters kurzfristig abgesagt werden müssen. Manchmal, bekennt die Weitspringerin denn auch, "möchte ich ein paar kleine Freiheiten mehr".
Die Veranstalter, die zwischen 15 000 und 25 000 Mark für ihren Auftritt ausgeben, fühlen sich bisweilen brüskiert. Es scheint, als sei Heike Drechsler dem Ungeschick ihrer Berater dermaßen ausgeliefert, daß sie zielsicher in jede Fallgrube springt - nirgends wurde dies deutlicher als im "Lügen-Prozeß" (Frankfurter Allgemeine).
Weil ihre Dopingvergangenheit wissenschaftlich so detailliert dokumentiert ist wie bei kaum einem anderen Athleten, wurde sie von der Heidelberger Autorin Brigitte Berendonk als "Musterbeispiel für harmonisches Jugend-Doping" bezeichnet. Heike Drechsler war empört, bezichtigte Brigitte Berendonk öffentlich der Lüge.
Der Drechsler-Clan ließ den Fall juristisch eskalieren. Ihr Ehemann Andreas, der Schwiegervater und zwei Journalisten wurden wegen uneidlicher Falschaussage zu fünfstelligen Geldstrafen verurteilt, ihr Manager mit 120 Tagessätzen belegt. Heike selbst muß sich am 4. September wegen versuchten Prozeßbetrugs vor dem Amtsgericht Heidelberg verantworten.
In Treue zu ihrem Umfeld hat die gelernte Erzieherin nie ernsthaft versucht, die Herausforderungen der neuen Zeit allein zu bewältigen. Selbst als jetzt ihre Ehe nach elf Jahren scheitert und sie sich zum französischen Zehnkämpfer Alain Blondel hingezogen fühlt, wagt sie keinen neuen Anfang: Sie tourt weiter mit dem Schwiegervater durch Deutschland - heute in Gladbeck, morgen in Ingolstadt.
Erich Drechsler dient die offenkundige Abhängigkeit seiner Schwiegertochter zu ihm als Unterpfand: Wann immer der Sportlehrer, der zu DDR-Zeiten ein mäßig erfolgreicher Hochsprungtrainer war, wegen seiner Stasi- und Dopingvergangenheit in Bedrängnis gerät, droht er mit dem Wechsel ins Ausland: "Und die Heike nehme ich gleich mit."
Mit solchen kleinen Nötigungen haben sich die Drechslers im neuen Deutschland gut eingerichtet. Erich hat einen Vertrag als Bundestrainer, betreut aber ausschließlich seine Heike - ein 1:1-Verhältnis, das es so nicht einmal im personell überbesetzten DDR-Sport gab.
Gern zieht Erich auch die landsmannschaftliche Karte. Als im Lügen-Prozeß ein Journalist vor Gericht ein Tonband vorlegt, auf dem sich Heikes Aussagen als falsch erweisen, herrscht Erich Drechsler den Zeugen an, warum er "als Thüringer" nicht zuerst ihm das Band angeboten hätte. Die Wahrheit, muß sich Drechsler von der Richterin belehren lassen, "kennt weder Ost noch West".
Doch auf thüringische Solidarität können die Drechslers seit Heikes Wechsel von Jena nach Chemnitz kaum noch bauen. Daß Heike Drechsler, die ohnehin über ein geschätztes Jahreseinkommen von fast einer Million Mark verfügt, nach Sachsen geht, weil sie dort eine Lebensstellung als Gesundheitsberaterin bei der Barmer Ersatzkasse erhält, empfinden die Jenenser als Akt der Untreue.
"Frust und Verärgerung", bemerkt die Neue Thüringer Illustrierte, habe ihr Abgang hinterlassen. "Wenn ich erst mal Millionär bin", entgegnet Erich Drechsler lapidar, "interessiert mich doch mein Nachbar nicht mehr."
Und auch im Westlager muß Heike Drechsler, die vor zwei Jahren als IM "Jump" enttarnt wurde, während dieser WM-Woche gegen schwere Vorbehalte ankämpfen: Daß sie der Leichtathletik-Verband für den Siebenkampf am Mittwoch nominierte, obwohl sie keinen Qualifikationswettkampf bestritten hatte, läßt der Marler Trainerin Schäfer keine Ruhe: Das sei ein "gut eingestielter Deal der Ex-DDR". Y _(* Bei der Überreichung des ) _(Vaterländischen Verdienstordens in Gold ) _(durch Erich Honecker 1984. )
Weltmeisterin Drechsler (1993): "Natürlich auch für Deutschland gewonnen"
H. RAUCHENSTEINER
Ordensträgerin Drechsler*: "Kind unserer Republik"
ULLSTEIN
Trainer Drechsler, Schwiegertochter: Enger Familienkokon
SCHIFFMANN / ASA
"Manchmal möchte ich ein paar kleine Freiheiten mehr"
* Bei der Überreichung des Vaterländischen Verdienstordens in Gold durch Erich Honecker 1984.

DER SPIEGEL 32/1995
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